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Tarnname Elritze: Was eine Geheim-Akte über das Leben von Zwangsarbeitern in Porta offenbart Porta Westfalica (mt/dh). Mit einem „Geheimprojekt im Berg“ eröffnete die KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica ihre diesjährige Vortragsreihe im Bürgerhaus. Referent Antonius Schanderwitz vermied es, lange um dieses „Geheimnis“ herumzureden und klärte die Vortragsgäste rasch auf: „Elritze“: Geheimprojekt im Berg“ lautete die Überschrift eines Zeitungsartikels, der 2017 im Mindener Tageblatt erschien. Der Bericht drehte sich um den mangelhaften Kenntnisstand zur Untertageverlagerung Elritze. „Zumindest was die Zwangsarbeit in diesem Komplex betrifft, kann ich heute diesen Kenntnisstand etwas verbessern“,sagte der Referent. Wie der Gedenkstättenverein berichtet, ist Schanderwitz Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne. Er beschäftigt sich in der Gedenkstätte vor allen Dingen mit dem Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen. „Ihre Geschichte ist im Vergleich zur Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen noch völlig unzureichend erforscht.“ Akte wurde zur Verfügung gestellt Auch in seiner 2022 fertiggestellten Masterarbeit widmete er sich eingehend mit dieser speziellen Gruppe. Basis seiner Forschungen und des Vortrages war eine Akte der Wehrmacht, die die Gedenkstätte Stalag 326 vom Polnischen Zentralmuseum für Kriegsgefangene in Opole zur Verfügung gestellt bekommen hat. Darin wird die Flucht von 24 polnischen Kriegsgefangenen, die Ermittlung der Fluchtursachen und der Verantwortung für die durch Fehlverhalten begünstigte Flucht in Kleinenbremen zwischen Weihnachten und Silvester 1944 untersucht. Diese Akte war für Schanderwitz ein Glücksfund: „Aus den Dokumenten, Protokollen und Vernehmungen sowohl der Wachleute wie auch der wieder ergriffenen Kriegsgefangenen ergibt sich für die Forschung zum ersten Mal ein exemplarischer Einblick in die Lebensrealität der polnischen Kriegsgefangenen, nicht nur in der Region, sondern überhaupt.“ In Kleinenbremen mussten die Kriegsgefangenen des Lagers Stalag 326 (VI K) die Vorbereitungsarbeiten für die Untertageverlagerung von Rüstungsproduktionen in die Stollenanlagen der Grube Wohlverwahrt, dem heutigen Besucherbergwerk und Museum Kleinenbremen, leisten. Diese Projekte trugen die Tarnnamen Elritze I-IV. Als größter Nutzer der über 40.000 Quadratmeter großen Flächen war der Flugzeughersteller Focke-Wulf vorgesehen. Untergebracht waren die Kriegsgefangenen in Lagern in Fülme und Nammen, die beide dem Hauptlager in der Senne unterstanden. Die Lager existierten gleichzeitig mit den drei KZ-Außenlagern in Barkhausen, Neesen/Lerbeck und Hausberge, die im Gegensatz zu den Kriegsgefangenenlagern aber von der SS verwaltet wurden. Vergleich mit KZ-Häftlingen „Ein Vergleich der Lebenssituationen der Kriegsgefangenen und der KZ-Häftlinge bietet sich nicht nur wegen der zeitlichen, sondern auch wegen der räumlichen Nähe an“, so Schanderwitz, „die Unterschiede sind aber relativ schnell auszumachen. Auch die Kriegsgefangenen wurden schlecht mit Lebensmitteln versorgt, allerdings nicht so schlecht wie die Häftlinge in den KZ-Außenlagern.“ Andererseits scheine der Einsatz von Gewalt und Misshandlungen, der im KZ-Komplex zum Alltag gehörte, in den Kriegsgefangenenkommandos in Nammen und Fülme kein größeres Thema gewesen zu sein. „Es gibt keinerlei Informationen über Todesopfer in diesen beiden Lagern.“ An den gut 90-minütigen Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Thomas Lange, Geschäftsführer der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, zeigte sich sehr zufrieden mit der Veranstaltung: „Die Forschung von Antonius Schanderwitz ist ein weiterer Baustein für das Verständnis des Zusammenwirkens von Wehrmacht, Rüstungsindustrie und NS-Ideologie rund um die Porta Westfalica.“ Das große Interesse an dem Thema beweise nicht nur der gute Besuch heute, sondern auch der Zuspruch, den wir insgesamt für unsere Arbeit erfahren. Umso wichtiger sei es, die Gedenkstättenarbeit als dauerhaftes Element der Stadtkultur und des Bildungstourismus zu stärken. Kooperation zwischen Verein und Bergwerk Bekräftigt wurde dieser Aspekt auch von Dietmar Lehmann, dem kommissarischen Geschäftsführer des Besucherbergwerks und Museums Kleinenbremen und Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K). Im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte wollen sie die NS-Geschichte des Bergwerks in Kleinenbremen und den Themenkomplex der Zwangsarbeit rund um die Untertageverlagerung Elritze in Zukunft noch besser erforschen.
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Tarnname Elritze: Was eine Geheim-Akte über das Leben von Zwangsarbeitern in Porta offenbart

Beschäftigt sich vor allem mit dem Schicksal polnischer Kriegsgefangener: Antonius Schanderwitz. Foto: privat

Porta Westfalica (mt/dh). Mit einem „Geheimprojekt im Berg“ eröffnete die KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica ihre diesjährige Vortragsreihe im Bürgerhaus. Referent Antonius Schanderwitz vermied es, lange um dieses „Geheimnis“ herumzureden und klärte die Vortragsgäste rasch auf: „Elritze“: Geheimprojekt im Berg“ lautete die Überschrift eines Zeitungsartikels, der 2017 im Mindener Tageblatt erschien. Der Bericht drehte sich um den mangelhaften Kenntnisstand zur Untertageverlagerung Elritze. „Zumindest was die Zwangsarbeit in diesem Komplex betrifft, kann ich heute diesen Kenntnisstand etwas verbessern“,sagte der Referent.

Wie der Gedenkstättenverein berichtet, ist Schanderwitz Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne. Er beschäftigt sich in der Gedenkstätte vor allen Dingen mit dem Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen. „Ihre Geschichte ist im Vergleich zur Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen noch völlig unzureichend erforscht.“

Akte wurde zur Verfügung gestellt

Auch in seiner 2022 fertiggestellten Masterarbeit widmete er sich eingehend mit dieser speziellen Gruppe. Basis seiner Forschungen und des Vortrages war eine Akte der Wehrmacht, die die Gedenkstätte Stalag 326 vom Polnischen Zentralmuseum für Kriegsgefangene in Opole zur Verfügung gestellt bekommen hat. Darin wird die Flucht von 24 polnischen Kriegsgefangenen, die Ermittlung der Fluchtursachen und der Verantwortung für die durch Fehlverhalten begünstigte Flucht in Kleinenbremen zwischen Weihnachten und Silvester 1944 untersucht.

Benjamin Piel

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Jeden Donnerstag von unserem Chefredakteur Benjamin Piel

Diese Akte war für Schanderwitz ein Glücksfund: „Aus den Dokumenten, Protokollen und Vernehmungen sowohl der Wachleute wie auch der wieder ergriffenen Kriegsgefangenen ergibt sich für die Forschung zum ersten Mal ein exemplarischer Einblick in die Lebensrealität der polnischen Kriegsgefangenen, nicht nur in der Region, sondern überhaupt.“

In Kleinenbremen mussten die Kriegsgefangenen des Lagers Stalag 326 (VI K) die Vorbereitungsarbeiten für die Untertageverlagerung von Rüstungsproduktionen in die Stollenanlagen der Grube Wohlverwahrt, dem heutigen Besucherbergwerk und Museum Kleinenbremen, leisten. Diese Projekte trugen die Tarnnamen Elritze I-IV. Als größter Nutzer der über 40.000 Quadratmeter großen Flächen war der Flugzeughersteller Focke-Wulf vorgesehen. Untergebracht waren die Kriegsgefangenen in Lagern in Fülme und Nammen, die beide dem Hauptlager in der Senne unterstanden. Die Lager existierten gleichzeitig mit den drei KZ-Außenlagern in Barkhausen, Neesen/Lerbeck und Hausberge, die im Gegensatz zu den Kriegsgefangenenlagern aber von der SS verwaltet wurden.

Vergleich mit KZ-Häftlingen

„Ein Vergleich der Lebenssituationen der Kriegsgefangenen und der KZ-Häftlinge bietet sich nicht nur wegen der zeitlichen, sondern auch wegen der räumlichen Nähe an“, so Schanderwitz, „die Unterschiede sind aber relativ schnell auszumachen. Auch die Kriegsgefangenen wurden schlecht mit Lebensmitteln versorgt, allerdings nicht so schlecht wie die Häftlinge in den KZ-Außenlagern.“ Andererseits scheine der Einsatz von Gewalt und Misshandlungen, der im KZ-Komplex zum Alltag gehörte, in den Kriegsgefangenenkommandos in Nammen und Fülme kein größeres Thema gewesen zu sein. „Es gibt keinerlei Informationen über Todesopfer in diesen beiden Lagern.“

An den gut 90-minütigen Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Thomas Lange, Geschäftsführer der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, zeigte sich sehr zufrieden mit der Veranstaltung: „Die Forschung von Antonius Schanderwitz ist ein weiterer Baustein für das Verständnis des Zusammenwirkens von Wehrmacht, Rüstungsindustrie und NS-Ideologie rund um die Porta Westfalica.“ Das große Interesse an dem Thema beweise nicht nur der gute Besuch heute, sondern auch der Zuspruch, den wir insgesamt für unsere Arbeit erfahren. Umso wichtiger sei es, die Gedenkstättenarbeit als dauerhaftes Element der Stadtkultur und des Bildungstourismus zu stärken.

Kooperation zwischen Verein und Bergwerk

Bekräftigt wurde dieser Aspekt auch von Dietmar Lehmann, dem kommissarischen Geschäftsführer des Besucherbergwerks und Museums Kleinenbremen und Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K). Im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte wollen sie die NS-Geschichte des Bergwerks in Kleinenbremen und den Themenkomplex der Zwangsarbeit rund um die Untertageverlagerung Elritze in Zukunft noch besser erforschen.

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