Wie die Pandemie Stuntfamilie Lagrin und ihre Monstertrucks ausbremst Doris Christoph Porta Westfalica-Veltheim. Beim Autoquartett dürfte Dominic Lagrin mit seinem Fuhrpark locker gewinnen. Sein größtes Fahrzeug – der Monstertruck „Tsunami“ – hat einen Radstand von fünf Metern, ist 4,10 Meter breit, 4,40 Meter hoch und hat ein Eigengewicht von 4,8 Tonnen. Bei einer fünfminütigen Fahrt verbraucht er bis zu 40 Liter Benzin. Für den Einstieg ins Führerhaus müsste ein Normalo wahrscheinlich eine Leiter benutzen, oder? Schausteller Lagrin lacht, er schafft es über zwei Reifen rauf. „Zur Not haben wir auch einen Gabelstapler.“ „Tsunami“ macht normalerweise vor Publikum Schrottautos platt, fünf bis acht sind es pro Show. Zurzeit halten er und die anderen beiden Monstertrucks in Einzelteile zerlegt aber Winterschlaf in Lagrins neuem Zuhause. Im November ist die Schausteller-Familie von Löhne nach Veltheim gezogen. Auf einem Hof mit rund 7.500 Quadratmeter großem Grundstück warten die Stuntleute, dass sie endlich wieder loslegen können. Corona hat sie lahmgelegt und dafür gesorgt, dass sie überhaupt sesshaft wurden. Normalerweise sind Dominic Lagrin, seine Frau Melanie und die vier Kinder von Ostern bis in den Herbst hinein auf Tour. Mit einem 14-köpfigen Team, 30 Transportern und 300 Tonnen Material fährt „Lagrins Action Sport Team“ von Stadt zu Stadt. Die Stuntshows sind vor allem an den Wochenenden auf sehr großen Parkplätzen von Super- oder Baumärkten zu sehen. Zwei Auftritte pro Tag gibt es, Lagrin wechselt sich mit seinem Sohn – Dominik Lagrin jr. alias DJ Quick – als Moderator und Stuntman ab. Auch in Finnland und Norwegen sind Lagrins schon aufgetreten. All das war vor Corona. In den guten Zeiten hat er sich morgens ins Auto gesetzt, die Märkte mit den großen Parkplätzen abgeklappert und hatte am Ende zehn Zusagen. „Jetzt muss ich eigentlich zuerst aufs Amt und mir die Genehmigung holen und dann einen Platz suchen.“ Es ist kompliziert geworden, die Auflagen sind hoch und die Märkte und Kommunen zurückhaltend – obwohl die Shows unter freiem Himmel stattfinden. Das Team wuchs wegen der vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen auf 38 Leute an, so Lagrin. Oft zum Einsatz kam es vergangenes Jahr nicht. Lediglich fünf Auftritte in Löhne habe es geben. Im Dezember standen Lagrins auf dem Münsteraner Weihnachtsmarkt. In den Wintermonaten bieten sie dort Flammlachs, Stockbrot, Churros oder Grünkohl an. Wie es gelaufen ist? „Bescheiden“, sagt der 50-Jährige. „Wie soll ich den Brasel hier erhalten ohne Kontinuität?“ Die Corona-Hilfen seien schnell aufgebraucht gewesen. „Und hätte ich gewusst, dass sie die jetzt wieder zurückhaben wollen, hätte ich nicht noch einen Kredit genommen“, sagt Lagrin. Um Geld zu sparen, ist der Großteil des Fuhrparks abgemeldet – und die Schausteller sind sesshaft geworden. „Um auf Dauer Miete zu sparen.“ Normalerweise würden sie ja das ganze Jahr über in den Wohnwagen unterwegs sein. Nun sind sie zum Bleiben gezwungen. Weil ihr Stellplatz in Löhne verkauft wurde, haben sie sich umgeschaut und sind am Sprengelweg fündig geworden. Angesichts der schwierigen Situation habe es für den Kredit viele Überredungskünste bei der Bank gebraucht, sagt Lagrin. In Veltheim stehen nun die Show-Fahrzeuge und die sieben Wohnwagen der Familie und eines Mitarbeiters – die neue Bleibe muss noch renoviert werden. Es ist eine Umstellung, auch wenn sich Melanie Lagrin (46) auf ein richtiges Haus freut. Mit den Nachbarn hat man sich schon angenähert. Dominic Lagrin hofft, dass er vielleicht mal im Kieswerk nebenan mit den Trucks fahren darf.Genau wie ihr Mann stammt Melanie Lagrin aus einer Schaustellerfamilie, beide Familien waren im Stuntgeschäft tätig und damit Mitbewerber – „Konkurrenz“ würde man nicht sagen, so Dominic Lagrin. Schon seine Großeltern und Eltern spazierten auf einem Seil Richtung Kirchturm. Später wurde mit dem Motorrad hochgefahren. In den 70er-Jahren kamen Autoshows dazu. „Etwa 1979 habe ich meinen ersten Monstertruck gebaut. Aus einem Unimog, einem V8-Aggregat und vier großen Traktorreifen“, erinnert sich Dominic Lagrin, der ursprünglich aus Heinsberg stammt. In den USA habe es damals einen Hype darum gegeben, wie die Fahrzeuge mit den riesigen Rädern, die von Bob Chandler erfunden wurden, normale Autos platt walzten. Heute gibt es Bausätze mit Leiterrahmen für die Fahrzeuge, die einen Wert von rund 80.000 Euro haben – allein ein Reifen ohne Felge koste 3.500 Euro, berichtet Lagrin. Eine Straßenzulassung haben die Vehikel nicht, sie müssen zerlegt transportiert und vor Ort aufgebaut werden – zusammengebaut hätte der Monstertruck Überbreite, erklärt der Chef.Auch ohne Corona sei es für die Shows schwerer geworden. Es gebe immer weniger Festplätze. Und: „Das Smartphone hat viel kaputt gemacht.“ Früher hätten Plakate gereicht, und der Platz sei voller Zuschauer gewesen. Heute würden die Kinder und Jugendlichen lieber Videos als echte Shows sehen. „Unsere Hauptzuschauer sind mittlerweile Eltern mit Kindern im Vorschulalter oder die in die erste oder zweite Klasse gehen.“ Dabei sind die Kosten pro Auftritt hoch. Allein 400 bis 500 Euro gehen für Benzin drauf.Darum ist Lagrin vor den Shows vor allem aufgeregt, ob und wie viele Leute da sind. Wie er und seine Frau sind auch die drei Töchter (15, 17 und 20) und der Sohn ins Showgeschäft hineingeboren, jedes Familienmitglied hat seine Aufgaben bei den Auftritten. Dominic Lagrin jr. (26) fährt selber Stunts, vor allem mit dem Motorrad. Obwohl er schon diverse Brüche und Organverletzungen erlitten hat, bereits im Koma lag, wolle er nicht aufhören. „Ich wollte es deshalb schon 1.000 Mal an den Nagel hängen“, sagt sein Vater. „Egal wie alt die Kinder sind, es ist die Hölle“, sagt Melanie Lagrin über die Sorge der Eltern, die bei den Stunts immer mitfährt. Der Sohn überredete sie, weiterzumachen. Außerdem ist die nächste Stuntmen-Generation schon am Start. Das Enkelkind, sieben Monate, hat bereits ein entsprechendes Outfit im Schrank hängen, wie dessen Oma verrät.Die zwangsweise freie Zeit hat die Familie genutzt, um die Fahrzeuge zu reparieren und alles vorzubereiten. „Wir warten auf Sonnenstrahlen und hoffen auf die Kommunen“, sagt die 46-Jährige. Erst zwei Städte haben ihr Okay für dieses Jahr gegeben: Löhne und Bielefeld.www.team-lagrin.com

Wie die Pandemie Stuntfamilie Lagrin und ihre Monstertrucks ausbremst

1,60 Meter hoch und 1,10 Meter breit ist der Reifen eines Monstertrucks. Auf seinem Hof in Veltheim lagert Dominic Lagrin das zerlegte Fahrzeug ein – zusammengebaut hätte es beim Transport Überbreite. MT-Foto: Alex Lehn

Porta Westfalica-Veltheim. Beim Autoquartett dürfte Dominic Lagrin mit seinem Fuhrpark locker gewinnen. Sein größtes Fahrzeug – der Monstertruck „Tsunami“ – hat einen Radstand von fünf Metern, ist 4,10 Meter breit, 4,40 Meter hoch und hat ein Eigengewicht von 4,8 Tonnen. Bei einer fünfminütigen Fahrt verbraucht er bis zu 40 Liter Benzin. Für den Einstieg ins Führerhaus müsste ein Normalo wahrscheinlich eine Leiter benutzen, oder? Schausteller Lagrin lacht, er schafft es über zwei Reifen rauf. „Zur Not haben wir auch einen Gabelstapler.“

„Tsunami“ macht normalerweise vor Publikum Schrottautos platt, fünf bis acht sind es pro Show. Zurzeit halten er und die anderen beiden Monstertrucks in Einzelteile zerlegt aber Winterschlaf in Lagrins neuem Zuhause. Im November ist die Schausteller-Familie von Löhne nach Veltheim gezogen. Auf einem Hof mit rund 7.500 Quadratmeter großem Grundstück warten die Stuntleute, dass sie endlich wieder loslegen können. Corona hat sie lahmgelegt und dafür gesorgt, dass sie überhaupt sesshaft wurden.

Normalerweise sind Dominic Lagrin, seine Frau Melanie und die vier Kinder von Ostern bis in den Herbst hinein auf Tour. Mit einem 14-köpfigen Team, 30 Transportern und 300 Tonnen Material fährt „Lagrins Action Sport Team“ von Stadt zu Stadt. Die Stuntshows sind vor allem an den Wochenenden auf sehr großen Parkplätzen von Super- oder Baumärkten zu sehen. Zwei Auftritte pro Tag gibt es, Lagrin wechselt sich mit seinem Sohn – Dominik Lagrin jr. alias DJ Quick – als Moderator und Stuntman ab. Auch in Finnland und Norwegen sind Lagrins schon aufgetreten.

Monstertruck „Tsunami“ macht fünf bis acht Autos pro Stuntshow platt. 

Foto: privat - © privat
Monstertruck „Tsunami“ macht fünf bis acht Autos pro Stuntshow platt.
Foto: privat - © privat


All das war vor Corona. In den guten Zeiten hat er sich morgens ins Auto gesetzt, die Märkte mit den großen Parkplätzen abgeklappert und hatte am Ende zehn Zusagen. „Jetzt muss ich eigentlich zuerst aufs Amt und mir die Genehmigung holen und dann einen Platz suchen.“ Es ist kompliziert geworden, die Auflagen sind hoch und die Märkte und Kommunen zurückhaltend – obwohl die Shows unter freiem Himmel stattfinden. Das Team wuchs wegen der vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen auf 38 Leute an, so Lagrin. Oft zum Einsatz kam es vergangenes Jahr nicht. Lediglich fünf Auftritte in Löhne habe es geben. Im Dezember standen Lagrins auf dem Münsteraner Weihnachtsmarkt. In den Wintermonaten bieten sie dort Flammlachs, Stockbrot, Churros oder Grünkohl an. Wie es gelaufen ist? „Bescheiden“, sagt der 50-Jährige. „Wie soll ich den Brasel hier erhalten ohne Kontinuität?“

Die Corona-Hilfen seien schnell aufgebraucht gewesen. „Und hätte ich gewusst, dass sie die jetzt wieder zurückhaben wollen, hätte ich nicht noch einen Kredit genommen“, sagt Lagrin. Um Geld zu sparen, ist der Großteil des Fuhrparks abgemeldet – und die Schausteller sind sesshaft geworden. „Um auf Dauer Miete zu sparen.“ Normalerweise würden sie ja das ganze Jahr über in den Wohnwagen unterwegs sein. Nun sind sie zum Bleiben gezwungen. Weil ihr Stellplatz in Löhne verkauft wurde, haben sie sich umgeschaut und sind am Sprengelweg fündig geworden. Angesichts der schwierigen Situation habe es für den Kredit viele Überredungskünste bei der Bank gebraucht, sagt Lagrin. In Veltheim stehen nun die Show-Fahrzeuge und die sieben Wohnwagen der Familie und eines Mitarbeiters – die neue Bleibe muss noch renoviert werden. Es ist eine Umstellung, auch wenn sich Melanie Lagrin (46) auf ein richtiges Haus freut. Mit den Nachbarn hat man sich schon angenähert. Dominic Lagrin hofft, dass er vielleicht mal im Kieswerk nebenan mit den Trucks fahren darf.

Genau wie ihr Mann stammt Melanie Lagrin aus einer Schaustellerfamilie, beide Familien waren im Stuntgeschäft tätig und damit Mitbewerber – „Konkurrenz“ würde man nicht sagen, so Dominic Lagrin. Schon seine Großeltern und Eltern spazierten auf einem Seil Richtung Kirchturm. Später wurde mit dem Motorrad hochgefahren. In den 70er-Jahren kamen Autoshows dazu. „Etwa 1979 habe ich meinen ersten Monstertruck gebaut. Aus einem Unimog, einem V8-Aggregat und vier großen Traktorreifen“, erinnert sich Dominic Lagrin, der ursprünglich aus Heinsberg stammt. In den USA habe es damals einen Hype darum gegeben, wie die Fahrzeuge mit den riesigen Rädern, die von Bob Chandler erfunden wurden, normale Autos platt walzten.

1,60 Meter hoch und 1,10 Meter breit ist der Reifen eines Monstertrucks. Auf seinem Hof in Veltheim lagert Dominic Lagrin das zerlegte Fahrzeug ein – zusammengebaut hätte es beim Transport Überbreite. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn
1,60 Meter hoch und 1,10 Meter breit ist der Reifen eines Monstertrucks. Auf seinem Hof in Veltheim lagert Dominic Lagrin das zerlegte Fahrzeug ein – zusammengebaut hätte es beim Transport Überbreite. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn

Heute gibt es Bausätze mit Leiterrahmen für die Fahrzeuge, die einen Wert von rund 80.000 Euro haben – allein ein Reifen ohne Felge koste 3.500 Euro, berichtet Lagrin. Eine Straßenzulassung haben die Vehikel nicht, sie müssen zerlegt transportiert und vor Ort aufgebaut werden – zusammengebaut hätte der Monstertruck Überbreite, erklärt der Chef.

Auch ohne Corona sei es für die Shows schwerer geworden. Es gebe immer weniger Festplätze. Und: „Das Smartphone hat viel kaputt gemacht.“ Früher hätten Plakate gereicht, und der Platz sei voller Zuschauer gewesen. Heute würden die Kinder und Jugendlichen lieber Videos als echte Shows sehen. „Unsere Hauptzuschauer sind mittlerweile Eltern mit Kindern im Vorschulalter oder die in die erste oder zweite Klasse gehen.“ Dabei sind die Kosten pro Auftritt hoch. Allein 400 bis 500 Euro gehen für Benzin drauf.

Darum ist Lagrin vor den Shows vor allem aufgeregt, ob und wie viele Leute da sind. Wie er und seine Frau sind auch die drei Töchter (15, 17 und 20) und der Sohn ins Showgeschäft hineingeboren, jedes Familienmitglied hat seine Aufgaben bei den Auftritten. Dominic Lagrin jr. (26) fährt selber Stunts, vor allem mit dem Motorrad. Obwohl er schon diverse Brüche und Organverletzungen erlitten hat, bereits im Koma lag, wolle er nicht aufhören. „Ich wollte es deshalb schon 1.000 Mal an den Nagel hängen“, sagt sein Vater. „Egal wie alt die Kinder sind, es ist die Hölle“, sagt Melanie Lagrin über die Sorge der Eltern, die bei den Stunts immer mitfährt. Der Sohn überredete sie, weiterzumachen. Außerdem ist die nächste Stuntmen-Generation schon am Start. Das Enkelkind, sieben Monate, hat bereits ein entsprechendes Outfit im Schrank hängen, wie dessen Oma verrät.

Die zwangsweise freie Zeit hat die Familie genutzt, um die Fahrzeuge zu reparieren und alles vorzubereiten. „Wir warten auf Sonnenstrahlen und hoffen auf die Kommunen“, sagt die 46-Jährige. Erst zwei Städte haben ihr Okay für dieses Jahr gegeben: Löhne und Bielefeld.

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