Übernimmt Trägerverein das Bonhoefferhaus in Nammen? Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Nammen/Neesen. In Nammen hat sich eine Initiative gebildet, um das evangelische Gemeindehaus als dörfliche Begegnungsstätte zu erhalten. Der harte Kern der Gruppe „Nammen hält zusammen" besteht aus etwa zehn Personen, von denen einige ihre Ideen am Dienstag, 4. Mai, in einer Sondersitzung des Bezirksausschusses (Beginn um 18 Uhr im Schützenhaus Eisbergen) präsentieren wollen. Sie hoffen auf politische Unterstützung. Ausschussvorsitzender Jörg Achilles (SPD) zeigt Verständnis für die Sorge viele Nammer, dass der Ort einen wichtigen Treffpunkt verlieren könnte, wenn die evangelische Kirchengemeinde Lerbeck das Dietrich-Bonhoeffer-Haus verkaufen sollte. „Das Gemeindehaus liegt zentral und ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Veranstaltungsort." Auch im Hinblick auf die künftige Nutzung gebe es wegen der Parkplätze und Verkehrsflächen Beratungsbedarf, meint Achilles. Die Politiker wollen zudem diskutieren, welche Fördermöglichkeiten es gibt, um das Gebäude in seiner jetzigen Funktion zu erhalten. Eventuell, so der Ausschussvorsitzende, könne man das Dorfinnenentwicklungskonzept (Diek) auf das Bonhoefferhaus ausdehnen. Bekanntlich sind innerhalb des Dieks einige Dorfprojekte wie zum Beispiel das Laurentiuslädchen verwirklicht worden. Friedrich Brandt zählt zu denen, die im Bezirksausschuss ihre Ideen vorstellen wollen. Er ist Sprecher der Initiative, aus der vielleicht ein Trägerverein hervorgeht. Brandt kann sich gut vorstellen, dass – in der Nach-Corona-Zeit – das Bonhoefferhaus mit seinen nahezu 300 Plätzen ein geeigneter Ort für kulturelle Veranstaltungen wird. Events und Nutzungsgebühren sollen am Ende die Gebäudeunterhaltung sicherstellen. Aktuell soll der Betrieb des Bonhoefferhauses inklusive der angerechneten Personalkosten jährlich zwischen 20.000 und 30.000 Euro kosten. Ein künftiger Trägerverein, der viel in Eigenregie erledigt, könnte diesen Betrag wahrscheinlich deutlich senken. Die Leitung der evangelischen Kirchengemeinde Lerbeck, zu der neben Nammen und Neesen auch die Pfarrbezirke Lerbeck und Meißen gehören, findet die örtliche Initiative gut, unterstreicht aber zugleich, dass ein „Weiter so" nicht möglich sei. Pfarrer Thomas Berneburg, Vorsitzender des Presbyteriums erinnert an das Online-Gemeindegespräch im März. „Dort haben wir unsere langfristige Mitgliederentwicklung sowie die aktuelle Situation dargestellt, die uns dazu veranlassen, anzuerkennen, dass wir die Gemeindehäuser in Neesen und Nammen nicht weiter unterhalten und erhalten können." Zu beiden Häusern sei man mit mehreren Interessenten über mögliche Nachnutzungen im Gespräch. Darunter nehme das Gespräch mit einigen Nammer Bürgern einen besonderen Rang ein. „Wir würden es begrüßen, wenn eine solche Nutzung aus dem Ort Nammen heraus möglich wird." Derzeit sei ein weiterer Online-Termin mit der Interessengruppe am 19. Mai vorgesehen. Eine vergleichbare Initiative wie in Nammen gebe es in Neesen bislang nicht, teilt Sonja Ötting mit. Die Vorsitzende des Fördervereins „Lasst die Kirche in Neesen" berichtet von einem „recht großen Sanierungsstau" im Gemeindezentrum an der Friedrichstraße („undichtes Dach, Wasser im Keller mit unklarer Ursache"). Dies mache eine Übernahme durch einen Verein finanziell nahezu unmöglich. Die Beschluss des Presbyteriums, die beiden Gemeindehäuser verkaufen zu wollen, hatte Ende 2020 zu großer Verärgerung in den beiden Orten geführt. Zahlreiche Nammer und Neeser kritisierten in Gesprächen und Briefen das Vorgehen des Presbyteriums. Tenor: Man fühle sich übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Als Argument gegen den Verkauf des Bonhoefferhauses erwähnten Kritiker unter anderem, dass der Bau seinerzeit mit viel Eigenleistung und Spendenbereitschaft zustande gekommen sei. Es gebe daher auch eine moralische Pflicht, das Bonhoefferhaus nicht in fremde Hände zu geben. Die Kirchenleitung entgegnete, dass bereits in einer Gemeindeversammlung 2019 über die sich zuspitzende Finanzlage berichtet worden sei. Das Presbyterium traf dann in einer Klausur Ende September 2020 die Entscheidung, sich von zwei Gemeindehäusern zu trennen. Dies sei unter dem zunehmendem Druck auf den Haushalt durch weiter sinkende Kirchenmitgliederzahlen geschehen (2010 rund 6.800 Mitglieder, Ende 2020 noch knapp 5.100), aber auch aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und unter Berücksichtigung einer Gottesdienstreform, mit der Kräfte gebündelt werden sollen. Mehr als nur Steine Ein Kommentar von Dirk Haunhorst Erst die Kommunen, dann die Kirchen. Viele Städte und Gemeinden haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten aus der Trägerschaft der Dorfgemeinschafts- und Bürgerhäuser zurückgezogen. Längst ist auch für Kirchengemeinden der Immobilienverkauf kein Tabu mehr. Die angespannte finanzielle Lage infolge sinkender Gemeindegliederzahlen spielt dabei eine wesentliche Rolle – wie aktuell in der Kirchengemeinde Lerbeck, die zwei Gebäude in Nammen und Neesen veräußern will. Mit dem Verlust der Gemeindehäuser geht immer auch ein Stück Gemeinschaft verloren. Im schlimmsten Fall gibt es für die Bewohner kleinerer Dörfer gar keinen Treffpunkt mehr. Glücklich können sich jene Orte schätzen, in denen Vereine einspringen und sich um die Häuser kümmern. So hat vor mittlerweile 18 Jahren der Schützenverein Eisbergen von der Stadt die Trägerschaft des Dorfgemeinschaftshauses übernommen. Davon profitiert übrigens aktuell ebenjene „Stadt", die im Schützen- und Bürgerhaus Eisbergen coronakonforme Ausschuss-Sitzungen abhalten kann. Gute aktuelle Beispiele für örtliche Initiativen sind die Übernahme der städtischen Friedhofskapelle in Hausberge durch den Bismarckbund als Pächter oder die Bildung der „Dorfgemeinschaft Holtrup", um den Fortbestand des Dörphuses zu sichern. Dass nun eine Gruppe aus Nammen das Bonhoeffer-Haus der Dorfgemeinschaft erhalten möchte, ist keine große Überraschung. In dem 2.200-Einwohner-Ort gibt es mehrere Aktivposten, die sich vor allem nach Schließung der Grundschule 2014 um die Dorfentwicklung verdient gemacht haben. Noch steht nicht fest, ob beispielsweise ein Trägerverein beim Bonhoeffer-Haus zum Zug kommen wird. Die Diskussion in Nammen um mögliche Übernahmeszenarien dürfte aber mit Sicherheit über die Ortsgrenzen hinaus von Interesse sein. So will auch der Evangelische Kirchenkreis Vlotho, zu dem die Gemeinden in Porta-Süd zählen, die Ausgaben für die Gebäudeunterhaltung senken. „Wir möchten in Zukunft mehr Geld in Menschen investieren als in Steine", hat die neue Superintendentin erklärt. Das dürfte manche aufhorchen lassen – und nachdenklich machen. Denn die Investition in Steine ist ja nie Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den Menschen Raum zu geben.

Übernimmt Trägerverein das Bonhoefferhaus in Nammen?

Das Dietrich-Bonhoeffer-Haus wurde Ende der 1960-er Jahre gebaut. Zahlreiche Nammer packten damals mit an oder spendeten Geld. Das ist ein Grund für die enge Verbundenheit mit dem Haus. MT-Fotos: Dirk Haunhorst © HAunhorst

Porta Westfalica-Nammen/Neesen. In Nammen hat sich eine Initiative gebildet, um das evangelische Gemeindehaus als dörfliche Begegnungsstätte zu erhalten. Der harte Kern der Gruppe „Nammen hält zusammen" besteht aus etwa zehn Personen, von denen einige ihre Ideen am Dienstag, 4. Mai, in einer Sondersitzung des Bezirksausschusses (Beginn um 18 Uhr im Schützenhaus Eisbergen) präsentieren wollen. Sie hoffen auf politische Unterstützung.

Ausschussvorsitzender Jörg Achilles (SPD) zeigt Verständnis für die Sorge viele Nammer, dass der Ort einen wichtigen Treffpunkt verlieren könnte, wenn die evangelische Kirchengemeinde Lerbeck das Dietrich-Bonhoeffer-Haus verkaufen sollte. „Das Gemeindehaus liegt zentral und ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Veranstaltungsort." Auch im Hinblick auf die künftige Nutzung gebe es wegen der Parkplätze und Verkehrsflächen Beratungsbedarf, meint Achilles. Die Politiker wollen zudem diskutieren, welche Fördermöglichkeiten es gibt, um das Gebäude in seiner jetzigen Funktion zu erhalten. Eventuell, so der Ausschussvorsitzende, könne man das Dorfinnenentwicklungskonzept (Diek) auf das Bonhoefferhaus ausdehnen. Bekanntlich sind innerhalb des Dieks einige Dorfprojekte wie zum Beispiel das Laurentiuslädchen verwirklicht worden.

Gemeindezentrum Neesen: Auch von ihrer Immobilie an der Friedrichstraße möchte sich die Kirchengemeinde Lerbeck trennen. - © HAunhorst
Gemeindezentrum Neesen: Auch von ihrer Immobilie an der Friedrichstraße möchte sich die Kirchengemeinde Lerbeck trennen. - © HAunhorst

Friedrich Brandt zählt zu denen, die im Bezirksausschuss ihre Ideen vorstellen wollen. Er ist Sprecher der Initiative, aus der vielleicht ein Trägerverein hervorgeht. Brandt kann sich gut vorstellen, dass – in der Nach-Corona-Zeit – das Bonhoefferhaus mit seinen nahezu 300 Plätzen ein geeigneter Ort für kulturelle Veranstaltungen wird. Events und Nutzungsgebühren sollen am Ende die Gebäudeunterhaltung sicherstellen. Aktuell soll der Betrieb des Bonhoefferhauses inklusive der angerechneten Personalkosten jährlich zwischen 20.000 und 30.000 Euro kosten. Ein künftiger Trägerverein, der viel in Eigenregie erledigt, könnte diesen Betrag wahrscheinlich deutlich senken.

Die Leitung der evangelischen Kirchengemeinde Lerbeck, zu der neben Nammen und Neesen auch die Pfarrbezirke Lerbeck und Meißen gehören, findet die örtliche Initiative gut, unterstreicht aber zugleich, dass ein „Weiter so" nicht möglich sei. Pfarrer Thomas Berneburg, Vorsitzender des Presbyteriums erinnert an das Online-Gemeindegespräch im März. „Dort haben wir unsere langfristige Mitgliederentwicklung sowie die aktuelle Situation dargestellt, die uns dazu veranlassen, anzuerkennen, dass wir die Gemeindehäuser in Neesen und Nammen nicht weiter unterhalten und erhalten können." Zu beiden Häusern sei man mit mehreren Interessenten über mögliche Nachnutzungen im Gespräch. Darunter nehme das Gespräch mit einigen Nammer Bürgern einen besonderen Rang ein. „Wir würden es begrüßen, wenn eine solche Nutzung aus dem Ort Nammen heraus möglich wird." Derzeit sei ein weiterer Online-Termin mit der Interessengruppe am 19. Mai vorgesehen.

Eine vergleichbare Initiative wie in Nammen gebe es in Neesen bislang nicht, teilt Sonja Ötting mit. Die Vorsitzende des Fördervereins „Lasst die Kirche in Neesen" berichtet von einem „recht großen Sanierungsstau" im Gemeindezentrum an der Friedrichstraße („undichtes Dach, Wasser im Keller mit unklarer Ursache"). Dies mache eine Übernahme durch einen Verein finanziell nahezu unmöglich.

Die Beschluss des Presbyteriums, die beiden Gemeindehäuser verkaufen zu wollen, hatte Ende 2020 zu großer Verärgerung in den beiden Orten geführt. Zahlreiche Nammer und Neeser kritisierten in Gesprächen und Briefen das Vorgehen des Presbyteriums. Tenor: Man fühle sich übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Als Argument gegen den Verkauf des Bonhoefferhauses erwähnten Kritiker unter anderem, dass der Bau seinerzeit mit viel Eigenleistung und Spendenbereitschaft zustande gekommen sei. Es gebe daher auch eine moralische Pflicht, das Bonhoefferhaus nicht in fremde Hände zu geben.

Die Kirchenleitung entgegnete, dass bereits in einer Gemeindeversammlung 2019 über die sich zuspitzende Finanzlage berichtet worden sei. Das Presbyterium traf dann in einer Klausur Ende September 2020 die Entscheidung, sich von zwei Gemeindehäusern zu trennen. Dies sei unter dem zunehmendem Druck auf den Haushalt durch weiter sinkende Kirchenmitgliederzahlen geschehen (2010 rund 6.800 Mitglieder, Ende 2020 noch knapp 5.100), aber auch aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und unter Berücksichtigung einer Gottesdienstreform, mit der Kräfte gebündelt werden sollen.

Mehr als nur Steine

Ein Kommentar von Dirk Haunhorst

Erst die Kommunen, dann die Kirchen. Viele Städte und Gemeinden haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten aus der Trägerschaft der Dorfgemeinschafts- und Bürgerhäuser zurückgezogen. Längst ist auch für Kirchengemeinden der Immobilienverkauf kein Tabu mehr. Die angespannte finanzielle Lage infolge sinkender Gemeindegliederzahlen spielt dabei eine wesentliche Rolle – wie aktuell in der Kirchengemeinde Lerbeck, die zwei Gebäude in Nammen und Neesen veräußern will.

Mit dem Verlust der Gemeindehäuser geht immer auch ein Stück Gemeinschaft verloren. Im schlimmsten Fall gibt es für die Bewohner kleinerer Dörfer gar keinen Treffpunkt mehr. Glücklich können sich jene Orte schätzen, in denen Vereine einspringen und sich um die Häuser kümmern. So hat vor mittlerweile 18 Jahren der Schützenverein Eisbergen von der Stadt die Trägerschaft des Dorfgemeinschaftshauses übernommen. Davon profitiert übrigens aktuell ebenjene „Stadt", die im Schützen- und Bürgerhaus Eisbergen coronakonforme Ausschuss-Sitzungen abhalten kann. Gute aktuelle Beispiele für örtliche Initiativen sind die Übernahme der städtischen Friedhofskapelle in Hausberge durch den Bismarckbund als Pächter oder die Bildung der „Dorfgemeinschaft Holtrup", um den Fortbestand des Dörphuses zu sichern.

Dass nun eine Gruppe aus Nammen das Bonhoeffer-Haus der Dorfgemeinschaft erhalten möchte, ist keine große Überraschung. In dem 2.200-Einwohner-Ort gibt es mehrere Aktivposten, die sich vor allem nach Schließung der Grundschule 2014 um die Dorfentwicklung verdient gemacht haben. Noch steht nicht fest, ob beispielsweise ein Trägerverein beim Bonhoeffer-Haus zum Zug kommen wird. Die Diskussion in Nammen um mögliche Übernahmeszenarien dürfte aber mit Sicherheit über die Ortsgrenzen hinaus von Interesse sein. So will auch der Evangelische Kirchenkreis Vlotho, zu dem die Gemeinden in Porta-Süd zählen, die Ausgaben für die Gebäudeunterhaltung senken. „Wir möchten in Zukunft mehr Geld in Menschen investieren als in Steine", hat die neue Superintendentin erklärt. Das dürfte manche aufhorchen lassen – und nachdenklich machen. Denn die Investition in Steine ist ja nie Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den Menschen Raum zu geben.

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