MT-Interview mit Portas neuer Bürgermeisterin: „Es knirscht, das ist doch klar“ Dirk Haunhorst Porta Westfalica. Seit vier Monaten ist Dr. Sonja Gerlach (CDU) Chefin im Portaner Rathaus. Bereits den Wahlkampf bestritt sie im „Corona-Modus“ und der hat sich mit Amtsantritt noch verschärft. Im MT-Gespräch berichtet Gerlach, wie die Pandemie ihre Arbeit beeinträchtigt und welche Altlasten aufzuarbeiten sind. Auch hält sie zusätzliches Verwaltungspersonal für notwendig. Frau Dr. Gerlach, Sie sind Bürgermeisterin in Coronazeiten, was stört Sie daran am meisten? Erst einmal: Ich freue mich, dass ich zur Bürgermeisterin gewählt worden bin und die Aufgaben angehen darf, die vor uns liegen. Aber Sie haben natürlich recht: Es ist alles andere als normal, im November praktisch mit dem Lockdown das Amt anzutreten. Der direkte Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern fehlt mir. Ein Amt zu übernehmen ist damit verbunden, viele Menschen kennenzulernen, in einen persönlichen Austausch zu treten, teilzuhaben an den Ereignissen wie Veranstaltungen, Jubiläen, Eröffnungen und so weiter. Dies ist derzeit nicht möglich. Die Verwaltung ist geschlossen, Veranstaltungen finden nicht statt, persönlich zu Gesicht bekommt man sich meist nur online und wenn wir uns gegenüberstehen, dann nur mit Maske. Es wäre schön, wenn es anders wäre. Wie halten Sie den Kontakt zur Bürgerschaft? Telefonisch, durch Briefe und E-Mail, durch Videogespräche und -konferenzen und in seltenen, dringenden Fällen auch persönlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Ganz wichtig war mir in den letzten Wochen die Teilnahme an allen Sitzungen der Bezirksausschüsse, um direkt von den Bürgerinnen und Bürgern zu hören, was ihnen wichtig ist. Mit welchen Themen kommen die Menschen auf Sie zu? Im Moment geht es oft um die Sorgen der Menschen mit Blick auf die Zukunft. Geschäftsleute, Mittelständler, besorgte Eltern, Anwohner melden sich. Die Menschen haben ganz persönliche Anliegen und viele Anregungen für eine Weiterentwicklung ihrer Heimatstadt. Dabei werden diese Themen zum Teil gern und rege öffentlich kommuniziert: ICE-Trasse, Digitalisierung der Schulen, Kaiserhof, Berghotel stehen derzeit im Vordergrund. Was war besonders eindrucksvoll in den vergangenen vier Monaten? Besonders beeindruckend ist immer wieder das bürgerschaftliche Engagement, etwa der neuen Akteure vom Dörphus in Holtrup. Toll, wenn sich Neues entwickelt. Da biete ich gerne meine Unterstützung an. Beeindruckt bin ich vom Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer, die sich so stark dafür einsetzen, den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern nicht abreißen zu lassen. Und beeindruckt bin ich vom Engagement hier im Rathaus, von den Kolleginnen und Kollegen, die wirklich ihr Bestes geben, um die Herausforderungen durch die Pandemie zu meistern und sehr kollegial in anderen Arbeitsbereichen unterstützen. Beispielsweise hilft das Jugendamt der IT-Abteilung, um die neuen Endgeräte für die Schulen zu konfigurieren. Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie selbst durchschnittlich? Die Stunden zähle ich nicht. Der Wecker klingelt um sechs, dann schaue ich oft zunächst auf MT.de. Im Büro bin ich meistens gegen 8.15 Uhr, abends kann es schon mal 22 Uhr werden. So etwas wie eine 40-Stunden-Woche habe ich auch in früheren Funktionen nicht gekannt. Die Arbeit macht mir Spaß und ich möchte etwas bewegen. Die Weihnachtskarten habe ich am Wochenende im Rathaus geschrieben. Dafür habe ich mir gerne Zeit genommen, um hier und da etwas Persönliches zu schreiben. Auch unsere Kommunalpolitiker, die ehrenamtlich neben ihrem Beruf arbeiten, Familie haben und häufig noch vielfältig engagiert sind, leisten oftmals ihre 60- bis 70-Stunden-Woche. Wichtig ist, immer wieder Momente der Entspannung und des Ausgleichs zu suchen, zum Beispiel bei einem Spaziergang bei wunderbarem Wetter mit meinem Mann und unserem Hund im Wald oder durch ein gutes Gespräch an der frischen Luft im Bürgerpark. Ist Ihre Aufgabe anstrengender, als Sie erwartet haben? „Anstrengender“ ist das falsche Wort. Es ist anders als im Ministerium. Es ist vielfältiger, vielschichtiger, und es gilt, an vieles zu denken und gleichzeitig gibt es einiges aufzuarbeiten. Alte Baustellen müssen geschlossen werden. Das war mir von vorneherein klar. Nennen Sie bitte ein Beispiel. Im Bereich der Digitalisierung haben wir großen Aufholbedarf. Daran arbeiten wir intensiv. Der Breitbandausbau soll zügig vorankommen. Das ist wichtig für unsere Schulen, für den Mittelstand, für die Haushalte. Für die Digitalisierung der Verwaltung ist noch viel zu tun. Im Umgang mit sozialen Medien liegen wir im Vergleich zu anderen Verwaltungen mehrere Jahre zurück. Wir brauchen eine gute digitale Infrastruktur für die städtischen Dienstleistungen. Dazu gehören zum Beispiel ein Antragsmanagement, ein Formularservice und eine elektronische Terminvergabe. Mehr Bürgerservice, schnellere Information, mehr Informationen und Bürgerbeteiligung – hier gibt es Luft nach oben. Diese Infrastruktur aufzubauen und verfügbar zu halten, ist auf Dauer mit dem vorhandenen Personal nicht zu leisten. Sie planen Neueinstellungen? Die Portanerinnen und Portaner haben das Recht auf eine Verwaltung, die top funktioniert. Durch die Haushaltssicherung war in den vergangenen Jahren eine strenge Haushaltsdisziplin einzuhalten. So wurde auch beim Personal stark eingespart. Es gibt aktuell 310 Stellen, in den vergangenen Jahren wurden 45 eingespart. Zugleich kommen aber mit der Digitalisierung und dem Klimaschutz neue große Aufgabenfelder hinzu und es wurden zusätzliche politische Fachausschüsse gebildet. Es knirscht, das ist doch klar. Wir benötigen eine neue Stelle im Bereich des Sitzungsdienstes und der Online-Kommunikation. Das Ressort Stadtplanung soll Verstärkung erhalten, um nicht so viele Aufgaben nach außen vergeben zu müssen. Es hat sich herausgestellt, dass das Klimaschutzbudget nicht ausgenutzt wurde, hier ist technische Unterstützung notwendig, außerdem soll der Vertrag der Klimaschutzmanagerin entfristet werden. Und beim Breitbandausbau benötigen wir in der Verwaltung eine Fachkraft, die den Baufortschritt begleitet. Ist denn genügend Geld für diese Aufstockung vorhanden? Das Personalbudget wurde zuletzt nicht komplett ausgeschöpft und bietet noch Spielräume. Bei zusätzlichen Stellen gilt natürlich: Sie müssen einen Mehrwert für die Stadt haben. An einigen Orten, an denen die Entwicklung lange stockte, scheint es Fortschritte zu geben, etwa am Berghotel oder am Weserbogen. Was kann eine Bürgermeisterin dafür tun, dass sich auch an der Wittekindsburg wieder etwas bewegt? Die Wittekindsburg liegt mir am Herzen. Da kann viel mehr passieren. Aber das gelingt nur im Einvernehmen mit vielen Beteiligten. Wir führen Gespräche, wir verhandeln. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich das Thema in der Mediation befindet und öffentlich dazu keine Stellungnahme abgegeben wird. Daran halte ich mich. Bis es konkrete Ergebnisse gibt, wird es noch dauern. Es gilt zunächst, das Mediationsverfahren abzuwarten. Haben Sie eine Vision für Ihre Amtszeit? Es muss in den nächsten fünf Jahren auf jeden Fall gelingen, Porta Westfalica für junge Familien, für neue, innovative Unternehmen, für Gäste und natürlich für die Bürgerinnen und Bürger noch attraktiver zu machen. Die Möglichkeiten sind da. Wir müssen sie erkennen und nutzen.

MT-Interview mit Portas neuer Bürgermeisterin: „Es knirscht, das ist doch klar“

Ehemals Ministerialdirigentin im Bundesbildungsministerium, seit November Chefin im Portaner Rathaus: Dr. Sonja Gerlach. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn

Porta Westfalica. Seit vier Monaten ist Dr. Sonja Gerlach (CDU) Chefin im Portaner Rathaus. Bereits den Wahlkampf bestritt sie im „Corona-Modus“ und der hat sich mit Amtsantritt noch verschärft. Im MT-Gespräch berichtet Gerlach, wie die Pandemie ihre Arbeit beeinträchtigt und welche Altlasten aufzuarbeiten sind. Auch hält sie zusätzliches Verwaltungspersonal für notwendig.

Frau Dr. Gerlach, Sie sind Bürgermeisterin in Coronazeiten, was stört Sie daran am meisten?

Erst einmal: Ich freue mich, dass ich zur Bürgermeisterin gewählt worden bin und die Aufgaben angehen darf, die vor uns liegen. Aber Sie haben natürlich recht: Es ist alles andere als normal, im November praktisch mit dem Lockdown das Amt anzutreten. Der direkte Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern fehlt mir. Ein Amt zu übernehmen ist damit verbunden, viele Menschen kennenzulernen, in einen persönlichen Austausch zu treten, teilzuhaben an den Ereignissen wie Veranstaltungen, Jubiläen, Eröffnungen und so weiter. Dies ist derzeit nicht möglich. Die Verwaltung ist geschlossen, Veranstaltungen finden nicht statt, persönlich zu Gesicht bekommt man sich meist nur online und wenn wir uns gegenüberstehen, dann nur mit Maske. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

Wie halten Sie den Kontakt zur Bürgerschaft?

Telefonisch, durch Briefe und E-Mail, durch Videogespräche und -konferenzen und in seltenen, dringenden Fällen auch persönlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Ganz wichtig war mir in den letzten Wochen die Teilnahme an allen Sitzungen der Bezirksausschüsse, um direkt von den Bürgerinnen und Bürgern zu hören, was ihnen wichtig ist.

Mit welchen Themen kommen die Menschen auf Sie zu?

Im Moment geht es oft um die Sorgen der Menschen mit Blick auf die Zukunft. Geschäftsleute, Mittelständler, besorgte Eltern, Anwohner melden sich. Die Menschen haben ganz persönliche Anliegen und viele Anregungen für eine Weiterentwicklung ihrer Heimatstadt. Dabei werden diese Themen zum Teil gern und rege öffentlich kommuniziert: ICE-Trasse, Digitalisierung der Schulen, Kaiserhof, Berghotel stehen derzeit im Vordergrund.

Was war besonders eindrucksvoll in den vergangenen vier Monaten?

Besonders beeindruckend ist immer wieder das bürgerschaftliche Engagement, etwa der neuen Akteure vom Dörphus in Holtrup. Toll, wenn sich Neues entwickelt. Da biete ich gerne meine Unterstützung an. Beeindruckt bin ich vom Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer, die sich so stark dafür einsetzen, den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern nicht abreißen zu lassen. Und beeindruckt bin ich vom Engagement hier im Rathaus, von den Kolleginnen und Kollegen, die wirklich ihr Bestes geben, um die Herausforderungen durch die Pandemie zu meistern und sehr kollegial in anderen Arbeitsbereichen unterstützen. Beispielsweise hilft das Jugendamt der IT-Abteilung, um die neuen Endgeräte für die Schulen zu konfigurieren.

Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie selbst durchschnittlich?

Die Stunden zähle ich nicht. Der Wecker klingelt um sechs, dann schaue ich oft zunächst auf MT.de. Im Büro bin ich meistens gegen 8.15 Uhr, abends kann es schon mal 22 Uhr werden. So etwas wie eine 40-Stunden-Woche habe ich auch in früheren Funktionen nicht gekannt. Die Arbeit macht mir Spaß und ich möchte etwas bewegen. Die Weihnachtskarten habe ich am Wochenende im Rathaus geschrieben. Dafür habe ich mir gerne Zeit genommen, um hier und da etwas Persönliches zu schreiben. Auch unsere Kommunalpolitiker, die ehrenamtlich neben ihrem Beruf arbeiten, Familie haben und häufig noch vielfältig engagiert sind, leisten oftmals ihre 60- bis 70-Stunden-Woche. Wichtig ist, immer wieder Momente der Entspannung und des Ausgleichs zu suchen, zum Beispiel bei einem Spaziergang bei wunderbarem Wetter mit meinem Mann und unserem Hund im Wald oder durch ein gutes Gespräch an der frischen Luft im Bürgerpark.

Ist Ihre Aufgabe anstrengender, als Sie erwartet haben?

„Anstrengender“ ist das falsche Wort. Es ist anders als im Ministerium. Es ist vielfältiger, vielschichtiger, und es gilt, an vieles zu denken und gleichzeitig gibt es einiges aufzuarbeiten. Alte Baustellen müssen geschlossen werden. Das war mir von vorneherein klar.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Im Bereich der Digitalisierung haben wir großen Aufholbedarf. Daran arbeiten wir intensiv. Der Breitbandausbau soll zügig vorankommen. Das ist wichtig für unsere Schulen, für den Mittelstand, für die Haushalte. Für die Digitalisierung der Verwaltung ist noch viel zu tun. Im Umgang mit sozialen Medien liegen wir im Vergleich zu anderen Verwaltungen mehrere Jahre zurück. Wir brauchen eine gute digitale Infrastruktur für die städtischen Dienstleistungen. Dazu gehören zum Beispiel ein Antragsmanagement, ein Formularservice und eine elektronische Terminvergabe. Mehr Bürgerservice, schnellere Information, mehr Informationen und Bürgerbeteiligung – hier gibt es Luft nach oben. Diese Infrastruktur aufzubauen und verfügbar zu halten, ist auf Dauer mit dem vorhandenen Personal nicht zu leisten.

Sie planen Neueinstellungen?

Die Portanerinnen und Portaner haben das Recht auf eine Verwaltung, die top funktioniert. Durch die Haushaltssicherung war in den vergangenen Jahren eine strenge Haushaltsdisziplin einzuhalten. So wurde auch beim Personal stark eingespart. Es gibt aktuell 310 Stellen, in den vergangenen Jahren wurden 45 eingespart. Zugleich kommen aber mit der Digitalisierung und dem Klimaschutz neue große Aufgabenfelder hinzu und es wurden zusätzliche politische Fachausschüsse gebildet. Es knirscht, das ist doch klar. Wir benötigen eine neue Stelle im Bereich des Sitzungsdienstes und der Online-Kommunikation. Das Ressort Stadtplanung soll Verstärkung erhalten, um nicht so viele Aufgaben nach außen vergeben zu müssen. Es hat sich herausgestellt, dass das Klimaschutzbudget nicht ausgenutzt wurde, hier ist technische Unterstützung notwendig, außerdem soll der Vertrag der Klimaschutzmanagerin entfristet werden. Und beim Breitbandausbau benötigen wir in der Verwaltung eine Fachkraft, die den Baufortschritt begleitet.

Ist denn genügend Geld für diese Aufstockung vorhanden?

Das Personalbudget wurde zuletzt nicht komplett ausgeschöpft und bietet noch Spielräume. Bei zusätzlichen Stellen gilt natürlich: Sie müssen einen Mehrwert für die Stadt haben.

An einigen Orten, an denen die Entwicklung lange stockte, scheint es Fortschritte zu geben, etwa am Berghotel oder am Weserbogen. Was kann eine Bürgermeisterin dafür tun, dass sich auch an der Wittekindsburg wieder etwas bewegt?

Die Wittekindsburg liegt mir am Herzen. Da kann viel mehr passieren. Aber das gelingt nur im Einvernehmen mit vielen Beteiligten. Wir führen Gespräche, wir verhandeln. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich das Thema in der Mediation befindet und öffentlich dazu keine Stellungnahme abgegeben wird. Daran halte ich mich. Bis es konkrete Ergebnisse gibt, wird es noch dauern. Es gilt zunächst, das Mediationsverfahren abzuwarten.

Haben Sie eine Vision für Ihre Amtszeit?

Es muss in den nächsten fünf Jahren auf jeden Fall gelingen, Porta Westfalica für junge Familien, für neue, innovative Unternehmen, für Gäste und natürlich für die Bürgerinnen und Bürger noch attraktiver zu machen. Die Möglichkeiten sind da. Wir müssen sie erkennen und nutzen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Porta Westfalica