Wie im Krimi: Raubgräber bringt vor über 30 Jahren gestohlene Urne zurück Vasco Stemmer Porta Westfalica-Costedt. Die Geschichte ist kurios und wirkt wie aus einem Krimi: Ein Reue zeigender Raubgräber gibt seine archäologisch wertvolle Beute zurück – und das mehr als 30 Jahre nachdem er die etwa 1.800 Jahre alte Urne von einer Ausgrabungsstelle in Costedt entwendet hatte. Das freut nicht nur die Ehrenamtlichen von der Gesellschaft zur Förderung der Bodendenkmalpflege im Kreis Minden-Lübbecke (GeFBdML), bei denen das Diebesgut abgegeben wurde. Auch der Ortsheimatpfleger von Costedt, Ulrich Dörjes, und die Archäologen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sind froh darüber, dass der Raubgräber nach so vielen Jahren offenbar ein Einsehen hatte. Vor einigen Tagen erreicht Friedhelm Raute von der GeFBdML ein seltsames Paket, das einer Unbekannter über Nacht vor seiner Haustür deponiert hatte. Als Raute die Box öffnet, findet er ein altes, beschädigtes Tongefäß und einen Briefumschlag. „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit überlasse ich Ihnen die Urne aus Costedt, die ich den 1980er-Jahren auf dem Gelände des Guts Rothenhoff ausgegraben habe. Dies war nicht richtig und ich entschuldige mich hiermit aufrichtig. Bitte kümmern Sie sich um das gute Stück. Vielen Dank und Grüße, ein Anonymer“, so lautet die Nachricht, die der Raubgräber hinterlassen hat. Dass das Paket an Raute ging, ist kein Zufall. Der Diplom-Ingenieur ist der Vorsitzende der GeFBdML und seine Privatanschrift ist mit der Adresse des Vereins – der in Sachen Archäologie im Mühlenkreis sehr aktiv ist – identisch. „Erstmal war ich natürlich sehr überrascht und habe mich über das Paket gewundert“, erklärt der Vorsitzende auf MT-Anfrage. Doch als er das Tongefäß in Augenschein nimmt, wird ihm klar, dass sich hier niemand einen Scherz erlaubt hat. Er gibt das Stück an seinen Vereinskollegen Daniel Bake weiter. Der kennt sich in dem Gebiet um Costedt gut aus und verfügt über die entsprechende Literatur, um den Sachverhalt genauer recherchieren zu können. „Unser Verein arbeitet seit 2020 an einem Projekt zur Erforschung der ur- und frühgeschichtlichen Besiedlung von Porta Westfalica-Costedt“, heißt es vom Verein. Bereits 2018 seien die Mitglieder auf das Gebiet aufmerksam geworden. Ausschlaggebend dafür sei ein 1932 entdecktes und 1989 vom Westfälischen Museum für Archäologie ausgegrabenes Gräberfeld aus der jüngeren römischen Kaiserzeit gewesen. Bei der Grabung, die unter der Leitung von Dr. Werner Best im Sommer 1989 stattfand, wurden unter anderem 43 Kaiserzeitliche Gräber entdeckt – darunter die später gestohlene und jetzt wieder aufgetauchte Urne. Den Diebstahl bemerkten die Archäologen bereits während der Ausgrabung. In der Veröffentlichung „Das Gräberfeld der jüngeren Kaiserzeit von Costedt, Bodenaltertümer Westfalens, Band 32“, von Dr. Frank Siegmund ist das dokumentiert. Und auch im Grabungstagebuch wird auf die Tat eingegangen: „Durch den Negativabdruck in der Grube F 17 ist eine gewisse Aussage zu machen, wie die Urne ausgesehen hat. Die Urne hat einen breiten, nach außen biegenden Rand, gut 1 cm breit, einen steil abfallenden Hals, etwa so wie die Uslar-II-Urnen, dann aber ein gewölbtes Unterteil.“ Die Beschreibung passt auf das Stück aus dem anonymen Paket. Auch der Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen, Dr. Sven Spiong, ist überzeugt, dass die Urne aus Costedt stammt. „Das ist wirklich ein Glücksfall. Ich freue mich natürlich immer über so etwas“, erklärt Spiong. Zwar komme es öfter vor, dass unrechtmäßig erworbene Artefakte zurückgegeben werden. Doch nur selten ließen diese Rückschlüsse auf den Fundort zu. Bereits 2015 wurde bei einer Grabung in Porta Diebesgut vor dem Bauwagen deponiert. Die Herkunft der Stücke zu ermitteln sei damals nicht möglich gewesen. Einen Wermutstropfen gibt es für Spiong allerdings dennoch: Das Gefäß wurde offenbar gereinigt. „Normalerweise wäre Leichenbrand in der Urne gewesen“, erklärt der Archäologe. Durch die verbrannten Überreste hätten weitere Erkenntnisse gewonnen werden können. Zum Beispiel über das Geschlecht der bestatteten Person. Das Vorgehen der GeFBdML-Mitglieder lobt Spiong ausdrücklich: „Die Fundmeldung durch die Gesellschaft ist sehr gut gelaufen.“ Ortsheimatpfleger Ulrich Dörjes freut sich über die Rückgabe der Urne. Er selbst hatte 1989 bei der Grabung zugeschaut. Allerdings bezweifelt er, dass der Täter sich noch korrekt an den Ausgrabungsort erinnert: „Das ist nicht auf dem Gut gewesen, sondern auf dem Hof Maschmeier, genannt der Witte.“ Und was passiert jetzt mit dem Fundstück? Die GeFBdML würde die Urne gerne in Costedt ausstellen – nach der wissenschaftlichen Erfassung durch den LWL.

Wie im Krimi: Raubgräber bringt vor über 30 Jahren gestohlene Urne zurück

Diese etwa 1.800 Jahre alte Urne wurde bei Friedhelm Raute abgegeben. Das Stück wurde 1989 bei einer Ausgrabung in Costedt gefunden – und dann von einem unbekannten entwendet. Foto: ©D.Bake/GeFBdML e.V. © Bake

Porta Westfalica-Costedt. Die Geschichte ist kurios und wirkt wie aus einem Krimi: Ein Reue zeigender Raubgräber gibt seine archäologisch wertvolle Beute zurück – und das mehr als 30 Jahre nachdem er die etwa 1.800 Jahre alte Urne von einer Ausgrabungsstelle in Costedt entwendet hatte. Das freut nicht nur die Ehrenamtlichen von der Gesellschaft zur Förderung der Bodendenkmalpflege im Kreis Minden-Lübbecke (GeFBdML), bei denen das Diebesgut abgegeben wurde. Auch der Ortsheimatpfleger von Costedt, Ulrich Dörjes, und die Archäologen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sind froh darüber, dass der Raubgräber nach so vielen Jahren offenbar ein Einsehen hatte.

Vor einigen Tagen erreicht Friedhelm Raute von der GeFBdML ein seltsames Paket, das einer Unbekannter über Nacht vor seiner Haustür deponiert hatte. Als Raute die Box öffnet, findet er ein altes, beschädigtes Tongefäß und einen Briefumschlag. „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit überlasse ich Ihnen die Urne aus Costedt, die ich den 1980er-Jahren auf dem Gelände des Guts Rothenhoff ausgegraben habe. Dies war nicht richtig und ich entschuldige mich hiermit aufrichtig. Bitte kümmern Sie sich um das gute Stück. Vielen Dank und Grüße, ein Anonymer“, so lautet die Nachricht, die der Raubgräber hinterlassen hat.

Dass das Paket an Raute ging, ist kein Zufall. Der Diplom-Ingenieur ist der Vorsitzende der GeFBdML und seine Privatanschrift ist mit der Adresse des Vereins – der in Sachen Archäologie im Mühlenkreis sehr aktiv ist – identisch.

„Erstmal war ich natürlich sehr überrascht und habe mich über das Paket gewundert“, erklärt der Vorsitzende auf MT-Anfrage. Doch als er das Tongefäß in Augenschein nimmt, wird ihm klar, dass sich hier niemand einen Scherz erlaubt hat. Er gibt das Stück an seinen Vereinskollegen Daniel Bake weiter. Der kennt sich in dem Gebiet um Costedt gut aus und verfügt über die entsprechende Literatur, um den Sachverhalt genauer recherchieren zu können.

„Unser Verein arbeitet seit 2020 an einem Projekt zur Erforschung der ur- und frühgeschichtlichen Besiedlung von Porta Westfalica-Costedt“, heißt es vom Verein. Bereits 2018 seien die Mitglieder auf das Gebiet aufmerksam geworden. Ausschlaggebend dafür sei ein 1932 entdecktes und 1989 vom Westfälischen Museum für Archäologie ausgegrabenes Gräberfeld aus der jüngeren römischen Kaiserzeit gewesen.

Bei der Grabung, die unter der Leitung von Dr. Werner Best im Sommer 1989 stattfand, wurden unter anderem 43 Kaiserzeitliche Gräber entdeckt – darunter die später gestohlene und jetzt wieder aufgetauchte Urne.

Den Diebstahl bemerkten die Archäologen bereits während der Ausgrabung. In der Veröffentlichung „Das Gräberfeld der jüngeren Kaiserzeit von Costedt, Bodenaltertümer Westfalens, Band 32“, von Dr. Frank Siegmund ist das dokumentiert. Und auch im Grabungstagebuch wird auf die Tat eingegangen: „Durch den Negativabdruck in der Grube F 17 ist eine gewisse Aussage zu machen, wie die Urne ausgesehen hat. Die Urne hat einen breiten, nach außen biegenden Rand, gut 1 cm breit, einen steil abfallenden Hals, etwa so wie die Uslar-II-Urnen, dann aber ein gewölbtes Unterteil.“ Die Beschreibung passt auf das Stück aus dem anonymen Paket.

Auch der Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen, Dr. Sven Spiong, ist überzeugt, dass die Urne aus Costedt stammt. „Das ist wirklich ein Glücksfall. Ich freue mich natürlich immer über so etwas“, erklärt Spiong. Zwar komme es öfter vor, dass unrechtmäßig erworbene Artefakte zurückgegeben werden. Doch nur selten ließen diese Rückschlüsse auf den Fundort zu. Bereits 2015 wurde bei einer Grabung in Porta Diebesgut vor dem Bauwagen deponiert. Die Herkunft der Stücke zu ermitteln sei damals nicht möglich gewesen.

Einen Wermutstropfen gibt es für Spiong allerdings dennoch: Das Gefäß wurde offenbar gereinigt. „Normalerweise wäre Leichenbrand in der Urne gewesen“, erklärt der Archäologe. Durch die verbrannten Überreste hätten weitere Erkenntnisse gewonnen werden können. Zum Beispiel über das Geschlecht der bestatteten Person. Das Vorgehen der GeFBdML-Mitglieder lobt Spiong ausdrücklich: „Die Fundmeldung durch die Gesellschaft ist sehr gut gelaufen.“

Ortsheimatpfleger Ulrich Dörjes freut sich über die Rückgabe der Urne. Er selbst hatte 1989 bei der Grabung zugeschaut. Allerdings bezweifelt er, dass der Täter sich noch korrekt an den Ausgrabungsort erinnert: „Das ist nicht auf dem Gut gewesen, sondern auf dem Hof Maschmeier, genannt der Witte.“

Und was passiert jetzt mit dem Fundstück? Die GeFBdML würde die Urne gerne in Costedt ausstellen – nach der wissenschaftlichen Erfassung durch den LWL.

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