Kaiser und koloniale Gewalt: Kritische Worte zum Denkmal-Jubiläum Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Barkhausen. Es ist das scheinbare Vorrecht prominenter Gäste, später zu erscheinen oder Veranstaltungen früher zu verlassen. Das war schon vor 125 Jahren so. Kaiser Wilhelm II. weihte am 18. Oktober 1896 das Denkmal zu Ehren seines Großvaters ein und reiste dann mit Gattin rasch wieder ab. Das Festbankett im „Kaiserhof" ging ohne die Majestäten über die Bühne. Als Platzhalter hatte man dort Büsten des Kaiserpaares unter einen Baldachin gestellt. An diesem Montag hatte sich zum 125. Jahrestag der Denkmaleinweihung zwar nicht blaues Blut angekündigt, immerhin aber eine NRW-Ministerin. Ina Scharrenbach (CDU), zuständig für das Ressort Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, sollte einige Grußworte sprechen. Zunächst informierte Matthias Löb, Direktor des gastgebenden Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), über eine etwa halbstündige Verspätung der Ministerin. Nach einer Stunde erfolgte dann per Anruf die komplette Absage. Eine technischer Defekt am Auto sei schuld, berichtete Löb den annähernd 70 Besucherinnen und Besucher, die zur Feierstunde im Denkmal-Restaurant eingeladen waren. Inhaltlich war die Absage zu verschmerzen, denn die eigentliche Festrede war ohnehin Dr. Sylvia Necker vorbehalten. Die Leiterin des LWL-Preußenmuseums Minden und des Besucherzentrums im Denkmal warb mit kritischen Worten für einen zeitgemäßen Umgang mit dem Kaiser-Monument – jenseits aller folkloristischen Klischees samt Verniedlichung des Herrscherstatue zum kumpelhaften „Willem". Das Kaiserreich, so Necker, sei als geeintes Reich nach 1871 gerade nicht homogen gewesen, „sondern ein durch soziale und wirtschaftliche Umwälzungsprozesse gekennzeichneter Staat im Inneren und ein zunehmend aggressiv imperialistisch agierender Staat nach außen". Necker widmete sich insbesondere der „kolonialen Gewalt" dieser Zeit. So sei unter Wilhelm dem Ersten 1884/85 das deutsche Kolonialreich in Afrika endgültig etabliert worden, als nach Deutsch-Südwest und Deutsch-Ostafrika auch noch Togo und Kamerun hinzukamen. „Die deutsche und preußische Gesellschaft und Kultur war kaum weniger in die koloniale und rassistische Weltordnung und damit auch in koloniale Gewalt verflochten als die anderen europäischen Staaten." Schon dies reiche aus, um das Kaiser-Wilhelm-Denkmal als Ausgangspunkt und Einladung zu kritischen Debatten zu nehmen. Bislang, so Necker, sei das Monument an der Porta „bemerkenswert unberührt" von aktuellen Denkmaldebatten. So werde etwa in Hamburg heftig um das Bismarck-Denkmal gestritten. Die bisherige Entkopplung der Figur Wilhelms I. von der kolonialen Geschichte des Kaiserreichs, die offenbar eher mit Akteuren wie Reichskanzler Otto von Bismarck verknüpft werde, hinterlasse eine „merkwürdige Leerstelle". Die Ausstellung im Besucherzentrum soll aber nicht nur inhaltlich überprüft, sondern auch technisch ausgebaut werden. Necker erwähnte zeitgemäße Angebote wie Podcast, Comic und Videoclips, die mit den (jugendlichen) Zielgruppen gemeinsam entwickelt werden sollen. Ziel sei, die niedersächsische Besucherin genauso zu erreichen wie die postkoloniale Aktivistin aus Berlin oder die Schulklasse aus Detmold, die vom Hermanns-Denkmal genug habe und stattdessen nach Porta wolle, um sich mit der Geschichte des Kaiserreichs und mit Fragen von Demokratie und politischer Repräsentation auseinanderzusetzen. Eröffnet hatte die Feierstunde LWL.-Direktor Matthias Löb, der zur Begrüßung einen Blick auf die Porta warf und erwähnte, dass der Berg wegen seiner außergewöhnlichen Aussicht die Menschen bereits angezogen habe, als dort noch kein Denkmal stand. Nach der Sanierung des Ringsockels und dem Bau des Besucherzentrums habe sich seit Mitte 2018 die Anzahl der Führungen am Monument verzehnfacht, sagte Löb. Es gebe aber nicht nur mehr Besucher, auch deren Aufenthaltszeit habe sich deutlich erhöht. In der Konsequenz habe auch der Verkehr rund ums Denkmal zugenommen, was vor allem anfangs zu chaotischen Verhältnissen führte. „Wir waren überfordert mit dem Verkehr", gab Löb zu, „und wurden vom eigenen Erfolg überrollt." Die Probleme seien aber inzwischen weitgehend abgestellt, auch mithilfe des Shuttlebus-Einsatzes. Bürgermeisterin Dr. Sonja Gerlach und Landrätin Anna Bölling (beide CDU) hoben in ihren Grußworten das Heimatgefühl hervor, das sich beim Anblick des Denkmals unweigerlich einstelle. Viele Menschen verbinden mit dem Monument ganz persönliche Geschichten. Anna Bölling, deren familiäre Wurzeln in Barkhausen liegen, überraschte die Zuhörer mit einer außergewöhnlichen Anekdote: Ihr Vater habe erzählt, dass er in den 1950er Jahren mit Freunden am Denkmal hochgeklettert sei, um in der Kuppel Karten zu spielen. Nicht minder eindrucksvoll war die musikalische Begleitung der Feierstunde. Charlotte Hahn und Sebastian Gokus begeisterten mit virtuosem Spiel auf dem Schlaginstrument Marimba, dessen Ursprung in Afrika liegt. Wer wollte, konnte dies auch als Anspielung auf deutsche Kolonialgeschichte interpretieren.

Kaiser und koloniale Gewalt: Kritische Worte zum Denkmal-Jubiläum

Virtuoses Spiel auf der Marimba: Auch Charlotte Hahn und Sebastian Gokus schlugen in der Feierstunde die richtigen Töne an. © haunhorst

Porta Westfalica-Barkhausen. Es ist das scheinbare Vorrecht prominenter Gäste, später zu erscheinen oder Veranstaltungen früher zu verlassen. Das war schon vor 125 Jahren so. Kaiser Wilhelm II. weihte am 18. Oktober 1896 das Denkmal zu Ehren seines Großvaters ein und reiste dann mit Gattin rasch wieder ab. Das Festbankett im „Kaiserhof" ging ohne die Majestäten über die Bühne. Als Platzhalter hatte man dort Büsten des Kaiserpaares unter einen Baldachin gestellt.

An diesem Montag hatte sich zum 125. Jahrestag der Denkmaleinweihung zwar nicht blaues Blut angekündigt, immerhin aber eine NRW-Ministerin. Ina Scharrenbach (CDU), zuständig für das Ressort Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, sollte einige Grußworte sprechen. Zunächst informierte Matthias Löb, Direktor des gastgebenden Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), über eine etwa halbstündige Verspätung der Ministerin. Nach einer Stunde erfolgte dann per Anruf die komplette Absage. Eine technischer Defekt am Auto sei schuld, berichtete Löb den annähernd 70 Besucherinnen und Besucher, die zur Feierstunde im Denkmal-Restaurant eingeladen waren.

Inhaltlich war die Absage zu verschmerzen, denn die eigentliche Festrede war ohnehin Dr. Sylvia Necker vorbehalten. Die Leiterin des LWL-Preußenmuseums Minden und des Besucherzentrums im Denkmal warb mit kritischen Worten für einen zeitgemäßen Umgang mit dem Kaiser-Monument – jenseits aller folkloristischen Klischees samt Verniedlichung des Herrscherstatue zum kumpelhaften „Willem".

Malina Reckordt

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Das Kaiserreich, so Necker, sei als geeintes Reich nach 1871 gerade nicht homogen gewesen, „sondern ein durch soziale und wirtschaftliche Umwälzungsprozesse gekennzeichneter Staat im Inneren und ein zunehmend aggressiv imperialistisch agierender Staat nach außen". Necker widmete sich insbesondere der „kolonialen Gewalt" dieser Zeit. So sei unter Wilhelm dem Ersten 1884/85 das deutsche Kolonialreich in Afrika endgültig etabliert worden, als nach Deutsch-Südwest und Deutsch-Ostafrika auch noch Togo und Kamerun hinzukamen. „Die deutsche und preußische Gesellschaft und Kultur war kaum weniger in die koloniale und rassistische Weltordnung und damit auch in koloniale Gewalt verflochten als die anderen europäischen Staaten."

Blaue Stunde zum 125. „Geburtstag“: das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Abend des 18.Oktober. MT-Fotos: Dirk Haunhorst - © y
Blaue Stunde zum 125. „Geburtstag“: das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Abend des 18.Oktober. MT-Fotos: Dirk Haunhorst - © y

Schon dies reiche aus, um das Kaiser-Wilhelm-Denkmal als Ausgangspunkt und Einladung zu kritischen Debatten zu nehmen. Bislang, so Necker, sei das Monument an der Porta „bemerkenswert unberührt" von aktuellen Denkmaldebatten. So werde etwa in Hamburg heftig um das Bismarck-Denkmal gestritten. Die bisherige Entkopplung der Figur Wilhelms I. von der kolonialen Geschichte des Kaiserreichs, die offenbar eher mit Akteuren wie Reichskanzler Otto von Bismarck verknüpft werde, hinterlasse eine „merkwürdige Leerstelle".

Die Ausstellung im Besucherzentrum soll aber nicht nur inhaltlich überprüft, sondern auch technisch ausgebaut werden. Necker erwähnte zeitgemäße Angebote wie Podcast, Comic und Videoclips, die mit den (jugendlichen) Zielgruppen gemeinsam entwickelt werden sollen. Ziel sei, die niedersächsische Besucherin genauso zu erreichen wie die postkoloniale Aktivistin aus Berlin oder die Schulklasse aus Detmold, die vom Hermanns-Denkmal genug habe und stattdessen nach Porta wolle, um sich mit der Geschichte des Kaiserreichs und mit Fragen von Demokratie und politischer Repräsentation auseinanderzusetzen.

Eröffnet hatte die Feierstunde LWL.-Direktor Matthias Löb, der zur Begrüßung einen Blick auf die Porta warf und erwähnte, dass der Berg wegen seiner außergewöhnlichen Aussicht die Menschen bereits angezogen habe, als dort noch kein Denkmal stand. Nach der Sanierung des Ringsockels und dem Bau des Besucherzentrums habe sich seit Mitte 2018 die Anzahl der Führungen am Monument verzehnfacht, sagte Löb. Es gebe aber nicht nur mehr Besucher, auch deren Aufenthaltszeit habe sich deutlich erhöht. In der Konsequenz habe auch der Verkehr rund ums Denkmal zugenommen, was vor allem anfangs zu chaotischen Verhältnissen führte. „Wir waren überfordert mit dem Verkehr", gab Löb zu, „und wurden vom eigenen Erfolg überrollt." Die Probleme seien aber inzwischen weitgehend abgestellt, auch mithilfe des Shuttlebus-Einsatzes.

Bürgermeisterin Dr. Sonja Gerlach und Landrätin Anna Bölling (beide CDU) hoben in ihren Grußworten das Heimatgefühl hervor, das sich beim Anblick des Denkmals unweigerlich einstelle. Viele Menschen verbinden mit dem Monument ganz persönliche Geschichten. Anna Bölling, deren familiäre Wurzeln in Barkhausen liegen, überraschte die Zuhörer mit einer außergewöhnlichen Anekdote: Ihr Vater habe erzählt, dass er in den 1950er Jahren mit Freunden am Denkmal hochgeklettert sei, um in der Kuppel Karten zu spielen.

Nicht minder eindrucksvoll war die musikalische Begleitung der Feierstunde. Charlotte Hahn und Sebastian Gokus begeisterten mit virtuosem Spiel auf dem Schlaginstrument Marimba, dessen Ursprung in Afrika liegt. Wer wollte, konnte dies auch als Anspielung auf deutsche Kolonialgeschichte interpretieren.

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