Ein besonderer Schnatgang durch das Vogelparadies Thomas Lieske Porta Westfalica-Holzhausen (mt). Der Schmerz ist beinahe unerträglich. Mehrere Streiche bekommt der junge Hallacker – ein Bürgersohn – mit dem Hirschfänger, einem scharfen Messer. Was nach einer brutalen Straftat klingt, hat sich Überlieferungen zufolge aus einem weniger brutalen Anlass tatsächlich so vor fast genau auf den Tag 255 Jahren, am 4. April 1764 am Grenzpunkt zwischen Hausberge und Holzhausen abgespielt: beim sogenannten Schnatgang. Jenem Gang, bei dem die Grenze zwischen beiden Ortsteilen, die heute Stadtteile von Porta Westfalica sind, markiert wurde. Die Streiche mit dem Messer hatten einen simplen Zweck: Sie sollten dem jungen Knaben den Grenzpunkt besser ins Gedächtnis prägen. Heute zeugt an selber Stelle auch etwas Eingeritztes von diesem historischen Ereignis. Vier Buchstaben sind es, die der aufmerksame Beobachter an einem recht jungen Baum findet: FR und HB. Wer FR lesen kann, steht auf Holzhausener Seite, wer HB lesen kann, auf Hausberger Seite. Die Grenzstelle liegt in einem Teil quasi unberührter Natur. Das sogenannte Vogelparadies lockt auch Stadtheimatpfleger Herbert Wiese immer wieder aufs Areal. Er stellte zusammen mit Kollege Karl-Heinz Wille vor fünf Jahren zum 250. Jubiläum des Grenzpunktes den historischen Schnatgang nach. Mit allem, was die Überlieferung besagt. „Die Messerstreiche haben wir natürlich nur angedeutet“, erinnert sich Wiese bei einem Gang durchs Vogelparadies lachend. Tatsächlich Hand angelegt haben die beiden aber, als es darum ging, am Grenzpunkt Dinge zu vergraben, von denen man damals ausging, dass sie unverrottbar sind. „Dazu zählte damals lustigerweise auch Eierschale“, weiß Wiese. Aber auch Glasscherben, Holzkohle und Ziegelstücken zählten dazu. Der kleine Erdhügel, unter dem die Truppe diese Dinge vor fünf Jahren begrub, ist heute nur noch bei ganz genauem Hinsehen zu finden. Drumherum hat sich ein kleines Naturparadies entwickelt. Nur die Wanderwege werden freigehalten. Ansonsten darf die Natur dort machen, was sie will. Das lockt zahlreiche Tierarten an – unter anderem viele Vögel, für die es dort mittlerweile auch zahlreiche Nisthilfen gibt. Übrigens hatte das heutige Vogelparadies bis 1968 nichts mit Naturschutz zu tun. Zuvor diente das Gebiet unter anderem als Deponie für Bombenschutt und Schlacke, weiß Herbert Wiese. Erst 1968 kaufte die damalige Gemeinde Hausberge das Areal, um es als Naherholungsgebiet für die späteren Kurgäste auszuweisen. Wer will, kann einen großen Rundweg durch das heutige Vogelparadies einschlagen. Und kommt zum Schluss wieder an den historischen Grenzpunkt zwischen Hausberge und Holzhausen. An den Ort, wo vor 255 Jahren viel Kümmelbranntwein floss, ein junger Mann Schmerzen erlitt und damit die Grenze zwischen den heutigen Stadtteilen Portas besiegelt wurde. MT-Serie "Portas verborgene Schätze" Die MT-Serie „Portas verborgene Schätze“ widmet sich in loser Reihenfolge besonderen Hinguckern in Porta Westfalica, die auf den ersten Blick nicht zu entdecken sind. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal kennt nahezu jeder. Doch was ist eigentlich mit den Orten, die fernab der typischen Wanderwege liegen? Stadtheimatpfleger Herbert Wiese kennt viele dieser Orte. Heute: das Vogelparadies.

Ein besonderer Schnatgang durch das Vogelparadies

Die in den Baum eingeritzten Buchstaben verraten, dass der Betrachter auf Holzhausener Seite steht. FR steht für Fredericus Rex, König Friedrich von Preußen, unter dessen Herrschaft Holzhausen einst stand. MT- © Foto: Thomas Lieske

Porta Westfalica-Holzhausen (mt). Der Schmerz ist beinahe unerträglich. Mehrere Streiche bekommt der junge Hallacker – ein Bürgersohn – mit dem Hirschfänger, einem scharfen Messer. Was nach einer brutalen Straftat klingt, hat sich Überlieferungen zufolge aus einem weniger brutalen Anlass tatsächlich so vor fast genau auf den Tag 255 Jahren, am 4. April 1764 am Grenzpunkt zwischen Hausberge und Holzhausen abgespielt: beim sogenannten Schnatgang. Jenem Gang, bei dem die Grenze zwischen beiden Ortsteilen, die heute Stadtteile von Porta Westfalica sind, markiert wurde. Die Streiche mit dem Messer hatten einen simplen Zweck: Sie sollten dem jungen Knaben den Grenzpunkt besser ins Gedächtnis prägen.

Heute zeugt an selber Stelle auch etwas Eingeritztes von diesem historischen Ereignis. Vier Buchstaben sind es, die der aufmerksame Beobachter an einem recht jungen Baum findet: FR und HB. Wer FR lesen kann, steht auf Holzhausener Seite, wer HB lesen kann, auf Hausberger Seite. Die Grenzstelle liegt in einem Teil quasi unberührter Natur. Das sogenannte Vogelparadies lockt auch Stadtheimatpfleger Herbert Wiese immer wieder aufs Areal. Er stellte zusammen mit Kollege Karl-Heinz Wille vor fünf Jahren zum 250. Jubiläum des Grenzpunktes den historischen Schnatgang nach. Mit allem, was die Überlieferung besagt. „Die Messerstreiche haben wir natürlich nur angedeutet“, erinnert sich Wiese bei einem Gang durchs Vogelparadies lachend. Tatsächlich Hand angelegt haben die beiden aber, als es darum ging, am Grenzpunkt Dinge zu vergraben, von denen man damals ausging, dass sie unverrottbar sind. „Dazu zählte damals lustigerweise auch Eierschale“, weiß Wiese. Aber auch Glasscherben, Holzkohle und Ziegelstücken zählten dazu. Der kleine Erdhügel, unter dem die Truppe diese Dinge vor fünf Jahren begrub, ist heute nur noch bei ganz genauem Hinsehen zu finden.

Drumherum hat sich ein kleines Naturparadies entwickelt. Nur die Wanderwege werden freigehalten. Ansonsten darf die Natur dort machen, was sie will. Das lockt zahlreiche Tierarten an – unter anderem viele Vögel, für die es dort mittlerweile auch zahlreiche Nisthilfen gibt. Übrigens hatte das heutige Vogelparadies bis 1968 nichts mit Naturschutz zu tun. Zuvor diente das Gebiet unter anderem als Deponie für Bombenschutt und Schlacke, weiß Herbert Wiese. Erst 1968 kaufte die damalige Gemeinde Hausberge das Areal, um es als Naherholungsgebiet für die späteren Kurgäste auszuweisen.

Wer will, kann einen großen Rundweg durch das heutige Vogelparadies einschlagen. Und kommt zum Schluss wieder an den historischen Grenzpunkt zwischen Hausberge und Holzhausen. An den Ort, wo vor 255 Jahren viel Kümmelbranntwein floss, ein junger Mann Schmerzen erlitt und damit die Grenze zwischen den heutigen Stadtteilen Portas besiegelt wurde.

MT-Serie "Portas verborgene Schätze"

Die MT-Serie „Portas verborgene Schätze“ widmet sich in loser Reihenfolge besonderen Hinguckern in Porta Westfalica, die auf den ersten Blick nicht zu entdecken sind. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal kennt nahezu jeder. Doch was ist eigentlich mit den Orten, die fernab der typischen Wanderwege liegen? Stadtheimatpfleger Herbert Wiese kennt viele dieser Orte. Heute: das Vogelparadies.

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