Kriegsgefangener Kampmann: Apathisch durch die Straßen von Moskau Vor 66 Jahren geriet Hans Kampmann in russische Kriegsgefangenschaft / Zwei Pellkartoffeln als Tagesration Von Dirk Haunhorst Porta Westfalica (mt). Hitze und Hunger, zwei Pellkartoffeln als Tagesration, Mitgefangene, die die Ruhr auszehrte, und dann der Marsch durch Moskau, vorbei an der wütenden Bevölkerung - an die ersten Wochen seiner Kriegsgefangenschaft denkt Dr. Hans Kampmann (87) in diesen heißen Julitagen besonders oft zurück. Am 17. Juli jährt sich der Marsch durch Moskau zum 66. Mal. Kampmann war einer von mehr als 50 000 deutschen Soldaten der 9. Armee, die an diesem Tag auf Befehl Stalins der Bevölkerung vorgeführt wurde. "Ich war völlig apathisch", sagt Kampmann. "Ich habe meine Umgebung nicht richtig wahrgenommen. Es war deprimierend, wir waren alle am Ende. Ich war nur froh, dass ich nicht die Ruhr hatte."Vereinzelt flogen Blumentöpfe. Die Bevölkerung beschimpfte die Gefangenen aufs Heftigste. Zu gravierenden Übergriffen kam es jedoch nicht. "Die Rotarmisten, die uns mit aufgepflanzten Bajonetten zu Fuß oder zu Pferd begleiteten, hatten die Sache im Griff."Kampmann ist einer der letzten Zeitzeugen, die vom Schicksal dieser Gefangenen berichten können. Der damals 21-jährige Artillerieleutnant gehörte zur 6. westfälischen Infanteriedivision. "Alles Soldaten aus dem hiesigen Raum." Mitte 1944 geriet Kampmann in Gefangenschaft, als die Russen bei Mogilew in die deutschen Stellungen einbrachen und die 9. Armee zerschlugen.Ein Auffanglager für die Gefangenen war die Zitadelle von Bobruisk, die sich Ende Juni rasch mit Deutschen füllte. "Es war zum Bersten voll. Alles ging drunter und drüber", erinnert sich Kampmann. Mit einer solchen Masse an Menschen seien die Russen überfordert gewesen. "Zwei Pellkartoffeln gab es pro Tag. Das Trinkwasser nahmen wird aus der Beresina, einem Zufluss des Dnepr. Wie eine Herde Vieh standen wir jeweils morgens und abends im Uferbereich und schlürften das modrige Wasser."Später wurden die Gefangenen in Waggons in Richtung Moskau geschafft. Am Rande der Stadt mussten Tausende Soldaten auf einem Sportplatz ausharren, tagsüber bei sengender Hitze, nachts bei Gewittern mit wolkenbruchartigen Regengüssen.Durchnässt bis auf die Haut erkrankten etliche Männer an der Ruhr. "Um die Notdurft verrichten zu können, wurden Gruben ausgehoben, zwei Bohlen darüber gelegt, und dann musste man geschickt genug sein, dass man auch richtig traf." An Ruhr Erkrankte konnten die Latrinen kaum verlassen.Am Morgen des 17. Juli mussten die deutschen Soldaten in Zwanzigerreihen antreten. "Ich sah, dass auf einem Lkw die gefangenen Generäle der 9. Armee herangefahren wurden. Sie mussten sich vor uns aufstellen und den sich langsam in Bewegung setzenden Zug anführen."Kinder warfen Schotter gegen die WaggonsEin kilometerlanger Lindwurm bewegte sich durch die Straßen Moskaus. Russische Kameraleute filmten zu Propagandazwecken die schmutzigen und unrasierten Gesichter der Gefangenen.Am frühen Nachmittag endete der Marsch durch Moskau. Hans Kampmann wurde mit etwa tausend Offizieren zum Minsker Güterbahnhof gebracht. Jeweils 100 Soldaten wurden in einen Waggon verfrachtet. "Hinlegen war unmöglich, wir standen dicht gedrängt."Russische Kinder machten sich einen Spaß daraus, die Waggons mit Bahnschotter zu bewerfen. Der ohrenbetäubende Lärm war kaum zu ertragen. "Schlimmer als Maschinengewehrfeuer."Nach zwei bis drei Stunden setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung. Die Fahrt endete 450 Kilometer nordöstlich von Moskau, im Gefangenenlager von Grjasowez. Wenige Tage später, am 28. Juli, wurde Kampmann 22 Jahre alt. Zum Geburtstag bekam er eine Pellkartoffel extra."Hätte ich seinerzeit gewusst, dass mir mehr als fünf Jahre Gefangenschaft bevorstehen, ich weiß nicht, was ich aus lauter Verzweiflung getan hätte." Rückblickend bleibt vieles Spekulation. Vielleicht hat die Gefangenschaft Kampmann das Leben gerettet. Denn zum Zeitpunkt, als er durch Moskau laufen musste, standen Europa noch zehn Monate Krieg bevor, in denen Millionen Menschen ums Leben kamen.In jedem Übel sei ein Glück verborgen, meint Hans Kampmann. "Und das Glück hat mich wieder nach Hause gebracht. Auch wenn es fünfeinhalb Jahre gedauert hat."

Kriegsgefangener Kampmann: Apathisch durch die Straßen von Moskau

Porta Westfalica (mt). Hitze und Hunger, zwei Pellkartoffeln als Tagesration, Mitgefangene, die die Ruhr auszehrte, und dann der Marsch durch Moskau, vorbei an der wütenden Bevölkerung - an die ersten Wochen seiner Kriegsgefangenschaft denkt Dr. Hans Kampmann (87) in diesen heißen Julitagen besonders oft zurück.

Kilometerlange Schlange: Mehr als 50 000 deutsche Gefangene marschierten am 17. Juli 1944 durch Moskau. Die Abbildung stammt ursprünglich aus einem sowjetischen Film. - © Repro: MT
Kilometerlange Schlange: Mehr als 50 000 deutsche Gefangene marschierten am 17. Juli 1944 durch Moskau. Die Abbildung stammt ursprünglich aus einem sowjetischen Film. - © Repro: MT

Am 17. Juli jährt sich der Marsch durch Moskau zum 66. Mal. Kampmann war einer von mehr als 50 000 deutschen Soldaten der 9. Armee, die an diesem Tag auf Befehl Stalins der Bevölkerung vorgeführt wurde. "Ich war völlig apathisch", sagt Kampmann. "Ich habe meine Umgebung nicht richtig wahrgenommen. Es war deprimierend, wir waren alle am Ende. Ich war nur froh, dass ich nicht die Ruhr hatte."

Vereinzelt flogen Blumentöpfe. Die Bevölkerung beschimpfte die Gefangenen aufs Heftigste. Zu gravierenden Übergriffen kam es jedoch nicht. "Die Rotarmisten, die uns mit aufgepflanzten Bajonetten zu Fuß oder zu Pferd begleiteten, hatten die Sache im Griff."

Kampmann ist einer der letzten Zeitzeugen, die vom Schicksal dieser Gefangenen berichten können. Der damals 21-jährige Artillerieleutnant gehörte zur 6. westfälischen Infanteriedivision. "Alles Soldaten aus dem hiesigen Raum." Mitte 1944 geriet Kampmann in Gefangenschaft, als die Russen bei Mogilew in die deutschen Stellungen einbrachen und die 9. Armee zerschlugen.

Zeitzeuge Dr. Hans Kampmann. Der Hausberger hat seine Kriegserlebnisse in Tagebüchern und Fotoalben festgehalten. - © MT-Foto: Haunhorst
Zeitzeuge Dr. Hans Kampmann. Der Hausberger hat seine Kriegserlebnisse in Tagebüchern und Fotoalben festgehalten. - © MT-Foto: Haunhorst

Ein Auffanglager für die Gefangenen war die Zitadelle von Bobruisk, die sich Ende Juni rasch mit Deutschen füllte. "Es war zum Bersten voll. Alles ging drunter und drüber", erinnert sich Kampmann. Mit einer solchen Masse an Menschen seien die Russen überfordert gewesen. "Zwei Pellkartoffeln gab es pro Tag. Das Trinkwasser nahmen wird aus der Beresina, einem Zufluss des Dnepr. Wie eine Herde Vieh standen wir jeweils morgens und abends im Uferbereich und schlürften das modrige Wasser."

Später wurden die Gefangenen in Waggons in Richtung Moskau geschafft. Am Rande der Stadt mussten Tausende Soldaten auf einem Sportplatz ausharren, tagsüber bei sengender Hitze, nachts bei Gewittern mit wolkenbruchartigen Regengüssen.

Durchnässt bis auf die Haut erkrankten etliche Männer an der Ruhr. "Um die Notdurft verrichten zu können, wurden Gruben ausgehoben, zwei Bohlen darüber gelegt, und dann musste man geschickt genug sein, dass man auch richtig traf." An Ruhr Erkrankte konnten die Latrinen kaum verlassen.

Am Morgen des 17. Juli mussten die deutschen Soldaten in Zwanzigerreihen antreten. "Ich sah, dass auf einem Lkw die gefangenen Generäle der 9. Armee herangefahren wurden. Sie mussten sich vor uns aufstellen und den sich langsam in Bewegung setzenden Zug anführen."

Kinder warfen Schotter gegen die Waggons

Ein kilometerlanger Lindwurm bewegte sich durch die Straßen Moskaus. Russische Kameraleute filmten zu Propagandazwecken die schmutzigen und unrasierten Gesichter der Gefangenen.

Am frühen Nachmittag endete der Marsch durch Moskau. Hans Kampmann wurde mit etwa tausend Offizieren zum Minsker Güterbahnhof gebracht. Jeweils 100 Soldaten wurden in einen Waggon verfrachtet. "Hinlegen war unmöglich, wir standen dicht gedrängt."

Russische Kinder machten sich einen Spaß daraus, die Waggons mit Bahnschotter zu bewerfen. Der ohrenbetäubende Lärm war kaum zu ertragen. "Schlimmer als Maschinengewehrfeuer."

Nach zwei bis drei Stunden setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung. Die Fahrt endete 450 Kilometer nordöstlich von Moskau, im Gefangenenlager von Grjasowez. Wenige Tage später, am 28. Juli, wurde Kampmann 22 Jahre alt. Zum Geburtstag bekam er eine Pellkartoffel extra.

"Hätte ich seinerzeit gewusst, dass mir mehr als fünf Jahre Gefangenschaft bevorstehen, ich weiß nicht, was ich aus lauter Verzweiflung getan hätte." Rückblickend bleibt vieles Spekulation. Vielleicht hat die Gefangenschaft Kampmann das Leben gerettet. Denn zum Zeitpunkt, als er durch Moskau laufen musste, standen Europa noch zehn Monate Krieg bevor, in denen Millionen Menschen ums Leben kamen.

In jedem Übel sei ein Glück verborgen, meint Hans Kampmann. "Und das Glück hat mich wieder nach Hause gebracht. Auch wenn es fünfeinhalb Jahre gedauert hat."

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