Tief Luft holen: Atemübungen auf dem Jakobsberg Dirk Haunhorst Porta Westfalica. Manche Dinge verlernen Menschen bereits in jungen Jahren. Zum Beispiel richtig zu atmen, obwohl das bei 20.000 Atemzügen pro Tag scheinbar selbstverständlich ist. „Im Kindesalter haben wir noch alle in den Bauch geatmet“, sagt Atemtrainerin Nicole Büsching. Die Qualität des Luftholens flacht dann später ab. Viele atmen nur noch in die Brust, vielleicht weil sie zu viel sitzen und sich wenig bewegen, weil sie unter Druck stehen und sich gestresst fühlen, weil sie Probleme in der Familie haben oder im Beruf. Das alles kann zu Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen und Kreislaufproblemen führen. Zwei Drittel der Erwachsenen hätten ungünstige Atemmuster, sagt Büsching. Sie will andere unterstützen, die verkümmerte Atemmuskulatur wieder aufzubauen. Die heilende Kraft der Atmung habe ihr selbst geholfen, sagt die 40-Jährige. Ungewöhnlich direkt beschreibt sie auf ihrer Homepage (nicole-buesching.de) entscheidende Wendepunkte in ihrem Leben. Diese Preisgabe ihrer ganz persönlichen Geschichte ist wohl mitentscheidend für die Resonanz, die Büsching bekommt. „Es werden Einzeltermine sogar extra aufgrund meiner Offenheit über mich und meinen Werdegang auf meiner Homepage gebucht. Denn dies macht den Teilnehmern Mut und gibt Hoffnung.“ Büsching übt mit ihren Kursteilnehmern an einem der „weltbesten Arbeitsorte“, wie sie sagt: im Wald des Jakobsbergs. Im ersten Teil in der Nähe des Wasserwerks stehen Wahrnehmung, Entspannung und Energiesteigerung im Vordergrund. Dann geht es im zweiten weiter zum Fernsehturm und rauf auf die Aussichtsplattform. „Hier liegt dann der Fokus auf der enorm schnell und einfach eintretenden Steigerung von Leistung und Lungenvolumen, nur durch eine effizientere und optimiertere Atmung“, sagt Büsching. Und das Sauerstoffzelt, unter dem sich skeptische Teilnehmer schon wähnten, sei nach Bewältigung der nahezu 100 Stufen gar nicht notwendig. Thomas Mahr kann das bestätigen. Der Mindener macht häufig beim Atemtraining mit. Er arbeitet im Außendienst, ist viel im Auto unterwegs und oft angespannt. „Das Atemtraining hilft mir, besser runterzukommen“, sagt er. Die Treppenstufen am Fernsehturm bewältige er inzwischen deutlich leichter. Unter anderem helfe dabei die „Lippenbremse“, um die Luft beim Ausatmen langsamer aus dem Körper zu lassen. Selbstverständlich könne man sich auch viele Tipps kostenlos aus dem Internet holen, sagt Mahr. Ihm aber bringe das Luftholen in der Gruppe mehr. „Da kann man sich auch mal über Probleme austauschen und Tipps geben.“ Er selbst leide unter Bluthochdruck. Die Tabletten dagegen habe er inzwischen um die Hälfte verringern können. Mahr führt dies auf die regelmäßigen Atemübungen zurück. Im Ernstfall ersetzt Atemtraining keinen Arzt. Diese Botschaft ist auch Nicole Büsching wichtig. Deshalb gibt es Vorgespräche mit Kursteilnehmern. Gravierende Herz-Kreislauf- oder Lungenprobleme lassen sich nicht einfach wegatmen. Doch könne jeder mithilfe einer gesunden Atemweise seine Gesundheit auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene unterstützen, ist die ausgebildete Arzthelferin überzeugt. Ihr jedenfalls habe neben der Meditation die heilende Kraft der Atmung geholfen, als sie vor zwei Jahren fast am Ende gewesen sei. Büsching beschreibt auf ihrer Homepage schwierige Lebensphasen, angefangen von ihrer Kindheit mit einem alkoholkranken Elternteil. Sie scheibt von der Überforderung als Alleinerziehende, über Branchenwechsel und beruflichen Stress und davon, dass sie innerhalb weniger Jahre ihr komplettes Haupthaar verlor. 2019 zog sie die Reißleine, wurde zertifizierte ganzheitliche Atemtrainerin und schloss weitere Ausbildungen an. „Die Kombination aus Atemtraining, Meditationsleitung, Hormon- und psychoonkologischer Beratung vereint nun endlich meine Herzensthemen auf wunderbare Weise“, steht auf ihrer Homepage. Der Beginn der Selbstständigkeit fiel mit dem Beginn der Coronazeit zusammen – kein einfacher Start, einerseits. Andererseits sei es gerade aufgrund des teilweise stundenlangen Tragens der Mund-Nasen-Masken absolut empfehlenswert, in der maskenfreien Zeit effektiv zu atmen, sagt Büsching. Zudem seien Kurse draußen im Wald auch in Pandemiezeiten ohne Probleme möglich. Eine große Bestätigung für ihre Arbeit erfährt die Holzhauserin beim Blick auf die Teilnehmer. Oft sehe sie vor dem Training skeptische und gestresste Gesichtszüge. Während der Übungen ändere sich das gravierend und die Leute schauten überrascht, fröhlich und entspannt. Bisweilen sei es auch lustig: Vor allem, wenn Fußgänger und Radfahrer beim Anblick der Waldgruppe irritiert guckten. Lachen ist selbstverständlich erwünscht und die sprichwörtlich beste Medizin. Auch wegen der intensiven Atmung.

Tief Luft holen: Atemübungen auf dem Jakobsberg

Nicole Büsching (Mitte) veranstaltet ihre Atemkurse im Wald. Dass Spaziergänger die Übungen manchmal irritiert betrachten, stört nicht weiter, sondern sorgt in der Trainingsgruppe eher für Belustigung. Bei schlechtem Wetter nutzt Büsching Räume des Portaris Reha-Sportvereins in Hausberge (Schalksburgstraße 4). Foto: privat © privat

Porta Westfalica. Manche Dinge verlernen Menschen bereits in jungen Jahren. Zum Beispiel richtig zu atmen, obwohl das bei 20.000 Atemzügen pro Tag scheinbar selbstverständlich ist. „Im Kindesalter haben wir noch alle in den Bauch geatmet“, sagt Atemtrainerin Nicole Büsching. Die Qualität des Luftholens flacht dann später ab. Viele atmen nur noch in die Brust, vielleicht weil sie zu viel sitzen und sich wenig bewegen, weil sie unter Druck stehen und sich gestresst fühlen, weil sie Probleme in der Familie haben oder im Beruf. Das alles kann zu Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen und Kreislaufproblemen führen.

Zwei Drittel der Erwachsenen hätten ungünstige Atemmuster, sagt Büsching. Sie will andere unterstützen, die verkümmerte Atemmuskulatur wieder aufzubauen. Die heilende Kraft der Atmung habe ihr selbst geholfen, sagt die 40-Jährige. Ungewöhnlich direkt beschreibt sie auf ihrer Homepage (nicole-buesching.de) entscheidende Wendepunkte in ihrem Leben. Diese Preisgabe ihrer ganz persönlichen Geschichte ist wohl mitentscheidend für die Resonanz, die Büsching bekommt. „Es werden Einzeltermine sogar extra aufgrund meiner Offenheit über mich und meinen Werdegang auf meiner Homepage gebucht. Denn dies macht den Teilnehmern Mut und gibt Hoffnung.“

Büsching übt mit ihren Kursteilnehmern an einem der „weltbesten Arbeitsorte“, wie sie sagt: im Wald des Jakobsbergs. Im ersten Teil in der Nähe des Wasserwerks stehen Wahrnehmung, Entspannung und Energiesteigerung im Vordergrund. Dann geht es im zweiten weiter zum Fernsehturm und rauf auf die Aussichtsplattform. „Hier liegt dann der Fokus auf der enorm schnell und einfach eintretenden Steigerung von Leistung und Lungenvolumen, nur durch eine effizientere und optimiertere Atmung“, sagt Büsching. Und das Sauerstoffzelt, unter dem sich skeptische Teilnehmer schon wähnten, sei nach Bewältigung der nahezu 100 Stufen gar nicht notwendig.


Thomas Mahr kann das bestätigen. Der Mindener macht häufig beim Atemtraining mit. Er arbeitet im Außendienst, ist viel im Auto unterwegs und oft angespannt. „Das Atemtraining hilft mir, besser runterzukommen“, sagt er. Die Treppenstufen am Fernsehturm bewältige er inzwischen deutlich leichter. Unter anderem helfe dabei die „Lippenbremse“, um die Luft beim Ausatmen langsamer aus dem Körper zu lassen. Selbstverständlich könne man sich auch viele Tipps kostenlos aus dem Internet holen, sagt Mahr. Ihm aber bringe das Luftholen in der Gruppe mehr. „Da kann man sich auch mal über Probleme austauschen und Tipps geben.“ Er selbst leide unter Bluthochdruck. Die Tabletten dagegen habe er inzwischen um die Hälfte verringern können. Mahr führt dies auf die regelmäßigen Atemübungen zurück.

Im Ernstfall ersetzt Atemtraining keinen Arzt. Diese Botschaft ist auch Nicole Büsching wichtig. Deshalb gibt es Vorgespräche mit Kursteilnehmern. Gravierende Herz-Kreislauf- oder Lungenprobleme lassen sich nicht einfach wegatmen. Doch könne jeder mithilfe einer gesunden Atemweise seine Gesundheit auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene unterstützen, ist die ausgebildete Arzthelferin überzeugt. Ihr jedenfalls habe neben der Meditation die heilende Kraft der Atmung geholfen, als sie vor zwei Jahren fast am Ende gewesen sei. Büsching beschreibt auf ihrer Homepage schwierige Lebensphasen, angefangen von ihrer Kindheit mit einem alkoholkranken Elternteil. Sie scheibt von der Überforderung als Alleinerziehende, über Branchenwechsel und beruflichen Stress und davon, dass sie innerhalb weniger Jahre ihr komplettes Haupthaar verlor.

2019 zog sie die Reißleine, wurde zertifizierte ganzheitliche Atemtrainerin und schloss weitere Ausbildungen an. „Die Kombination aus Atemtraining, Meditationsleitung, Hormon- und psychoonkologischer Beratung vereint nun endlich meine Herzensthemen auf wunderbare Weise“, steht auf ihrer Homepage.

Der Beginn der Selbstständigkeit fiel mit dem Beginn der Coronazeit zusammen – kein einfacher Start, einerseits. Andererseits sei es gerade aufgrund des teilweise stundenlangen Tragens der Mund-Nasen-Masken absolut empfehlenswert, in der maskenfreien Zeit effektiv zu atmen, sagt Büsching. Zudem seien Kurse draußen im Wald auch in Pandemiezeiten ohne Probleme möglich.

Eine große Bestätigung für ihre Arbeit erfährt die Holzhauserin beim Blick auf die Teilnehmer. Oft sehe sie vor dem Training skeptische und gestresste Gesichtszüge. Während der Übungen ändere sich das gravierend und die Leute schauten überrascht, fröhlich und entspannt. Bisweilen sei es auch lustig: Vor allem, wenn Fußgänger und Radfahrer beim Anblick der Waldgruppe irritiert guckten. Lachen ist selbstverständlich erwünscht und die sprichwörtlich beste Medizin. Auch wegen der intensiven Atmung.

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