Eisenbahnunglück mit 79 Toten in Porta Westfalica: Zog ein SS-Offizier 1944 die Notbremse? Hans-Martin Polte Porta Westfalica. 79 Tote und 84 zum Teil Schwerstverletzte: das Eisenbahnunglück, das sich am 20. Januar 1944 in der Porta ereignete, kostete nicht nur viele Menschenleben, sondern traumatisierte auch Überlebende und Angehörige. Gelitten hat auch der junge Fahrdienstleiter des Bahnhofs Porta, der allein für das Unglück verantwortlich gemacht wurde. „Er war damals erst drei Wochen in dieser verantwortungsvollen Position und hatte vorher vergeblich seine Vorgesetzten gebeten, ihm Unterstützung zur Einarbeitung zu geben“, berichtet eine seiner Töchter, die in Porta lebt, dem MT. Fünf Angeklagte standen seinerzeit vor dem Landgericht Bielefeld. Doch nur der Fahrdienstleiter wurde verurteilt. Zwei Eisenbahnfachleute haben sich jetzt näher mit dem Unglück und dem Gerichtsverfahren befasst,üben deutliche Kritik an dem Urteil und kommen bei der Schuldfrage zu einem anderen Schluss. Dabei spielt auch ein SS-Offizier eine Rolle. Dunkelheit, Nebelund Fliegeralarm Im Abstand von 13 Minuten fuhren am Abend des 20. Januar 1944 zwei D-Züge von Bielefeld nach Hannover. Als der erste Zug den Bahnhof Porta passierte, zog ein Passagier im viertletzten Wagen die Notbremse, so dass der Zug in Höhe des ehemaligen Hotels „Großer Kurfürst“ zum Stehen kam. Während das Zugpersonal sofort die Ursache der Notbremsung zu ermitteln versuchte, war der diensthabende 31-jährige Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk „Pmf“ in Höhe des Güterbahnhofs mit zahlreichen anderen Zug- und Rangierfahrten im damals langgestreckten Bahnhofsgebiet so angespannt beschäftigt, dass er dem stehenden D-Zug zunächst keine Aufmerksamkeit schenkte. Wegen Dunkelheit, Nebel und kriegsbedingter Verdunkelung konnte er den in 300 Metern Entfernung stehenden Zug nicht sehen. Hinzu kam, dass in diesen Minuten Fliegeralarm und kurz danach sogar drohender Luftangriff gemeldet wurde. Auch die beiden anderen Bahnbediensteten auf zwei weiteren Stellwerken im Bereich des Bahnhofs Porta waren vollauf mit ihren Routinearbeiten und den vorgeschriebenen Vorkehrungen bei Alarm beschäftigt. Lok und Waggonsflogen durch die Luft So kam es, dass dem nachfolgenden zweiten D-Zug – wegen der Hektik auf den Stellwerken und falschen Signalsetzens aufgrund von Missverständnissen zwischen Bahnmitarbeitern – freie Fahrt durch den Bahnhof Porta gegeben wurde. Der Zug fuhr ungebremst auf den im selben Gleis haltenden D-Zug auf. Die Folgen waren schrecklich. Augenzeugen berichteten von einem explosionsartigen Knall und einem glühenden Feuerball in der Dunkelheit. Die auffahrende Lok und mehrere Waggons wurden durch die Luft geschleudert und brannten. In den Zügen starben Soldaten, Zivilisten und Zwangsarbeiter. Auch vier Kinder zählten zu den Opfern.Von der Strafkammer des Landgerichts Bielefeld wurde der Fahrdienstleiter, der damals in Holzhausen an der. Porta wohnte, am 12. Juli 1944 „wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Transportgefährdung zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt“, wie im Gerichtsurteil zu lesen ist. (Dort ist auch von 87 Verletzten die Rede, andere Quellen sprechen von 64.) Vier weitere angeklagte Bahnbedienstete wurden freigesprochen. Mit diesem Urteil und mit den Vorgängen am Unglückstag, besonders den wenigen Minuten zwischen dem Halt des ersten D-Zuges um 18.39 Uhr und dem Aufprall des zweiten D-Zuges um 18.51 Uhr haben sich nun zwei Experten eingehend beschäftigt. In der Dezemberausgabe der Zeitschrift „EisenbahnKLASSIK“ veröffentlichen Hendrik Bloem, Fachmann für Eisenbahngeschichte und Herausgeber der Zeitschrift „Eisenbahn-Romantik“, und der ehemalige Eisenbahner und heutige Rechtsanwalt Fritz Wolff aus Bielefeld einen Artikel unter dem Titel „Inferno auf Bahnhof Porta“, in dem sie den „verheerenden Unfall im Krieg“ rekonstruieren und zu überraschenden Folgerungen kommen. Detailliert wird von den Autoren der Ablauf des Geschehens geschildert und herausgearbeitet, dass man dem Fahrdienstleiter auf keinen Fall die alleinige Schuld an der Katastrophe geben kann. Sie sind zwar der Meinung, dass schuldhafte Dienstpflichtverstöße des Fahrdienstleiters, die zu dem Unfall geführt haben, nicht zu bestreiten seien. Sie nennen aber die Freisprüche für Lok- und Zugführer des ersten D-Zuges „völlig unverständlich“. Beide hätten gravierend gegen damals geltende Dienstvorschriften verstoßen. So hätte der Lokführer unbedingt das vorgeschriebene mehrmalige akustische Notsignal geben müssen und der Zugführer müsse in solch einem Notfall „auf kürzestem Wege den Fahrdienstleiter verständigen“. Beides sei in diesem Fall nicht passiert.Lok- und Zugführer imVisier der Autoren „Wenn das geschehen wäre, so wäre der Fahrdienstleiter auf den Zwangsaufenthalt des ersten D-Zuges mitten in seinem Bahnhof mit Sicherheit aufmerksam geworden“, urteilen die Autoren des Berichts. „Die Argumentation des Gerichts, wonach Lok- und Zugführer aus ihren Unterlassungen kein Schuldvorwurf gemacht werden könne, entbehrt jeder Nachvollziehbarkeit.“ Sehr bedenklich erscheint den Autoren auch der Freispruch für den Bediensteten auf dem Stellwerk im Bahnhofsgebäude. Da der Zug vor seinem Fenster mit den typischen Bremsgeräuschen und entsprechendem Funkenflug zum Halten gebracht wurde, hätte dieser alles daransetzen müssen, dass der zweite D-Zug einige Minuten später keine Durchfahrtserlaubnis auf demselben Gleis erhalten durfte. Durfte die Wahrheit nichtan Licht kommen? Äußerst merkwürdig erscheint den Autoren die Tatsache, dass es nach dem Unglück keinerlei Nachforschungen nach der Person gab, die mitten im Bahnhof die Notbremse gezogen hatte. Weder in den Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft noch in den Gerichtsakten taucht die Frage nach dem Täter auf. Bloem und Wolff verwundert es, dass der Reisende, der das tat, in dem vollbesetzten Zug nicht beobachtet wurde. „Und so erscheint uns die Mitteilung, die wir im Rahmen unserer Recherchen mehrfach erhielten, dass nämlich jener Reisende durchaus, und zwar auch namentlich, feststehe, keineswegs an den Haaren herbeigezogen.“ Sie kommen zu dem Schluss, dass man damals durchaus Interesse daran hatte, „diesen Teil der Wahrheit besser nicht öffentlich zu machen: Es soll sich bei dem Reisenden um einen hohen SS-Offizier gehandelt haben, der auf der anderen Weserseite in Barkhausen privat einquartiert war und einen raschen Heimweg anstrebte“. Das klingt plausibel. Es war die Zeit, als in Barkhausen und Hausberge von den Nazis das KZ-Außenlager Neuengamme eingerichtet wurde, das von März 1944 bis 1945 bestand. Zudem war der D-Zug nicht weit von der damals noch existierenden Kettenbrücke, die nach Barkhausen führte, zum Halten gekommen. War der Fahrdienstleiter fürs NS-Regime ein bequemer Sündenbock?

Eisenbahnunglück mit 79 Toten in Porta Westfalica: Zog ein SS-Offizier 1944 die Notbremse?

Bei dem Zugunglück 1944 starben 79 Menschen, 84 wurden zum Teil schwer verletzt. Foto: © pschwemling

Porta Westfalica. 79 Tote und 84 zum Teil Schwerstverletzte: das Eisenbahnunglück, das sich am 20. Januar 1944 in der Porta ereignete, kostete nicht nur viele Menschenleben, sondern traumatisierte auch Überlebende und Angehörige. Gelitten hat auch der junge Fahrdienstleiter des Bahnhofs Porta, der allein für das Unglück verantwortlich gemacht wurde. „Er war damals erst drei Wochen in dieser verantwortungsvollen Position und hatte vorher vergeblich seine Vorgesetzten gebeten, ihm Unterstützung zur Einarbeitung zu geben“, berichtet eine seiner Töchter, die in Porta lebt, dem MT.

Fünf Angeklagte standen seinerzeit vor dem Landgericht Bielefeld. Doch nur der Fahrdienstleiter wurde verurteilt. Zwei Eisenbahnfachleute haben sich jetzt näher mit dem Unglück und dem Gerichtsverfahren befasst,üben deutliche Kritik an dem Urteil und kommen bei der Schuldfrage zu einem anderen Schluss. Dabei spielt auch ein SS-Offizier eine Rolle.

Dunkelheit, Nebelund Fliegeralarm

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Patrick Schwemmling

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Im Abstand von 13 Minuten fuhren am Abend des 20. Januar 1944 zwei D-Züge von Bielefeld nach Hannover. Als der erste Zug den Bahnhof Porta passierte, zog ein Passagier im viertletzten Wagen die Notbremse, so dass der Zug in Höhe des ehemaligen Hotels „Großer Kurfürst“ zum Stehen kam. Während das Zugpersonal sofort die Ursache der Notbremsung zu ermitteln versuchte, war der diensthabende 31-jährige Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk „Pmf“ in Höhe des Güterbahnhofs mit zahlreichen anderen Zug- und Rangierfahrten im damals langgestreckten Bahnhofsgebiet so angespannt beschäftigt, dass er dem stehenden D-Zug zunächst keine Aufmerksamkeit schenkte. Wegen Dunkelheit, Nebel und kriegsbedingter Verdunkelung konnte er den in 300 Metern Entfernung stehenden Zug nicht sehen.

Hinzu kam, dass in diesen Minuten Fliegeralarm und kurz danach sogar drohender Luftangriff gemeldet wurde. Auch die beiden anderen Bahnbediensteten auf zwei weiteren Stellwerken im Bereich des Bahnhofs Porta waren vollauf mit ihren Routinearbeiten und den vorgeschriebenen Vorkehrungen bei Alarm beschäftigt.

Lok und Waggonsflogen durch die Luft

So kam es, dass dem nachfolgenden zweiten D-Zug – wegen der Hektik auf den Stellwerken und falschen Signalsetzens aufgrund von Missverständnissen zwischen Bahnmitarbeitern – freie Fahrt durch den Bahnhof Porta gegeben wurde. Der Zug fuhr ungebremst auf den im selben Gleis haltenden D-Zug auf. Die Folgen waren schrecklich. Augenzeugen berichteten von einem explosionsartigen Knall und einem glühenden Feuerball in der Dunkelheit. Die auffahrende Lok und mehrere Waggons wurden durch die Luft geschleudert und brannten. In den Zügen starben Soldaten, Zivilisten und Zwangsarbeiter. Auch vier Kinder zählten zu den Opfern.

Von der Strafkammer des Landgerichts Bielefeld wurde der Fahrdienstleiter, der damals in Holzhausen an der. Porta wohnte, am 12. Juli 1944 „wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Transportgefährdung zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt“, wie im Gerichtsurteil zu lesen ist. (Dort ist auch von 87 Verletzten die Rede, andere Quellen sprechen von 64.) Vier weitere angeklagte Bahnbedienstete wurden freigesprochen.

Eine große Grabplatte auf dem Hausberger Friedhof nahe der Grundschule erinnert an Opfer des Eisenbahnunglücks, die wegen der Kriegswirren nicht in ihrer Heimat beerdigt wurden. Zehn Tote konnten nicht identifiziert werden. Foto: Hans-Martin Polte - © Polte
Eine große Grabplatte auf dem Hausberger Friedhof nahe der Grundschule erinnert an Opfer des Eisenbahnunglücks, die wegen der Kriegswirren nicht in ihrer Heimat beerdigt wurden. Zehn Tote konnten nicht identifiziert werden. Foto: Hans-Martin Polte - © Polte

Mit diesem Urteil und mit den Vorgängen am Unglückstag, besonders den wenigen Minuten zwischen dem Halt des ersten D-Zuges um 18.39 Uhr und dem Aufprall des zweiten D-Zuges um 18.51 Uhr haben sich nun zwei Experten eingehend beschäftigt. In der Dezemberausgabe der Zeitschrift „EisenbahnKLASSIK“ veröffentlichen Hendrik Bloem, Fachmann für Eisenbahngeschichte und Herausgeber der Zeitschrift „Eisenbahn-Romantik“, und der ehemalige Eisenbahner und heutige Rechtsanwalt Fritz Wolff aus Bielefeld einen Artikel unter dem Titel „Inferno auf Bahnhof Porta“, in dem sie den „verheerenden Unfall im Krieg“ rekonstruieren und zu überraschenden Folgerungen kommen.

Detailliert wird von den Autoren der Ablauf des Geschehens geschildert und herausgearbeitet, dass man dem Fahrdienstleiter auf keinen Fall die alleinige Schuld an der Katastrophe geben kann. Sie sind zwar der Meinung, dass schuldhafte Dienstpflichtverstöße des Fahrdienstleiters, die zu dem Unfall geführt haben, nicht zu bestreiten seien. Sie nennen aber die Freisprüche für Lok- und Zugführer des ersten D-Zuges „völlig unverständlich“. Beide hätten gravierend gegen damals geltende Dienstvorschriften verstoßen. So hätte der Lokführer unbedingt das vorgeschriebene mehrmalige akustische Notsignal geben müssen und der Zugführer müsse in solch einem Notfall „auf kürzestem Wege den Fahrdienstleiter verständigen“. Beides sei in diesem Fall nicht passiert.

Lok- und Zugführer imVisier der Autoren

„Wenn das geschehen wäre, so wäre der Fahrdienstleiter auf den Zwangsaufenthalt des ersten D-Zuges mitten in seinem Bahnhof mit Sicherheit aufmerksam geworden“, urteilen die Autoren des Berichts. „Die Argumentation des Gerichts, wonach Lok- und Zugführer aus ihren Unterlassungen kein Schuldvorwurf gemacht werden könne, entbehrt jeder Nachvollziehbarkeit.“

Sehr bedenklich erscheint den Autoren auch der Freispruch für den Bediensteten auf dem Stellwerk im Bahnhofsgebäude. Da der Zug vor seinem Fenster mit den typischen Bremsgeräuschen und entsprechendem Funkenflug zum Halten gebracht wurde, hätte dieser alles daransetzen müssen, dass der zweite D-Zug einige Minuten später keine Durchfahrtserlaubnis auf demselben Gleis erhalten durfte.

Durfte die Wahrheit nichtan Licht kommen?

Äußerst merkwürdig erscheint den Autoren die Tatsache, dass es nach dem Unglück keinerlei Nachforschungen nach der Person gab, die mitten im Bahnhof die Notbremse gezogen hatte. Weder in den Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft noch in den Gerichtsakten taucht die Frage nach dem Täter auf. Bloem und Wolff verwundert es, dass der Reisende, der das tat, in dem vollbesetzten Zug nicht beobachtet wurde. „Und so erscheint uns die Mitteilung, die wir im Rahmen unserer Recherchen mehrfach erhielten, dass nämlich jener Reisende durchaus, und zwar auch namentlich, feststehe, keineswegs an den Haaren herbeigezogen.“ Sie kommen zu dem Schluss, dass man damals durchaus Interesse daran hatte, „diesen Teil der Wahrheit besser nicht öffentlich zu machen: Es soll sich bei dem Reisenden um einen hohen SS-Offizier gehandelt haben, der auf der anderen Weserseite in Barkhausen privat einquartiert war und einen raschen Heimweg anstrebte“.

Das klingt plausibel. Es war die Zeit, als in Barkhausen und Hausberge von den Nazis das KZ-Außenlager Neuengamme eingerichtet wurde, das von März 1944 bis 1945 bestand. Zudem war der D-Zug nicht weit von der damals noch existierenden Kettenbrücke, die nach Barkhausen führte, zum Halten gekommen. War der Fahrdienstleiter fürs NS-Regime ein bequemer Sündenbock?

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