Zwei Hähne sind einer zu viel: Geflügelzüchter beschwert sich beim Bundesverfassungsgericht

Dirk Haunhorst

Der einzige Hahn auf dem Grundstück der Hundertmarks machte beim Fototermin eine gute Figur. Außerdem hielt er den Schnabel und krähte kein einziges Mal. MT-Fotos: Dirk Haunhorst
Der einzige Hahn auf dem Grundstück der Hundertmarks machte beim Fototermin eine gute Figur. Außerdem hielt er den Schnabel und krähte kein einziges Mal. MT-Fotos: Dirk Haunhorst

Porta Westfalica-Barkhausen (mt). Wie musikalisch sind Hähne? Vielleicht stellt sich das Bundesverfassungsgericht demnächst diese Frage. Der Barkhauser Rassegeflügelzüchter Uwe Hundertmark hat dort Beschwerde eingereicht. Er fühlt sich in seinem Recht auf Selbstverwirklichung verletzt und wehrt sich gegen baurechtliche Vorschriften, die die Geflügelhaltung auf seinem Grundstück stark einschränken. Hundertmark darf nämlich nur noch einen Hahn und maximal 20 Hühner halten. „Mit Zucht hat das nichts mehr zu tun“, sagt der 44-Jährige. Ein Hahn mehr und es droht ein Zwangsgeld von 3.000 Euro.

Familientradition: Uwe Hundertmark präsentiert eine Ehrenurkunde aus den 1920er Jahren.
Familientradition: Uwe Hundertmark präsentiert eine Ehrenurkunde aus den 1920er Jahren.

Die Verbindung von Musik und Hähnekrähen ist übrigens nicht weit hergeholt. Der Bundesgerichtshof hat vor wenigen Wochen in einem vielbeachten Urteil zur Hausmusik entschieden, dass kein Anspruch auf völlige Stille besteht._Rechtsanwalt Thomas Müller aus Hamm glaubt, dass die Entscheidung im Fall seines Mandanten von Bedeutung sein kann. Weil Geflügelzucht ähnlich wie Musik wichtig ist für Lebensfreude und Gefühlsleben. „Das BGH-Urteil spielt uns ein Stück weit in die Hände. Die Grundrechte bekommen hier einen großen Raum“, sagt Müller, der Hundertmarks Fall zusammen mit einem ähnlichen aus Bayern vors Bundesverfassungsgericht bringt.

Nachwuchszüchterin: Lena Hundertmark (5) findet die zierlichen Hühner klasse.
Nachwuchszüchterin: Lena Hundertmark (5) findet die zierlichen Hühner klasse.

Uwe Hundertmark stammt aus einer Geflügelzüchterfamilie. Stolz zeigt er eine Urkunde aus den 1920er Jahren als Beleg für neun Jahrzehnte Züchtertradition. Vor fünf Jahren war die Welt für Hühner, Hähne und Halter an der Barkhauser Schulstraße noch in Ordnung. 2014 beschwerte sich ein Nachbar, dem die Hähne zu laut waren, und Hundertmark erhielt von der Stadt im Zuge einer rückwirkenden Baugenehmigung für seine Ställe eine klare Vorgabe: „Die Anzahl der Tiere ist auf 20 Hühner und maximal einen Hahn festgesetzt“, steht in den Nebenbestimmungen. Zuvor hielt Hundertmark etwa 60 Tiere, ungefähr ein Viertel davon waren Hähne.

Zierlich: Die Hundertmarks halten auf ihrem Grundstück moderne englische Zwergkämpfer.
Zierlich: Die Hundertmarks halten auf ihrem Grundstück moderne englische Zwergkämpfer.

Hundertmark wehrte sich gegen die Restriktion, die sein Hobby unmöglich macht. „Denn Zucht bedeutet Nachwuchs und der ist eben auch männlich.“ Der Barkhauser unterlag vor dem Verwaltungsgericht Minden, eine Berufung ließ das Oberverwaltungsgericht nicht zu, deshalb nun die Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe.

Mitverantwortlich für die juristischen Niederlagen ist die sogenannte Erwartungshaltung. Demnach ist heutzutage in Wohngebieten nach der Baunutzungsordnung Tierhaltung zwar erwartbar und erlaubt, aber limitiert. Eine Herde von 20 Hühnern und einem Hahn akzeptieren Gerichte noch. Wer mehr hält und vom Nachbarn angezeigt wird, muss mit einem Zwangsgeld rechnen. AnwaltMüller, der wie Hundertmark moderne englische Zwergkämpfer züchtet, sieht nicht nur das Vereinsleben bedroht, sondern auch die biologische Vielfalt, zu der Züchter einen wertvollen Beitrag leisteten. Letztlich drohe eine stereotype Lebensgestaltung, die sich im Extremfall daran ausrichten müsse, was dem Nachbarn gefalle.

Dabei haben Müller und Hundertmark durchaus Verständnis dafür, dass Nachbarn sich von Hähnekrähen gestört fühlen können. Mithilfe von Lärmschutzauflagen könne man dem Rechnung tragen, auch könnten Konflikte zivilrechtlich geklärt werden. Das helfe im konkreten Fall jedoch nicht weiter, erläutert der Anwalt. „Hier geht es ums Baurecht, das ist die härteste Keule.“ Und die wolle man mithilfe der Verfassungsbeschwerde knacken.

Die Hundertmarks wohnen auf einem langgezogenen Grundstücks in unmittelbar Nähe der Barkhauser Grundschule. Gleich drei Züchtergenerationen leben dort, neben Uwe Hundertmarks Eltern begeistert sich auch seine fünfjährige Tochter Lena für die filigranen Zwergkämpfer. Aber ein Hahn und 20 Hühner für drei Züchter? Uwe Hundertmark schüttelt über das Missverhältnis den Kopf.

Parallel zum Grundstück der Hundertmarks wohnen drei Nachbarn. Wären sie allesamt Züchter, könnten sie jeweils einen Hahn und 20 Hühner halten – also insgesamt dreimal so viele Tiere wie die Hundertmarks auf gleich großer Fläche. Auch das ist für Anwalt Müller ein Widerspruch.

Uwe Hundertmark hält inzwischen einen Teil seiner Tiere an einem anderen Ort, um dem Hobby überhaupt noch nachgehen zu können. „Ein riesiger Aufwand“, sagt er. Der 44-Jährige ist Vorsitzender des Rassegeflügelzuchtvereins Phönix Barkhausen, der 2019 sein 110-jähriges Bestehen feiert. Erst kürzlich absolvierte Phönix seine Jahresausstellung, die über Vereinskreise hinaus bekannt ist – nicht nur wegen der schmackhaften Hühnersuppe. „Ich habe dieses Mal nicht ausgestellt“, sagt Hundertmark. Er wollte damit ein Zeichen setzen. Die Probleme der Hobbyzüchter nahmen deshalb in Gesprächen breiten Raum ein.

„Hier, schauen Sie mal“, sagt Hundertmark und zeigt auf eine Internetseite der Stadt. Dort steht, dass der dörfliche Charakter in Portas Orten erhalten werden soll. „Hühnerhaltung und Hähnekrähen gehören doch wohl dazu, oder?“

Der Autor ist erreichbar unterTelefon 0571 882 164 oder Dirk.Haunhors@MT.de

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Zwei Hähne sind einer zu viel: Geflügelzüchter beschwert sich beim BundesverfassungsgerichtDirk HaunhorstPorta Westfalica-Barkhausen (mt). Wie musikalisch sind Hähne? Vielleicht stellt sich das Bundesverfassungsgericht demnächst diese Frage. Der Barkhauser Rassegeflügelzüchter Uwe Hundertmark hat dort Beschwerde eingereicht. Er fühlt sich in seinem Recht auf Selbstverwirklichung verletzt und wehrt sich gegen baurechtliche Vorschriften, die die Geflügelhaltung auf seinem Grundstück stark einschränken. Hundertmark darf nämlich nur noch einen Hahn und maximal 20 Hühner halten. „Mit Zucht hat das nichts mehr zu tun“, sagt der 44-Jährige. Ein Hahn mehr und es droht ein Zwangsgeld von 3.000 Euro. Die Verbindung von Musik und Hähnekrähen ist übrigens nicht weit hergeholt. Der Bundesgerichtshof hat vor wenigen Wochen in einem vielbeachten Urteil zur Hausmusik entschieden, dass kein Anspruch auf völlige Stille besteht._Rechtsanwalt Thomas Müller aus Hamm glaubt, dass die Entscheidung im Fall seines Mandanten von Bedeutung sein kann. Weil Geflügelzucht ähnlich wie Musik wichtig ist für Lebensfreude und Gefühlsleben. „Das BGH-Urteil spielt uns ein Stück weit in die Hände. Die Grundrechte bekommen hier einen großen Raum“, sagt Müller, der Hundertmarks Fall zusammen mit einem ähnlichen aus Bayern vors Bundesverfassungsgericht bringt. Uwe Hundertmark stammt aus einer Geflügelzüchterfamilie. Stolz zeigt er eine Urkunde aus den 1920er Jahren als Beleg für neun Jahrzehnte Züchtertradition. Vor fünf Jahren war die Welt für Hühner, Hähne und Halter an der Barkhauser Schulstraße noch in Ordnung. 2014 beschwerte sich ein Nachbar, dem die Hähne zu laut waren, und Hundertmark erhielt von der Stadt im Zuge einer rückwirkenden Baugenehmigung für seine Ställe eine klare Vorgabe: „Die Anzahl der Tiere ist auf 20 Hühner und maximal einen Hahn festgesetzt“, steht in den Nebenbestimmungen. Zuvor hielt Hundertmark etwa 60 Tiere, ungefähr ein Viertel davon waren Hähne. Hundertmark wehrte sich gegen die Restriktion, die sein Hobby unmöglich macht. „Denn Zucht bedeutet Nachwuchs und der ist eben auch männlich.“ Der Barkhauser unterlag vor dem Verwaltungsgericht Minden, eine Berufung ließ das Oberverwaltungsgericht nicht zu, deshalb nun die Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe. Mitverantwortlich für die juristischen Niederlagen ist die sogenannte Erwartungshaltung. Demnach ist heutzutage in Wohngebieten nach der Baunutzungsordnung Tierhaltung zwar erwartbar und erlaubt, aber limitiert. Eine Herde von 20 Hühnern und einem Hahn akzeptieren Gerichte noch. Wer mehr hält und vom Nachbarn angezeigt wird, muss mit einem Zwangsgeld rechnen. AnwaltMüller, der wie Hundertmark moderne englische Zwergkämpfer züchtet, sieht nicht nur das Vereinsleben bedroht, sondern auch die biologische Vielfalt, zu der Züchter einen wertvollen Beitrag leisteten. Letztlich drohe eine stereotype Lebensgestaltung, die sich im Extremfall daran ausrichten müsse, was dem Nachbarn gefalle. Dabei haben Müller und Hundertmark durchaus Verständnis dafür, dass Nachbarn sich von Hähnekrähen gestört fühlen können. Mithilfe von Lärmschutzauflagen könne man dem Rechnung tragen, auch könnten Konflikte zivilrechtlich geklärt werden. Das helfe im konkreten Fall jedoch nicht weiter, erläutert der Anwalt. „Hier geht es ums Baurecht, das ist die härteste Keule.“ Und die wolle man mithilfe der Verfassungsbeschwerde knacken. Die Hundertmarks wohnen auf einem langgezogenen Grundstücks in unmittelbar Nähe der Barkhauser Grundschule. Gleich drei Züchtergenerationen leben dort, neben Uwe Hundertmarks Eltern begeistert sich auch seine fünfjährige Tochter Lena für die filigranen Zwergkämpfer. Aber ein Hahn und 20 Hühner für drei Züchter? Uwe Hundertmark schüttelt über das Missverhältnis den Kopf. Parallel zum Grundstück der Hundertmarks wohnen drei Nachbarn. Wären sie allesamt Züchter, könnten sie jeweils einen Hahn und 20 Hühner halten – also insgesamt dreimal so viele Tiere wie die Hundertmarks auf gleich großer Fläche. Auch das ist für Anwalt Müller ein Widerspruch. Uwe Hundertmark hält inzwischen einen Teil seiner Tiere an einem anderen Ort, um dem Hobby überhaupt noch nachgehen zu können. „Ein riesiger Aufwand“, sagt er. Der 44-Jährige ist Vorsitzender des Rassegeflügelzuchtvereins Phönix Barkhausen, der 2019 sein 110-jähriges Bestehen feiert. Erst kürzlich absolvierte Phönix seine Jahresausstellung, die über Vereinskreise hinaus bekannt ist – nicht nur wegen der schmackhaften Hühnersuppe. „Ich habe dieses Mal nicht ausgestellt“, sagt Hundertmark. Er wollte damit ein Zeichen setzen. Die Probleme der Hobbyzüchter nahmen deshalb in Gesprächen breiten Raum ein. „Hier, schauen Sie mal“, sagt Hundertmark und zeigt auf eine Internetseite der Stadt. Dort steht, dass der dörfliche Charakter in Portas Orten erhalten werden soll. „Hühnerhaltung und Hähnekrähen gehören doch wohl dazu, oder?“ Der Autor ist erreichbar unterTelefon 0571 882 164 oder Dirk.Haunhors@MT.de