Ein Hauch von Tucholsky: Kabarett im Eisberger Gemeindehaus Porta Westfalica-Eisbergen. Fast fühlt man sich in die politisch aufgeladene Kunstszene der Weimarer Republik zurückversetzt, doch die Lieder und Texte von Okko Herlyns und Heike Kehls Kabarett „Frieden fängt beim Frühstück an“ sind von erschreckender Aktualität. Das „KuK!“-Kulturreferat des Evangelischen Kirchenkreises Vlotho hatte zu einem Kabarettabend mit dem Künstlerduo geladen, und das gut besuchte Gemeindehaus Eisbergen wurde Zeuge einer musikalisch-literarischen Revue gegen den Krieg im Großen und im Kleinen. Heike Kehl, Fachberaterin in der Selbsthilfe und passionierte Jazzsängerin, und Okko Herlyn, Pfarrer, Theologie- und Ethikprofessor und Virtuose an Tasten und Mikrofon, bringen als politisch engagierte Wort- und Tonkünstler ihr Programm auf kleine und große Bühnen in ganz Deutschland. In ihrem neuen Programm nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Reise durch Jahrhunderte der Friedenslyrik von Matthias Claudius’ klagendem „‘s ist Krieg“ und den echten und politischen Grabenkämpfen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die bei Hans Drach, Tucholsky und Brecht Ausdruck fanden, bis hin zu Hanns Dieter Hüsch, dessen Vorbild Okko Herlyn folgt und dessen Friedensgedicht dem Programm seinen Namen gab. Mit unglaublicher Wortakrobatik spannt Okko Herlyn einen Bogen des Grauens von den punischen Kriegen bis zu den Material- und Ideologieschlachten des 20. Jahrhunderts, doch dann bricht er ab. Wo sind denn die Kriege hin? Herlyn bedauert, es gäbe doch nur noch Anti-Terror-Einsätze und Spezialoperationen, und entlarvt so fast im Nebensatz den Impuls des vermeintlich friedfertigen Mitteleuropäers. Doch Okko Herlyns autobiographische Erzählungen und ironisierende Kommentare zu den kleinen und großen Ausgrenzungen und Aggressionen des deutschen Alltags zeigen: Der Schoß ist fruchtbar noch. Heike Kehls Vortragsweise folgt den Stimmungswechseln des vielfältigen Programms: von vorwärtsdrängendem Sprechgesang über die nur auf das erste Hören hin unverfängliche Melodik Dylans bis hin zum von Suttnerschen und Kollwitzschen Schrei gegen den Krieg. Auch Herlyns lyrische Beiträge wechseln vom Plauderton zum Introvertierten oder laut Anklagenden. Immer wieder geht er gegen die Erwartungen des Publikums vor. Mischt sich da ein Fliegeralarm in den Klangteppich?, denkt der Zuhörer bei einem Stück. Die Reaktionen des Publikums wechseln von begeistertem Applaus zu nachdenklicher Stille. Heike Kehl und Okko Herlyn haben ihre Botschaft erfolgreich überbracht: Krieg, so aktuell er auch wieder scheint, ist doch nicht nur etwas, das in der Ferne passiert und bei dem man in der Zeitung am Frühstückstisch mitfiebert, sondern etwas, das im Alltag geboren wird und im scheinbar Harmlosen des „Das wird man doch noch sagen dürfen” mitklingt. Frieden, wie das Motto des Abends sagt, fängt doch tatsächlich beim Frühstück an.

Ein Hauch von Tucholsky: Kabarett im Eisberger Gemeindehaus

Begeisterten in Eisbergen: Okko Herlyn und Heike Kehl. rechts Pfarrerin Susanne Böhringer, Kulturreferentin im evangelischen Kirchenkreis Vlotho. Foto: privat

Porta Westfalica-Eisbergen. Fast fühlt man sich in die politisch aufgeladene Kunstszene der Weimarer Republik zurückversetzt, doch die Lieder und Texte von Okko Herlyns und Heike Kehls Kabarett „Frieden fängt beim Frühstück an“ sind von erschreckender Aktualität. Das „KuK!“-Kulturreferat des Evangelischen Kirchenkreises Vlotho hatte zu einem Kabarettabend mit dem Künstlerduo geladen, und das gut besuchte Gemeindehaus Eisbergen wurde Zeuge einer musikalisch-literarischen Revue gegen den Krieg im Großen und im Kleinen.

Heike Kehl, Fachberaterin in der Selbsthilfe und passionierte Jazzsängerin, und Okko Herlyn, Pfarrer, Theologie- und Ethikprofessor und Virtuose an Tasten und Mikrofon, bringen als politisch engagierte Wort- und Tonkünstler ihr Programm auf kleine und große Bühnen in ganz Deutschland. In ihrem neuen Programm nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Reise durch Jahrhunderte der Friedenslyrik von Matthias Claudius’ klagendem „‘s ist Krieg“ und den echten und politischen Grabenkämpfen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die bei Hans Drach, Tucholsky und Brecht Ausdruck fanden, bis hin zu Hanns Dieter Hüsch, dessen Vorbild Okko Herlyn folgt und dessen Friedensgedicht dem Programm seinen Namen gab.

Mit unglaublicher Wortakrobatik spannt Okko Herlyn einen Bogen des Grauens von den punischen Kriegen bis zu den Material- und Ideologieschlachten des 20. Jahrhunderts, doch dann bricht er ab. Wo sind denn die Kriege hin? Herlyn bedauert, es gäbe doch nur noch Anti-Terror-Einsätze und Spezialoperationen, und entlarvt so fast im Nebensatz den Impuls des vermeintlich friedfertigen Mitteleuropäers. Doch Okko Herlyns autobiographische Erzählungen und ironisierende Kommentare zu den kleinen und großen Ausgrenzungen und Aggressionen des deutschen Alltags zeigen: Der Schoß ist fruchtbar noch.


Heike Kehls Vortragsweise folgt den Stimmungswechseln des vielfältigen Programms: von vorwärtsdrängendem Sprechgesang über die nur auf das erste Hören hin unverfängliche Melodik Dylans bis hin zum von Suttnerschen und Kollwitzschen Schrei gegen den Krieg.

Auch Herlyns lyrische Beiträge wechseln vom Plauderton zum Introvertierten oder laut Anklagenden. Immer wieder geht er gegen die Erwartungen des Publikums vor. Mischt sich da ein Fliegeralarm in den Klangteppich?, denkt der Zuhörer bei einem Stück.

Die Reaktionen des Publikums wechseln von begeistertem Applaus zu nachdenklicher Stille. Heike Kehl und Okko Herlyn haben ihre Botschaft erfolgreich überbracht: Krieg, so aktuell er auch wieder scheint, ist doch nicht nur etwas, das in der Ferne passiert und bei dem man in der Zeitung am Frühstückstisch mitfiebert, sondern etwas, das im Alltag geboren wird und im scheinbar Harmlosen des „Das wird man doch noch sagen dürfen” mitklingt.

Frieden, wie das Motto des Abends sagt, fängt doch tatsächlich beim Frühstück an.

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