Die Gotteshütte in Porta Westfalica bildet besondere Pflegefamilien aus Christine Riechmann Porta Westfalica-Kleinenbremen. Als Sabine und Rainer Wüllner Lauras Eltern (Name von der Redaktion geändert) wurden, war das Mädchen 14 Jahre alt und hatte schon Dinge erlebt, die für mehr als ein ganzes Leben ausreichen. Bei ihrer leiblichen Mutter, die erziehungsunfähig war und ständig wechselnde Partner hatte, lebte sie nicht lange, dafür viele Jahre in verschiedenen Einrichtungen. „Eine lange Geschichte“, sagt Sabine Wüllner. Eine Geschichte, die die Wüllners zu einer Westfälischen Pflegefamilie gemacht hat. Die Westfälischen Pflegefamilien (WPF) werden von einem Verbund freier Träger angeboten, die sich zur Vermittlung, Begleitung und Beratung von Pflegefamilien zusammengeschlossen haben. Sie ermöglichen eine intensive Form der Vollzeitpflege für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Das Leben in der Pflegefamilie soll ihnen auf Dauer einen verlässlichen familiären Lebensort, den notwendigen Schutz und die erforderliche Versorgung, Erziehung und Förderung gewährleisten. Einer von derzeit 40 Trägern, die Westfälische Pflegefamilien anbieten, ist die Evangelische Stiftung Gotteshütte in Porta Westfalica, eine diakonische Jugendhilfeeinrichtung mit Wohngruppen, Tagesgruppen und ambulanten, familienaktivierenden Erziehungshilfen. Aktuell starten dort neue Bewerberkurse, um Pflegefamilien auszubilden. Sabine Wüllner lernte Laura in einer Einrichtung der Gotteshütte kennen, in der die heute 58-Jährige als Hauswirtschafterin arbeitet und das Mädchen damals lebte. „Sie war mir sofort sympathisch“, erinnert sie sich an die damals 14-Jährige, die unter anderem an einer Beziehungsstörung – besonders zu Frauen – litt. „Laura wollte noch mal Familie leben – und wir hatten Platz und wollten dem Kind gerne helfen“, erzählt sie. Zwei der drei leiblichen Kinder waren bereits erwachsen und ausgezogen, die kleinste Tochter 17 Jahre alt. Der engere Kontakt zu Laura wurde, begleitet durch die WPF-Beraterin der Gotteshütte, Sabine Gosemann, langsam aufgebaut und erste Besuche fanden statt, die immer regelmäßiger wurden. Währenddessen renovierten die Wüllners ein Zimmer für Laura, bis sie schließlich dort einzog. „Ja, und dann hatten wir unsere Aufgabe“, sagt Sabine Wüllner. Etliche Regeln mussten aufgestellt werden und die neue Familie sich aneinander gewöhnen. Im Schnitt dauere es etwa neun Monate bis ein Kind in einer Familie wirklich angekommen ist, beschreibt Sabine Gosemann. „Wir hatten auch schwere Zeiten“, blickt Rainer Wüllner zurück. Aber trotzdem ist aus der Beziehung schnell ein Eltern-Kind-Verhältnis geworden. Laura habe großes Vertrauen entwickelt – auch zu ihren Geschwistern. „Wir sind eine große Familie und Laura war überall willkommen“, beschreibt Sabine Wüllner. In der Zeit hat Laura, die zur Förderschule ging, ihren Hauptschulabschluss gemacht. Mit fast 18 Jahren ist sie schwanger geworden und als das Kind geboren wurde, bei den Wüllners ausgezogen. Nun lebt Laura allein mit ihrem Mann und dem Kind. Zu den Wüllners hat sie weiterhin Kontakt, wie eine Tochter zu ihren Eltern. „Wir würden nochmal ein Kind aufnehmen“, sagt Sabine Wüllner. Die Wüllners seien prädestiniert dafür, meint Paul Naroska, der bei der Gotteshütte die Pflegefamilien betreut. „Sie haben ein großes Herz und können gut auf Kinder zugehen, sie halten die nötige Distanz, indem sie nicht in die Krise mit hineingehen, sondern ein Anker sind“, beschreibt er. Pflegeeltern müssten besonders gefestigte Persönlichkeiten und strukturgebend sein und Nähe zulassen können. „Die Kinder, die uns für eine Westfälische Pflegefamilie vom Jugendamt vermittelt werden, sind besonders traumatisiert und haben durch ihre Erlebnisse in ihren Herkunftsfamilien überhaupt kein Vertrauen.“ Trotzdem müssten Pflegeeltern nicht zwingend pädagogisch oder medizinisch vorgebildet sein, macht Paul Naroska deutlich, dem es ein Anliegen ist Hemmschwellen für potenzielle Pflegefamilien abzubauen. Pflegeeltern könnten auch alleinerziehend, homosexuell oder bisher kinderlos sein. Wichtig sei – und das werde auch intensiv geprüft – welche Motivation hinter dem Wunsch, ein Pflegekind aufzunehmen, stehe. Zum Beispiel dürften die Pflegeeltern nicht finanziell abhängig von dem Pflegeverhältnis sein, nicht vorbestraft und müssten psychisch und physisch gesund sein. Außerdem müsse der Kontakt zu der Herkunftsfamilie, der auf Wunsch des Kindes bestehen könne, akzeptiert werden. Pflegeeltern müssten auch immer darauf eingestellt sein, dass das Kind auch wieder gehen könnte. Allerdings komme das nur selten vor. „In den meisten Fällen ist die Pflege auf Dauer angelegt“, so Paul Naroska. Derzeit betreut die Gotteshütte acht Pflegefamilien, von denen sechs belegt sind. Zwei bis drei Kinder werden pro Jahr vermittelt – das können auch Geschwisterpaare sein. Nicht nur in der Anfangsphase der Vermittlung, sondern fortwährend werden die Familien durch die WPF-Berater unterstützt. „Wir garantieren eine intensive Betreuung zugunsten der Kontrolle und Entlastung der Familie, um den Prozess des Kindes zu begleiten“, erklärt Naroska. Dazu gehöre auch ein intensives Krisenmanagement. In akuten Problemlagen sei die Erreichbarkeit der WPF-Berater auch außerhalb der üblichen Dienstzeiten gewährleistet. Aktuell sammelt die Gotteshütte Bewerber für Westfälische Pflegefamilien. Die werden dann in sechs theoretischen Blöcken in Abständen von zwei bis drei Wochen auf ihre Aufgaben als Pflegeeltern vorbereitet. Auch Sabine Wüllner und ihr Mann Rainer haben mittlerweile einen solchen Kurs belegt – allerdings erst nachdem Laura bei ihnen wieder ausgezogen ist. „Nun sind wir auch theoretisch vorbereitet, wenn wieder ein Pflegekind zu uns kommt“, meint Sabine Wüllner, die sich vorstellen kann, ein Kind ab neun Jahren aufzunehmen. Für jüngere Kinder seien sie mittlerweile zu alt. Angst vor Einschränkungen, die ein Kind mit sich bringt, haben die Wüllners nicht. Vor allen Dingen bereichere so ein Kind das Leben nämlich. „Man muss das gerne machen.“ Interessierte können sich an Paul Naroska unter Telefon (01525) 645225 oder per Mail an p.naroska@jugendhof-gotteshuette.de wenden. Mehr Infos gibt es auch unter www.jugendhof-gotteshuette.de.

Die Gotteshütte in Porta Westfalica bildet besondere Pflegefamilien aus

Sabine und Rainer Wüllner (vorne rechts) sind eine von vielen Westfälischen Pflegefamilien. Paul Naroska und Sabine Gosemann vom Jugendhof Gotteshütte betreuen die Familien. MT-Foto: Christine Riechmann © Riechmann

Porta Westfalica-Kleinenbremen. Als Sabine und Rainer Wüllner Lauras Eltern (Name von der Redaktion geändert) wurden, war das Mädchen 14 Jahre alt und hatte schon Dinge erlebt, die für mehr als ein ganzes Leben ausreichen. Bei ihrer leiblichen Mutter, die erziehungsunfähig war und ständig wechselnde Partner hatte, lebte sie nicht lange, dafür viele Jahre in verschiedenen Einrichtungen. „Eine lange Geschichte“, sagt Sabine Wüllner. Eine Geschichte, die die Wüllners zu einer Westfälischen Pflegefamilie gemacht hat.

Die Westfälischen Pflegefamilien (WPF) werden von einem Verbund freier Träger angeboten, die sich zur Vermittlung, Begleitung und Beratung von Pflegefamilien zusammengeschlossen haben. Sie ermöglichen eine intensive Form der Vollzeitpflege für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Das Leben in der Pflegefamilie soll ihnen auf Dauer einen verlässlichen familiären Lebensort, den notwendigen Schutz und die erforderliche Versorgung, Erziehung und Förderung gewährleisten. Einer von derzeit 40 Trägern, die Westfälische Pflegefamilien anbieten, ist die Evangelische Stiftung Gotteshütte in Porta Westfalica, eine diakonische Jugendhilfeeinrichtung mit Wohngruppen, Tagesgruppen und ambulanten, familienaktivierenden Erziehungshilfen. Aktuell starten dort neue Bewerberkurse, um Pflegefamilien auszubilden.

Sabine Wüllner lernte Laura in einer Einrichtung der Gotteshütte kennen, in der die heute 58-Jährige als Hauswirtschafterin arbeitet und das Mädchen damals lebte. „Sie war mir sofort sympathisch“, erinnert sie sich an die damals 14-Jährige, die unter anderem an einer Beziehungsstörung – besonders zu Frauen – litt. „Laura wollte noch mal Familie leben – und wir hatten Platz und wollten dem Kind gerne helfen“, erzählt sie. Zwei der drei leiblichen Kinder waren bereits erwachsen und ausgezogen, die kleinste Tochter 17 Jahre alt. Der engere Kontakt zu Laura wurde, begleitet durch die WPF-Beraterin der Gotteshütte, Sabine Gosemann, langsam aufgebaut und erste Besuche fanden statt, die immer regelmäßiger wurden. Währenddessen renovierten die Wüllners ein Zimmer für Laura, bis sie schließlich dort einzog. „Ja, und dann hatten wir unsere Aufgabe“, sagt Sabine Wüllner. Etliche Regeln mussten aufgestellt werden und die neue Familie sich aneinander gewöhnen. Im Schnitt dauere es etwa neun Monate bis ein Kind in einer Familie wirklich angekommen ist, beschreibt Sabine Gosemann. „Wir hatten auch schwere Zeiten“, blickt Rainer Wüllner zurück. Aber trotzdem ist aus der Beziehung schnell ein Eltern-Kind-Verhältnis geworden. Laura habe großes Vertrauen entwickelt – auch zu ihren Geschwistern. „Wir sind eine große Familie und Laura war überall willkommen“, beschreibt Sabine Wüllner. In der Zeit hat Laura, die zur Förderschule ging, ihren Hauptschulabschluss gemacht. Mit fast 18 Jahren ist sie schwanger geworden und als das Kind geboren wurde, bei den Wüllners ausgezogen. Nun lebt Laura allein mit ihrem Mann und dem Kind. Zu den Wüllners hat sie weiterhin Kontakt, wie eine Tochter zu ihren Eltern. „Wir würden nochmal ein Kind aufnehmen“, sagt Sabine Wüllner.


Die Wüllners seien prädestiniert dafür, meint Paul Naroska, der bei der Gotteshütte die Pflegefamilien betreut. „Sie haben ein großes Herz und können gut auf Kinder zugehen, sie halten die nötige Distanz, indem sie nicht in die Krise mit hineingehen, sondern ein Anker sind“, beschreibt er. Pflegeeltern müssten besonders gefestigte Persönlichkeiten und strukturgebend sein und Nähe zulassen können. „Die Kinder, die uns für eine Westfälische Pflegefamilie vom Jugendamt vermittelt werden, sind besonders traumatisiert und haben durch ihre Erlebnisse in ihren Herkunftsfamilien überhaupt kein Vertrauen.“ Trotzdem müssten Pflegeeltern nicht zwingend pädagogisch oder medizinisch vorgebildet sein, macht Paul Naroska deutlich, dem es ein Anliegen ist Hemmschwellen für potenzielle Pflegefamilien abzubauen. Pflegeeltern könnten auch alleinerziehend, homosexuell oder bisher kinderlos sein. Wichtig sei – und das werde auch intensiv geprüft – welche Motivation hinter dem Wunsch, ein Pflegekind aufzunehmen, stehe. Zum Beispiel dürften die Pflegeeltern nicht finanziell abhängig von dem Pflegeverhältnis sein, nicht vorbestraft und müssten psychisch und physisch gesund sein. Außerdem müsse der Kontakt zu der Herkunftsfamilie, der auf Wunsch des Kindes bestehen könne, akzeptiert werden. Pflegeeltern müssten auch immer darauf eingestellt sein, dass das Kind auch wieder gehen könnte. Allerdings komme das nur selten vor. „In den meisten Fällen ist die Pflege auf Dauer angelegt“, so Paul Naroska.

Derzeit betreut die Gotteshütte acht Pflegefamilien, von denen sechs belegt sind. Zwei bis drei Kinder werden pro Jahr vermittelt – das können auch Geschwisterpaare sein. Nicht nur in der Anfangsphase der Vermittlung, sondern fortwährend werden die Familien durch die WPF-Berater unterstützt. „Wir garantieren eine intensive Betreuung zugunsten der Kontrolle und Entlastung der Familie, um den Prozess des Kindes zu begleiten“, erklärt Naroska. Dazu gehöre auch ein intensives Krisenmanagement. In akuten Problemlagen sei die Erreichbarkeit der WPF-Berater auch außerhalb der üblichen Dienstzeiten gewährleistet.

Aktuell sammelt die Gotteshütte Bewerber für Westfälische Pflegefamilien. Die werden dann in sechs theoretischen Blöcken in Abständen von zwei bis drei Wochen auf ihre Aufgaben als Pflegeeltern vorbereitet. Auch Sabine Wüllner und ihr Mann Rainer haben mittlerweile einen solchen Kurs belegt – allerdings erst nachdem Laura bei ihnen wieder ausgezogen ist. „Nun sind wir auch theoretisch vorbereitet, wenn wieder ein Pflegekind zu uns kommt“, meint Sabine Wüllner, die sich vorstellen kann, ein Kind ab neun Jahren aufzunehmen. Für jüngere Kinder seien sie mittlerweile zu alt. Angst vor Einschränkungen, die ein Kind mit sich bringt, haben die Wüllners nicht. Vor allen Dingen bereichere so ein Kind das Leben nämlich. „Man muss das gerne machen.“

Interessierte können sich an Paul Naroska unter Telefon (01525) 645225 oder per Mail an p.naroska@jugendhof-gotteshuette.de wenden. Mehr Infos gibt es auch unter www.jugendhof-gotteshuette.de.

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