Der Überlebende im Toten Winkel: Dieser Zufall rettet einem Portaner beim Sprengunglück 1959 am Jakobsberg das Leben Thomas Lieske Porta Westfalica-Hausberge. Samstag, der 17. Oktober 1959, kurz nach Mitternacht. "Mit einem Mal gibt es einen fürchterlichen Schlag. Ich spüre quasi noch die Druckwelle. Dieser fürchterliche Schlag. Danach: Totenstille. Überall Staub, ich kann keine zwei Meter weit sehen. Diese Bilder werde ich nicht mehr los." Ein Sprengunglück am Jakobsberg erschüttert Hausberge. Drei Arbeiter sterben, einer wird schwer verletzt. Ein weiterer überlebt den Unfall nur mit einem Kratzer. Es ist der damals 18-jährige Friedhelm Korte aus Barkhausen. Nur wenige Augenblicke zuvor war er hinter einen Felsvorsprung gegangen, um dort nach der Tagschicht leichtere Arbeiten zu verrichten. Dieser Tote Winkel, nur sieben Meter neben dem Unglücksort, rettet ihm das Leben. "Ich huste ohne Ende. Überall Staub. Ich spüre den Sand auf meiner Haut. Der Geruch, die Stille. Es wirkt so irreal. Nur vor der Felswand lichten sich die Wolken. Ein gespenstisches Bild. Die Lampe, die die Baustelle ausleuchten sollte, pendelt von links nach rechts. Hin und her durch die Leere. Und überall Gesteinsbrocken. Ein grausames Bild." Die Arbeiter sprengen Teile des Jakobsbergs ab, um Platz zu schaffen für eine Umgehungsstraße von Neesen nach Hausberge. Heute führt dort die Bundesstraße 482 entlang. Die Detonation unterbricht die Arbeiten jäh. Die Toten: Sprengmeister Erich Schuster aus Hannover, Egon Münstermann aus Nammen und Wolfgang Dransfeld aus Meißen. "Ich stolpere über meinen schwer verletzten Kollegen. Ein alter Schulfreund. Er blutet stark am Kopf und schreit. Von den anderen keine Spur. Niemand ist zu sehen. Überall Gesteinsbrocken. Und der Bohrwagen – er ist völlig zerstört. Was für ein Unglück. Und plötzlich wird mir klar: Ich hatte unverschämtes Glück." Die Steinbrocken haben die Schutzwände durchschlagen. Dadurch ist die Bahntrasse blockiert. Einer der Arbeiter ist von der Druckwelle gegen die Schutzwand geschleudert worden. "Ich dachte nur: Gleich kommt der Interzonenzug. Das wäre die nächste Katastrophe. Die Gesteinsbrocken blockieren die Gleise. Wenn der Zug darauf prallt, gibt es weitere Tote. Ich muss Bescheid geben. Das Stellwerk ist in Sichtweite. Ich versuche, Blickkontakt zum Bediensteten aufzunehmen. Doch der hat sofort reagiert: Alle Zeichen stehen auf Halt. Wenige Augenblicke später kann der voll besetzte Interzonenzug gestoppt werden. Gott sei Dank." Dann geht alles ganz schnell. Die Feuerwehr rückt an, Polizei, Rettungskräfte. Auch der Bauleiter aus Hannover ist rasend schnell am Unglücksort. Er lässt die Kantine am Bahnhof aufschließen, um die Überlebenden zu versorgen. "Eine unfassbare Tragödie. Erst jetzt fange ich an zu realisieren, was da gerade passiert ist. Wir bekommen Getränke und etwas zu essen. Ein Angehöriger von Egon Münstermann aus Nammen ist auch da. Er ist völlig verzweifelt. Wie soll er das der Frau beibringen. Egon war doch erst 25. Und hatte ein Kind. Jetzt ist er tot. Was für eine Tragödie. Dann verschwimmen meine Erinnerungen an den Abend." Während die Verletzten in der Kantine versorgt werden, beginnt die Polizei mit den Ermittlungen. Die Feuerwehr räumt die Bahnstrecke frei, damit der Bahnverkehr so schnell wie möglich wieder rollen kann. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld beschlagnahmt die Unglücksstelle. Es ist nicht das erste Mal, dass es hier zu einem tragischen Zwischenfall kommt. Kurz nach Beginn der Arbeiten bricht ein Felsvorsprung ab. Brocken durchschlagen die Schutzwände und treffen eine Frau, die sich außerhalb der eigentlichen Risikozone aufhielt. Wenige Wochen später richtet eine schief gelaufene Sprengung Schäden wie nach einem Bombenangriff an. Gesteinsbrocken fliegen quer durch die Luft und treffen unter anderem das Postamt auf der anderen Seite der Gleise. Die Fassade wird schwer beschädigt. Wie durch ein Wunder wird aber niemand ernsthaft verletzt. Das Sprengunglück vom 17. Oktober ist das schwerste der Geschichte des Straßenbaus. "Irgendwann in der Nacht erreiche ich völlig betrunken das Haus meiner Großeltern in Barkhausen, in dem wir wohnen. Der Bauleiter hat uns mit Alkohol volllaufen lassen. Es war wohl das Beste für uns." Menschliches Versagen, heißt es später im Abschlussbericht, hat wohl zu der Explosion geführt. Die Arbeiter hatten offenbar Probleme, die Sprengladung ins Bohrloch zu bekommen – ein Querriss im Gestein war Schuld. Der Versuch, den Sprengstoff vorsichtig mit dem Bohrwagen in die Öffnung zu drücken, kostet drei Arbeiter das Leben. Friedhelm Korte hat Glück. Vor Kurzem stößt er beim Durchstöbern alter Fotos auf ein Bild von den Arbeiten. Das Unglück ist schlagartig wieder präsent. Er will es gern aufarbeiten, in Archiven, mit weiteren Fotos. Doch dabei stößt der 79-Jährige, der heute in Lünen wohnt, schnell an die Grenzen. Nur zwei Artikel aus dem Mindener Tageblatt helfen ihm ein wenig weiter. Es bleiben die Erinnerungen. "Heute feier ich am 17. Oktober jedes Jahr meinen zweiten Geburtstag. Mit einer Gedenkminute, in der ich inne halte und an das schreckliche Unglück zurückdenke. Wenn ich am Unglücksort vorbeikomme, sind alle Bilder wieder da. Der Staub, der Knall, der Geruch, der Sand auf der Haut, der fürchterliche Schlag. Mir fährt jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken. Ich kann mein Glück heute noch kaum fassen. Jahrelang habe ich auf dem Weg von der Autobahn nach Dankersen, wenn ich meine Verwandtschaft besucht habe, unterbewusst den Weg über Barkhausen gewählt, um nicht am Unglücksort vorbeizukommen. Das ist mir erst viel später bewusst geworden. Heute halte ich immer an. Eine Gedenkplakette erinnert an die Toten. Wann immer ich Zeit habe, stelle ich eine Kerze auf." Friedhelm Korte entscheidet sich, nach dem Unglück noch mehrere Monate am Jakobsberg weiterzuarbeiten. Heute hätte er anders entschieden.

Der Überlebende im Toten Winkel: Dieser Zufall rettet einem Portaner beim Sprengunglück 1959 am Jakobsberg das Leben

Ein Ort zum Innehalten: Die Plakette im Mauerwerk erinnert an das tragische Sprengunglück vom 17. Oktober 1959, das Friedhelm Korte nur durch Zufall überlebte. Wenn er seine Verwandtschaft besucht, hält er hier – an der B 482 – immer an. MT- © Fotos: Thomas Lieske

Porta Westfalica-Hausberge. Samstag, der 17. Oktober 1959, kurz nach Mitternacht.

"Mit einem Mal gibt es einen fürchterlichen Schlag. Ich spüre quasi noch die Druckwelle. Dieser fürchterliche Schlag. Danach: Totenstille. Überall Staub, ich kann keine zwei Meter weit sehen. Diese Bilder werde ich nicht mehr los."

Ein Sprengunglück am Jakobsberg erschüttert Hausberge. Drei Arbeiter sterben, einer wird schwer verletzt. Ein weiterer überlebt den Unfall nur mit einem Kratzer. Es ist der damals 18-jährige Friedhelm Korte aus Barkhausen. Nur wenige Augenblicke zuvor war er hinter einen Felsvorsprung gegangen, um dort nach der Tagschicht leichtere Arbeiten zu verrichten. Dieser Tote Winkel, nur sieben Meter neben dem Unglücksort, rettet ihm das Leben.

Wann immer er Zeit hat, stellt Friedhelm Korte an der Unglücksstelle eine Kerze auf und legt Blumen ab.
Wann immer er Zeit hat, stellt Friedhelm Korte an der Unglücksstelle eine Kerze auf und legt Blumen ab.

"Ich huste ohne Ende. Überall Staub. Ich spüre den Sand auf meiner Haut. Der Geruch, die Stille. Es wirkt so irreal. Nur vor der Felswand lichten sich die Wolken. Ein gespenstisches Bild. Die Lampe, die die Baustelle ausleuchten sollte, pendelt von links nach rechts. Hin und her durch die Leere. Und überall Gesteinsbrocken. Ein grausames Bild."

Die Arbeiter sprengen Teile des Jakobsbergs ab, um Platz zu schaffen für eine Umgehungsstraße von Neesen nach Hausberge. Heute führt dort die Bundesstraße 482 entlang. Die Detonation unterbricht die Arbeiten jäh. Die Toten: Sprengmeister Erich Schuster aus Hannover, Egon Münstermann aus Nammen und Wolfgang Dransfeld aus Meißen.

"Ich stolpere über meinen schwer verletzten Kollegen. Ein alter Schulfreund. Er blutet stark am Kopf und schreit. Von den anderen keine Spur. Niemand ist zu sehen. Überall Gesteinsbrocken. Und der Bohrwagen – er ist völlig zerstört. Was für ein Unglück. Und plötzlich wird mir klar: Ich hatte unverschämtes Glück."

Die Steinbrocken haben die Schutzwände durchschlagen. Dadurch ist die Bahntrasse blockiert. Einer der Arbeiter ist von der Druckwelle gegen die Schutzwand geschleudert worden.

"Ich dachte nur: Gleich kommt der Interzonenzug. Das wäre die nächste Katastrophe. Die Gesteinsbrocken blockieren die Gleise. Wenn der Zug darauf prallt, gibt es weitere Tote. Ich muss Bescheid geben. Das Stellwerk ist in Sichtweite. Ich versuche, Blickkontakt zum Bediensteten aufzunehmen. Doch der hat sofort reagiert: Alle Zeichen stehen auf Halt. Wenige Augenblicke später kann der voll besetzte Interzonenzug gestoppt werden. Gott sei Dank."

Dann geht alles ganz schnell. Die Feuerwehr rückt an, Polizei, Rettungskräfte. Auch der Bauleiter aus Hannover ist rasend schnell am Unglücksort. Er lässt die Kantine am Bahnhof aufschließen, um die Überlebenden zu versorgen.

"Eine unfassbare Tragödie. Erst jetzt fange ich an zu realisieren, was da gerade passiert ist. Wir bekommen Getränke und etwas zu essen. Ein Angehöriger von Egon Münstermann aus Nammen ist auch da. Er ist völlig verzweifelt. Wie soll er das der Frau beibringen. Egon war doch erst 25. Und hatte ein Kind. Jetzt ist er tot. Was für eine Tragödie. Dann verschwimmen meine Erinnerungen an den Abend."

Während die Verletzten in der Kantine versorgt werden, beginnt die Polizei mit den Ermittlungen. Die Feuerwehr räumt die Bahnstrecke frei, damit der Bahnverkehr so schnell wie möglich wieder rollen kann. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld beschlagnahmt die Unglücksstelle. Es ist nicht das erste Mal, dass es hier zu einem tragischen Zwischenfall kommt. Kurz nach Beginn der Arbeiten bricht ein Felsvorsprung ab. Brocken durchschlagen die Schutzwände und treffen eine Frau, die sich außerhalb der eigentlichen Risikozone aufhielt. Wenige Wochen später richtet eine schief gelaufene Sprengung Schäden wie nach einem Bombenangriff an. Gesteinsbrocken fliegen quer durch die Luft und treffen unter anderem das Postamt auf der anderen Seite der Gleise. Die Fassade wird schwer beschädigt. Wie durch ein Wunder wird aber niemand ernsthaft verletzt. Das Sprengunglück vom 17. Oktober ist das schwerste der Geschichte des Straßenbaus.

"Irgendwann in der Nacht erreiche ich völlig betrunken das Haus meiner Großeltern in Barkhausen, in dem wir wohnen. Der Bauleiter hat uns mit Alkohol volllaufen lassen. Es war wohl das Beste für uns."

Menschliches Versagen, heißt es später im Abschlussbericht, hat wohl zu der Explosion geführt. Die Arbeiter hatten offenbar Probleme, die Sprengladung ins Bohrloch zu bekommen – ein Querriss im Gestein war Schuld. Der Versuch, den Sprengstoff vorsichtig mit dem Bohrwagen in die Öffnung zu drücken, kostet drei Arbeiter das Leben. Friedhelm Korte hat Glück. Vor Kurzem stößt er beim Durchstöbern alter Fotos auf ein Bild von den Arbeiten. Das Unglück ist schlagartig wieder präsent. Er will es gern aufarbeiten, in Archiven, mit weiteren Fotos. Doch dabei stößt der 79-Jährige, der heute in Lünen wohnt, schnell an die Grenzen. Nur zwei Artikel aus dem Mindener Tageblatt helfen ihm ein wenig weiter. Es bleiben die Erinnerungen.

"Heute feier ich am 17. Oktober jedes Jahr meinen zweiten Geburtstag. Mit einer Gedenkminute, in der ich inne halte und an das schreckliche Unglück zurückdenke. Wenn ich am Unglücksort vorbeikomme, sind alle Bilder wieder da. Der Staub, der Knall, der Geruch, der Sand auf der Haut, der fürchterliche Schlag. Mir fährt jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken. Ich kann mein Glück heute noch kaum fassen. Jahrelang habe ich auf dem Weg von der Autobahn nach Dankersen, wenn ich meine Verwandtschaft besucht habe, unterbewusst den Weg über Barkhausen gewählt, um nicht am Unglücksort vorbeizukommen. Das ist mir erst viel später bewusst geworden. Heute halte ich immer an. Eine Gedenkplakette erinnert an die Toten. Wann immer ich Zeit habe, stelle ich eine Kerze auf."

Friedhelm Korte entscheidet sich, nach dem Unglück noch mehrere Monate am Jakobsberg weiterzuarbeiten. Heute hätte er anders entschieden.

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