Schmerzvolles Wiedersehen im Klinikum Barkhauser Ehepaar erlebt einen dramatischen Freitagnachmittag / "Mein Mann und ich haben Schutzengel" Von Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Barkhausen (mt). Freitagnachmittag in Barkhausen, Lannertstraße: Ein Ehepaar verabschiedet sich für eine gute Stunde voneinander, die Frau will mit dem Fahrrad zur Gymnastik, der Mann den Rasen mähen. Nichts Aufregendes, eigentlich. Anderthalb Stunden später sehen sich beide wieder: als Patienten in der Notaufnahme des Klinikums. "Mein Mann und ich haben Schutzengel gehabt", sagt Cornelia Müller-Dieker. Sie sitzt am Esszimmertisch und bittet den Besucher, die Wasserflasche zu öffnen. Ihr rechter Arm ist kaum belastbar, seit dem Fahrradunfall muss der linke viele Aufgaben mit übernehmen. Ob die rechte Seite wieder hundertprozentig funktionieren wird, weiß Cornelia Müller-Dieker nicht.Dreieinhalb Wochen sind seit dem Unfall vergangen. Müller-Dieker und ihr Ehemann Thomas Müller wollten zunächst keine Zeitungsgeschichte, obwohl einer ihrer beiden Söhne nach dem ersten Schock meinte, sie könnten sich damit sogar bei Günther Jauch melden. Als sie dann doch einwilligten, gab es für den Berichterstatter Vorgaben - freundlich, aber bestimmt. So kennt man Cornelia Müller-Dieker als FDP-Fraktionschefin, und daher kann man die klare Ansage auch als Zeichen der Genesung deuten. "Schreiben Sie bloß keine Herz-Schmerz-Geschichte", lautet eine Bedingung. Das Entscheidende aber: "Erwähnt werden muss, wie wichtig ein Fahrradhelm ist."Wespenattacke beim RasenmähenMüller-Dieker trägt seit März einen Helm beim Radeln. Einer der Söhne habe ihr dazu geraten, weil sie doch immer so flott unterwegs sei. "Eine Hasardeurin bin ich aber nicht. Ich bilde mir ein, eine umsichtige Radfahrerin zu sein." Seit 55 Jahren fährt sie Rad, nie ist etwas passiert. Bis zum 29. Juli.An jenem letzten Freitag im Juli fährt sie nach Hausberge zur Krankengymnastik. Kurz nach halb fünf macht sie sich auf den Rückweg, will von der Hoppenstraße nach rechts auf die Hauptstraße biegen, nimmt leichtsinnig den schmalen Weg zwischen Fußgängerampel und Jägerzaun, bleibt mit dem Lenker am Ampelknopf hängen und stürzt in den Zaun. "Ohne Helm hätte ich wohl eine Schädelfraktur erlitten" sagt Müller-Dieker und zeigt auf die Unfallspuren an ihrem Kopfschutz.Schultergelenk und Oberarm fehlen solche Sicherheitspolster, die Verletzungen sind gravierend. Proximale Oberarmluxationsfraktur wird später die Diagnose lauten, die Operation zweieinhalb Stunden dauern.Cornelia Müller-Dieker liegt mit zerschmettertem Oberarmkopf und ausgekugelter Schulter auf dem Bürgersteig, hat höllische Schmerzen. Ihr Therapeut, der sie auch ins Krankenhaus bringen wird, hat von der Praxis aus den Unfall gesehen, leistet Erste Hilfe, legt den Arm in eine Schlinge. Da klingelt Müller-Diekers Handy. Unter Schock nimmt sie den Anruf entgegen, am anderen Ende spricht ihre Nachbarin. "Cornelia, kannst du schnell nach Hause kommen? Wir haben Thomas ins Krankenhaus gebracht." Die Antwort haut die Nachbarin fast um: "Ich kann nicht, ich habe einen Unfall gehabt."Zwei Wespen haben Thomas Müller beim Rasenmähen erwischt. Die beiden Stiche behandelt er mit Zwiebel und einem Insektenmittel. Dann wird ihm "komisch", erstes Anzeichen für einen allergischen Schock. Zum Glück gibt es Nachbarn, die haben ein Gegenmittel im Haus. Dennoch schwillt der Hals an, Thomas Müller kollabiert, der Notarzt kommt und Müller ins Klinikum.In der Notaufnahme erblickt ihn seine Frau. "Er lag da in seiner Gartenkluft auf der Liege." Während Müller-Dieker durch den Anruf vorgewarnt ist, ahnt ihr Mann, dem es rasch besser geht, nichts von dem denkwürdigen Wiedersehen. Nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hat ("Ich war ziemlich perplex"), kümmert er sich darum, dass seine Frau schnelle medizinische Versorgung erhält.Geschockt sind auch die beiden Söhne. Als sie hören, dass ihre Eltern im Klinikum sind, denken sie zuerst an einen Autounfall. Stattdessen ist den Eltern fast zeitgleich völlig Unterschiedliches widerfahren.Um Jägerzäune einen Bogen machenDreieinhalb Wochen später ist die Wespenattacke Geschichte, die schwere Schulterverletzung aber noch schmerzhaft gegenwärtig. Vor allem nachts. Ein bisschen Galgenhumor hilft in solch einer Situation. "Wir haben schon in der Notaufnahme rumgealbert", sagt Cornelia Müller-Dieker. Sie lobt das Klinikum, "menschlich und medizinisch wurde ich bestens versorgt".Ihr Tagesablauf lässt sich leicht zusammenfassen: Therapie, Therapie, Therapie. Ein empfindliches Gelenk will schonend reaktiviert werden. Eigene Bewegungen darf der verletzte Arm noch nicht ausführen. Der linke führt den rechten Arm zum Wasserglas. Die Hand kann das Glas halten, auch leicht anheben.Die politische Arbeit muss sich gedulden. "Eine gute Fraktionschefin macht so einen Sturz in der Sommerpause", sagt Müller-Dieker und lächelt. Das Radfahren vermisst sie bereits. Sie hofft, eines Tages wieder in die Pedale treten zu können, vor allem angstfrei, ohne den Unfall im Hinterkopf.Zwei Dinge stehen bereits fest: "Jägerzäune werde ich möglichst weit umfahren." Und vor der ersten Tour wird ein neuer Helm gekauft. Der alte hat seinen Dienst getan.

Schmerzvolles Wiedersehen im Klinikum

Porta Westfalica-Barkhausen (mt). Freitagnachmittag in Barkhausen, Lannertstraße: Ein Ehepaar verabschiedet sich für eine gute Stunde voneinander, die Frau will mit dem Fahrrad zur Gymnastik, der Mann den Rasen mähen. Nichts Aufregendes, eigentlich. Anderthalb Stunden später sehen sich beide wieder: als Patienten in der Notaufnahme des Klinikums.

Die politische Arbeit muss warten. FDP-Fraktionschefin Cornelia Müller-Dieker legt den lädierten Arm in eine automatische Bewegungsschiene. Der Fahrradhelm hat sie vermutlich vor schlimmen Kopfverletzungen bewahrt. - © MT-Foto: Dirk Haunhorst
Die politische Arbeit muss warten. FDP-Fraktionschefin Cornelia Müller-Dieker legt den lädierten Arm in eine automatische Bewegungsschiene. Der Fahrradhelm hat sie vermutlich vor schlimmen Kopfverletzungen bewahrt. - © MT-Foto: Dirk Haunhorst

"Mein Mann und ich haben Schutzengel gehabt", sagt Cornelia Müller-Dieker. Sie sitzt am Esszimmertisch und bittet den Besucher, die Wasserflasche zu öffnen. Ihr rechter Arm ist kaum belastbar, seit dem Fahrradunfall muss der linke viele Aufgaben mit übernehmen. Ob die rechte Seite wieder hundertprozentig funktionieren wird, weiß Cornelia Müller-Dieker nicht.

Dreieinhalb Wochen sind seit dem Unfall vergangen. Müller-Dieker und ihr Ehemann Thomas Müller wollten zunächst keine Zeitungsgeschichte, obwohl einer ihrer beiden Söhne nach dem ersten Schock meinte, sie könnten sich damit sogar bei Günther Jauch melden. Als sie dann doch einwilligten, gab es für den Berichterstatter Vorgaben - freundlich, aber bestimmt. So kennt man Cornelia Müller-Dieker als FDP-Fraktionschefin, und daher kann man die klare Ansage auch als Zeichen der Genesung deuten. "Schreiben Sie bloß keine Herz-Schmerz-Geschichte", lautet eine Bedingung. Das Entscheidende aber: "Erwähnt werden muss, wie wichtig ein Fahrradhelm ist."

Wespenattacke beim Rasenmähen

Müller-Dieker trägt seit März einen Helm beim Radeln. Einer der Söhne habe ihr dazu geraten, weil sie doch immer so flott unterwegs sei. "Eine Hasardeurin bin ich aber nicht. Ich bilde mir ein, eine umsichtige Radfahrerin zu sein." Seit 55 Jahren fährt sie Rad, nie ist etwas passiert. Bis zum 29. Juli.

An jenem letzten Freitag im Juli fährt sie nach Hausberge zur Krankengymnastik. Kurz nach halb fünf macht sie sich auf den Rückweg, will von der Hoppenstraße nach rechts auf die Hauptstraße biegen, nimmt leichtsinnig den schmalen Weg zwischen Fußgängerampel und Jägerzaun, bleibt mit dem Lenker am Ampelknopf hängen und stürzt in den Zaun. "Ohne Helm hätte ich wohl eine Schädelfraktur erlitten" sagt Müller-Dieker und zeigt auf die Unfallspuren an ihrem Kopfschutz.

Schultergelenk und Oberarm fehlen solche Sicherheitspolster, die Verletzungen sind gravierend. Proximale Oberarmluxationsfraktur wird später die Diagnose lauten, die Operation zweieinhalb Stunden dauern.

Cornelia Müller-Dieker liegt mit zerschmettertem Oberarmkopf und ausgekugelter Schulter auf dem Bürgersteig, hat höllische Schmerzen. Ihr Therapeut, der sie auch ins Krankenhaus bringen wird, hat von der Praxis aus den Unfall gesehen, leistet Erste Hilfe, legt den Arm in eine Schlinge. Da klingelt Müller-Diekers Handy. Unter Schock nimmt sie den Anruf entgegen, am anderen Ende spricht ihre Nachbarin. "Cornelia, kannst du schnell nach Hause kommen? Wir haben Thomas ins Krankenhaus gebracht." Die Antwort haut die Nachbarin fast um: "Ich kann nicht, ich habe einen Unfall gehabt."

Zwei Wespen haben Thomas Müller beim Rasenmähen erwischt. Die beiden Stiche behandelt er mit Zwiebel und einem Insektenmittel. Dann wird ihm "komisch", erstes Anzeichen für einen allergischen Schock. Zum Glück gibt es Nachbarn, die haben ein Gegenmittel im Haus. Dennoch schwillt der Hals an, Thomas Müller kollabiert, der Notarzt kommt und Müller ins Klinikum.

In der Notaufnahme erblickt ihn seine Frau. "Er lag da in seiner Gartenkluft auf der Liege." Während Müller-Dieker durch den Anruf vorgewarnt ist, ahnt ihr Mann, dem es rasch besser geht, nichts von dem denkwürdigen Wiedersehen. Nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hat ("Ich war ziemlich perplex"), kümmert er sich darum, dass seine Frau schnelle medizinische Versorgung erhält.

Geschockt sind auch die beiden Söhne. Als sie hören, dass ihre Eltern im Klinikum sind, denken sie zuerst an einen Autounfall. Stattdessen ist den Eltern fast zeitgleich völlig Unterschiedliches widerfahren.

Um Jägerzäune einen Bogen machen

Dreieinhalb Wochen später ist die Wespenattacke Geschichte, die schwere Schulterverletzung aber noch schmerzhaft gegenwärtig. Vor allem nachts. Ein bisschen Galgenhumor hilft in solch einer Situation. "Wir haben schon in der Notaufnahme rumgealbert", sagt Cornelia Müller-Dieker. Sie lobt das Klinikum, "menschlich und medizinisch wurde ich bestens versorgt".

Ihr Tagesablauf lässt sich leicht zusammenfassen: Therapie, Therapie, Therapie. Ein empfindliches Gelenk will schonend reaktiviert werden. Eigene Bewegungen darf der verletzte Arm noch nicht ausführen. Der linke führt den rechten Arm zum Wasserglas. Die Hand kann das Glas halten, auch leicht anheben.

Die politische Arbeit muss sich gedulden. "Eine gute Fraktionschefin macht so einen Sturz in der Sommerpause", sagt Müller-Dieker und lächelt. Das Radfahren vermisst sie bereits. Sie hofft, eines Tages wieder in die Pedale treten zu können, vor allem angstfrei, ohne den Unfall im Hinterkopf.

Zwei Dinge stehen bereits fest: "Jägerzäune werde ich möglichst weit umfahren." Und vor der ersten Tour wird ein neuer Helm gekauft. Der alte hat seinen Dienst getan.

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