MT-Serie "Zu zweit": Mit dem Schachbrett in die Disco Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Holzhausen (mt). Norbert Schulte ist am Zug und überlegt einige Sekunden. Dann zieht er sein Pferd. Heinz Rademacher hält von dem Manöver nicht viel. „Du hast Schwierigkeiten mit dem Springer", sagt er zu Schulte. Der entgegnet trotzig, er habe keine Schwierigkeiten mit seinem Springer. „Aber ohne ihn", flachst Rademacher. Beide lachen. Das kleine Rededuell hat Rademacher gewonnen, die Partie jedoch wird sich zugunsten von Schulte entwickeln. Beide spielen Vereinsschach im SC Porta Westfalica 1950, treffen sich aber auch schon mal privat zu ein paar Partien. „Das Persönliche und Gesellige ist mir beim Schach wichtig", sagt Rademacher. Der scheinbar körperlose Zweikampf sei richtig lebendig, wenn man einem Menschen mit all seiner Mimik und Gestik gegenübersitze. Dann erhält das ohnehin komplizierte Brettspiel zusätzlich eine psychologische Komponente. Schach kann Nervenkrieg sein, besonders wenn die Zeit auf der Uhr abläuft und weit und breit kein guter Zug zu sehen ist. „Schach ist ein Abbild des Lebens", meint Rademacher. Man müsse manchmal Entscheidungen treffen, auch wenn sie möglicherweise falsch seien. Rademacher ist 67, Schulte sechs Jahre jünger. Als sie vor einem halben Jahrhundert mit Schach begannen, blieb nur die Möglichkeit, in einen Verein zu gehen, um regelmäßig geeignete Gegner zu finden. Allenfalls Fernschach war eine Alternative, dazu verschickten die Turnierteilnehmer ihre Züge mit der Post. Wettbewerbe dauerten Monate, manche sogar Jahre. Heute kann sich jedermann im Internet Gegner aus aller Welt suchen. Eine Fünf-Minuten-Blitzpartie gegen irgendwen in Australien oder Alaska – kein Problem, sofern die Technik mitspielt. Und wer lieber gegen künstliche Intelligenz antritt, kann entsprechende Software nutzen. Zu lernen gibt es für Menschen dabei eine ganze Menge, zu gewinnen nichts. In den 1990er Jahren war die Niederlage des Schachweltmeisters gegen den Computer noch eine Nachricht, heute wäre der Sieg des Menschen die Sensation. Programme namens Stockfish, Leela oder Alpha-Zero scheinen dem menschlichen Leistungsvermögen inzwischen um Lichtjahre enteilt, die Maschinen rechnen alles kurz und kein. Heinz Rademacher analysiert seine Partien mit dem Programm Fritz 16. Außerdem eignet sich ein Computer ausgezeichnet zum Lernen von Eröffnungen oder zum Studium von Endspielen. Früher mussten sich Schachfans ihr Wissen vergleichsweise umständlich mithilfe von Büchern aneignen. Heute sind die verschlungenen Nebenvarianten etwa der Drachenvariante in der Sizilianischen Verteidigung wenige Mausklicks entfernt. Rademacher ist Mathematik- und Informatiklehrer im Unruhestand. Er hat wegen des Lehrermangels seine Tätigkeit am Besselgymnasium in Minden wieder aufgenommen und kümmert sich auch um die Schach-AG. Es macht ihm Spaß, Schülern das königliche Spiel nahe zu bringen. Er selber profitiert auch davon. „Man lernt am meisten, wenn man erklärt." Eine der angenehmsten Begleiterscheinung von Schach ist, dass Spieler im fortgeschrittenen Alter noch besser werden können, während das in eher körperbetonten Sportarten die Ausnahme ist. Rademacher hat sich jedenfalls vorgenommen, seine persönliche Wertungszahl mit intensivem Training zu steigern. „Schach ist Gehirnjogging", sagt er. Vor allem die Konzentrationsfähigkeit profitiere davon. Er habe das gemerkt, als er mit 40 Jahren angefangen habe, Informatik zu studieren. „Ich konnte mich nach fünf Stunden noch konzentrieren, andere hatten da längst Probleme." Vier bis fünf Stunden kann eine Schachpartie dauern, bisweilen sogar länger. Der erste Mannschaft des Schachclubs Porta wird in die Regionalliga aufsteigen, auch die anderen Teams spielen eine erfolgreiche Saison. „Wir haben seinen guten Lauf", sagt Rademacher, der den Vorsitz innehat. 80 Mitglieder, darunter beachtliche 40 Jugendliche, belegen die positive Entwicklung. Vor allem Jugendwart Uwe Schrader sei dafür verantwortlich, sagt der Vorsitzende. Die Schachpartie Rademacher-Schulte geht in die entscheidende Phase. „Ich muss mal kurz überlegen", sagt Schulte, der bereits besser steht. „Kurz überlegen reicht dir nicht", hält Rademacher mit einem Spruch dagegen, muss aber kurz darauf den Verlust eines Springers quittieren. Rademacher bietet Remis an, das Schulte großzügig annimmt. Die kleine Demonstration fürs MT endet mit einem Friedensschluss. Ist ein Leben ohne Schach vorstellbar? Norbert Schulte muss länger überlegen. „Eigentlich nicht", sagt er dann. Wahrscheinlich könnten ihn nur große gesundheitliche Einschränkungen daran hindern, weiter Schach zu spielen. Die Leidenschaft dafür hatte ihn bereits frühzeitig gepackt. „Ich bin als Jugendlicher zwar mit in die Disco gegangen, aber im Unterschied zu den anderen hatte ich ein Schachbrett dabei." Darauf muss man erst einmal kommen: Schach in der Disco. „Tanzen war nicht so meine Sache", sagt Norbert Schulte. Es ließ lieber im Kleinformat die Puppen tanzen. Auf dem berühmten Brett mit den 64 Feldern. Der Autor ist erreichbarunter Telefon (0571) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de

MT-Serie "Zu zweit": Mit dem Schachbrett in die Disco

Amüsantes Duell im Wohnzimmer: Die Partie zwischen Heinz Rademacher (links) und Norbert Schulte endete unentschieden. Schulte machte die besseren Züge, Rademacher die besseren Sprüche. MT- © Foto: Alex Lehn

Porta Westfalica-Holzhausen (mt). Norbert Schulte ist am Zug und überlegt einige Sekunden. Dann zieht er sein Pferd. Heinz Rademacher hält von dem Manöver nicht viel. „Du hast Schwierigkeiten mit dem Springer", sagt er zu Schulte. Der entgegnet trotzig, er habe keine Schwierigkeiten mit seinem Springer. „Aber ohne ihn", flachst Rademacher. Beide lachen. Das kleine Rededuell hat Rademacher gewonnen, die Partie jedoch wird sich zugunsten von Schulte entwickeln.

Beide spielen Vereinsschach im SC Porta Westfalica 1950, treffen sich aber auch schon mal privat zu ein paar Partien. „Das Persönliche und Gesellige ist mir beim Schach wichtig", sagt Rademacher. Der scheinbar körperlose Zweikampf sei richtig lebendig, wenn man einem Menschen mit all seiner Mimik und Gestik gegenübersitze. Dann erhält das ohnehin komplizierte Brettspiel zusätzlich eine psychologische Komponente.

Schach kann Nervenkrieg sein, besonders wenn die Zeit auf der Uhr abläuft und weit und breit kein guter Zug zu sehen ist. „Schach ist ein Abbild des Lebens", meint Rademacher. Man müsse manchmal Entscheidungen treffen, auch wenn sie möglicherweise falsch seien.

Rademacher ist 67, Schulte sechs Jahre jünger. Als sie vor einem halben Jahrhundert mit Schach begannen, blieb nur die Möglichkeit, in einen Verein zu gehen, um regelmäßig geeignete Gegner zu finden. Allenfalls Fernschach war eine Alternative, dazu verschickten die Turnierteilnehmer ihre Züge mit der Post. Wettbewerbe dauerten Monate, manche sogar Jahre.

Heute kann sich jedermann im Internet Gegner aus aller Welt suchen. Eine Fünf-Minuten-Blitzpartie gegen irgendwen in Australien oder Alaska – kein Problem, sofern die Technik mitspielt. Und wer lieber gegen künstliche Intelligenz antritt, kann entsprechende Software nutzen. Zu lernen gibt es für Menschen dabei eine ganze Menge, zu gewinnen nichts. In den 1990er Jahren war die Niederlage des Schachweltmeisters gegen den Computer noch eine Nachricht, heute wäre der Sieg des Menschen die Sensation. Programme namens Stockfish, Leela oder Alpha-Zero scheinen dem menschlichen Leistungsvermögen inzwischen um Lichtjahre enteilt, die Maschinen rechnen alles kurz und kein.

Heinz Rademacher analysiert seine Partien mit dem Programm Fritz 16. Außerdem eignet sich ein Computer ausgezeichnet zum Lernen von Eröffnungen oder zum Studium von Endspielen. Früher mussten sich Schachfans ihr Wissen vergleichsweise umständlich mithilfe von Büchern aneignen. Heute sind die verschlungenen Nebenvarianten etwa der Drachenvariante in der Sizilianischen Verteidigung wenige Mausklicks entfernt.

Rademacher ist Mathematik- und Informatiklehrer im Unruhestand. Er hat wegen des Lehrermangels seine Tätigkeit am Besselgymnasium in Minden wieder aufgenommen und kümmert sich auch um die Schach-AG. Es macht ihm Spaß, Schülern das königliche Spiel nahe zu bringen. Er selber profitiert auch davon. „Man lernt am meisten, wenn man erklärt."

Eine der angenehmsten Begleiterscheinung von Schach ist, dass Spieler im fortgeschrittenen Alter noch besser werden können, während das in eher körperbetonten Sportarten die Ausnahme ist. Rademacher hat sich jedenfalls vorgenommen, seine persönliche Wertungszahl mit intensivem Training zu steigern. „Schach ist Gehirnjogging", sagt er. Vor allem die Konzentrationsfähigkeit profitiere davon. Er habe das gemerkt, als er mit 40 Jahren angefangen habe, Informatik zu studieren. „Ich konnte mich nach fünf Stunden noch konzentrieren, andere hatten da längst Probleme." Vier bis fünf Stunden kann eine Schachpartie dauern, bisweilen sogar länger.

Der erste Mannschaft des Schachclubs Porta wird in die Regionalliga aufsteigen, auch die anderen Teams spielen eine erfolgreiche Saison. „Wir haben seinen guten Lauf", sagt Rademacher, der den Vorsitz innehat. 80 Mitglieder, darunter beachtliche 40 Jugendliche, belegen die positive Entwicklung. Vor allem Jugendwart Uwe Schrader sei dafür verantwortlich, sagt der Vorsitzende.

Die Schachpartie Rademacher-Schulte geht in die entscheidende Phase. „Ich muss mal kurz überlegen", sagt Schulte, der bereits besser steht. „Kurz überlegen reicht dir nicht", hält Rademacher mit einem Spruch dagegen, muss aber kurz darauf den Verlust eines Springers quittieren. Rademacher bietet Remis an, das Schulte großzügig annimmt. Die kleine Demonstration fürs MT endet mit einem Friedensschluss.

Ist ein Leben ohne Schach vorstellbar? Norbert Schulte muss länger überlegen. „Eigentlich nicht", sagt er dann. Wahrscheinlich könnten ihn nur große gesundheitliche Einschränkungen daran hindern, weiter Schach zu spielen.

Die Leidenschaft dafür hatte ihn bereits frühzeitig gepackt. „Ich bin als Jugendlicher zwar mit in die Disco gegangen, aber im Unterschied zu den anderen hatte ich ein Schachbrett dabei." Darauf muss man erst einmal kommen: Schach in der Disco. „Tanzen war nicht so meine Sache", sagt Norbert Schulte. Es ließ lieber im Kleinformat die Puppen tanzen. Auf dem berühmten Brett mit den 64 Feldern.

Der Autor ist erreichbarunter Telefon (0571) 882 164 oder Dirk.Haunhorst@MT.de

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