Geht am Bahnhof Porta das Rotlicht aus? Kreis will SG-Club schließen Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Lerbeck. Im SG-Club befinden sich keine Prostituierten. Zumindest steht das auf einem Aufsteller vor dem Gebäudeeingang. Stattdessen werden die Frauen, die dort Zimmer gemietet haben, als „psychologische Gesellschaftleisterinnen" bezeichnet. Diese recht kryptische Bezeichnung hängt womöglich mit der drohenden Schließung des bekannten Bordellbetriebs zusammen. Konkretes ist von der Geschäftsführung nicht zu erfahren. Sie verweist gegenüber dem MT auf ein angeblich noch schwebendes Verfahren beim Oberverwaltungsgericht (OVG). Doch das ist längst entschieden, wie ein Pressesprecher des Gerichts gestern mitteilte. Der Kreis Minden-Lübbecke hatte bereits im Juni 2018 die Betriebsschließung angeordnet. Möglicherweise steht dies mit dem Prostituiertenschutzgesetz in Verbindung, das Anfang 2017 in Kraft trat. Es fehle an der rechtlich erforderlichen Erlaubnis, so die Behörde.. Einzelheiten dazu will sie nicht mitteilen, weil „hierdurch schutzwürdige private Interessen verletzt würden". Gegen die Schließung wehrte sich die SG-Club-Betreiberin vor dem Verwaltungsgericht Minden, das die Klage abwies (Aktenzeichen 2902/18), und wollte dann vors OVG ziehen. Doch die nächste Instanz musste erst gar nicht über die Zulassung der Berufung entscheiden, teilt OVG-Richter und -Pressesprecher Dirk Rauschenberg mit. Grund: Die SG-Club Betreiberin hatte beantragt, sich von der erforderlichen anwaltlichen Vertretung befreien zu lassen oder alternativ einen Notanwalt beigeordnet zu bekommen. Ersteres lehnte das OVG ab, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gebe, und Letzteres wurde zurückgewiesen, weil der Beleg fehlte, dass sich die Klägerin zuvor ernsthaft um einen Anwalt bemüht hatte (Aktenzeichen 4 A 4130/19). Damit hat die Entscheidung des Kreises Bestandskraft. Die Schließung werde zurzeit nach dem NRW-Verwaltungsvollstreckungsgesetz durchgesetzt, teilt die Behörde mit. Sie hat im Juli ein Zwangsgeld festgesetzt, das üblicherweise zunächst mit der Untersagungsverfügung angedroht wird. Eine Festsetzung der Summe und eine mögliche Erhöhung folgen, wenn der Betrieb trotz Verbots aufrechterhalten wird. Zur Höhe des Zwangsgeldes machte der Kreis keine Angaben. Während der Kreis das generelle Aus des SG-Clubs durchsetzen will, schaut die städtische Ordnungsbehörde immer wieder mal nach dem Rechten und kontrolliert, ob das aktuelle Betriebsverbot nach der Corona-Schutzverordnung eingehalten wird. Sachgebietsleiter Detlef Brand erhält öfter Hinweise, dass dort Prostituierte weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. Bei Kontrollen seien keine Verstöße aufgefallen, berichtet Brand. Allerdings wisse man natürlich nicht, was in den Zimmern passiere, die die Frauen angemietet hätten. Einige von ihnen hätten angesichts der drohenden Schließung bei der Stadt selbst ein Gewerbe anmelden wollen, was rechtlich nicht möglich sei, so Brand. Unberührt davon bleibt, dass das Haus auch eine konzessionierte Gaststätte ist, die betrieben werden kann. Die frühere Homepage des Bordells ist verschwunden, inzwischen firmiert „Kurfürst (SG)" im Netz unter www. laufhausminden.de. 40 Zimmer werden dort ausgewiesen und von einem „Psych.-Gesellschaft-Leisterinnen-Laufhaus" ist die Rede. Die Einrichtung sei aktuell geöffnet und behördlich geprüft, behaupten die Betreiber. „Wir haben nichts geprüft", sagt Detlef Brand vom Ordnungsamt. Das ehemalige Hotel „Großer Kurfürst" beherbergt seit 1968 Bar- und Bordellbetriebe mit wechselnden Betreibern. Seit 1985 heißt das Haus „SG-Club", die Bedeutung der Abkürzung ist in den Akten nicht hinterlegt. Der Abzug der Briten aus Minden setzte Mitte der 1990er-Jahre der Rotlichtbranche in der Region zu. SG-Club-Geschichtsführer Ralf Brakmann schwärmte seinerzeit gegenüber dem Magazin Focus von besseren Zeiten: Die britischen Soldaten hätten immer bar bezahlt. „Manch einer ließ seinen gesamten Wehrsold bei uns." Im Laufe der Jahrzehnte machten immer mal wieder Razzien im Bordellbetrieb Schlagzeilen. Wegen der Nähe zur damaligen Disco PW1 bezeichneten manche den SG-Club als „PW2". Die Stadt Porta Westfalica wollte von dem Rotlichtbetrieb dort und andernorts finanziell profitieren und beschloss 2012 eine Sex- und Bordellsteuer. Ob das Rotlicht in Bahnhofsnähe bald ganz erlischt oder neue Geschäftsmodelle entwickelt werden, ist unklar. Nach dem Aufsteller vorm Eingang zu urteilen, wird dort zurzeit mit verbalerotischen Spielarten experimentiert. Zumindest deutet darauf eine ungelenke Formulierung auf dem Aufsteller hin: Für die Gesellschaftleisterinnen sei „Sex, der nicht auf Worte beschränkt ist, kein Mittel zur Berufsausübung", steht dort in doppelter Negation. Wer sich nicht auf Worte beschränken wolle, erhalte keinen Zutritt. Rätselhaft der Hinweis, die Gesellschaftleisterinnen seien „z.B. für fällige Vorbeugung" tätig. Das klingt fast so, als ginge es um präventive Maßnahmen mit Krankenkassenzuschuss.

Geht am Bahnhof Porta das Rotlicht aus? Kreis will SG-Club schließen

Die Hülle erinnert an das frühere Hotel „Großer Kurfürst“. Bar- und Bordellbetrieb bestimmen seit mehr als 50 Jahren das Innenleben. Damit ist offenbar bald Schluss. MT-Fotos: Dirk Haunhorst © Haunhorst

Porta Westfalica-Lerbeck. Im SG-Club befinden sich keine Prostituierten. Zumindest steht das auf einem Aufsteller vor dem Gebäudeeingang. Stattdessen werden die Frauen, die dort Zimmer gemietet haben, als „psychologische Gesellschaftleisterinnen" bezeichnet. Diese recht kryptische Bezeichnung hängt womöglich mit der drohenden Schließung des bekannten Bordellbetriebs zusammen. Konkretes ist von der Geschäftsführung nicht zu erfahren. Sie verweist gegenüber dem MT auf ein angeblich noch schwebendes Verfahren beim Oberverwaltungsgericht (OVG). Doch das ist längst entschieden, wie ein Pressesprecher des Gerichts gestern mitteilte.

Der Kreis Minden-Lübbecke hatte bereits im Juni 2018 die Betriebsschließung angeordnet. Möglicherweise steht dies mit dem Prostituiertenschutzgesetz in Verbindung, das Anfang 2017 in Kraft trat. Es fehle an der rechtlich erforderlichen Erlaubnis, so die Behörde.. Einzelheiten dazu will sie nicht mitteilen, weil „hierdurch schutzwürdige private Interessen verletzt würden".

Mit diesem konfusen Text wirbt der Betreiber auf der neuen Homepage. Screenshot: MT
Mit diesem konfusen Text wirbt der Betreiber auf der neuen Homepage. Screenshot: MT

Gegen die Schließung wehrte sich die SG-Club-Betreiberin vor dem Verwaltungsgericht Minden, das die Klage abwies (Aktenzeichen 2902/18), und wollte dann vors OVG ziehen. Doch die nächste Instanz musste erst gar nicht über die Zulassung der Berufung entscheiden, teilt OVG-Richter und -Pressesprecher Dirk Rauschenberg mit. Grund: Die SG-Club Betreiberin hatte beantragt, sich von der erforderlichen anwaltlichen Vertretung befreien zu lassen oder alternativ einen Notanwalt beigeordnet zu bekommen. Ersteres lehnte das OVG ab, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gebe, und Letzteres wurde zurückgewiesen, weil der Beleg fehlte, dass sich die Klägerin zuvor ernsthaft um einen Anwalt bemüht hatte (Aktenzeichen 4 A 4130/19).

Keine Prostitutionsstätte?

Laut Betreiber wird nur mit Worten gearbeitet. - © Haunhorst
Keine Prostitutionsstätte?
Laut Betreiber wird nur mit Worten gearbeitet. - © Haunhorst

Damit hat die Entscheidung des Kreises Bestandskraft. Die Schließung werde zurzeit nach dem NRW-Verwaltungsvollstreckungsgesetz durchgesetzt, teilt die Behörde mit. Sie hat im Juli ein Zwangsgeld festgesetzt, das üblicherweise zunächst mit der Untersagungsverfügung angedroht wird. Eine Festsetzung der Summe und eine mögliche Erhöhung folgen, wenn der Betrieb trotz Verbots aufrechterhalten wird. Zur Höhe des Zwangsgeldes machte der Kreis keine Angaben.

Während der Kreis das generelle Aus des SG-Clubs durchsetzen will, schaut die städtische Ordnungsbehörde immer wieder mal nach dem Rechten und kontrolliert, ob das aktuelle Betriebsverbot nach der Corona-Schutzverordnung eingehalten wird. Sachgebietsleiter Detlef Brand erhält öfter Hinweise, dass dort Prostituierte weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. Bei Kontrollen seien keine Verstöße aufgefallen, berichtet Brand. Allerdings wisse man natürlich nicht, was in den Zimmern passiere, die die Frauen angemietet hätten. Einige von ihnen hätten angesichts der drohenden Schließung bei der Stadt selbst ein Gewerbe anmelden wollen, was rechtlich nicht möglich sei, so Brand. Unberührt davon bleibt, dass das Haus auch eine konzessionierte Gaststätte ist, die betrieben werden kann.

Die frühere Homepage des Bordells ist verschwunden, inzwischen firmiert „Kurfürst (SG)" im Netz unter www. laufhausminden.de. 40 Zimmer werden dort ausgewiesen und von einem „Psych.-Gesellschaft-Leisterinnen-Laufhaus" ist die Rede. Die Einrichtung sei aktuell geöffnet und behördlich geprüft, behaupten die Betreiber. „Wir haben nichts geprüft", sagt Detlef Brand vom Ordnungsamt.

Das ehemalige Hotel „Großer Kurfürst" beherbergt seit 1968 Bar- und Bordellbetriebe mit wechselnden Betreibern. Seit 1985 heißt das Haus „SG-Club", die Bedeutung der Abkürzung ist in den Akten nicht hinterlegt. Der Abzug der Briten aus Minden setzte Mitte der 1990er-Jahre der Rotlichtbranche in der Region zu. SG-Club-Geschichtsführer Ralf Brakmann schwärmte seinerzeit gegenüber dem Magazin Focus von besseren Zeiten: Die britischen Soldaten hätten immer bar bezahlt. „Manch einer ließ seinen gesamten Wehrsold bei uns."

Im Laufe der Jahrzehnte machten immer mal wieder Razzien im Bordellbetrieb Schlagzeilen. Wegen der Nähe zur damaligen Disco PW1 bezeichneten manche den SG-Club als „PW2". Die Stadt Porta Westfalica wollte von dem Rotlichtbetrieb dort und andernorts finanziell profitieren und beschloss 2012 eine Sex- und Bordellsteuer.

Ob das Rotlicht in Bahnhofsnähe bald ganz erlischt oder neue Geschäftsmodelle entwickelt werden, ist unklar. Nach dem Aufsteller vorm Eingang zu urteilen, wird dort zurzeit mit verbalerotischen Spielarten experimentiert. Zumindest deutet darauf eine ungelenke Formulierung auf dem Aufsteller hin: Für die Gesellschaftleisterinnen sei „Sex, der nicht auf Worte beschränkt ist, kein Mittel zur Berufsausübung", steht dort in doppelter Negation. Wer sich nicht auf Worte beschränken wolle, erhalte keinen Zutritt. Rätselhaft der Hinweis, die Gesellschaftleisterinnen seien „z.B. für fällige Vorbeugung" tätig. Das klingt fast so, als ginge es um präventive Maßnahmen mit Krankenkassenzuschuss.

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