Eine Frage von Minuten: Darüber diskutieren Befürworter und Gegner aktuell über die mögliche neue ICE-Trasse durch Porta Thomas Lieske Minden/Porta Westfalica. Mit einem klirrend-pfeifenden Geräusch rauscht der ICE aus Richtung Minden durch Neesen. Die kleine Druckwelle, die beim Eintreten in den Windschatten der Lärmschutzwand entsteht, ist deutlich zu hören. Für die Anwohner ein vertrautes Geräusch. Ob es an dieser Stelle auch in zehn oder 15 Jahren noch zu hören ist? Längst ist eine kontroverse Diskussion um eine mögliche Hochgeschwindigkeitsstrecke für ICEs mit bis zu 300 km/h entbrannt. Die könnte im Zuge des Deutschland-Takts nördlich des Berglandes Kleinenbremen und Selliendorf streifen und dann weiter über Teile von Lohfeld, Eisbergen und Veltheim sowie Möllbergen und Holzhausen Richtung Vlotho verlaufen. Bahn und Bundesverkehrsministerium halten sich bisher bedeckt. Doch Befürworter und Gegner einer Neubaustrecke hält das nicht davon ab, intensiv über die Auswirkungen des Deutschlandtakts zu diskutieren. Zuletzt in einem gut besuchten Webinar des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Rainer Engel, Initiative „Pro Bahn" „Die größte Wirkung der Neubaustrecke spielt sich zwischen Hannover und Bielefeld ab, also auch in Porta Westfalica." Rainer Engel weiß grundsätzlich, wovon er spricht. Der Mann von der Initiative Pro Bahn befasst sich nicht nur seit sechs Jahren intensiv mit dem Vorhaben Deutschlandtakt, das Züge zwischen Knotenpunkten im 30-Minuten-Takt vorsieht. Er beschäftigt sich auch seit 45 Jahren mit Neubaustrecken deutschlandweit. Seine Überzeugung: Fahrgäste werden die Bahn nur nutzen, wenn sie schneller wird als heute. Zwischen Hannover und Bielefeld sei die größte Wirkung für das Gesamtprojekt Köln-Berlin zu erzielen. Hier müssten 18 Minuten eingespart werden. Der Deutschland-Takt ist mathematisch begründet und deutschlandweit abgestimmt. Die Region hier ist nur ein Baustein von vielen, ohne den es allerdings ein Loch im System gibt. Sicherlich ließe sich auch auf eine Neubau verzichten, insbesondere zwischen Bad Oeynhausen und Seelze, sagt Engel. Der Plan sei nicht alternativlos. Allerdings würde das ein Loch in das Konstrukt Deutschlandtakt reißen. Denn das funktioniere nur, wenn die Knotenpunkte wie etwa Hannover und Bielefeld und Bielefeld und Hamm innerhalb von 30 Minuten zu verbinden wären. Für neue Funktionen muss man die Hardware ändern, bei der Bahn also die Züge und Schienen. Nur mit der Ertüchtigung des bestehenden Schienennetzes – etwa einem viergleisigen Ausbau von Hannover über Minden und Porta sei das nicht zu machen, ist der Pro-Bahn-Vertreter überzeugt. Nach seiner Rechnung würden insgesamt 24 Millionen Menschen aus dem Ruhrgebiet und Berlin von einem Teil-Neubau profitieren. Jede Neubaustrecke erzeugt Gewinner und Verlierer. Das ist eine politische Frage, keine technische Frage der Bahn. Thomas Dippert, Verkehrsclub Deutschland Für einen Bauplan ist es noch viel zu früh. Aber es ist nie zu früh, über den Fahrplan zu sprechen. Thomas Dippert gilt als Befürworter des Deutschland-Takts, ist nicht nur Mitglied im VCD, sondern auch bei den Grünen auf Kreisebene, für die er auch zu den Kommunalwahlen kandidierte, und im Bund für Umwelt- und Naturschund (BUND). Der neue Takt ist ohne Neubaustrecke im hiesigen Bereich vermutlich kaum möglich. Von Spekulationen, wo die Trasse entlang führen könnte, hält er aber nichts. Er setzt auf die kommende Bürgerbeteiligung, die die Bahn bereits angekündigt hat (siehe Infokasten). Denn es werde kein klassisches Planfeststellungsverfahren geben, wie es sonst bei Bauprojekten üblich ist. Vielmehr ist ein Gesetz geplant, auf dessen Grundlage die Neubaustrecke entstehen soll – wenn es denn eine politische Mehrheit im Bundestag und Bundesrat dafür gibt. Ist solch ein Gesetz aber erst einmal beschlossen, bliebe im Falle eines Einspruchs von Privatleuten nur die Verfassungsbeschwerde – eine hohe Hürde. Die frühe Bürgerbeteiligung, sagt Thomas Dippert, sei die Zauberformel. Und die solle abgewartet werden, bevor Trassenverläufe spekuliert werden: Es ist alles Spekulation, welcher Landschaftsteil betroffen sein wird. Das Projekt ist noch nicht so konkret, dass sich sagen lässt, ob wir bei Porta-Möbel in Vennebeck durchlaufen oder woanders. Melanie Hövert, Grüne im Kreis Die Route durch Porta könnte durch ein wichtiges Hochwasserschutzgebiet verlaufen. An anderer Stelle leben Gelbbauchunken und Zauneidechsen. Der Vennebach ist heute schon gevierteilt. Eine Bahntrasse durch Portas Süden, sagt Melanie Hövert von den Kreis-Grünen, würde mindestens den Ort Vennebeck noch weiter zerteilen. Das sei jetzt schon durch die A2, die B482 und das Industriegebiet der Fall. In Gefahr sei dann auch das Trinkwassergewinnungsgebiet, das 1,5 Hektar große Wasserschutzgebiet und verschiedene Förderbrunnen für Bad Oeynhausen, Porta Westfalica und Minden im Bereich Holzhausen und Möllbergen. Das Naturschutzgebiet Holzhauser Mark könnte ebenso zerschnitten werden wie der Wald am Sprengel und mehrere andere Schutzgebiete wie „Schwatten Paul" bei Lohfeld. Und im Bereich Eisbergen befinde sich ein Naturdenkmal, dazukommen laut Melanie Hövert zahlreiche landwirtschaftliche Flächen im gesamten Stadtgebiet, die aufgegeben werden müssten. Stephan Schröder, Grüne OWL Die 24 Minuten zwischen Hannover und Hamm rauszuholen, hat seinen Preis. Es hat keiner etwas gegen einen Taktfahrplan, aber es ist die Frage, ob es mit Hochgeschwindigkeit sein muss. Die Bahn, sagt Stephan Schröder von der Verkehrs-AG der Grünen in OWL, könne den Taktfahrplan doch auch mit anderen Zeiten gestalten. Schröder kann sich auch einen Stundentakt vorstellen, der auf Bestandsstrecken durchaus realisierbar wäre. Zudem würden so Bahnhöfe wie Minden nicht abgehängt vom Schnell-Fernverkehr. Zudem ist er nicht davon überzeugt, dass eine Hochgeschwindigkeitstrasse energetisch sinnvoll sei, denn der Aufwand steige ab einer Geschwindigkeit von 250 km/h deutlich an. Die Rechnung insgesamt, durch den Deutschlandtakt die Verkehrswende auf die Schiene zu bekommen mit ökologischer Fortbewegung und mehr Fahrgästen geht für ihn nicht auf: „Nur durch Infrastruktur wie eine Neubaustrecke bekommt man nicht die doppelte Anzahl von Bahnreisenden auf die Schiene." Das sagt die Bahn: Die Bahn begrüße die Pläne des Bundes, „mit der Umsetzung des Deutschlandtaktes eine schnelle Verbindung zwischen Rhein und Spree zu schaffen", erklärt eine Bahnsprecherin auf MT-Anfrage. Die Deutsche Bahn gehe davon aus, „dass der Bund uns dazu in Kürze mit den Planungen für den Ausbau der Strecke zwischen Bielefeld und Hannover" beauftragen werde, auch mit einem Bürgerdialog. „Konkrete Planungen oder gar Entscheidungen zum Trassenverlauf und konkreten Bauwerken gibt es bislang nicht", heißt es. Das sagt der Bund: „Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) beabsichtigt, die Planung des Vorhabens mit der DB Netz AG als Vorhabenträgerin noch in diesem Jahr vertraglich zu vereinbaren", heißt es auf MT-Anfrage. Ein Sprecher spricht von einer „umfassenden Bürgerbeteiligung", in der „konkrete Planungsvarianten" für den Trassenverlauf diskutiert werden sollen. Die Bahn habe bereits erste Schritte für ein Grobkonzept eingeleitet, ein Entwurf zum Bürgerdialog soll noch in diesem Jahr vorliegen.

Eine Frage von Minuten: Darüber diskutieren Befürworter und Gegner aktuell über die mögliche neue ICE-Trasse durch Porta

Fahren bald Hochgeschwindigkeits-ICE durch Porta? Foto: imago images © imago images/Martin Bäuml Fotodesign

Minden/Porta Westfalica. Mit einem klirrend-pfeifenden Geräusch rauscht der ICE aus Richtung Minden durch Neesen. Die kleine Druckwelle, die beim Eintreten in den Windschatten der Lärmschutzwand entsteht, ist deutlich zu hören. Für die Anwohner ein vertrautes Geräusch. Ob es an dieser Stelle auch in zehn oder 15 Jahren noch zu hören ist? Längst ist eine kontroverse Diskussion um eine mögliche Hochgeschwindigkeitsstrecke für ICEs mit bis zu 300 km/h entbrannt.

Die könnte im Zuge des Deutschland-Takts nördlich des Berglandes Kleinenbremen und Selliendorf streifen und dann weiter über Teile von Lohfeld, Eisbergen und Veltheim sowie Möllbergen und Holzhausen Richtung Vlotho verlaufen. Bahn und Bundesverkehrsministerium halten sich bisher bedeckt. Doch Befürworter und Gegner einer Neubaustrecke hält das nicht davon ab, intensiv über die Auswirkungen des Deutschlandtakts zu diskutieren. Zuletzt in einem gut besuchten Webinar des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

Rainer Engel, Initiative „Pro Bahn"

„Die größte Wirkung der Neubaustrecke spielt sich zwischen Hannover und Bielefeld ab, also auch in Porta Westfalica."

Rainer Engel weiß grundsätzlich, wovon er spricht. Der Mann von der Initiative Pro Bahn befasst sich nicht nur seit sechs Jahren intensiv mit dem Vorhaben Deutschlandtakt, das Züge zwischen Knotenpunkten im 30-Minuten-Takt vorsieht. Er beschäftigt sich auch seit 45 Jahren mit Neubaustrecken deutschlandweit. Seine Überzeugung: Fahrgäste werden die Bahn nur nutzen, wenn sie schneller wird als heute. Zwischen Hannover und Bielefeld sei die größte Wirkung für das Gesamtprojekt Köln-Berlin zu erzielen. Hier müssten 18 Minuten eingespart werden.

Der Deutschland-Takt ist mathematisch begründet und deutschlandweit abgestimmt. Die Region hier ist nur ein Baustein von vielen, ohne den es allerdings ein Loch im System gibt.

Sicherlich ließe sich auch auf eine Neubau verzichten, insbesondere zwischen Bad Oeynhausen und Seelze, sagt Engel. Der Plan sei nicht alternativlos. Allerdings würde das ein Loch in das Konstrukt Deutschlandtakt reißen. Denn das funktioniere nur, wenn die Knotenpunkte wie etwa Hannover und Bielefeld und Bielefeld und Hamm innerhalb von 30 Minuten zu verbinden wären.

Für neue Funktionen muss man die Hardware ändern, bei der Bahn also die Züge und Schienen.

Nur mit der Ertüchtigung des bestehenden Schienennetzes – etwa einem viergleisigen Ausbau von Hannover über Minden und Porta sei das nicht zu machen, ist der Pro-Bahn-Vertreter überzeugt. Nach seiner Rechnung würden insgesamt 24 Millionen Menschen aus dem Ruhrgebiet und Berlin von einem Teil-Neubau profitieren.

Jede Neubaustrecke erzeugt Gewinner und Verlierer. Das ist eine politische Frage, keine technische Frage der Bahn.

Thomas Dippert, Verkehrsclub Deutschland

Für einen Bauplan ist es noch viel zu früh. Aber es ist nie zu früh, über den Fahrplan zu sprechen.

Thomas Dippert gilt als Befürworter des Deutschland-Takts, ist nicht nur Mitglied im VCD, sondern auch bei den Grünen auf Kreisebene, für die er auch zu den Kommunalwahlen kandidierte, und im Bund für Umwelt- und Naturschund (BUND). Der neue Takt ist ohne Neubaustrecke im hiesigen Bereich vermutlich kaum möglich. Von Spekulationen, wo die Trasse entlang führen könnte, hält er aber nichts. Er setzt auf die kommende Bürgerbeteiligung, die die Bahn bereits angekündigt hat (siehe Infokasten). Denn es werde kein klassisches Planfeststellungsverfahren geben, wie es sonst bei Bauprojekten üblich ist. Vielmehr ist ein Gesetz geplant, auf dessen Grundlage die Neubaustrecke entstehen soll – wenn es denn eine politische Mehrheit im Bundestag und Bundesrat dafür gibt.

Ist solch ein Gesetz aber erst einmal beschlossen, bliebe im Falle eines Einspruchs von Privatleuten nur die Verfassungsbeschwerde – eine hohe Hürde. Die frühe Bürgerbeteiligung, sagt Thomas Dippert, sei die Zauberformel. Und die solle abgewartet werden, bevor Trassenverläufe spekuliert werden:

Es ist alles Spekulation, welcher Landschaftsteil betroffen sein wird. Das Projekt ist noch nicht so konkret, dass sich sagen lässt, ob wir bei Porta-Möbel in Vennebeck durchlaufen oder woanders.

Melanie Hövert, Grüne im Kreis

Die Route durch Porta könnte durch ein wichtiges Hochwasserschutzgebiet verlaufen. An anderer Stelle leben Gelbbauchunken und Zauneidechsen. Der Vennebach ist heute schon gevierteilt.

Eine Bahntrasse durch Portas Süden, sagt Melanie Hövert von den Kreis-Grünen, würde mindestens den Ort Vennebeck noch weiter zerteilen. Das sei jetzt schon durch die A2, die B482 und das Industriegebiet der Fall. In Gefahr sei dann auch das Trinkwassergewinnungsgebiet, das 1,5 Hektar große Wasserschutzgebiet und verschiedene Förderbrunnen für Bad Oeynhausen, Porta Westfalica und Minden im Bereich Holzhausen und Möllbergen.

Das Naturschutzgebiet Holzhauser Mark könnte ebenso zerschnitten werden wie der Wald am Sprengel und mehrere andere Schutzgebiete wie „Schwatten Paul" bei Lohfeld. Und im Bereich Eisbergen befinde sich ein Naturdenkmal, dazukommen laut Melanie Hövert zahlreiche landwirtschaftliche Flächen im gesamten Stadtgebiet, die aufgegeben werden müssten.

Stephan Schröder, Grüne OWL

Die 24 Minuten zwischen Hannover und Hamm rauszuholen, hat seinen Preis. Es hat keiner etwas gegen einen Taktfahrplan, aber es ist die Frage, ob es mit Hochgeschwindigkeit sein muss.

Die Bahn, sagt Stephan Schröder von der Verkehrs-AG der Grünen in OWL, könne den Taktfahrplan doch auch mit anderen Zeiten gestalten. Schröder kann sich auch einen Stundentakt vorstellen, der auf Bestandsstrecken durchaus realisierbar wäre. Zudem würden so Bahnhöfe wie Minden nicht abgehängt vom Schnell-Fernverkehr.

Zudem ist er nicht davon überzeugt, dass eine Hochgeschwindigkeitstrasse energetisch sinnvoll sei, denn der Aufwand steige ab einer Geschwindigkeit von 250 km/h deutlich an. Die Rechnung insgesamt, durch den Deutschlandtakt die Verkehrswende auf die Schiene zu bekommen mit ökologischer Fortbewegung und mehr Fahrgästen geht für ihn nicht auf:

„Nur durch Infrastruktur wie eine Neubaustrecke bekommt man nicht die doppelte Anzahl von Bahnreisenden auf die Schiene."

Das sagt die Bahn:

Die Bahn begrüße die Pläne des Bundes, „mit der Umsetzung des Deutschlandtaktes eine schnelle Verbindung zwischen Rhein und Spree zu schaffen", erklärt eine Bahnsprecherin auf MT-Anfrage. Die Deutsche Bahn gehe davon aus, „dass der Bund uns dazu in Kürze mit den Planungen für den Ausbau der Strecke zwischen Bielefeld und Hannover" beauftragen werde, auch mit einem Bürgerdialog. „Konkrete Planungen oder gar Entscheidungen zum Trassenverlauf und konkreten Bauwerken gibt es bislang nicht", heißt es.

Das sagt der Bund:

„Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) beabsichtigt, die Planung des Vorhabens mit der DB Netz AG als Vorhabenträgerin noch in diesem Jahr vertraglich zu vereinbaren", heißt es auf MT-Anfrage. Ein Sprecher spricht von einer „umfassenden Bürgerbeteiligung", in der „konkrete Planungsvarianten" für den Trassenverlauf diskutiert werden sollen. Die Bahn habe bereits erste Schritte für ein Grobkonzept eingeleitet, ein Entwurf zum Bürgerdialog soll noch in diesem Jahr vorliegen.

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