Der Winter 1821/22 war mild: Ein archivarischer Blick aufs Dorfleben vor 100 und 200 Jahren Kurt Römming Porta Westfalica-Nammen (krö). Der Jahreswechsel liegt bereits zwei Wochen zurück. Was bleibt aus 2021 in Erinnerung? Nicht nur Corona. So ist es für die Nammer Dorfgemeinschaft ein großer Gewinn, dass die Interessengemeinschaft „Nammen hält zusammen“ wenige Tage vor Weihnachten mit der Kirchengemeinde Lerbeck die Absichtserklärung über den Kauf des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses unterzeichnete und der Gebäudekomplex den Nammern als zukünftiges Bürgerhaus erhalten bleibt. Vielleicht wird man darauf im Dorf noch in 100 oder 200 Jahren zurückblicken, wenn man auf das Jahr 2021 schaut. Das führt zu der Frage, was eigentlich der Nachwelt aus der Zeit um 1821 und 1921 überliefert ist. Johann Friedrich Hedinger, Lehrer und Küster in Nammen, hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kapellenchronik chronologisch und genau alles das niedergeschrieben, was ihm wichtig erschien. Einhundert Jahre später, aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, liefern Dokumente, Presseberichte und Niederschriften die Informationen. Das bäuerliche Leben auf dem Lande war abhängig von der Witterung, von der Ernte und von den erzielten Preisen für die Erzeugnisse. Ähnlich unseren derzeitigen Wetterverhältnisse mit wenig Schnee im Winter war es auch schon vor zweihundert Jahren. „Der Winter schneefrei, der Schnee erst zum Frühjahr hin zwei Schuh hoch. Im Frühling sah man wenig Sperlinge und Nachtigallen,“ konstatierte Hedinger 1821. Kurios der Eintrag „Verfügung Königl. Hochlöblicher Regierung, daß in den Ferien zweimal wöchentlich unterrichtet werden muß“ oder an anderer Stelle: „Mit diesem Jahr beginnt die Zollordnung. An der schaumburg-lippischen Grenze werden Zollbeamte (Grenzjäger) angestellt und nichts darf mehr, ohne versteuert zu werden, nach Bückeburg geholt werden“.Schlecht wird das Verhältnis der Einwohnerschaft zu den Schaumburg-Lippern aber nicht gewesen sein. Denn euphorisch berichtet der Chronist „Viele Nammer waren Augenzeugen, als König Friedrich Wilhelm III. im Juni 1821 durch Bückeburg passierte.“ Das gute nachbarschaftliche Verhältnis ist erklärlich, gehörte Nammen doch bereits seit 1650 und über Generationen hinweg (bis 1910) zum jenseits der Landesgrenze gelegenen Kirchspiel Petzen. Nach schönem Herbstwetter im Oktober und November habe die gelinde Witterung den ganzen Winter 1821/22 durch angehalten. Ein schreckliches Gewitter tobte am 2. Dezember, der Blitz sei mehrmals im Dorf eingeschlagen, ohne glücklicherweise einen Brand zu verursachen. – 21 Kinder wurden vor 200 Jahren geboren, acht Einwohner verstarben. Ganz anders die Situation einhundert Jahre später. Die Stimmungslage war nach dem Ersten Weltkrieg geprägt von viel Unsicherheit, aber auch von großer Hoffnung. In dieser Hinsicht war sie – wenngleich bedingt – vergleichbar mit der derzeitigen Pandemie-Lage und ihrem unkalkulierbaren Verlauf. Die große Wunsch heute so ähnlich wie vor 100 Jahren: Alles möge wieder so werden, wie es vor den unheilvollen Ereignissen war. 1921 wurden in Nammen große Pläne geschmiedet. Die erste, noch behelfsmäßig genutzte Dorfschule gegenüber der Kapelle war baufällig, das nebenan errichtete Schulgebäude (heute Wohnhaus Stärkenberg) platzte aus allen Nähten. Im Diekhoff sollte unter Schließung der damals unterrichtenden Bergschule ein Neubau für den gesamten Ort entstehen. Bis die selbstständige Gemeinde Nammen die Finanzierung gesichert hatte, vergingen aber bis zur Grundsteinlegung noch weitere drei Jahre. Die Kyffhäuser-Kameradschaft sammelte Geld für das Gefallenenehrenmal am Friedhof für die 56 Gefallenen und Vermissten des Krieges von 1914/18, das am Friedhof seinen Platz fand. Der als TV Jahn zu Nammen 1892 gegründete Sportverein hatte 1920 unter der Umbenennung zum MTV Nammen neben dem Geräteturnen die Mannschaftssportarten Handball und Faustball ins Programm genommen. 1921 begann der Spielbetrieb auf dem neuen Bergsportplatz auf der Lehmkuhle. Bereits nach wenigen Jahren und mehreren Aufstiegen maßen die Feldhandballer unter anderem mit Eiche Dankersen (später Grün-Weiß Dankersen) ihre Kräfte. Ein wichtiger Tag für den öffentlichen Personenverkehr für Nammen, aber auch für die beiden anderen am Nordhang des Wesergebirges gelegenen Dörfer Wülpke und Kleinenbremen, war der 1. Mai 1921. Vom Bahnhof Minden Stadt an der Göbenstraße fuhr der Dampfzug der Mindener Kreisbahnen bereits seit 1916 bis zur Endstation „Nammen Bad“. Die Gemeinde Nammen hatte sich mit einem Zuschuss am Streckenausbau beteiligt, Kurhausbesitzer Heinrich Nolting 3000 Goldmark beigesteuert und für 1500 Goldmark die Bahnhofsparzelle verkauft. Der weitere Streckenausbau war 1921 abgeschlossen, der östliche Ortsteil von Nammen, Wülpke und Kleinenbremen in den Schienenverkehr zur Kreisstadt eingebunden, Vier Jahrzehnte später stellten die Mindener Kreisbahnen auf ihren Linien den Personenverkehr von der Schiene auf Busverkehr um.

Der Winter 1821/22 war mild: Ein archivarischer Blick aufs Dorfleben vor 100 und 200 Jahren

Die „Endstation Nammen Bad“ gab es bereits seit 1916. Der Dampfzug fuhr seit dem 1. Mai 1921 auf verlängerter Strecke bis Kleinenbremen. Unser Foto stammt aus dem Jahr 1963. Foto: Kurt Römming © dhaunhorst

Porta Westfalica-Nammen (krö). Der Jahreswechsel liegt bereits zwei Wochen zurück. Was bleibt aus 2021 in Erinnerung? Nicht nur Corona. So ist es für die Nammer Dorfgemeinschaft ein großer Gewinn, dass die Interessengemeinschaft „Nammen hält zusammen“ wenige Tage vor Weihnachten mit der Kirchengemeinde Lerbeck die Absichtserklärung über den Kauf des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses unterzeichnete und der Gebäudekomplex den Nammern als zukünftiges Bürgerhaus erhalten bleibt.

Vielleicht wird man darauf im Dorf noch in 100 oder 200 Jahren zurückblicken, wenn man auf das Jahr 2021 schaut. Das führt zu der Frage, was eigentlich der Nachwelt aus der Zeit um 1821 und 1921 überliefert ist. Johann Friedrich Hedinger, Lehrer und Küster in Nammen, hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kapellenchronik chronologisch und genau alles das niedergeschrieben, was ihm wichtig erschien. Einhundert Jahre später, aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, liefern Dokumente, Presseberichte und Niederschriften die Informationen.

Das bäuerliche Leben auf dem Lande war abhängig von der Witterung, von der Ernte und von den erzielten Preisen für die Erzeugnisse. Ähnlich unseren derzeitigen Wetterverhältnisse mit wenig Schnee im Winter war es auch schon vor zweihundert Jahren. „Der Winter schneefrei, der Schnee erst zum Frühjahr hin zwei Schuh hoch. Im Frühling sah man wenig Sperlinge und Nachtigallen,“ konstatierte Hedinger 1821.

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Patrick Schwemmling

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Kurios der Eintrag „Verfügung Königl. Hochlöblicher Regierung, daß in den Ferien zweimal wöchentlich unterrichtet werden muß“ oder an anderer Stelle: „Mit diesem Jahr beginnt die Zollordnung. An der schaumburg-lippischen Grenze werden Zollbeamte (Grenzjäger) angestellt und nichts darf mehr, ohne versteuert zu werden, nach Bückeburg geholt werden“.

Schlecht wird das Verhältnis der Einwohnerschaft zu den Schaumburg-Lippern aber nicht gewesen sein. Denn euphorisch berichtet der Chronist „Viele Nammer waren Augenzeugen, als König Friedrich Wilhelm III. im Juni 1821 durch Bückeburg passierte.“ Das gute nachbarschaftliche Verhältnis ist erklärlich, gehörte Nammen doch bereits seit 1650 und über Generationen hinweg (bis 1910) zum jenseits der Landesgrenze gelegenen Kirchspiel Petzen.

Nach schönem Herbstwetter im Oktober und November habe die gelinde Witterung den ganzen Winter 1821/22 durch angehalten. Ein schreckliches Gewitter tobte am 2. Dezember, der Blitz sei mehrmals im Dorf eingeschlagen, ohne glücklicherweise einen Brand zu verursachen. – 21 Kinder wurden vor 200 Jahren geboren, acht Einwohner verstarben.

Ganz anders die Situation einhundert Jahre später. Die Stimmungslage war nach dem Ersten Weltkrieg geprägt von viel Unsicherheit, aber auch von großer Hoffnung. In dieser Hinsicht war sie – wenngleich bedingt – vergleichbar mit der derzeitigen Pandemie-Lage und ihrem unkalkulierbaren Verlauf. Die große Wunsch heute so ähnlich wie vor 100 Jahren: Alles möge wieder so werden, wie es vor den unheilvollen Ereignissen war.

1921 wurden in Nammen große Pläne geschmiedet. Die erste, noch behelfsmäßig genutzte Dorfschule gegenüber der Kapelle war baufällig, das nebenan errichtete Schulgebäude (heute Wohnhaus Stärkenberg) platzte aus allen Nähten. Im Diekhoff sollte unter Schließung der damals unterrichtenden Bergschule ein Neubau für den gesamten Ort entstehen. Bis die selbstständige Gemeinde Nammen die Finanzierung gesichert hatte, vergingen aber bis zur Grundsteinlegung noch weitere drei Jahre. Die Kyffhäuser-Kameradschaft sammelte Geld für das Gefallenenehrenmal am Friedhof für die 56 Gefallenen und Vermissten des Krieges von 1914/18, das am Friedhof seinen Platz fand.

Der als TV Jahn zu Nammen 1892 gegründete Sportverein hatte 1920 unter der Umbenennung zum MTV Nammen neben dem Geräteturnen die Mannschaftssportarten Handball und Faustball ins Programm genommen. 1921 begann der Spielbetrieb auf dem neuen Bergsportplatz auf der Lehmkuhle. Bereits nach wenigen Jahren und mehreren Aufstiegen maßen die Feldhandballer unter anderem mit Eiche Dankersen (später Grün-Weiß Dankersen) ihre Kräfte.

Ein wichtiger Tag für den öffentlichen Personenverkehr für Nammen, aber auch für die beiden anderen am Nordhang des Wesergebirges gelegenen Dörfer Wülpke und Kleinenbremen, war der 1. Mai 1921. Vom Bahnhof Minden Stadt an der Göbenstraße fuhr der Dampfzug der Mindener Kreisbahnen bereits seit 1916 bis zur Endstation „Nammen Bad“. Die Gemeinde Nammen hatte sich mit einem Zuschuss am Streckenausbau beteiligt, Kurhausbesitzer Heinrich Nolting 3000 Goldmark beigesteuert und für 1500 Goldmark die Bahnhofsparzelle verkauft. Der weitere Streckenausbau war 1921 abgeschlossen, der östliche Ortsteil von Nammen, Wülpke und Kleinenbremen in den Schienenverkehr zur Kreisstadt eingebunden, Vier Jahrzehnte später stellten die Mindener Kreisbahnen auf ihren Linien den Personenverkehr von der Schiene auf Busverkehr um.

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