Zwischen den Müllbergen: Torsten Steinberg aus Barkhausen sammelt seit vier Jahren Müll an der Weser Porta Westfalica-Barkhausen (mt/lies). „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Martin Luther, heißt es, soll das gesagt haben. „Und dass morgen die Welt untergehen könnte, wer glaubt das denn wirklich? Nur Befürchtungen, die gibt es schon angesichts all der Krisen in der Welt, von denen Putins Krieg in der Ukraine uns allen derzeit die größten Sorgen bereitet“, sagt Torsten Steinberg aus Barkhausen. „Für einen Moment tritt da sogar die Sorge um den Klimawandel in den Hintergrund, obwohl doch er es ist, der über kurz oder lang das Leben auf der Erde allen zur Hölle machen kann, auch ganz ohne Krieg.“ Er pflanzt in diesen Tagen keinen Apfelbaum, sondern sammelt, wie seit vier Jahren in jedem Frühjahr, entlang der Weser den Müll ein. In den vergangenen Jahren ging das unpathetisch. „Da liegt der Dreck – also her damit.“ In diesem Jahr fragt er sich mehr als sonst, welchen Sinn das Ganze macht. Sich hier unermüdlich nach Flaschen zu bücken, die vielleicht noch Reste von Alkohol enthalten, zwischendrin auch solche für nichtalkoholische Getränke aus Plastik, Blumentöpfe, Bälle, denen hinterherzulaufen, der Hund müde geworden ist, Plastiktüten, manche noch ganz, andere in Fetzen, Schuhe über Schuhe, Kinderspielzeug aus Plastik, Fahrradteile, Autoräder. Sogar eine Autobatterie – „absichtlich geöffnet und kopfüber in die Böschung gelegt. Warum nur?“, fragt der Portaner Torsten Steinberg. „Überraschend selten waren Corona-Masken“, erzählt der Barkhauser. Hundehalter, die sich mit ihren Hundebeuteln nicht scheuten, diese Viren-Bomben aufzuklauben, solange sie direkt am Weg lagen, lösten das Rätsel. „Aber immer wieder Styropor. Nur selten ganze Teile, größere Platten oder kleine Boxen, in denen man sich eine warme Mahlzeit mit an das Weserufer nehmen kann.“ Es gebe Stellen an der Weser, an denen man über ein „Meer aus Styroporkügelchen“ gehe und mit jedem Schritt „in ihnen einsinkt“. Vom Weserradweg aus sei das nicht zu sehen, denn sie haben inzwischen die Farbe der Erde angenommen. Torsten Steinberg macht sich da so seine Gedanken: „Werden sie auch Erde sein, wenn sie verrottet sind? Angeblich soll das bei Styropor bis zu 6000 Jahre dauern können.“ Von der Portabrücke unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals bis zum Wedigensteiner See sind es ungefähr 1,5 Kilometer. Ohne Zweifel: Das diesjährige Hochwasser hat großen Anteil daran, dass auf diesem kurzen Stück viel Müll angespült wurde. Für den Barkhauser galt es, drei volle Wagenladungen einzusammeln. Dabei stieß er auch viermal auf Flaschenpost. Eine aus Rinteln hatte die weiteste Strecke zurückgelegt. „Die Quelle dieses Müll-Problems ist also nicht in der Ferne zu suchen, sondern hier bei uns“, schlussfolgert Steinberg. Das stimmt ihn nachdenklich: „Die Hoffnung, dass es woanders besser aussehen könnte, machen die Ergebnisse von Müllsammelaktionen in der Nähe anderer Weserstädte sogleich wieder zunichte.“ Fast genau 450 Kilometer ist die Weser lang, 900 Kilometer messen ihre Ufer. Da entsprechen die drei Wagenladungen gerade mal 0,167 Prozent der zu erwartenden Müllmenge. „Von den wichtigsten Weserzuflüssen, von Werra und Fulda mit 300 beziehungsweise 220 Flusskilometern gar nicht zu reden.“ Aber allen Bedenken, wie erklecklich wenig es doch sei, was ein einzelner in diesem großen Spiel ausrichten könne, und allen Befürchtungen, was die Zukunft bringen möge, „trotzt der Wille, es hier und heute schön zu haben, wenn man sich auf einem sonnigen Wochenendspaziergang, einer Radtour oder einem Dauerlauf auf dem Weserweg an der Natur erfreuen will“. Von vielen Passanten habe Torsten Steinberg lebhaften Zuspruch erfahren, von einigen sogar spontane Unterstützung. Der Entsorger PreZero habe den Müll ohne Berechnung abgenommen.Allen Unterstützern der guten Sache dankt Torsten Steinberg, „vor allem im Namen unserer Natur. Das macht Mut. Denen, die ihren Müll, und sei es nur ein Bonbonpapier, gedankenlos in die Gegend werfen, sei aber gesagt, wie schön es wäre, wenn sie die leere Verpackung, die doch so viel weniger wiegt als die volle, bis zum nächsten Papierkorb tragen würden.“ Notfalls auch bis nach Hause. „Wenn die Welt morgen unterginge, wäre das natürlich egal. Aber das wird nicht passieren“, sagt Torsten Steinberg. „Ich weiß es zwar nicht, aber ich glaube es. Aufgeben ist keine Option.“

Zwischen den Müllbergen: Torsten Steinberg aus Barkhausen sammelt seit vier Jahren Müll an der Weser

Autobatterien, Unmengen an Plastikmüll, Styroporteile, sogar Autoreifen sammelt Torsten Steinberg jedes Jahr im Frühjahr entlang der Weser in Barkhausen ein. Foto: privat

Porta Westfalica-Barkhausen (mt/lies). „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Martin Luther, heißt es, soll das gesagt haben. „Und dass morgen die Welt untergehen könnte, wer glaubt das denn wirklich? Nur Befürchtungen, die gibt es schon angesichts all der Krisen in der Welt, von denen Putins Krieg in der Ukraine uns allen derzeit die größten Sorgen bereitet“, sagt Torsten Steinberg aus Barkhausen. „Für einen Moment tritt da sogar die Sorge um den Klimawandel in den Hintergrund, obwohl doch er es ist, der über kurz oder lang das Leben auf der Erde allen zur Hölle machen kann, auch ganz ohne Krieg.“

Er pflanzt in diesen Tagen keinen Apfelbaum, sondern sammelt, wie seit vier Jahren in jedem Frühjahr, entlang der Weser den Müll ein. In den vergangenen Jahren ging das unpathetisch. „Da liegt der Dreck – also her damit.“ In diesem Jahr fragt er sich mehr als sonst, welchen Sinn das Ganze macht. Sich hier unermüdlich nach Flaschen zu bücken, die vielleicht noch Reste von Alkohol enthalten, zwischendrin auch solche für nichtalkoholische Getränke aus Plastik, Blumentöpfe, Bälle, denen hinterherzulaufen, der Hund müde geworden ist, Plastiktüten, manche noch ganz, andere in Fetzen, Schuhe über Schuhe, Kinderspielzeug aus Plastik, Fahrradteile, Autoräder. Sogar eine Autobatterie – „absichtlich geöffnet und kopfüber in die Böschung gelegt. Warum nur?“, fragt der Portaner Torsten Steinberg.

„Überraschend selten waren Corona-Masken“, erzählt der Barkhauser. Hundehalter, die sich mit ihren Hundebeuteln nicht scheuten, diese Viren-Bomben aufzuklauben, solange sie direkt am Weg lagen, lösten das Rätsel. „Aber immer wieder Styropor. Nur selten ganze Teile, größere Platten oder kleine Boxen, in denen man sich eine warme Mahlzeit mit an das Weserufer nehmen kann.“ Es gebe Stellen an der Weser, an denen man über ein „Meer aus Styroporkügelchen“ gehe und mit jedem Schritt „in ihnen einsinkt“. Vom Weserradweg aus sei das nicht zu sehen, denn sie haben inzwischen die Farbe der Erde angenommen. Torsten Steinberg macht sich da so seine Gedanken: „Werden sie auch Erde sein, wenn sie verrottet sind? Angeblich soll das bei Styropor bis zu 6000 Jahre dauern können.“


Von der Portabrücke unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals bis zum Wedigensteiner See sind es ungefähr 1,5 Kilometer. Ohne Zweifel: Das diesjährige Hochwasser hat großen Anteil daran, dass auf diesem kurzen Stück viel Müll angespült wurde. Für den Barkhauser galt es, drei volle Wagenladungen einzusammeln. Dabei stieß er auch viermal auf Flaschenpost. Eine aus Rinteln hatte die weiteste Strecke zurückgelegt. „Die Quelle dieses Müll-Problems ist also nicht in der Ferne zu suchen, sondern hier bei uns“, schlussfolgert Steinberg. Das stimmt ihn nachdenklich: „Die Hoffnung, dass es woanders besser aussehen könnte, machen die Ergebnisse von Müllsammelaktionen in der Nähe anderer Weserstädte sogleich wieder zunichte.“ Fast genau 450 Kilometer ist die Weser lang, 900 Kilometer messen ihre Ufer. Da entsprechen die drei Wagenladungen gerade mal 0,167 Prozent der zu erwartenden Müllmenge. „Von den wichtigsten Weserzuflüssen, von Werra und Fulda mit 300 beziehungsweise 220 Flusskilometern gar nicht zu reden.“

Aber allen Bedenken, wie erklecklich wenig es doch sei, was ein einzelner in diesem großen Spiel ausrichten könne, und allen Befürchtungen, was die Zukunft bringen möge, „trotzt der Wille, es hier und heute schön zu haben, wenn man sich auf einem sonnigen Wochenendspaziergang, einer Radtour oder einem Dauerlauf auf dem Weserweg an der Natur erfreuen will“. Von vielen Passanten habe Torsten Steinberg lebhaften Zuspruch erfahren, von einigen sogar spontane Unterstützung. Der Entsorger PreZero habe den Müll ohne Berechnung abgenommen.

Allen Unterstützern der guten Sache dankt Torsten Steinberg, „vor allem im Namen unserer Natur. Das macht Mut. Denen, die ihren Müll, und sei es nur ein Bonbonpapier, gedankenlos in die Gegend werfen, sei aber gesagt, wie schön es wäre, wenn sie die leere Verpackung, die doch so viel weniger wiegt als die volle, bis zum nächsten Papierkorb tragen würden.“ Notfalls auch bis nach Hause. „Wenn die Welt morgen unterginge, wäre das natürlich egal. Aber das wird nicht passieren“, sagt Torsten Steinberg. „Ich weiß es zwar nicht, aber ich glaube es. Aufgeben ist keine Option.“

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