MT-Interview mit Historiker und Kaiser-Wilhelm-Experte: „Ein Wunder, dass es überhaupt noch steht“ Benjamin Piel Porta-Westfalica/Berlin. Inzwischen kommt der Historiker Dr. Marc-Wilhelm Kohfink nur noch selten zum Kaiser-Denkmal. Es gab eine Zeit, in der das ganz anders war. Als der Wahl-Berliner seine Doktorarbeit schrieb, beschäftigte er sich auch intensiv mit dem Denkmal in Porta. So sehr, dass die Kinder des heute 56-Jährigen damals immer von „seinem Denkmal“ sprachen. Wie schaut der frühere MT-Volontär und spätere Chefredakteur mehrerer Wirtschaftsmagazine zum 125-jährigen Jubiläum auf das Denkmal? Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit über den gemäßigten Nationalismus nach 1890 auch mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta beschäftigt. Mochten Sie es anschließend mehr oder weniger gerne? Mein Herangehen hatte einen wissenschaftlichen Anspruch. Das hieß, möglichst frei von persönlichen Gefühlen zu sein. Mir ging es vor allem darum, das Denkmal als Ausdruck seiner Zeit zu verstehen. Immer, wenn wir später am Denkmal vorbeifuhren, haben meine Kinder gesagt: „Da ist Papas Denkmal“. Darüber habe ich mich gefreut. Es spricht also viel dafür, dass ich es mag – weil ich es verstehe. Apropos verstehen: Dafür ist ja unerlässlich, danach zu schauen, wie das Denkmal in der Zeit seiner Errichtung aufgefasst und rezipiert wurde. Was war die damalige politische Bedeutung, die mit der Statue Wilhelm I. gesendet werden sollte? Die Botschaft hat oft nur am Rande etwas mit den historischen Ereignissen zu tun. Das war früher nicht anders als heute. Wilhelm I. wollte nicht Kaiser werden. Er musste dazu gedrängt werden. Als Kaiser erfreute er sich dann großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Er galt als bescheiden und war für die Menschen seiner Zeit eine Landesvaterfigur. So ist er ja auch im Denkmal dargestellt: als freundlich grüßender Fußgänger und eben nicht als Herrscher hoch zu Ross. Sein Enkel Wilhelm II. wollte ihn nach seinem Tod zu „Wilhelm dem Großen“ machen. Das funktionierte aber nicht. Ein Nationaldenkmal ist aber bei diesem Versuch schon herausgekommen. Was bedeutet dieser Begriff eigentlich? Er beschreibt einfach nur die Funktion des Bauwerks. Nehmen wir den Begriff „Krankenhaus“, dann wissen wir auch, was gemeint ist. Aber Nationaldenkmäler sind immer auch mehr als das gewesen. Sie sind auch Ausflugsziele, Versammlungsorte oder auch Kraftorte, wenn ich diesen esoterischen Begriff benutzen darf. Dass ein Kaiser als Denkmal am Berg steht, kommt uns jetzt vielleicht unzeitgemäß vor. Aber mit dem Brandenburger Tor – eigentlich nur ein Stadttor – gibt es ein Bauwerk, das für heutige Menschen alle Kriterien eines Nationaldenkmals erfüllt. Dazu gehört auch ein „Raums der Stille“. In dem können Besucher an die deutsche Teilung, ihre Überwindung und ihre Opfer denken. Auf mich wirkt der Kaiser auf der einen Seite wie eine Machtdemonstration – allein schon durch die Sichtbarmachung als Landmarke. Auf der anderen Seite hat das Denkmal bildsprachlich etwas Zeitloses. Inwieweit würden Sie zustimmen? Die deutliche Sichtbarkeit gehört seit jeher zum Konzept eines Nationaldenkmals – denken Sie an das Hermannsdenkmal. Das steht auf einem Berg, obwohl Arminius die Römer im sumpfigen Wald besiegte. Bruno Schmitz war ein Star der damaligen Denkmal-Architekturszene. Er gewann internationale Architekturwettbewerbe und baute sogar in den USA ein Kriegerdenkmal. Als modern galten seine reduzierte Formsprache mit den klaren Linien und die Rückbesinnung auf architektonische Grundformen – keine Engelchen oder Blümchen, sondern eine zurückgenommene Renaissance. Diese galt damals als sehr repräsentativ. Das Zeitlose war also gewollt. Wie Sie selbst merken, gelang Schmitz das auch. Zeitlos ist allerdings relativ. Wir leben in einer Zeit, in der es auch etwas wie die „Cancel Culture“ gibt: Denkmäler werden gestürzt, weil ihre Botschaft nicht in die heutige Zeit passt. Provokant gefragt: Müsste auch das Wilhelm-Denkmal fallen? Denkmäler sind immer Ausdruck ihrer Zeit. Weil sich die Zeiten ändern, ändert sich auch die Einstellung zu Denkmälern. Als vergangenes Jahr das Standbild von Edward Colston im Hafen von Bristol versenkt wurde, lasen wir überall, dass er ein Sklavenhändler war. Errichtet wurde es 1895 aber für den Bürger Colston, der seinen Reichtum uneigennützig für wohltätige Zwecke spendete. Sklaverei galt damals schon als unmenschlich und war verboten. Dass Colston zu dem vielen Geld durch Sklavenhandel kam, interessierte 1895 niemanden. Ich kann nicht sagen, wie Wilhelm I. in Zukunft bewertet wird. Mein Eindruck ist indes, dass heutige Historiker wieder milder auf diese Zeit schauen. In den 1970er- und 80er-Jahren hat man ihn als brutalen „Kartätschenprinzen“ und das Deutsche Kaiserreich auf einem gefährlichen „Sonderweg“ im Vergleich zu westlichen Nationen gesehen. Da ist es eigentlich fast ein Wunder, dass das Denkmal überhaupt noch steht. Zurückhaltender gefragt: Was hat es einem Menschen von heute zu sagen? Das kommt ganz auf den Menschen an. Für Ostwestfalen, die von einer Reise zurückkehren, ist es das Gefühl: „Jetzt bin ich gleich zu Hause“. Ich lebe in Berlin. Westberliner sagen immer noch, dass sie beim Anblick des Funkturms wissen, dass sie gleich daheim sind. Ich glaube, dass vermutlich niemand mehr patriotische Gefühle beim Anblick des Kaiserstandbilds entwickelt. Jedenfalls besuchen viele Menschen diesen Ort gerne. Liegt das an der Aussicht oder woran? Es gehört zum Konzept der Nationaldenkmäler, dass sie an attraktiven Orten stehen und gut im Rahmen eines Ausflugs erreicht werden können. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal funktioniert mit seiner spektakulären Aussicht seit 125 Jahren. Seit der Umgestaltung der Ringterrasse kommen eher mehr Leute als weniger. Finden Sie, dass die Ausstellung, die es seitdem gibt, den historischen Kontext gut erklärt? Solche Ausstellungen sind immer eine Gratwanderung. Sie sollen schnell die wichtigsten Informationen rüberbringen, aber nicht belehren oder mit dem Holzhammer die richtige Deutung vermitteln. Ich finde die Erinnerungsfotos der Besucher gut, weil sie anschaulich dokumentieren, dass die Leute früher – bei allen Unterschieden – eigentlich auch nur eine gute Zeit am Denkmal haben wollten. Und wie gelungen finden Sie die Umgestaltung als solche? Ich finde es sehr, sehr schön, dass die Ringterrasse wieder aufgebaut wurde. Bei der Reparatur von historischen Artefakten wird heute immer darauf geachtet, dass alte und neue Teile gut unterscheidbar sind. Durch die unterschiedliche Farbe von alten und neuen Steinen (siehe Artikel unten auf dieser Seite, Anm. d. Red.) gelingt das wie bei der Dresdner Frauenkirche sehr gut. Wie oft besuchen Sie das Denkmal? Ich wohne ja nicht mehr in Ostwestfalen, daher nur noch in etwa alle fünf Jahre. Vor 25 Jahren stand ich am Anfang meines Berufslebens und gründete kurz darauf eine Familie. Damals war ich jung und hatte das Leben noch vor mir. Ich bin tief in das Thema eingestiegen, habe auch in Archiven recherchiert. Es war „mein Denkmal“. Das erkannten meine Kinder später schon richtig.

MT-Interview mit Historiker und Kaiser-Wilhelm-Experte: „Ein Wunder, dass es überhaupt noch steht“

Das Kaiser-Denkmal ist heute für viele Ausdruck ihrer Heimat. In den 70er- und 80er-Jahren aber galt Wilhelm I vor allem als brutaler Kriegsherr. Damals waren auch Denkmäler aus seiner Zeit umstritten. MT-Archivfoto: Alex Lehn

Porta-Westfalica/Berlin. Inzwischen kommt der Historiker Dr. Marc-Wilhelm Kohfink nur noch selten zum Kaiser-Denkmal. Es gab eine Zeit, in der das ganz anders war. Als der Wahl-Berliner seine Doktorarbeit schrieb, beschäftigte er sich auch intensiv mit dem Denkmal in Porta. So sehr, dass die Kinder des heute 56-Jährigen damals immer von „seinem Denkmal“ sprachen. Wie schaut der frühere MT-Volontär und spätere Chefredakteur mehrerer Wirtschaftsmagazine zum 125-jährigen Jubiläum auf das Denkmal?

Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit über den gemäßigten Nationalismus nach 1890 auch mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta beschäftigt. Mochten Sie es anschließend mehr oder weniger gerne?

Mein Herangehen hatte einen wissenschaftlichen Anspruch. Das hieß, möglichst frei von persönlichen Gefühlen zu sein. Mir ging es vor allem darum, das Denkmal als Ausdruck seiner Zeit zu verstehen. Immer, wenn wir später am Denkmal vorbeifuhren, haben meine Kinder gesagt: „Da ist Papas Denkmal“. Darüber habe ich mich gefreut. Es spricht also viel dafür, dass ich es mag – weil ich es verstehe.


Apropos verstehen: Dafür ist ja unerlässlich, danach zu schauen, wie das Denkmal in der Zeit seiner Errichtung aufgefasst und rezipiert wurde. Was war die damalige politische Bedeutung, die mit der Statue Wilhelm I. gesendet werden sollte?

Die Botschaft hat oft nur am Rande etwas mit den historischen Ereignissen zu tun. Das war früher nicht anders als heute. Wilhelm I. wollte nicht Kaiser werden. Er musste dazu gedrängt werden. Als Kaiser erfreute er sich dann großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Er galt als bescheiden und war für die Menschen seiner Zeit eine Landesvaterfigur. So ist er ja auch im Denkmal dargestellt: als freundlich grüßender Fußgänger und eben nicht als Herrscher hoch zu Ross. Sein Enkel Wilhelm II. wollte ihn nach seinem Tod zu „Wilhelm dem Großen“ machen. Das funktionierte aber nicht.

Dr. Marc-Wilhelm Kohfink schrieb seine Doktorarbeit über das Denkmal. Foto: privat - © privat
Dr. Marc-Wilhelm Kohfink schrieb seine Doktorarbeit über das Denkmal. Foto: privat - © privat

Ein Nationaldenkmal ist aber bei diesem Versuch schon herausgekommen. Was bedeutet dieser Begriff eigentlich?

Er beschreibt einfach nur die Funktion des Bauwerks. Nehmen wir den Begriff „Krankenhaus“, dann wissen wir auch, was gemeint ist. Aber Nationaldenkmäler sind immer auch mehr als das gewesen. Sie sind auch Ausflugsziele, Versammlungsorte oder auch Kraftorte, wenn ich diesen esoterischen Begriff benutzen darf. Dass ein Kaiser als Denkmal am Berg steht, kommt uns jetzt vielleicht unzeitgemäß vor. Aber mit dem Brandenburger Tor – eigentlich nur ein Stadttor – gibt es ein Bauwerk, das für heutige Menschen alle Kriterien eines Nationaldenkmals erfüllt. Dazu gehört auch ein „Raums der Stille“. In dem können Besucher an die deutsche Teilung, ihre Überwindung und ihre Opfer denken.

Auf mich wirkt der Kaiser auf der einen Seite wie eine Machtdemonstration – allein schon durch die Sichtbarmachung als Landmarke. Auf der anderen Seite hat das Denkmal bildsprachlich etwas Zeitloses. Inwieweit würden Sie zustimmen?

Die deutliche Sichtbarkeit gehört seit jeher zum Konzept eines Nationaldenkmals – denken Sie an das Hermannsdenkmal. Das steht auf einem Berg, obwohl Arminius die Römer im sumpfigen Wald besiegte. Bruno Schmitz war ein Star der damaligen Denkmal-Architekturszene. Er gewann internationale Architekturwettbewerbe und baute sogar in den USA ein Kriegerdenkmal. Als modern galten seine reduzierte Formsprache mit den klaren Linien und die Rückbesinnung auf architektonische Grundformen – keine Engelchen oder Blümchen, sondern eine zurückgenommene Renaissance. Diese galt damals als sehr repräsentativ. Das Zeitlose war also gewollt. Wie Sie selbst merken, gelang Schmitz das auch.

Zeitlos ist allerdings relativ. Wir leben in einer Zeit, in der es auch etwas wie die „Cancel Culture“ gibt: Denkmäler werden gestürzt, weil ihre Botschaft nicht in die heutige Zeit passt. Provokant gefragt: Müsste auch das Wilhelm-Denkmal fallen?

Denkmäler sind immer Ausdruck ihrer Zeit. Weil sich die Zeiten ändern, ändert sich auch die Einstellung zu Denkmälern. Als vergangenes Jahr das Standbild von Edward Colston im Hafen von Bristol versenkt wurde, lasen wir überall, dass er ein Sklavenhändler war. Errichtet wurde es 1895 aber für den Bürger Colston, der seinen Reichtum uneigennützig für wohltätige Zwecke spendete. Sklaverei galt damals schon als unmenschlich und war verboten. Dass Colston zu dem vielen Geld durch Sklavenhandel kam, interessierte 1895 niemanden. Ich kann nicht sagen, wie Wilhelm I. in Zukunft bewertet wird. Mein Eindruck ist indes, dass heutige Historiker wieder milder auf diese Zeit schauen. In den 1970er- und 80er-Jahren hat man ihn als brutalen „Kartätschenprinzen“ und das Deutsche Kaiserreich auf einem gefährlichen „Sonderweg“ im Vergleich zu westlichen Nationen gesehen. Da ist es eigentlich fast ein Wunder, dass das Denkmal überhaupt noch steht.

Zurückhaltender gefragt: Was hat es einem Menschen von heute zu sagen?

Das kommt ganz auf den Menschen an. Für Ostwestfalen, die von einer Reise zurückkehren, ist es das Gefühl: „Jetzt bin ich gleich zu Hause“. Ich lebe in Berlin. Westberliner sagen immer noch, dass sie beim Anblick des Funkturms wissen, dass sie gleich daheim sind. Ich glaube, dass vermutlich niemand mehr patriotische Gefühle beim Anblick des Kaiserstandbilds entwickelt.

Jedenfalls besuchen viele Menschen diesen Ort gerne. Liegt das an der Aussicht oder woran?

Es gehört zum Konzept der Nationaldenkmäler, dass sie an attraktiven Orten stehen und gut im Rahmen eines Ausflugs erreicht werden können. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal funktioniert mit seiner spektakulären Aussicht seit 125 Jahren.

Seit der Umgestaltung der Ringterrasse kommen eher mehr Leute als weniger. Finden Sie, dass die Ausstellung, die es seitdem gibt, den historischen Kontext gut erklärt?

Solche Ausstellungen sind immer eine Gratwanderung. Sie sollen schnell die wichtigsten Informationen rüberbringen, aber nicht belehren oder mit dem Holzhammer die richtige Deutung vermitteln. Ich finde die Erinnerungsfotos der Besucher gut, weil sie anschaulich dokumentieren, dass die Leute früher – bei allen Unterschieden – eigentlich auch nur eine gute Zeit am Denkmal haben wollten.

Und wie gelungen finden Sie die Umgestaltung als solche?

Ich finde es sehr, sehr schön, dass die Ringterrasse wieder aufgebaut wurde. Bei der Reparatur von historischen Artefakten wird heute immer darauf geachtet, dass alte und neue Teile gut unterscheidbar sind. Durch die unterschiedliche Farbe von alten und neuen Steinen (siehe Artikel unten auf dieser Seite, Anm. d. Red.) gelingt das wie bei der Dresdner Frauenkirche sehr gut.

Wie oft besuchen Sie das Denkmal?

Ich wohne ja nicht mehr in Ostwestfalen, daher nur noch in etwa alle fünf Jahre. Vor 25 Jahren stand ich am Anfang meines Berufslebens und gründete kurz darauf eine Familie. Damals war ich jung und hatte das Leben noch vor mir. Ich bin tief in das Thema eingestiegen, habe auch in Archiven recherchiert. Es war „mein Denkmal“. Das erkannten meine Kinder später schon richtig.

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