Nazis machten auch in Porta Jagd auf jüdische Einwohner Wilhelm Gerntrup Porta Westfalica (gp). In vielen Städten und Gemeinden wird in diesen Tagen der Terroraktionen gegen jüdische Einwohner und Einwohnerinnen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gedacht. Das als „Reichskristallnacht“ bekannt gewordene Pogrom vor 80 Jahren markiert den Beginn ungehemmter Gewaltbereitschaft der NS-Machthaber bei der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Auch im damaligen Amt Hausberge kam es zu schweren Ausschreitungen. Schwerpunkt war die Stadt Hausberge, wo damals an die 40 Einwohner jüdischen Glaubens lebten. Von der NS-Propaganda wurden die Übergriffe als „spontane Aktionen des deutschen Volkes“ dargestellt. Tatsächlich aber waren die Überfälle von langer Hand vorbereitet. „Es werden in kürzester Frist im ganzen Reiche gegen Juden, insbesondere gegen die Synagogen, Aktionen stattfinden“, ließ die Gestapo-Leitstelle Bielefeld die Polizeidienststellen in einer streng geheimen Vorabinformation wissen und ordnete die strikte Durchführung und Einhaltung eines von der Berliner Zentrale vorgegebenen Maßnahmenkatalogs an. Geschäfte und Wohnungen dürften nur zerstört, aber nicht geplündert werden, hieß es in der von SS-Gruppenführer Heydrich bekanntgegebenen Vorgabenliste. Auch die Misshandlung von Juden sei streng verboten, aber: „Es ist die Festnahme von männlichen Juden von nicht zu hohem Alter und die vermögend sind, durchzuführen, und zwar so viel, wie untergebracht werden können“. Die örtlichen Verwaltungsspitzen, darunter Regierungspräsident und Landrat in Minden, waren eingeweiht. Mit der Umsetzung der Anweisung vor Ort wurden gewaltbereite SA- und SS-Männer betraut. In Hausberge ging es am Abend des 10. November los. Kurz vor Anbruch der Dunkelheit fuhr ein Auto mit uniformierten SA-Männern durch die Stadt. Da die alte Synagoge bereits ein paar Jahre zuvor verkauft und abgerissen worden war, konzentrierte sich der Trupp sofort und gezielt auf die jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Trotz des offiziellen Befehls, keine Plünderungen und Gewalt auszuüben, kam es zu grausamen Gewaltexzessen. Besonders zu leiden hatte die Familie des Kaufmanns Gustav Pincus. Pincus betrieb in der Hauptstraße 12 ein kleines Textilwarengeschäft (die Straße war im Gefolge der „Machtergreifung“ nach dem damaligen, mit Hausberge durch familiäre Beziehungen verbundenen SA-Stabschef in „Viktor-Lutze-Straße“ umbenannt worden). Pincus' Ehefrau Helene und die Kinder wurden auf die Straße getrieben, zusammengeschlagen und am Boden liegend mit Füßen getreten. Pincus selbst wurde festgenommen. Dann schlug der Pöbel die Wohnungseinrichtung und den angemieteten Laden kurz und klein. Schwer beschädigt wurden auch Wohnung und Geschäft des Schlachtermeisters Siegfried Honi, Hauptstraße 51. Honi erlitt schwere Verletzungen. Er starb Anfang April 1939 – nach späteren Aussagen von Nachbarn an den Folgen der ihm zugefügten körperlichen und seelischen Misshandlungen. Auch die Räume der im gleichen Haus wohnenden Versicherungsagentin Sella Lipper und der Laden des Schuhmachermeisters Bryner wurden verwüstet. Symcha Bryner, in Hausberge als Simon Brenner bekannt, war polnischer Staatsangehöriger. Er hatte sich im Hause des Justizwachtmeisters Karl Tasche, Hauptstraße Nr. 25, eingemietet. Der Schaden traf hier also ungewollt hauptsächlich einen sogenannten Arier. Anschließend drangen die Schläger in mehrere Privatquartiere ein – so bei den Schwestern Berta Simon und Rosalie Silberberg. Die beiden Witwen wohnten in der Hauptstraße 35. Auch der Viehhändler Albert Windmüller, Hauptstraße 80, sowie Gustav Spangenthal, Kirchsiek 23, und SaIy Lipper, Hauptstraße 35, bekamen den ungezügelten Hass zu spüren. In den anderen, mehr dörflichen Ortschaften des Amtsbezirks, in denen Juden oder Halbjuden wohnten, gab es keine oder nur wenige Aktionen. In Costedt sollen Nazi-Fanatiker gegen die Familie des Viehhändlers Bernhard Seelig, Nr.33, vorgegangen sein. In Kleinenbremen, wo zwei jüdische Familien lebten, blieb es ruhig. Eine offizielle Darstellung der Ereignisse kann in einem Bericht nachgelesen werden, den der damalige Amtsbürgermeister Franz von Damaros in seiner Funktion als Chef der Ortspolizeibehörde nach der Aktion dem Mindener Landrat Dr. Meyer-Nieberg vorzulegen hatte. Von Gesetzesverstößen und kriminellen Tätern ist darin nicht die Rede. Dabei wusste jeder, dass das seit Jahren wegen gewalttätiger Übergriffe bekannte und berüchtigte SA-„Rollkommando“ des Mindener Standartenführers Wilhelm Freymuth im Einsatz gewesen war. Zusammen mit Freymuth tobten sich in Hausberge dessen Gesinnungsgenossen Albert Hannemann und Wilhelm List (Minden) sowie Karl Achilles aus Neesen aus. Unbestätigten Berichten zufolge soll auch der damalige Neeser NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Wessel mitgemacht haben. Die örtlichen Gendarmen sahen dem gesetzeswidrigen und verbrecherischen Treiben untätig zu. Das ganze Ausmaß sowie die Hintergründe und Einzelheiten der Vorgänge wurden erst nach dem Krieg bekannt, als Hannemann 1948 während eines Prozesses ein Geständnis ablegte. Kurz darauf nahm er sich selbst das Leben. Sein Komplize List kam mit drei Monaten Gefängnis davon, weil er, so die Richter damals, von den „begangenen Verbrechen innerlich Abstand genommen“ habe. Hauptakteur Freymuth konnte nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Er fiel 1941 während des Russland-Feldzugs. Widersprüchliche Hinweise liegen über das weitere Schicksal des in seinem Heimatdorf als äußerst unbeherrscht und gewalttätig bekannten Achilles vor. In Nachkriegs-Zeitungsberichten ist zu lesen, dass es dem Schlachtermeister aus Neesen im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens nach 1945 gelungen sei, sein Wirken während der NS-Zeit „klein zu reden“. Demgegenüber kommen die Historiker Hans-Werner Dirks und Christian Kossack in ihren vor zehn Jahren im MT veröffentlichten Recherchen zu dem Ergebnis, dass Achilles – genauso wie Freymuth – während des Krieges umgekommen sei. Von Damaros, als Parteigenosse der ersten Stunde im April 1933 durch eine handstreichartige Besetzung der Amtsräume seines Vorgängers Günther an die Macht gekommen, machte in seinem am 18. November 1938 abgefassten Bericht an den Landrat klar, dass die „spontanen, berechtigterweise durch aufgestauten Volkes Zorn ausgelösten Übergriffe ihren Zweck weitgehend erfüllt“ hätten. „Der überwiegende Teil der Bevölkerung, insbesondere die Jugend, hat die Aktion zustimmend hingenommen“, beschrieb er die von Wegsehen und Weghören geprägte Haltung des weitaus größten Teils der Einwohnerschaft. „Es gab aber auch Leute, denen die Aktion zu weit ging. Das war überwiegend bei der ländlichen Bevölkerung der Fall, der fast durchweg noch die tiefe Erkenntnis für das Judentum als Parasitentum fehlt, weil sie noch durch die Kirche in dem Glauben gehalten wird, daß das Judentum ein uns gleichwertiges Volk sei.“

Nazis machten auch in Porta Jagd auf jüdische Einwohner

Porta Westfalica (gp). In vielen Städten und Gemeinden wird in diesen Tagen der Terroraktionen gegen jüdische Einwohner und Einwohnerinnen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gedacht. Das als „Reichskristallnacht“ bekannt gewordene Pogrom vor 80 Jahren markiert den Beginn ungehemmter Gewaltbereitschaft der NS-Machthaber bei der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Auch im damaligen Amt Hausberge kam es zu schweren Ausschreitungen. Schwerpunkt war die Stadt Hausberge, wo damals an die 40 Einwohner jüdischen Glaubens lebten.

Von der NS-Propaganda wurden die Übergriffe als „spontane Aktionen des deutschen Volkes“ dargestellt. Tatsächlich aber waren die Überfälle von langer Hand vorbereitet. „Es werden in kürzester Frist im ganzen Reiche gegen Juden, insbesondere gegen die Synagogen, Aktionen stattfinden“, ließ die Gestapo-Leitstelle Bielefeld die Polizeidienststellen in einer streng geheimen Vorabinformation wissen und ordnete die strikte Durchführung und Einhaltung eines von der Berliner Zentrale vorgegebenen Maßnahmenkatalogs an.

Geschäfte und Wohnungen dürften nur zerstört, aber nicht geplündert werden, hieß es in der von SS-Gruppenführer Heydrich bekanntgegebenen Vorgabenliste. Auch die Misshandlung von Juden sei streng verboten, aber: „Es ist die Festnahme von männlichen Juden von nicht zu hohem Alter und die vermögend sind, durchzuführen, und zwar so viel, wie untergebracht werden können“.

Die örtlichen Verwaltungsspitzen, darunter Regierungspräsident und Landrat in Minden, waren eingeweiht. Mit der Umsetzung der Anweisung vor Ort wurden gewaltbereite SA- und SS-Männer betraut.

In Hausberge ging es am Abend des 10. November los. Kurz vor Anbruch der Dunkelheit fuhr ein Auto mit uniformierten SA-Männern durch die Stadt. Da die alte Synagoge bereits ein paar Jahre zuvor verkauft und abgerissen worden war, konzentrierte sich der Trupp sofort und gezielt auf die jüdischen Geschäfte und Wohnungen.

Trotz des offiziellen Befehls, keine Plünderungen und Gewalt auszuüben, kam es zu grausamen Gewaltexzessen. Besonders zu leiden hatte die Familie des Kaufmanns Gustav Pincus. Pincus betrieb in der Hauptstraße 12 ein kleines Textilwarengeschäft (die Straße war im Gefolge der „Machtergreifung“ nach dem damaligen, mit Hausberge durch familiäre Beziehungen verbundenen SA-Stabschef in „Viktor-Lutze-Straße“ umbenannt worden). Pincus' Ehefrau Helene und die Kinder wurden auf die Straße getrieben, zusammengeschlagen und am Boden liegend mit Füßen getreten. Pincus selbst wurde festgenommen. Dann schlug der Pöbel die Wohnungseinrichtung und den angemieteten Laden kurz und klein.

Schwer beschädigt wurden auch Wohnung und Geschäft des Schlachtermeisters Siegfried Honi, Hauptstraße 51. Honi erlitt schwere Verletzungen. Er starb Anfang April 1939 – nach späteren Aussagen von Nachbarn an den Folgen der ihm zugefügten körperlichen und seelischen Misshandlungen. Auch die Räume der im gleichen Haus wohnenden Versicherungsagentin Sella Lipper und der Laden des Schuhmachermeisters Bryner wurden verwüstet. Symcha Bryner, in Hausberge als Simon Brenner bekannt, war polnischer Staatsangehöriger. Er hatte sich im Hause des Justizwachtmeisters Karl Tasche, Hauptstraße Nr. 25, eingemietet. Der Schaden traf hier also ungewollt hauptsächlich einen sogenannten Arier.

Anschließend drangen die Schläger in mehrere Privatquartiere ein – so bei den Schwestern Berta Simon und Rosalie Silberberg. Die beiden Witwen wohnten in der Hauptstraße 35. Auch der Viehhändler Albert Windmüller, Hauptstraße 80, sowie Gustav Spangenthal, Kirchsiek 23, und SaIy Lipper, Hauptstraße 35, bekamen den ungezügelten Hass zu spüren.

In den anderen, mehr dörflichen Ortschaften des Amtsbezirks, in denen Juden oder Halbjuden wohnten, gab es keine oder nur wenige Aktionen. In Costedt sollen Nazi-Fanatiker gegen die Familie des Viehhändlers Bernhard Seelig, Nr.33, vorgegangen sein. In Kleinenbremen, wo zwei jüdische Familien lebten, blieb es ruhig.

Eine offizielle Darstellung der Ereignisse kann in einem Bericht nachgelesen werden, den der damalige Amtsbürgermeister Franz von Damaros in seiner Funktion als Chef der Ortspolizeibehörde nach der Aktion dem Mindener Landrat Dr. Meyer-Nieberg vorzulegen hatte. Von Gesetzesverstößen und kriminellen Tätern ist darin nicht die Rede. Dabei wusste jeder, dass das seit Jahren wegen gewalttätiger Übergriffe bekannte und berüchtigte SA-„Rollkommando“ des Mindener Standartenführers Wilhelm Freymuth im Einsatz gewesen war. Zusammen mit Freymuth tobten sich in Hausberge dessen Gesinnungsgenossen Albert Hannemann und Wilhelm List (Minden) sowie Karl Achilles aus Neesen aus. Unbestätigten Berichten zufolge soll auch der damalige Neeser NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Wessel mitgemacht haben.

Die örtlichen Gendarmen sahen dem gesetzeswidrigen und verbrecherischen Treiben untätig zu. Das ganze Ausmaß sowie die Hintergründe und Einzelheiten der Vorgänge wurden erst nach dem Krieg bekannt, als Hannemann 1948 während eines Prozesses ein Geständnis ablegte. Kurz darauf nahm er sich selbst das Leben. Sein Komplize List kam mit drei Monaten Gefängnis davon, weil er, so die Richter damals, von den „begangenen Verbrechen innerlich Abstand genommen“ habe.

Hauptakteur Freymuth konnte nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Er fiel 1941 während des Russland-Feldzugs. Widersprüchliche Hinweise liegen über das weitere Schicksal des in seinem Heimatdorf als äußerst unbeherrscht und gewalttätig bekannten Achilles vor. In Nachkriegs-Zeitungsberichten ist zu lesen, dass es dem Schlachtermeister aus Neesen im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens nach 1945 gelungen sei, sein Wirken während der NS-Zeit „klein zu reden“. Demgegenüber kommen die Historiker Hans-Werner Dirks und Christian Kossack in ihren vor zehn Jahren im MT veröffentlichten Recherchen zu dem Ergebnis, dass Achilles – genauso wie Freymuth – während des Krieges umgekommen sei.

Von Damaros, als Parteigenosse der ersten Stunde im April 1933 durch eine handstreichartige Besetzung der Amtsräume seines Vorgängers Günther an die Macht gekommen, machte in seinem am 18. November 1938 abgefassten Bericht an den Landrat klar, dass die „spontanen, berechtigterweise durch aufgestauten Volkes Zorn ausgelösten Übergriffe ihren Zweck weitgehend erfüllt“ hätten. „Der überwiegende Teil der Bevölkerung, insbesondere die Jugend, hat die Aktion zustimmend hingenommen“, beschrieb er die von Wegsehen und Weghören geprägte Haltung des weitaus größten Teils der Einwohnerschaft. „Es gab aber auch Leute, denen die Aktion zu weit ging. Das war überwiegend bei der ländlichen Bevölkerung der Fall, der fast durchweg noch die tiefe Erkenntnis für das Judentum als Parasitentum fehlt, weil sie noch durch die Kirche in dem Glauben gehalten wird, daß das Judentum ein uns gleichwertiges Volk sei.“

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