Warten auf das Glück am Dorfrand: Bahnpläne lassen Käufer zurückschrecken Thomas Lieske Porta Westfalica-Kleinenbremen. Eine leichte Brise weht über das Grundstück und macht aus der Grasfläche ein kleines Wellenmeer. An einer Maispflanze mitten auf der Fläche bleibt Angelika Rein (Name von der Redaktion geändert) stehen. Sie hält inne, schließt die Augen, streckt ihre Arme weit aus und genießt die wärmende Septembersonne. Mitten in der Idylle in Portas Süden haben sie und ihr Lebensgefährte ihr Traumgrundstück gefunden. Hier, am Rande von Kleinenbremen und direkt neben einem Naturschutzgebiet, soll ihr Traumhaus entstehen. Doch den alles entscheidenden Termin beim Notar hat das Paar bereits zwei Mal verschoben. Denn die Idylle mit Vogelgezwitscher, Rehen auf dem Feld und der Ruhe vor dem Stadtlärm trügt. Die beiden Mindener wollen gerade das 5.000 Quadratmeter große Grundstück kaufen, da liest Angelika Rein einen Artikel über eine mögliche ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse von Hannover nach Hamm, die mitten durch den Portaner Süden verlaufen könnte. Ein Schock. Den Notartermin sagen die beiden sofort ab. „Wir brauchten erst einmal weitere Informationen“, erzählt die 49-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt ist das Bahn-Milliardenprojekt vor der künftigen eigenen Haustür für sie und ihren Lebensgefährten unvorstellbar. Der Deutschlandtakt: ein Fremdwort. Hier, in der fast noch unberührten Landschaft. Hier würde sie gern alt werden – in einem Bungalow, ebenerdig, angepasst an spätere Bedürfnisse im Alter. Mit Hühnern, vielleicht ein paar Schweinen, erzählt sie. Doch jetzt ist sie sich unsicher, ob sie das Grundstück wirklich kaufen soll. Ein Jahr haben sie gesucht. Jetzt, kurz vor dem Ziel, steht plötzlich alles infrage. „Ich will so eine Hochgeschwindigkeitstrasse nicht hinter meinem Garten“, sagt die Mindenerin. Sie ist fest entschlossen, für ihren Traum zu kämpfen – und gegen eine mögliche Bahntrasse. Zwei Tage zuvor: Angelika Rein sitzt zusammen mit acht weiteren Leuten an einem großen Tisch im Hotel Große Klus in Bückeburg. Darunter: einige Portaner. Sie wollen sich der „Bigtab“ – Bürgerinitiative gegen den trassenfernen Ausbau – anschließen. „Bisher fühle ich mich mit dem Problem allein. Jetzt suche ich die Gemeinschaft, um dagegen etwas zu tun“, erzählt sie in der Runde. Eine andere Frau aus Kleinenbremen ist schockiert „über das Ausmaß der Trasse. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm.“ So geht es wohl vielen möglichen Betroffenen, vermutet Thomas Rippke. Der Vorsitzende und Sprecher der Bigtab ist froh über den neuen Zulauf zur Bürgerinitiative. „Wir rechnen damit, dass die Bahn in den nächsten Wochen einen verbindlichen Planungsauftrag für die Trasse von Hannover nach Hamm bekommt. Dazu zählt auch unsere Region“, erklärt Rippke. Jetzt müsse sich die Bigtab für eine Bürgerbeteiligung rüsten, die Rippke für den kommenden Sommer prognostiziert. „Wir brauchen Experten, Fachwissen und Manpower, um dagegenzuhalten.“ Und je mehr Leute mitmachen, sagt er, „desto besser“. Er weiß, dass sich derzeit Widerstandsgruppen in Kleinenbremen, Veltheim und Eisbergen sammeln. Auch die Portaner am Tisch wollen mitmachen. „Wir brauchen erst einmal einen Schirm, unter dem wir uns sammeln können“, sagt ein Kleinenbremer. Die Bigtab stehe dazu jederzeit bereit, sagt Rippke. Auch in Vlotho hat sich eine Bürgerinitiative unter dem Schirm der „Grünen Liste“ gegründet. Angelika Rein hört aufmerksam zu. Aus dem Gespräch schöpft sie neuen Mut. Jetzt ist sie in der Gemeinschaft, die sie sich gewünscht hat. Nein, eine genaue Trassenführung steht noch nicht fest. Doch aus Sicht der Hochgeschwindigkeits-Gegner bleibt dafür nicht viel Spielraum. Um die vorgegebenen Zeiten des Deutschlandtakts einzuhalten, muss der Zug fast durchgängig 300 km/h fahren – auf der Bestandsstrecke nicht machbar. Eine neue Strecke müsste ziemlich gerade verlaufen – womöglich über Bückeburg nach Lohfeld, Kleinenbremen, Eisbergen und Veltheim und dann weiter nach Vlotho. Für Angelika Rein wirkt das alles so unwirklich. Sie will an ihrem Grundstück festhalten. Sie hat Kraft getankt, um Protest zu zeigen. Die Sonne verschwindet hinter einer Wolke. Angelika Rein öffnet die Augen. Sie ist fest entschlossen, für ihren Traum zu kämpfen. Für ihr Traumgrundstück, und damit die Idylle auch Idylle bleibt.

Warten auf das Glück am Dorfrand: Bahnpläne lassen Käufer zurückschrecken

Dieses gut 5.000 Quadratmeter große Grundstück am Kleinenbremer Dorfrand soll es sein: Hier wollen Angelika Rein und ihr Lebensgefährte ein Haus bauen. Doch die entscheidende Unterschrift beim Notar zögern sie raus: Die Pläne für eine Neubautrasse bereiten ihnen Sorge. © MT-Foto: Thomas Lieske

Porta Westfalica-Kleinenbremen. Eine leichte Brise weht über das Grundstück und macht aus der Grasfläche ein kleines Wellenmeer. An einer Maispflanze mitten auf der Fläche bleibt Angelika Rein (Name von der Redaktion geändert) stehen. Sie hält inne, schließt die Augen, streckt ihre Arme weit aus und genießt die wärmende Septembersonne. Mitten in der Idylle in Portas Süden haben sie und ihr Lebensgefährte ihr Traumgrundstück gefunden. Hier, am Rande von Kleinenbremen und direkt neben einem Naturschutzgebiet, soll ihr Traumhaus entstehen.

Doch den alles entscheidenden Termin beim Notar hat das Paar bereits zwei Mal verschoben. Denn die Idylle mit Vogelgezwitscher, Rehen auf dem Feld und der Ruhe vor dem Stadtlärm trügt. Die beiden Mindener wollen gerade das 5.000 Quadratmeter große Grundstück kaufen, da liest Angelika Rein einen Artikel über eine mögliche ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse von Hannover nach Hamm, die mitten durch den Portaner Süden verlaufen könnte. Ein Schock. Den Notartermin sagen die beiden sofort ab. „Wir brauchten erst einmal weitere Informationen“, erzählt die 49-Jährige.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Bahn-Milliardenprojekt vor der künftigen eigenen Haustür für sie und ihren Lebensgefährten unvorstellbar. Der Deutschlandtakt: ein Fremdwort. Hier, in der fast noch unberührten Landschaft. Hier würde sie gern alt werden – in einem Bungalow, ebenerdig, angepasst an spätere Bedürfnisse im Alter. Mit Hühnern, vielleicht ein paar Schweinen, erzählt sie. Doch jetzt ist sie sich unsicher, ob sie das Grundstück wirklich kaufen soll. Ein Jahr haben sie gesucht. Jetzt, kurz vor dem Ziel, steht plötzlich alles infrage. „Ich will so eine Hochgeschwindigkeitstrasse nicht hinter meinem Garten“, sagt die Mindenerin. Sie ist fest entschlossen, für ihren Traum zu kämpfen – und gegen eine mögliche Bahntrasse.

Zwei Tage zuvor: Angelika Rein sitzt zusammen mit acht weiteren Leuten an einem großen Tisch im Hotel Große Klus in Bückeburg. Darunter: einige Portaner. Sie wollen sich der „Bigtab“ – Bürgerinitiative gegen den trassenfernen Ausbau – anschließen. „Bisher fühle ich mich mit dem Problem allein. Jetzt suche ich die Gemeinschaft, um dagegen etwas zu tun“, erzählt sie in der Runde. Eine andere Frau aus Kleinenbremen ist schockiert „über das Ausmaß der Trasse. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm.“ So geht es wohl vielen möglichen Betroffenen, vermutet Thomas Rippke. Der Vorsitzende und Sprecher der Bigtab ist froh über den neuen Zulauf zur Bürgerinitiative. „Wir rechnen damit, dass die Bahn in den nächsten Wochen einen verbindlichen Planungsauftrag für die Trasse von Hannover nach Hamm bekommt. Dazu zählt auch unsere Region“, erklärt Rippke. Jetzt müsse sich die Bigtab für eine Bürgerbeteiligung rüsten, die Rippke für den kommenden Sommer prognostiziert. „Wir brauchen Experten, Fachwissen und Manpower, um dagegenzuhalten.“ Und je mehr Leute mitmachen, sagt er, „desto besser“.

Er weiß, dass sich derzeit Widerstandsgruppen in Kleinenbremen, Veltheim und Eisbergen sammeln. Auch die Portaner am Tisch wollen mitmachen. „Wir brauchen erst einmal einen Schirm, unter dem wir uns sammeln können“, sagt ein Kleinenbremer. Die Bigtab stehe dazu jederzeit bereit, sagt Rippke. Auch in Vlotho hat sich eine Bürgerinitiative unter dem Schirm der „Grünen Liste“ gegründet.

Angelika Rein hört aufmerksam zu. Aus dem Gespräch schöpft sie neuen Mut. Jetzt ist sie in der Gemeinschaft, die sie sich gewünscht hat. Nein, eine genaue Trassenführung steht noch nicht fest. Doch aus Sicht der Hochgeschwindigkeits-Gegner bleibt dafür nicht viel Spielraum. Um die vorgegebenen Zeiten des Deutschlandtakts einzuhalten, muss der Zug fast durchgängig 300 km/h fahren – auf der Bestandsstrecke nicht machbar. Eine neue Strecke müsste ziemlich gerade verlaufen – womöglich über Bückeburg nach Lohfeld, Kleinenbremen, Eisbergen und Veltheim und dann weiter nach Vlotho.

Für Angelika Rein wirkt das alles so unwirklich. Sie will an ihrem Grundstück festhalten. Sie hat Kraft getankt, um Protest zu zeigen. Die Sonne verschwindet hinter einer Wolke. Angelika Rein öffnet die Augen. Sie ist fest entschlossen, für ihren Traum zu kämpfen. Für ihr Traumgrundstück, und damit die Idylle auch Idylle bleibt.

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