Tief unten im Nazi-Stollen Kerstin Rickert Porta Westfalica-Hausberge (kr). Es wurde lange Zeit geschwiegen, einfach nicht darüber geredet, was es mit den Stollen im Jakobsberg in Porta Westfalica auf sich hat. „Es hat nie jemand darüber gesprochen", sagt Claus Rürup, der in Hausberge aufgewachsen ist. Er selbst fragte nicht, denn dann hätte er sich verraten. Verraten, dass er als Jugendlicher diesen geheimen Ort immer wieder aufsuchte. Das Innere des Jakobsberges war in den Siebzigerjahren nicht nur für ihn eine Art Abenteuerspielplatz. Gesche Fricke kam sogar extra mit dem Mofa aus Herford hierher. „Es hatte sich herumgesprochen, dass dies ein Ort für Mutproben war", sagt sie, die heute in Bückeburg wohnt. „Wir sind auf dem Bauch hineingekrochen, haben uns langsam durch enge Öffnungen gerobbt. Es roch muffig, nach Moder und Schimmel. Und dann lag vor uns plötzlich ein riesiger Raum, gewaltig." Was sie und Claus Rürup damals nicht wussten: Sie befanden sich in unterirdischen Arbeits- und Produktionsstätten der Rüstungsindustrie aus dem Zweiten Weltkrieg. Tausende Häftlinge des KZ-Außenlagers Neuengamme hatten in Porta Westfalica im letzten Kriegsjahr unter menschenunwürdigen Bedingungen zwangsweise geschuftet. Viele bis zum bitteren Tod. Die rund 25 Frauen und Männer, die von Thomas Lange, Historiker und Mitglied im Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, durch die Stollenanlage geführt werden, sind freiwillig hier. Sie bilden eine von 14 Gruppen mit insgesamt rund 360 Teilnehmern der öffentlichen Führungen an diesem Wochenende genau 71 Jahre nach Kriegsende. Angemeldet hatten sich mehr als 3000 Interessenten. Der Weg durch das sonst fest verschlossene Eingangsportal am Rande der B482 ist für Gesche Fricke und Claus Rürup auch ein Erinnern an die eigene Jugend, vor allem aber ein Weg gegen das Vergessen. In dem Bewusstsein um die schreckliche Geschichte, sehen sie den Ort, der sie in ihrer Jugend so magisch anzog, heute mit anderen Augen. Bevor es hineingeht in den Stollen, wandert Gesche Frickes Blick noch auf die andere Straßenseite. „Der Puff da drüben, das ist doch blanker Hohn", sagt sie. Drinnen im Berg riecht es noch immer muffig und modrig. Und es ist kalt an diesem warmen sonnigen Frühlingstag. Nichts gegen die Umstände, unter denen die Zwangsarbeiter ab März 1944 Schwerstarbeit verrichten mussten - leicht bekleidet, mit kaum vorhandenem Schuhwerk und bloßen Händen. Erst der Gang durch die Stollenanlage macht das gigantische Ausmaß deutlich. Die Besucher erhalten eine ungefähre Ahnung davon, was sich hier ein Jahr lang Tag für Tag und Nacht für Nacht abgespielt haben muss. Von geschätzten 35 000 Kubikmetern Material, die aus dem Berginnern abgetragen und hinaustransportiert wurden, spricht Thomas Lange. Schubkarre, Hacke, Schaufel und die nackten Hände dienten als Arbeitsgeräte. Höchstens 1500 Kalorien pro Tag, mehr wurde den geschundenen Körpern über die Nahrung nicht zugeführt. Und das bei zwölf Stunden harter körperlicher Arbeit, wenig Schlaf, katastrophalen hygienischen Bedingungen - ein Martyrium. Gut eine Stunde lang geht es mit Thomas Lange durch „Dachs I" im unteren Bereich des Stollens. Zahlreiche Helfer von Freiwilligen Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW), die den Zugang möglich gemacht haben und für Sicherheit sorgen, begleiten die Gruppe. Im Jakobsberg war von 1846 bis 1927 Sandstein abgebaut worden - ein offenbar idealer Ort für die Untertage-Verlagerungen kriegswichtiger Industriezweige, um sie vor gezielten Bomben-Angriffen der Alliierten zu schützen. Ab Frühjahr 1944 sollte die ehemalige Bergbaugrube zunächst für die Flugzeugproduktion ausgebaut werden. Die ersten 250 Häftlinge wurden im März 1944 aus dem KZ Buchenwald nach Porta Westfalica transportiert und im Saal des Hotels Kaiserhof in Barkhausen interniert. Aufgrund der Zerstörung von weiten Teilen der deutschen Mineralölindustrie wurde das Bauvorhaben für die Flugzeugproduktion im Sommer 1944 aufgegeben und stattdessen der Ausbau zu einer Schmierölraffinerie vorangetrieben. Im Lager Barkhausen wurden zu diesem Zeitpunkt 1500 Häftlinge gefangen gehalten, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Der Weg durch die gewaltigen Höhlen-Schluchten und gigantische, aus Steinen gemauerte Tanks macht betroffen. Welche Qualen die Menschen, die diese unterirdische Produktionsstätte erschaffen mussten, zu erleiden hatten - man kann es nur erahnen. Rund 20 000 Quadratmeter Fläche sind im Jakobsberg insgesamt entstanden. Oberhalb von „Dachs I" zieht sich eine weitere Anlage über zehn Etagen schräg durch den Berg bis hinauf zur ehemaligen Pinselburg, früher ein beliebtes Ausflugslokal. Zugänglich ist dieser Bereich heute nicht, ein Modell vermittelt den Besuchern einen Eindruck. In den etwa 8000 Quadratmeter großen sogenannten Hammerwerken mit dem Decknamen „Stöhr I" wurden rund 1000 Frauen vorwiegend für die Produktion von Radioröhren eingesetzt. Die Frauen waren ab Herbst 1944 im Frauenlager am Frettholzweg in Hausberge interniert. „Die Frauen waren größtenteils Jüdinnen, die schon Auschwitz durchgemacht hatten, darunter viele Ungarinnen", berichtet Lange, der sich mit seinen Vereinskollegen für die Aufarbeitung des besonders dunklen Kapitels der Portaner Geschichte engagiert. Lange Zeit wurde es einfach ausgeklammert, bis sich im Jahre 2009 der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica gründete. In mühevoller Kleinarbeit werden die Geschehnisse seitdem zusammengetragen. Die inzwischen bekannten Fakten stützen sich überwiegend auf Berichte von Häftlingen. Ganz gelingen wird die Aufarbeitung der hiesigen KZ-Geschichte wohl kaum: Die meisten der Häftlinge aus 17 Nationen waren Russen, Augenzeugenberichte aus der ehemaligen Sowjetunion aber gibt es keine, wie Lange deutlich macht. Jeder noch so kleine Mosaikstein, der sich finden lässt, trägt aber dazu bei, das Bewusstsein für die NS-Vergangenheit vor Ort zu schärfen, besser spät als nie. Das Interesse ist da, sowohl bei der Stadt Porta Westfalica, die Mitglied des Vereins ist und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte unterstützt, als auch bei der Bevölkerung. Der Verein KZ-Gedenk -und Dokumentationsstätte Porta Westfalica hat sich zum Ziel gesetzt, eine Gedenkstätte einzurichten.

Tief unten im Nazi-Stollen

Viele Besucher sind von der schieren Größe der unterirdischen Anlage überrascht, in der die Nazis ab 1944 Teile ihrer Rüstungsproduktion verlagert hatten. Tagelang hatten THW und Feuerwehr Lichtmasten und Scheinwerfer in dem weitläufigen Stollen installiert. © Foto: Boris Roessler/dpa

Porta Westfalica-Hausberge (kr). Es wurde lange Zeit geschwiegen, einfach nicht darüber geredet, was es mit den Stollen im Jakobsberg in Porta Westfalica auf sich hat. „Es hat nie jemand darüber gesprochen", sagt Claus Rürup, der in Hausberge aufgewachsen ist. Er selbst fragte nicht, denn dann hätte er sich verraten. Verraten, dass er als Jugendlicher diesen geheimen Ort immer wieder aufsuchte. Das Innere des Jakobsberges war in den Siebzigerjahren nicht nur für ihn eine Art Abenteuerspielplatz. Gesche Fricke kam sogar extra mit dem Mofa aus Herford hierher.

„Es hatte sich herumgesprochen, dass dies ein Ort für Mutproben war", sagt sie, die heute in Bückeburg wohnt. „Wir sind auf dem Bauch hineingekrochen, haben uns langsam durch enge Öffnungen gerobbt. Es roch muffig, nach Moder und Schimmel. Und dann lag vor uns plötzlich ein riesiger Raum, gewaltig." Was sie und Claus Rürup damals nicht wussten: Sie befanden sich in unterirdischen Arbeits- und Produktionsstätten der Rüstungsindustrie aus dem Zweiten Weltkrieg. Tausende Häftlinge des KZ-Außenlagers Neuengamme hatten in Porta Westfalica im letzten Kriegsjahr unter menschenunwürdigen Bedingungen zwangsweise geschuftet. Viele bis zum bitteren Tod.

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Die rund 25 Frauen und Männer, die von Thomas Lange, Historiker und Mitglied im Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, durch die Stollenanlage geführt werden, sind freiwillig hier. Sie bilden eine von 14 Gruppen mit insgesamt rund 360 Teilnehmern der öffentlichen Führungen an diesem Wochenende genau 71 Jahre nach Kriegsende. Angemeldet hatten sich mehr als 3000 Interessenten.

Eine durch die Sprengung teilweise zerstörte und verbogene Treppe. MT-Fotos (2): Alex Lehn
Eine durch die Sprengung teilweise zerstörte und verbogene Treppe. MT-Fotos (2): Alex Lehn

Der Weg durch das sonst fest verschlossene Eingangsportal am Rande der B482 ist für Gesche Fricke und Claus Rürup auch ein Erinnern an die eigene Jugend, vor allem aber ein Weg gegen das Vergessen. In dem Bewusstsein um die schreckliche Geschichte, sehen sie den Ort, der sie in ihrer Jugend so magisch anzog, heute mit anderen Augen. Bevor es hineingeht in den Stollen, wandert Gesche Frickes Blick noch auf die andere Straßenseite. „Der Puff da drüben, das ist doch blanker Hohn", sagt sie. Drinnen im Berg riecht es noch immer muffig und modrig. Und es ist kalt an diesem warmen sonnigen Frühlingstag. Nichts gegen die Umstände, unter denen die Zwangsarbeiter ab März 1944 Schwerstarbeit verrichten mussten - leicht bekleidet, mit kaum vorhandenem Schuhwerk und bloßen Händen. Erst der Gang durch die Stollenanlage macht das gigantische Ausmaß deutlich. Die Besucher erhalten eine ungefähre Ahnung davon, was sich hier ein Jahr lang Tag für Tag und Nacht für Nacht abgespielt haben muss. Von geschätzten 35 000 Kubikmetern Material, die aus dem Berginnern abgetragen und hinaustransportiert wurden, spricht Thomas Lange. Schubkarre, Hacke, Schaufel und die nackten Hände dienten als Arbeitsgeräte. Höchstens 1500 Kalorien pro Tag, mehr wurde den geschundenen Körpern über die Nahrung nicht zugeführt. Und das bei zwölf Stunden harter körperlicher Arbeit, wenig Schlaf, katastrophalen hygienischen Bedingungen - ein Martyrium.

Nicht alle Bereiche sind zugänglich, das Modell vermittelt den Besuchern einen Eindruck.
Nicht alle Bereiche sind zugänglich, das Modell vermittelt den Besuchern einen Eindruck.

Gut eine Stunde lang geht es mit Thomas Lange durch „Dachs I" im unteren Bereich des Stollens. Zahlreiche Helfer von Freiwilligen Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW), die den Zugang möglich gemacht haben und für Sicherheit sorgen, begleiten die Gruppe. Im Jakobsberg war von 1846 bis 1927 Sandstein abgebaut worden - ein offenbar idealer Ort für die Untertage-Verlagerungen kriegswichtiger Industriezweige, um sie vor gezielten Bomben-Angriffen der Alliierten zu schützen. Ab Frühjahr 1944 sollte die ehemalige Bergbaugrube zunächst für die Flugzeugproduktion ausgebaut werden. Die ersten 250 Häftlinge wurden im März 1944 aus dem KZ Buchenwald nach Porta Westfalica transportiert und im Saal des Hotels Kaiserhof in Barkhausen interniert. Aufgrund der Zerstörung von weiten Teilen der deutschen Mineralölindustrie wurde das Bauvorhaben für die Flugzeugproduktion im Sommer 1944 aufgegeben und stattdessen der Ausbau zu einer Schmierölraffinerie vorangetrieben. Im Lager Barkhausen wurden zu diesem Zeitpunkt 1500 Häftlinge gefangen gehalten, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Der Weg durch die gewaltigen Höhlen-Schluchten und gigantische, aus Steinen gemauerte Tanks macht betroffen. Welche Qualen die Menschen, die diese unterirdische Produktionsstätte erschaffen mussten, zu erleiden hatten - man kann es nur erahnen. Rund 20 000 Quadratmeter Fläche sind im Jakobsberg insgesamt entstanden. Oberhalb von „Dachs I" zieht sich eine weitere Anlage über zehn Etagen schräg durch den Berg bis hinauf zur ehemaligen Pinselburg, früher ein beliebtes Ausflugslokal. Zugänglich ist dieser Bereich heute nicht, ein Modell vermittelt den Besuchern einen Eindruck. In den etwa 8000 Quadratmeter großen sogenannten Hammerwerken mit dem Decknamen „Stöhr I" wurden rund 1000 Frauen vorwiegend für die Produktion von Radioröhren eingesetzt. Die Frauen waren ab Herbst 1944 im Frauenlager am Frettholzweg in Hausberge interniert. „Die Frauen waren größtenteils Jüdinnen, die schon Auschwitz durchgemacht hatten, darunter viele Ungarinnen", berichtet Lange, der sich mit seinen Vereinskollegen für die Aufarbeitung des besonders dunklen Kapitels der Portaner Geschichte engagiert. Lange Zeit wurde es einfach ausgeklammert, bis sich im Jahre 2009 der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica gründete. In mühevoller Kleinarbeit werden die Geschehnisse seitdem zusammengetragen. Die inzwischen bekannten Fakten stützen sich überwiegend auf Berichte von Häftlingen. Ganz gelingen wird die Aufarbeitung der hiesigen KZ-Geschichte wohl kaum: Die meisten der Häftlinge aus 17 Nationen waren Russen, Augenzeugenberichte aus der ehemaligen Sowjetunion aber gibt es keine, wie Lange deutlich macht. Jeder noch so kleine Mosaikstein, der sich finden lässt, trägt aber dazu bei, das Bewusstsein für die NS-Vergangenheit vor Ort zu schärfen, besser spät als nie. Das Interesse ist da, sowohl bei der Stadt Porta Westfalica, die Mitglied des Vereins ist und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte unterstützt, als auch bei der Bevölkerung. Der Verein KZ-Gedenk -und Dokumentationsstätte Porta Westfalica hat sich zum Ziel gesetzt, eine Gedenkstätte einzurichten.

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