Krimis spielen an Originalschauplätzen

Von Gisela Schwarze

Porta Westfalica-Barkhausen (G.S.). Zögernd betreten die „Crime-Night“-Besucher den abgedunkelten Tatort auf der Wittekindsburg. Mit rot-weißer Sperrbanderole abgetrennt liegt vorn im Saal ein Mordopfer, abgedeckt mit einem weißen Leinentuch. „In stiller Nacht um die Ecke gebracht“ war der Krimiabend in der Burg überschrieben, an dem vier Autoren das Publikum das Grauen lehrten.

Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Ostwestfalen-Lippe hatte die Häverstädterin Meike Messal in der Anthologie „In stiller Nacht um die Ecke gebracht“ in der vorigen Woche herausgegeben. Vier der 16 Geschichten mit authentischen Schauplätzen unserer Region aus dem druckfrischen Band ließen den Veranstaltungsbesuchern hoch oben im Wiehengebirge wohlige Schauer des Grauens über die Rücken laufen.

„Die besinnlichen Tage bringen manchen um die Besinnung“, konstatierte Meike Messal bei ihrer Begrüßung der zahlreichen Zuhörer im Hinblick auf das nahende Christfest. Sie selbst, die Mindener Autorin Doris Oetting, die Verfasser Raiko Relling aus Gütersloh und Thomas Breuer aus Büren präsentierten mit ihren Kurzkrimis ungeahnte weihnachtliche Aspekte in Form von unterhaltender Hochspannung.

Nachdem einige zusätzliche Stuhlreihen eingefügt waren und alle Krimi-Fans Platz fanden, startete das Eintauchen ins Grauen mit der Mindenerin Doris Oetting. Die Geschichte mit dem tragischen Ende ihrer Ehe begann und endete für Nina in der eiskalten Kapelle des Mindener Nordfriedhofs. Dort trugen sie, Verwandte und Freunde aus dem Tennisclub MTK ihren Ehemann Ralf zu Grabe, den sie gedanklich als „Mogelpackung“ bezeichnete. Ninas beste Freundin, mit der Ralf seine letzte Affäre hatte, stammt aus Dankersen. Lokalkolorit aus Mindens Innenstadt ließen besonders die Ortskundigen teilhaben an den detaillierten Beschreibungen der Umgebung, in der Ralf lebte, bevor er einer Medikamentenvergiftung erlag.

Etwa 20 Minuten hatte jeder der Krimi-Verfasser für seine Lesung zur Verfügung. Unbestritten waren die Fakten, die Thomas Breuer mit seinem Beitrag „Ruhe in Frieden, Woyyczek Karczinsky“ vortrug, am meisten anrührend und trieben nicht wenigen Zuhörern die Tränen in die Augen. Ein ehemaliger Häftlingsaufseher auf der Wewelsburg lebt nun in einem Pflegeheim und brüstete sich am Heiligabend vor seinem Altenpfleger damit, wie es ihm in seiner Dienstzeit gelang, den heiligen Abend bei seiner Familie zu verbringen, obwohl er eigentlich zur Aufsicht eingeteilt war. Seine unfassbaren Gräueltaten und die seines Kollegen, bei denen das Leben Gefangenen zum eigenen Vorteil einfach so ausgelöscht wurde, schockierten nicht nur den Altenpfleger. Das Wissen, dass dieser eigentlich harmlos wirkende Greis ein vielfacher Mörder war, beschleunigte sein Ende. „Der Beitrag in der Krimi-Anthologie ist eigentlich ein Abfallprodukt“ berichtete Thomas Breuer. Demnächst gäbe er ein Buch heraus, das sich mit der Gedenkstätte Wewelsburg und dem gegenwärtig erschreckend florierenden Rechtsextremismus beschäftige.

Bittere und nicht vorhersehbare Aktualität vor der beabsichtigten Schließung von zwei Siemens-Standorten vermittelte Raiko Relling mit dem „Weihnachtsgruß von Fantomas“. Fristgerechte Kündigungen in der Vorweihnachtszeit lässt der Maschinenbaukonzern Bolkadia in Gütersloh durch den Vorstandsboten Ralf Lichtgerd ergehen. Ein Aufarbeiten dieser Katastrophe tätigt der Autor in der Ich-Form und führt nach zahlreichen unerwarteten Wendungen schließlich in die Menschenmenge beim traditionellen Gütersloher Turmblasen am Heiligabend. Von langer Hand geplant, findet Ralf Lichtgerd dort sein Ende, durch eine Tuba, die vom Himmel kommt.

Was Ostwestfalen und speziell Mindener so alles in ihren Kellern machen, nahm Meike Messal im Kurzkrimi „Schwarze Weihnacht“ unter die Lupe. Im Vorfeld des Festes der Liebe konzentriert sich die Protagonistin Gisela aus gutem Grund auf die Farbe schwarz. Schwarze Kerzen wählt sie passend zu ihrem Gemützustand für die Weihnacht aus, denn auch die können Licht ins Dunkel bringen. Schwarz wie die Nacht ist ein Keller, wenn die Kerzen erlöschen, auch am Fest der Liebe und Gnade, so vermittelt Meike Messal als Schlusslicht. Der anschließende rauschende Applaus gilt allen vier Autoren, bevor die Schlacht und das Signieren am Büchertisch beginnt.

Die vor ihr herausgegebene 16-teilige Krimi-Anthologie „In stiller Nacht um die Ecke gebracht“ (ISBN: 978-3-95475-153.2) bereichert Meike Messal mit zwei Kurzkrimis. Der zweite ist in Oerlinghausen angesiedelt, wo die Autorin einige Zeit wohnte.

Meike Messal liest am 24. November, 20 Uhr, in der Buchhandlung Hüllhorst und am 6. Dezember, 19.30 Uhr, in der „Ameise Kulturhügel“.

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