MT-Serie KZ-Außenlager Porta Westfalica: "Am schlimmsten waren SS-Frauen" Zeitzeugin Christa Grzik erinnert sich Porta Westfalica-Hausberge (Ly). "Es war eine schlimme Zeit", sagt Christa Grzik. "So etwas darf nie wieder passieren." Mit Entsetzen erinnert sich die 84-Jährige noch heute an den Februar und März 1945. Neben ihrem Elternhaus stand an der Ecke Frettholzweg/Mindener Weg ein im Herbst 1944 erbautes Konzentrationslager, in dem bis zur Evakuierung am 1. April fast 1000 jüdische Frauen zusammengepfercht waren. Christa, damals ein Mädchen von 15 Jahren, konnte durch den Zaun sehen. Sie sah, wie Jüdinnen geschlagen wurden."Am schlimmsten waren die SS-Frauen", sagt Christa Grzik. "Sie hatten Stöcke, an denen lange Spitzen waren." Mit der Spitze sei gestochen worden. Gesehen hat die Hausbergerin auch, wie entkräftete weibliche Häftlinge um die Baracke marschieren mussten, vermutlich zur Strafe. "Das hat fast eine Stunde gedauert. Frauen, die zusammenbrachen, mussten wieder hoch."Wenn Christa Grzik am KZ vorbeiging, hatte sie ein ungutes Gefühl. Einmal habe eine Wache gerufen: "Willst du auch hier rein?" Sie solle durch den Wald gehen, nicht am KZ vorbei. Wozu das Lager diente, dass dort Häftlinge untergebracht waren, muss die Bevölkerung nach Überzeugung der Hausbergerin gewusst haben. "Jeder, der wollte, konnte es sehen", sagt sie.Außerdem wurden die Frauen zur Zwangsarbeit im oberen Stollen des Jakobsberges über Straßen und Wege getrieben. "Ich kann mich nicht erinnern", so Grzik, "dass Straßen deshalb gesperrt wurden. Als ich mit meinem Vater im Wald Holz holte, habe ich die Frauen selbst gesehen."Wahrscheinlich hatten viele Portaner ähnliche Begegnungen. "Aber über das Lager wurde nicht gesprochen", erinnert sich Christa Grzik. "Man hatte Angst. Außerdem waren unter der Bevölkerung viele Nazis." Eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen.Erbaut hätten das Frauenlager männliche KZ-Häftlinge aus Barkhausen. "Es waren auch Kapos dabei, die mit Holzlatten geschlagen haben", erzählt sie. Kapos waren Funktionshäftlinge, die für ihre Dienste von der SS besondere Vergünstigungen erhielten.Angefangen habe alles mit der Pogromnacht im November 1938, auch in Porta Westfalica der Auftakt zur systematischen Judenverfolgung. "Ich musste nach Hausberge zur Schule", berichtet Christa Grzik. "Dort sah ich eingeschlagene Scheiben, zerstörte Geschäfte. Und dann waren die Juden auf einmal weg." Führungen und 5000 FlyerParallel zu den Info-Tafeln, die im Frühjahr an voraussichtlich sieben Orten aufgestellt werden, sollen 5000 Flyer erscheinen - zunächst. Das berichtet Thomas Hartmann vom Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica.Die Flyer enthalten den Plan der Tafeln und Wissenswertes zu den KZ-Orten. Sie sollen im gesamten Stadtgebiet ausliegen, gedacht als Angebot für Einheimische, Touristen und Schüler. Sechs Mitglieder des Vereins, die einem Arbeitskreis angehören, überlegen bereits, später auch Flyer in den Sprachen der Opfer drucken zu lassen.Außerdem wollen Hartmann und der Hausberger Ortsheimatpfleger Herbert Wiese mit Sets für den Unterricht weiterführende Schulen abklappern, um in den Fachkonferenzen über die Arbeit des Vereins zu berichten. Das gilt auch für Schulen benachbarter Kreise. Führungen sind ebenfalls vorgesehen.Für Mai ist eine Auftaktveranstaltung im Rathaus geplant. Anschließend soll am "Grünen Marktplatz" in Hausberge die erste Info-Tafel errichtet werden. Gegen Kriegsende gab es drei Konzentrationslager in Barkhausen, Hausberge und Neesen, deren insgesamt fast 3000 Insassen Zwangsarbeit verrichten mussten. (Ly)
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KZ-Außenlager Porta Westfalica: "Am schlimmsten waren SS-Frauen"

Porta Westfalica-Hausberge (Ly). "Es war eine schlimme Zeit", sagt Christa Grzik. "So etwas darf nie wieder passieren." Mit Entsetzen erinnert sich die 84-Jährige noch heute an den Februar und März 1945.

Christa Grzik blättert in der Diplomarbeit von Reinhold Blanke-Bohne, die sich mit Konzentrationslagern und Rüstungsbetrieben an der Porta befasst. - © Foto: Stefan Lyrath
Christa Grzik blättert in der Diplomarbeit von Reinhold Blanke-Bohne, die sich mit Konzentrationslagern und Rüstungsbetrieben an der Porta befasst. - © Foto: Stefan Lyrath
"Am schlimmsten waren SS-Frauen" - © MT-SERIE
"Am schlimmsten waren SS-Frauen" - © MT-SERIE

Neben ihrem Elternhaus stand an der Ecke Frettholzweg/Mindener Weg ein im Herbst 1944 erbautes Konzentrationslager, in dem bis zur Evakuierung am 1. April fast 1000 jüdische Frauen zusammengepfercht waren. Christa, damals ein Mädchen von 15 Jahren, konnte durch den Zaun sehen. Sie sah, wie Jüdinnen geschlagen wurden.

"Am schlimmsten waren die SS-Frauen", sagt Christa Grzik. "Sie hatten Stöcke, an denen lange Spitzen waren." Mit der Spitze sei gestochen worden. Gesehen hat die Hausbergerin auch, wie entkräftete weibliche Häftlinge um die Baracke marschieren mussten, vermutlich zur Strafe. "Das hat fast eine Stunde gedauert. Frauen, die zusammenbrachen, mussten wieder hoch."

Wenn Christa Grzik am KZ vorbeiging, hatte sie ein ungutes Gefühl. Einmal habe eine Wache gerufen: "Willst du auch hier rein?" Sie solle durch den Wald gehen, nicht am KZ vorbei. Wozu das Lager diente, dass dort Häftlinge untergebracht waren, muss die Bevölkerung nach Überzeugung der Hausbergerin gewusst haben. "Jeder, der wollte, konnte es sehen", sagt sie.

Außerdem wurden die Frauen zur Zwangsarbeit im oberen Stollen des Jakobsberges über Straßen und Wege getrieben. "Ich kann mich nicht erinnern", so Grzik, "dass Straßen deshalb gesperrt wurden. Als ich mit meinem Vater im Wald Holz holte, habe ich die Frauen selbst gesehen."

Wahrscheinlich hatten viele Portaner ähnliche Begegnungen. "Aber über das Lager wurde nicht gesprochen", erinnert sich Christa Grzik. "Man hatte Angst. Außerdem waren unter der Bevölkerung viele Nazis." Eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen.

Erbaut hätten das Frauenlager männliche KZ-Häftlinge aus Barkhausen. "Es waren auch Kapos dabei, die mit Holzlatten geschlagen haben", erzählt sie. Kapos waren Funktionshäftlinge, die für ihre Dienste von der SS besondere Vergünstigungen erhielten.

Angefangen habe alles mit der Pogromnacht im November 1938, auch in Porta Westfalica der Auftakt zur systematischen Judenverfolgung. "Ich musste nach Hausberge zur Schule", berichtet Christa Grzik. "Dort sah ich eingeschlagene Scheiben, zerstörte Geschäfte. Und dann waren die Juden auf einmal weg."

Führungen und 5000 Flyer
Parallel zu den Info-Tafeln, die im Frühjahr an voraussichtlich sieben Orten aufgestellt werden, sollen 5000 Flyer erscheinen - zunächst. Das berichtet Thomas Hartmann vom Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Die Flyer enthalten den Plan der Tafeln und Wissenswertes zu den KZ-Orten. Sie sollen im gesamten Stadtgebiet ausliegen, gedacht als Angebot für Einheimische, Touristen und Schüler. Sechs Mitglieder des Vereins, die einem Arbeitskreis angehören, überlegen bereits, später auch Flyer in den Sprachen der Opfer drucken zu lassen. Außerdem wollen Hartmann und der Hausberger Ortsheimatpfleger Herbert Wiese mit Sets für den Unterricht weiterführende Schulen abklappern, um in den Fachkonferenzen über die Arbeit des Vereins zu berichten. Das gilt auch für Schulen benachbarter Kreise. Führungen sind ebenfalls vorgesehen. Für Mai ist eine Auftaktveranstaltung im Rathaus geplant. Anschließend soll am "Grünen Marktplatz" in Hausberge die erste Info-Tafel errichtet werden. Gegen Kriegsende gab es drei Konzentrationslager in Barkhausen, Hausberge und Neesen, deren insgesamt fast 3000 Insassen Zwangsarbeit verrichten mussten. (Ly)

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