Nach der Abschiebung eines Zwölfjährigen bricht eine Welle der Solidarität aus

Carsten Korfesmeyer

In einem Charterflug wurde eine Familie aus Porta Westfalica nach Mazedonien abgeschoben. - © Matthias Balk/dpa
In einem Charterflug wurde eine Familie aus Porta Westfalica nach Mazedonien abgeschoben. (© Matthias Balk/dpa)

Porta Westfalica-Eisbergen (mt). Die Schränke sind noch eingeräumt, Blumen stehen in einer Vase und auch sonst sieht es in der kleinen Wohnung aus, als kehrten die Bewohner jeden Moment zurück. Das ist jedoch nicht der Fall. Ein Zwölfjähriger, seine Eltern und die 17 Jahre alte Schwester sind in der Nacht zum Dienstag nach Mazedonien abgeschoben worden. Ganz plötzlich, wie die 24-jährige Schwester am Mittwoch gegenüber dem MT erklärt. Sie lebt mit ihrem Freund (27) und den beiden Töchtern ebenfalls in dem Haus in der Boskenstraße, das die Stadt vor einiger Zeit für Asylbewerber angemietet hat. „Wir dürfen in Deutschland bleiben“, sagt die junge Frau, die in wenigen Tagen ihr drittes Kind erwartet. Sie kämpft mit den Tränen.

Was sich vor rund 36 Stunden ereignet hat, kann das Paar noch immer nicht begreifen. Gegen 1.40 Uhr stehen die Mitarbeiter der Ausländerbehörde mit Beamten der Polizei vor der Wohnungstür. Sie teilen den Mazedoniern mit, dass sie unverzüglich zurück in ihr Herkunftsland gebracht werden. Etwa eine Stunde bleibt den Betroffenen noch Zeit, um die Koffer zu packen. Dann geht es mit dem Auto zum Flughafen Düsseldorf und von dort mit einer Maschine nach Mazedonien.

„Wir können das alles noch gar nicht fassen“, sagt die 24-Jährige, die wie ihr Lebensgefährte namentlich nicht in der Zeitung genannt werden will. Von ihren Eltern und ihren Geschwistern konnte sie sich nach eigener Aussage kaum verabschieden können, erzählt sie. Im Haus habe in der Nacht große Aufregung geherrscht und die Stimmung beschreibt die Frau als extrem angespannt. „Ich habe viel geweint.“

Der FSC Eisbergen informierte am Mittwochmorgen auf Facebook über die Abschiebung des Jungen. - © Screenshot MT
Der FSC Eisbergen informierte am Mittwochmorgen auf Facebook über die Abschiebung des Jungen. (© Screenshot MT)

Dank Whats-App hält das Paar engen Kontakt zur Familie. Dienstagnachmittag sind alle vier in Mazedonien gelandet. Sie wohnen jetzt im Haus der Oma, aber das auch nur vorübergehend. Wie es weiter geht, ist aktuell noch völlig unklar. „Mein Vater ist außerdem sehr krank“, sagt die junge Frau. Vier Operationen habe er sich in der jüngeren Vergangenheit unterziehen müssen. Große Sorgen mache sie sich auch um ihren kleinen Bruder. Der spreche Deutsch und kein einziges Wort Mazedonisch.

In einem Telefongespräch mit dem MT wirkt der Junge sehr traurig, aber gefasst. „Mein Wunsch ist, wieder zurück zu dürfen“, sagt er. Besonders seine Freunde vermisst der Fußballspieler aus der D-Jugend des FSC Eisbergen sehr. An diesem Donnerstag stehe ein entscheidendes Spiel an – und er wäre so gerne dabei. „Ich vermisse meine Mitspieler“, erzählt er. Seine Stimme stockt dann ein wenig. Nein, Fußball will er in Mazedonien nicht spielen.

Seinem Trainer Karsten Meier hat er Sprachnachrichten über Whats-App gesendet, in denen er über seine Situation informiert. „Wir sind tief betroffen“, sagt der Fußballlehrer am Mittwochvormittag. Der Junge sei in der Mannschaft sehr beliebt und außerdem ein wichtiger Spieler. Meier beschreibt den Zwölfjährigen als „absolut integriert“ und weil er bereits seit sechs Jahren in Eisbergen lebte, sei er eindeutig „mehr Deutscher als Mazedonier“. Auch die Familie sei in Eisbergen und im FSC anerkannt.

Die 24-jährige Tochter und ihr Lebensgefährte bleiben allein in dem Haus zurück. Die Wohnung der Familie ist noch nahezu komplett ausgestattet. MT- - © Foto: Carsten Korfesmeyer
Die 24-jährige Tochter und ihr Lebensgefährte bleiben allein in dem Haus zurück. Die Wohnung der Familie ist noch nahezu komplett ausgestattet. MT- (© Foto: Carsten Korfesmeyer)

„Das sind alles ganz liebe Leute“, sagt auch Karin Hattendorf. Sie ist die Großmutter von Toni, einem engen Freund des Zwölfjährigen – und macht ihrem Unmut mit einem Anruf beim MT Luft. Sie könne nicht verstehen, dass solche Menschen unbedingt abgeschoben werden müssen – vor allem nicht mit einer solchen Nacht-und-Nebel-Aktion.

Zahlreiche Mitschüler aus der Portaner Gesamtschule melden sich ebenfalls telefonisch zu Wort. Ihre eindringliche Forderung ist, dass der Junge mit seiner Familie nach Eisbergen zurück darf. Viele Anrufer sprechen von ihrem „besten Freund“ und darüber, dass sie sehr traurig sind. Diesen Eindruck bestätigt Schulleiter Axel Nagel. „Alle sind bestürzt“, sagt er. Das gelte gleichermaßen für die Schüler und das Kollegium.

Während die Betroffenen steif und fest behaupten, dass die Abschiebung aus heiterem Himmel erfolgt, gibt es allerdings auch Stimmen, die das anders sehen. MT-Informationen zufolge soll die Familie in den vergangenen Wochen mehrfach Post von den Behörden bekommen haben. Auch die Ausländerbehörde teilt schriftlich mit, dass die Betroffenen generell schriftlich dazu aufgefordert werden, das Land zu verlassen. Erst wenn das nicht erfolge, komme es zur Abschiebung, heißt es.

Den Freunden und Verwandten der Familie ist das egal. Sie vermissen die Mazedonier und wünschen sich sehnlichst ihre Rückkehr nach Deutschland. „Als ich das hörte, habe ich fast angefangen zu heulen“, sagt unter anderem sein Mitschüler Jannik (11).

Sie erreichen den Autor unter Telefon (05 71) 882 683 oder Carsten.Korfesmeyer@MT.de

Lesen Sie dazu auch: Kommentar zur Abschiebung in Eisbergen: Das Schicksal der Kinder

Ablehnung, Rückführung und Abschiebung

Mazedonien ist ein sogenanntes „sicheres Herkunftsland“. Das bedeutet unter anderem, dass abgelehnte Asylbewerber leichter dorthin abgeschoben werden können. Die Zahl der Anerkennungen für Mazedonier liegt bei weniger als einem Prozent im Jahr. Sichere Länder sind per Gesetz definiert. Zu ihnen gehören die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Mazedonien, die ehemalige jugoslawische Republik, Montenegro, Senegal und Serbien.

Das heißt nicht, dass damit automatisch alle Asylanträge von Menschen aus diesen Herkunftsstaaten aussichtslos sind. Wer nachweisen kann, dass er verfolgt wurde oder ihm Repressalien drohen, hat eine Chance auf Anerkennung.

Ablehnung: Das deutsche Recht unterscheidet die einfache Ablehnung und eine „offensichtlich unbegründete“. Laut BAMF wird bei einer einfachen Ablehnung eine Ausreisefrist von 30 Tagen gesetzt. Ist ein Antrag „offensichtlich unbegründet“, beträgt die Ausreisefrist nur eine Woche.

Rückführung: Die Ausländerbehörde kann eine Rückführung vorübergehend aussetzen und eine „Duldung“ oder eine „befristetet Aufenthaltserlaubnis“ aussprechen, wenn sogenannte „Rückführungshindernisse“ vorliegen. Das kann zum Beispiel eine Erkrankung sein.

Einspruch: Abgelehnte Asylbewerber können auf verschiedene Wege versuchen, doch in Deutschland zu bleiben. Ein Weg ist die Klage gegen die Entscheidung des BAMF. Diese muss innerhalb einer bestimmten Frist erfolgen. Wenn die Gerichte die Ablehnung bestätigen, ist der Betreffende weiterhin verpflichtet, auszureisen.

Ausreisepflicht: Wer auf seine Ausreisepflicht hingewiesen wurde, muss gehen. Tut er das nicht freiwillig, wird er dazu gezwungen. Für die sogenannte „Rückführung“ zuständig ist dann die jeweilige Ausländerbehörde. Auf eine Abschiebung folgt die Einreisesperre. Das gilt nicht für jemanden, der freiwillig ausreist.

Ausweisung/Abschiebung: Das ist nicht dasselbe. Zu einer Ausweisung kommt es beispielsweise, wenn ein Ausländer in Deutschland eine schwere Straftat begangen hat und verurteilt wurde. Dabei muss zwischen dem Interesse des Staates und dem des Betroffenen abgewogen werden. Niemand kann beispielsweise nach deutschem Recht in ein Land ausgewiesen werden, wo er in Lebensgefahr wäre oder wo ihm Folter droht. Wenn die Ausweisung ausgesprochen ist, wird der oder die Betreffende abgeschoben. Abgeschoben werden auch abgelehnte Asylbewerber, die nicht freiwillig zurückreisen. (mob)

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Nach der Abschiebung eines Zwölfjährigen bricht eine Welle der Solidarität ausCarsten KorfesmeyerPorta Westfalica-Eisbergen (mt). Die Schränke sind noch eingeräumt, Blumen stehen in einer Vase und auch sonst sieht es in der kleinen Wohnung aus, als kehrten die Bewohner jeden Moment zurück. Das ist jedoch nicht der Fall. Ein Zwölfjähriger, seine Eltern und die 17 Jahre alte Schwester sind in der Nacht zum Dienstag nach Mazedonien abgeschoben worden. Ganz plötzlich, wie die 24-jährige Schwester am Mittwoch gegenüber dem MT erklärt. Sie lebt mit ihrem Freund (27) und den beiden Töchtern ebenfalls in dem Haus in der Boskenstraße, das die Stadt vor einiger Zeit für Asylbewerber angemietet hat. „Wir dürfen in Deutschland bleiben“, sagt die junge Frau, die in wenigen Tagen ihr drittes Kind erwartet. Sie kämpft mit den Tränen. Was sich vor rund 36 Stunden ereignet hat, kann das Paar noch immer nicht begreifen. Gegen 1.40 Uhr stehen die Mitarbeiter der Ausländerbehörde mit Beamten der Polizei vor der Wohnungstür. Sie teilen den Mazedoniern mit, dass sie unverzüglich zurück in ihr Herkunftsland gebracht werden. Etwa eine Stunde bleibt den Betroffenen noch Zeit, um die Koffer zu packen. Dann geht es mit dem Auto zum Flughafen Düsseldorf und von dort mit einer Maschine nach Mazedonien. „Wir können das alles noch gar nicht fassen“, sagt die 24-Jährige, die wie ihr Lebensgefährte namentlich nicht in der Zeitung genannt werden will. Von ihren Eltern und ihren Geschwistern konnte sie sich nach eigener Aussage kaum verabschieden können, erzählt sie. Im Haus habe in der Nacht große Aufregung geherrscht und die Stimmung beschreibt die Frau als extrem angespannt. „Ich habe viel geweint.“ Dank Whats-App hält das Paar engen Kontakt zur Familie. Dienstagnachmittag sind alle vier in Mazedonien gelandet. Sie wohnen jetzt im Haus der Oma, aber das auch nur vorübergehend. Wie es weiter geht, ist aktuell noch völlig unklar. „Mein Vater ist außerdem sehr krank“, sagt die junge Frau. Vier Operationen habe er sich in der jüngeren Vergangenheit unterziehen müssen. Große Sorgen mache sie sich auch um ihren kleinen Bruder. Der spreche Deutsch und kein einziges Wort Mazedonisch. In einem Telefongespräch mit dem MT wirkt der Junge sehr traurig, aber gefasst. „Mein Wunsch ist, wieder zurück zu dürfen“, sagt er. Besonders seine Freunde vermisst der Fußballspieler aus der D-Jugend des FSC Eisbergen sehr. An diesem Donnerstag stehe ein entscheidendes Spiel an – und er wäre so gerne dabei. „Ich vermisse meine Mitspieler“, erzählt er. Seine Stimme stockt dann ein wenig. Nein, Fußball will er in Mazedonien nicht spielen. Seinem Trainer Karsten Meier hat er Sprachnachrichten über Whats-App gesendet, in denen er über seine Situation informiert. „Wir sind tief betroffen“, sagt der Fußballlehrer am Mittwochvormittag. Der Junge sei in der Mannschaft sehr beliebt und außerdem ein wichtiger Spieler. Meier beschreibt den Zwölfjährigen als „absolut integriert“ und weil er bereits seit sechs Jahren in Eisbergen lebte, sei er eindeutig „mehr Deutscher als Mazedonier“. Auch die Familie sei in Eisbergen und im FSC anerkannt. „Das sind alles ganz liebe Leute“, sagt auch Karin Hattendorf. Sie ist die Großmutter von Toni, einem engen Freund des Zwölfjährigen – und macht ihrem Unmut mit einem Anruf beim MT Luft. Sie könne nicht verstehen, dass solche Menschen unbedingt abgeschoben werden müssen – vor allem nicht mit einer solchen Nacht-und-Nebel-Aktion. Zahlreiche Mitschüler aus der Portaner Gesamtschule melden sich ebenfalls telefonisch zu Wort. Ihre eindringliche Forderung ist, dass der Junge mit seiner Familie nach Eisbergen zurück darf. Viele Anrufer sprechen von ihrem „besten Freund“ und darüber, dass sie sehr traurig sind. Diesen Eindruck bestätigt Schulleiter Axel Nagel. „Alle sind bestürzt“, sagt er. Das gelte gleichermaßen für die Schüler und das Kollegium. Während die Betroffenen steif und fest behaupten, dass die Abschiebung aus heiterem Himmel erfolgt, gibt es allerdings auch Stimmen, die das anders sehen. MT-Informationen zufolge soll die Familie in den vergangenen Wochen mehrfach Post von den Behörden bekommen haben. Auch die Ausländerbehörde teilt schriftlich mit, dass die Betroffenen generell schriftlich dazu aufgefordert werden, das Land zu verlassen. Erst wenn das nicht erfolge, komme es zur Abschiebung, heißt es. Den Freunden und Verwandten der Familie ist das egal. Sie vermissen die Mazedonier und wünschen sich sehnlichst ihre Rückkehr nach Deutschland. „Als ich das hörte, habe ich fast angefangen zu heulen“, sagt unter anderem sein Mitschüler Jannik (11). Sie erreichen den Autor unter Telefon (05 71) 882 683 oder Carsten.Korfesmeyer@MT.de Lesen Sie dazu auch: Kommentar zur Abschiebung in Eisbergen: Das Schicksal der Kinder Ablehnung, Rückführung und Abschiebung Mazedonien ist ein sogenanntes „sicheres Herkunftsland“. Das bedeutet unter anderem, dass abgelehnte Asylbewerber leichter dorthin abgeschoben werden können. Die Zahl der Anerkennungen für Mazedonier liegt bei weniger als einem Prozent im Jahr. Sichere Länder sind per Gesetz definiert. Zu ihnen gehören die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Mazedonien, die ehemalige jugoslawische Republik, Montenegro, Senegal und Serbien. Das heißt nicht, dass damit automatisch alle Asylanträge von Menschen aus diesen Herkunftsstaaten aussichtslos sind. Wer nachweisen kann, dass er verfolgt wurde oder ihm Repressalien drohen, hat eine Chance auf Anerkennung. Ablehnung: Das deutsche Recht unterscheidet die einfache Ablehnung und eine „offensichtlich unbegründete“. Laut BAMF wird bei einer einfachen Ablehnung eine Ausreisefrist von 30 Tagen gesetzt. Ist ein Antrag „offensichtlich unbegründet“, beträgt die Ausreisefrist nur eine Woche. Rückführung: Die Ausländerbehörde kann eine Rückführung vorübergehend aussetzen und eine „Duldung“ oder eine „befristetet Aufenthaltserlaubnis“ aussprechen, wenn sogenannte „Rückführungshindernisse“ vorliegen. Das kann zum Beispiel eine Erkrankung sein. Einspruch: Abgelehnte Asylbewerber können auf verschiedene Wege versuchen, doch in Deutschland zu bleiben. Ein Weg ist die Klage gegen die Entscheidung des BAMF. Diese muss innerhalb einer bestimmten Frist erfolgen. Wenn die Gerichte die Ablehnung bestätigen, ist der Betreffende weiterhin verpflichtet, auszureisen. Ausreisepflicht: Wer auf seine Ausreisepflicht hingewiesen wurde, muss gehen. Tut er das nicht freiwillig, wird er dazu gezwungen. Für die sogenannte „Rückführung“ zuständig ist dann die jeweilige Ausländerbehörde. Auf eine Abschiebung folgt die Einreisesperre. Das gilt nicht für jemanden, der freiwillig ausreist. Ausweisung/Abschiebung: Das ist nicht dasselbe. Zu einer Ausweisung kommt es beispielsweise, wenn ein Ausländer in Deutschland eine schwere Straftat begangen hat und verurteilt wurde. Dabei muss zwischen dem Interesse des Staates und dem des Betroffenen abgewogen werden. Niemand kann beispielsweise nach deutschem Recht in ein Land ausgewiesen werden, wo er in Lebensgefahr wäre oder wo ihm Folter droht. Wenn die Ausweisung ausgesprochen ist, wird der oder die Betreffende abgeschoben. Abgeschoben werden auch abgelehnte Asylbewerber, die nicht freiwillig zurückreisen. (mob)