Kommunalwahl ist auch Glückssache: Über ein Direktmandat entscheidet das Los Dirk Haunhorstund Thomas Lieske Porta Westfalica. Die Wahlarithmetik ist manchmal kompliziert. Obwohl die CDU zweieinhalb Prozentpunkte und rund 380 Stimmen vor der SPD liegt, erhalten beide Fraktionen elf Sitze. In der Stadtverwaltung wurde am Wahlabend lange gerechnet, bis klar war, wer das 38. und letzte Mandat erhält. „Es geht um acht Stimmen“, teilte Bürgermeister Bernd Hedtmann gestern mit. Heißt: Acht Stimmen mehr für die CDU zulasten der SPD, dann hätte die CDU zwölf Sitze gehabt, die SPD nur zehn. Ein weitere Besonderheit: Das Los wird darüber entscheiden, ob der dienstälteste Ratsherr Ulrich Prasuhn (CDU), der 1988 erstmals ein Mandat erhielt, seine politische Arbeit fortsetzen kann. Die Entscheidung fällt diesen Mittwoch im Wahlausschuss. Kurios: Es geht dabei gar nicht um Prasuhns Wahlbezirk Eisbergen-West, den der SPD-Mann Friedrich Schmeding direkt gewonnen hat, sondern um Möllbergen/Vennebecker Bruch. Dort hat Prasuhns Parteifreund Thomas Möbius exakt so viele Stimmen geholt wie Kerstin Wehling (SPD), nämlich 228. Fällt das Los auf Möbius, bekommt er das Ratsmandat und Prasuhn ist raus, da dann die elf Mandate, die der CDU prozentual zustehen, besetzt sind. Sollte hingegen Wehling Losglück haben, erhielte sie das Direktmandat und Möbius wäre raus, weil dann der fehlende CDU-Sitz über die Reserveliste der Partei aufgefüllt wird. Und dort wäre Prasuhn (Listenplatz 7) als nächster an der Reihe. Paradox: Um im Rat zu bleiben, muss er darauf hoffen, dass sein Parteifreund Lospech hat. „Das tue ich aber nicht“, sagte Prasuhn gestern. Er sei lange genug dabei gewesen und wünsche Möbius Glück. Dirk Rahnenführer hat trotz seines schwachen Abschneidens im Wahlbezirk Barkhausen-Süd, den er deutlich an die CDU-Stadtverbandsvorsitzende Inga Bruckschen verlor, sein Ratsmandat sicher – Listenplatz 3 macht’s möglich. Der Wahlbezirk glich einer „Hammergruppe“. Denn hier traten auch Grünen-Spitzenkandidatin Anke Grotjohann und FDP-Fraktionschefin Cornelia Müller-Dieker an. Die prominente Konkurrenz dürfte Rahnenführer einige Stimmen gekostet haben. Die SPD-Reihen im Ratssaal werden sich lichten. Einige bekannte Gesichter verlieren ihre Mandate, darunter der Vorsitzende des Planungsausschusses Fritz-Günter Vogt (Eisbergen-Ost/Fülme) und die beiden Schulpolitik-Experten Reinhard Fromme (Neesen) und Reinhard Geffert (Holzhausen-Hitzepohl). Dass die Schulstandort-Debatte, die 2018 einen Bürgerentscheid nach sich zog, beim Wahlverhalten eine Rolle gespielt hat, zeigt auch das Ergebnis in Veltheim. Die rot-grüne Ratsmehrheit wollte die dortige Grundschule eigentlich schließen. SPD-Stadtverbandsvorsitzender Karten Donnecker erhielt nun mit nicht einmal 16 Prozent die Quittung, auch das Grünen-Resultat (zwölf Prozent) ist unterdurchschnittlich, während FDP-Mann Reinhold Kölling beachtliche 22,8 Prozent einfuhr. Das Direktmandat ging wie schon bei vergangenen Wahlen an Karl-Erich Schmeding (CDU). Die Grünen haben insgesamt mit einem Plus von rund sieben Prozent deutlich zugelegt und in Kürze eine neues Parteimitglied. Anke Grotjohann, zurzeit noch parteilos, hat gestern ihren Aufnahmeantrag online abgeschickt, wie sie dem MT mitteilt. Als Bürgermeisterkandidatin landete sie hinter Dr. Sonja Gerlach (CDU) und Jörg Achilles (SPD) auf Rang drei und verfehlte damit die Stichwahl in knapp zwei Wochen. Sie sei nicht enttäuscht, sondern habe mit 24,3 Prozent ein gutes Ergebnis erreicht, meint Grotjohann. Bei ihr überwiege die Freude über das Abschneiden der Grünen, für die künftig acht Männer und Frauen Ratspolitik machen – inklusive Anke Grotjohann, die als grüne Spitzenkandidatin dann auch das passende Parteibuch haben wird. Für eine echte Überraschung sorgte am Wahlabend Newcomer Dr. Friedrich Hillbrand. Eigentlich, erzählt der Unternehmer im MT-Gespräch, habe er nur Wahlkampf für die neu gegründete Wählergemeinschaft Porta (WP) machen wollen. Herausgekommen ist ein Direktmandat für den Bezirk Veltheim-Nord/Lohfeld – und das aus dem Stand. „Ich stand am Grill für unsere kleine Wahlparty. Als meine Parteikollegen um die Ecke kamen und mir davon erzählten, hielt ich das für einen Scherz.“ Erst der Blick auf die offiziellen Wahlergebnisse überzeugte ihn dann von der frohen Nachricht. Hillbrand stand eigentlich weit hinten auf der WP-Liste. Ob er das Direktmandat überhaupt annehmen wird? „Das werden wir in der Wählergemeinschaft diskutieren. Wir stimmen alles zusammen ab“, sagt Hillbrand. In seinem Wahlbezirk holte er mehr als 27 Prozent der Stimmen und liegt damit deutlich vor seinen stärksten Mitbewerberinnen Jenny Sundermann (CDU/21,3 Prozent) und Dagmar Feldkötter (SPD/20,9). „Ich bin mit dem Rad von Haustür zu Haustür gefahren, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Das hat offenbar besser geklappt, als ich je gedacht hätte“, wundert sich der Unternehmer am Tag nach der Wahl. Zehn Prozent plus x hatte er sich als Ziel gesetzt – „dass das x jetzt so groß geworden ist, ist schon erstaunlich“. Auch generell, ergänzt WP-Vorsitzender Dietmar Lehmann, sei die Wählergemeinschaft zufrieden mit dem Ergebnis. „Wir liegen noch vor der FDP und ziehen mit drei Leuten in den Rat.“ Das werden neben ihm – Stand jetzt – Friedrich Hillbrand (wenn er denn annimmt) und Heinz Hauenschild sein, der zunächst für die Grünen und später parteilos im Rat saß. „Wir konnten unsere Fraktionsstärke im Rat halten. Das ist angesichts der neuen Mitbewerber ein guter Erfolg“, bilanziert FDP-Fraktionsvorsitzende Cornelia Müller-Dieker. Drei Sitze springen heraus. Da die FDP kein Direktmandat bekommen hat, bleibt aufgrund der entsprechenden Listenplätze bei der aktuellen Ratsbesetzung: Müller-Dieker, Susanne Engelking und Dirk Neitmann. „Wir werden unseren Kurs fortsetzen und setzen auf sachorientierte Debatten.“ Dabei wolle die FDP mit allen Parteien sprechen. „Die alten Mehrheitsverhältnisse sind jedenfalls Geschichte“, sagt Müller-Dieker – und es klingt Zufriedenheit in ihren Worten mit. Ähnlich die Reaktion von Matthias Wrede, der gemeinsam mit Volker Marsch die beiden AfD-Mandate erhält. Am Wahlabend hatte es längere Zeit nach drei Sitzen ausgesehen, wie auch gestern zunächst berichtet. Am Ende erhält die AfD, die auf 6,3 Prozent kommt, jedoch zwei. „Wir hatten gehofft, an zehn Prozent zu kratzen und bis zu vier Mandate zu erhalten, aber dieses Ergebnis ist okay“, sagt Wrede. Ganz und gar nicht zufrieden sind die Republikaner, wie Dietrich Edler als Spitzenkandidat und Bürgermeisterkandidat mitteilt. Abgeschlagen landete er mit nur 4,2 Prozent der Stimmen auf dem letzten Platz. Einen Ratssitz wird es für die rechte Partei, die sich selbst als konservativ-rechts neben der CDU einordnet, mit gerade einmal 32 Stimmen aus ganz Porta Westfalica (0,21 Prozent) nichts. Die Ursache sieht Edler nicht im eigenen Team, sondern in einem „Scherbenhaufen, der hinterlassen wurde“. Er spielt damit auf Volker Marschs Wechsel zur AfD an. Den Wechsel haben die Republikaner offenbar nicht verkraftet, Marsch galt als Zugpferd für die rechte Partei und war nun Spitzenkandidat der Konkurrenz. Die Autoren sind erreichbarunter Dirk.Haunhorst@MT.deund Thomas Lieske@MT.de

Kommunalwahl ist auch Glückssache: Über ein Direktmandat entscheidet das Los

Langer Abend im Bürgerhaus: Mit Spannung verfolgten die Politiker, zum Teil in Begleitung ihrer Familien, die Ergebnisentwicklung. Es wurde Nacht, bis in Porta das Ergebnis feststand. MT-Foto: Dirk Haunhorst © haunhorst

Porta Westfalica. Die Wahlarithmetik ist manchmal kompliziert. Obwohl die CDU zweieinhalb Prozentpunkte und rund 380 Stimmen vor der SPD liegt, erhalten beide Fraktionen elf Sitze. In der Stadtverwaltung wurde am Wahlabend lange gerechnet, bis klar war, wer das 38. und letzte Mandat erhält. „Es geht um acht Stimmen“, teilte Bürgermeister Bernd Hedtmann gestern mit. Heißt: Acht Stimmen mehr für die CDU zulasten der SPD, dann hätte die CDU zwölf Sitze gehabt, die SPD nur zehn.

Ein weitere Besonderheit: Das Los wird darüber entscheiden, ob der dienstälteste Ratsherr Ulrich Prasuhn (CDU), der 1988 erstmals ein Mandat erhielt, seine politische Arbeit fortsetzen kann. Die Entscheidung fällt diesen Mittwoch im Wahlausschuss. Kurios: Es geht dabei gar nicht um Prasuhns Wahlbezirk Eisbergen-West, den der SPD-Mann Friedrich Schmeding direkt gewonnen hat, sondern um Möllbergen/Vennebecker Bruch. Dort hat Prasuhns Parteifreund Thomas Möbius exakt so viele Stimmen geholt wie Kerstin Wehling (SPD), nämlich 228. Fällt das Los auf Möbius, bekommt er das Ratsmandat und Prasuhn ist raus, da dann die elf Mandate, die der CDU prozentual zustehen, besetzt sind. Sollte hingegen Wehling Losglück haben, erhielte sie das Direktmandat und Möbius wäre raus, weil dann der fehlende CDU-Sitz über die Reserveliste der Partei aufgefüllt wird. Und dort wäre Prasuhn (Listenplatz 7) als nächster an der Reihe. Paradox: Um im Rat zu bleiben, muss er darauf hoffen, dass sein Parteifreund Lospech hat. „Das tue ich aber nicht“, sagte Prasuhn gestern. Er sei lange genug dabei gewesen und wünsche Möbius Glück.

Dirk Rahnenführer hat trotz seines schwachen Abschneidens im Wahlbezirk Barkhausen-Süd, den er deutlich an die CDU-Stadtverbandsvorsitzende Inga Bruckschen verlor, sein Ratsmandat sicher – Listenplatz 3 macht’s möglich. Der Wahlbezirk glich einer „Hammergruppe“. Denn hier traten auch Grünen-Spitzenkandidatin Anke Grotjohann und FDP-Fraktionschefin Cornelia Müller-Dieker an. Die prominente Konkurrenz dürfte Rahnenführer einige Stimmen gekostet haben.

Die SPD-Reihen im Ratssaal werden sich lichten. Einige bekannte Gesichter verlieren ihre Mandate, darunter der Vorsitzende des Planungsausschusses Fritz-Günter Vogt (Eisbergen-Ost/Fülme) und die beiden Schulpolitik-Experten Reinhard Fromme (Neesen) und Reinhard Geffert (Holzhausen-Hitzepohl). Dass die Schulstandort-Debatte, die 2018 einen Bürgerentscheid nach sich zog, beim Wahlverhalten eine Rolle gespielt hat, zeigt auch das Ergebnis in Veltheim. Die rot-grüne Ratsmehrheit wollte die dortige Grundschule eigentlich schließen. SPD-Stadtverbandsvorsitzender Karten Donnecker erhielt nun mit nicht einmal 16 Prozent die Quittung, auch das Grünen-Resultat (zwölf Prozent) ist unterdurchschnittlich, während FDP-Mann Reinhold Kölling beachtliche 22,8 Prozent einfuhr. Das Direktmandat ging wie schon bei vergangenen Wahlen an Karl-Erich Schmeding (CDU).

Die Grünen haben insgesamt mit einem Plus von rund sieben Prozent deutlich zugelegt und in Kürze eine neues Parteimitglied. Anke Grotjohann, zurzeit noch parteilos, hat gestern ihren Aufnahmeantrag online abgeschickt, wie sie dem MT mitteilt. Als Bürgermeisterkandidatin landete sie hinter Dr. Sonja Gerlach (CDU) und Jörg Achilles (SPD) auf Rang drei und verfehlte damit die Stichwahl in knapp zwei Wochen. Sie sei nicht enttäuscht, sondern habe mit 24,3 Prozent ein gutes Ergebnis erreicht, meint Grotjohann. Bei ihr überwiege die Freude über das Abschneiden der Grünen, für die künftig acht Männer und Frauen Ratspolitik machen – inklusive Anke Grotjohann, die als grüne Spitzenkandidatin dann auch das passende Parteibuch haben wird.

Für eine echte Überraschung sorgte am Wahlabend Newcomer Dr. Friedrich Hillbrand. Eigentlich, erzählt der Unternehmer im MT-Gespräch, habe er nur Wahlkampf für die neu gegründete Wählergemeinschaft Porta (WP) machen wollen. Herausgekommen ist ein Direktmandat für den Bezirk Veltheim-Nord/Lohfeld – und das aus dem Stand. „Ich stand am Grill für unsere kleine Wahlparty. Als meine Parteikollegen um die Ecke kamen und mir davon erzählten, hielt ich das für einen Scherz.“ Erst der Blick auf die offiziellen Wahlergebnisse überzeugte ihn dann von der frohen Nachricht. Hillbrand stand eigentlich weit hinten auf der WP-Liste. Ob er das Direktmandat überhaupt annehmen wird? „Das werden wir in der Wählergemeinschaft diskutieren. Wir stimmen alles zusammen ab“, sagt Hillbrand.

In seinem Wahlbezirk holte er mehr als 27 Prozent der Stimmen und liegt damit deutlich vor seinen stärksten Mitbewerberinnen Jenny Sundermann (CDU/21,3 Prozent) und Dagmar Feldkötter (SPD/20,9). „Ich bin mit dem Rad von Haustür zu Haustür gefahren, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Das hat offenbar besser geklappt, als ich je gedacht hätte“, wundert sich der Unternehmer am Tag nach der Wahl. Zehn Prozent plus x hatte er sich als Ziel gesetzt – „dass das x jetzt so groß geworden ist, ist schon erstaunlich“. Auch generell, ergänzt WP-Vorsitzender Dietmar Lehmann, sei die Wählergemeinschaft zufrieden mit dem Ergebnis. „Wir liegen noch vor der FDP und ziehen mit drei Leuten in den Rat.“ Das werden neben ihm – Stand jetzt – Friedrich Hillbrand (wenn er denn annimmt) und Heinz Hauenschild sein, der zunächst für die Grünen und später parteilos im Rat saß.

„Wir konnten unsere Fraktionsstärke im Rat halten. Das ist angesichts der neuen Mitbewerber ein guter Erfolg“, bilanziert FDP-Fraktionsvorsitzende Cornelia Müller-Dieker. Drei Sitze springen heraus. Da die FDP kein Direktmandat bekommen hat, bleibt aufgrund der entsprechenden Listenplätze bei der aktuellen Ratsbesetzung: Müller-Dieker, Susanne Engelking und Dirk Neitmann. „Wir werden unseren Kurs fortsetzen und setzen auf sachorientierte Debatten.“ Dabei wolle die FDP mit allen Parteien sprechen. „Die alten Mehrheitsverhältnisse sind jedenfalls Geschichte“, sagt Müller-Dieker – und es klingt Zufriedenheit in ihren Worten mit.

Ähnlich die Reaktion von Matthias Wrede, der gemeinsam mit Volker Marsch die beiden AfD-Mandate erhält. Am Wahlabend hatte es längere Zeit nach drei Sitzen ausgesehen, wie auch gestern zunächst berichtet. Am Ende erhält die AfD, die auf 6,3 Prozent kommt, jedoch zwei. „Wir hatten gehofft, an zehn Prozent zu kratzen und bis zu vier Mandate zu erhalten, aber dieses Ergebnis ist okay“, sagt Wrede.

Ganz und gar nicht zufrieden sind die Republikaner, wie Dietrich Edler als Spitzenkandidat und Bürgermeisterkandidat mitteilt. Abgeschlagen landete er mit nur 4,2 Prozent der Stimmen auf dem letzten Platz. Einen Ratssitz wird es für die rechte Partei, die sich selbst als konservativ-rechts neben der CDU einordnet, mit gerade einmal 32 Stimmen aus ganz Porta Westfalica (0,21 Prozent) nichts. Die Ursache sieht Edler nicht im eigenen Team, sondern in einem „Scherbenhaufen, der hinterlassen wurde“. Er spielt damit auf Volker Marschs Wechsel zur AfD an. Den Wechsel haben die Republikaner offenbar nicht verkraftet, Marsch galt als Zugpferd für die rechte Partei und war nun Spitzenkandidat der Konkurrenz.

Die Autoren sind erreichbarunter Dirk.Haunhorst@MT.deund Thomas Lieske@MT.de

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Porta Westfalica