Das vergessene "Polenlager": Gedenkstättenverein forscht über Zwangsarbeit Stefan Lyrath Porta Westfalica-Nammen. Zwei weitere Gebäude des früheren Nammer Zwangsarbeiterlagers sind Geschichte. Bagger haben die beiden Häuser an der Ostlandstraße kürzlich dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Krieg waren in einem davon ein Kindergarten und die Mütterberatung untergebracht, im anderen die landwirtschaftliche Kreisberufsschule und später eine Hausmeisterwohnung. Das berichtet der Nammer Ortschronist Kurt Römming. Eigentümerin des Geländes ist die Diakonie Stiftung Salem. „Es handelt sich um ehemalige Wohngebäude, die seit vielen Jahren leer standen und baulich nicht erhalten werden konnten“, schreibt Christian Niemann, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Die Nazis hatten damit andere Pläne. „Die jetzt abgebrochenen Häuser waren 1945 Rohbauten für die Kommandantur“, so Römming. Zur Fertigstellung kam es nicht mehr. Kurt Römming, seit 1964 freier Mitarbeiter des Mindener Tageblattes, hatte bereits Ende der 1960er Jahre über den Abriss von zwei der insgesamt vier doppelstöckigen Wohnblocks berichtet, in denen von 1944 bis zur Befreiung im April 1945 Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern untergebracht waren. Baubeginn war Ende 1943. Über die Gebäude schrieb Römming damals im MT: „Diese Wohnblocks sind Zeugen aus den dunkelsten Stunden deutscher Geschichte.“ Zunächst wurden 1968 zwei Blocks abgerissen, vermutlich in den 1970er Jahren dann zwei weitere, wobei der Landkreis Minden die beiden Letztgenannten vorher übernommen und saniert hatte. In der Nachkriegszeit waren die Baracken zunächst Durchgangslager für polnische Heimkehrer, bevor von 1947 an Flüchtlingswohnungen und ein Flüchtlingsaltersheim entstanden. In der Bevölkerung ist das Lager Nammen heute besser als „Polenlager“ bekannt. Während die Geschichte der drei Portaner KZ gut erforscht ist, weiß man über die Zwangsarbeiter in Nammen und anderen Orten wenig. „Das Lager Nammen bleibt in der mir bekannten Literatur unerwähnt, als hätte es niemals existiert“, stellt Ortsheimatpfleger Dieter Bahe in einem Beitrag auf der Seite www.nammen-info.de im Internet fest. Doch das wird sich ändern. „Wir arbeiten daran“, sagt Thomas Lange, Historiker und Geschäftsführer des Portaner Gedenkstättenvereins. „Das bislang völlig untererforschte Thema Zwangsarbeit an der Porta Westfalica ist Teil unseres Forschungsprojektes, das noch bis September 2023 läuft.“ Lange steht deshalb unter anderem in Kontakt mit einem Kollegen von der Gedenkstätte Stalag 326 in der Senne, der sich mit polnischen Kriegsgefangenen in Nammen und Kleinenbremen beschäftigt hat. Im so genannten Stammlager 326 bei Stukenbrock waren überwiegend sowjetische Kriegsgefangene unter sehr schlechten Bedingungen untergebracht. Historiker gehen von bis zu 70 000 Todesopfern aus. Die Insassen mussten Zwangsarbeit im Raum Ostwestfalen-Lippe leisten – offenbar auch in Kleinenbremen. Lange: „Es gab regelmäßig Überstellungen.“ Untergebracht waren die Gefangenen offenbar unter anderem im Lager Nammen. Der Zeitzeuge Wilhelm Gerntrup, bei Kriegsende ein Junge von sieben Jahren, erinnert sich, dass die Männer morgens nach Kleinenbremen marschieren mussten. In der dortigen Eisenerzgrube, heute ein Teil des Besucher-Bergwerks, war die größte unterirdische Rüstungsproduktion an der Porta Westfalica geplant, größer noch als die Nazistollen im Hausberger Jakobsberg. Das Kriegsende kam den Plänen zuvor. Unter der Tarnbezeichnung „Elritze“ sollte unter anderem eine Fabrik des Flugzeugherstellers „Focke Wulf“ unter die Erdoberfläche verlagert werden. Federführend war die Organisation Todt, eine nach militärischen Prinzipien organisierte Bautruppe. Über das Lager Nammen ist bekannt, dass es aus primitiven Bauten bestand. Laut Ortsheimatpfleger Dieter Bahe gibt es auf dem Nammer Friedhof fünf so genannte Polengräber. Bahe hat Gespräche mit den Zeitzeugen Heinrich Watermann und Hans-Dieter Prehn geführt. Beide hätten bestätigt, dass Bahnschienen in das Lager führten. Noch heute gibt es dort einen Erdbunker, zu dem früher ein überproportional hoher Schornstein gehört haben soll. Dies versetzte anscheinend viele Nammer in Sorge, dass in ihrer Nachbarschaft ein KZ entstehen könnte. Darauf hat der Historiker Thomas Lange jedoch keine Hinweise gefunden. „Die verschiedenen Lagersysteme des NS-Staates werden oftmals durcheinander geworfen“, erklärt Lange. „Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenenlager, Arbeitserziehungslager und Konzentrationslager waren keine aufeinander aufbauenden Eskalationsstufen. Alle diese Lager wurden unterschiedlich organisiert und existierten zeitgleich. Konzentrationslager definierten sich nicht durch eine besondere Brutalität oder Ausstattung, sondern durch ihre Unterstellung unter das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS.“

Das vergessene "Polenlager": Gedenkstättenverein forscht über Zwangsarbeit

Ein Bagger macht das kleinere Haus dem Erdboden gleich. Auch dieses Gebäude stand seit Jahren leer. © Lyrath

Porta Westfalica-Nammen. Zwei weitere Gebäude des früheren Nammer Zwangsarbeiterlagers sind Geschichte. Bagger haben die beiden Häuser an der Ostlandstraße kürzlich dem Erdboden gleichgemacht.

Nach dem Krieg waren in einem davon ein Kindergarten und die Mütterberatung untergebracht, im anderen die landwirtschaftliche Kreisberufsschule und später eine Hausmeisterwohnung. Das berichtet der Nammer Ortschronist Kurt Römming.

Eigentümerin des Geländes ist die Diakonie Stiftung Salem. „Es handelt sich um ehemalige Wohngebäude, die seit vielen Jahren leer standen und baulich nicht erhalten werden konnten“, schreibt Christian Niemann, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit.

Kurz vor dem Abriss: Auch das größere der beiden Gebäude an der Nammer Ostlandstraße ist inzwischen verschwunden. Eigentümerin des Geländes ist die Diakonie Stiftung Salem. Fotos: Dieter Bahe/privat - © Lyrath
Kurz vor dem Abriss: Auch das größere der beiden Gebäude an der Nammer Ostlandstraße ist inzwischen verschwunden. Eigentümerin des Geländes ist die Diakonie Stiftung Salem. Fotos: Dieter Bahe/privat - © Lyrath

Die Nazis hatten damit andere Pläne. „Die jetzt abgebrochenen Häuser waren 1945 Rohbauten für die Kommandantur“, so Römming. Zur Fertigstellung kam es nicht mehr.

Kurt Römming, seit 1964 freier Mitarbeiter des Mindener Tageblattes, hatte bereits Ende der 1960er Jahre über den Abriss von zwei der insgesamt vier doppelstöckigen Wohnblocks berichtet, in denen von 1944 bis zur Befreiung im April 1945 Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern untergebracht waren. Baubeginn war Ende 1943.

Über die Gebäude schrieb Römming damals im MT: „Diese Wohnblocks sind Zeugen aus den dunkelsten Stunden deutscher Geschichte.“ Zunächst wurden 1968 zwei Blocks abgerissen, vermutlich in den 1970er Jahren dann zwei weitere, wobei der Landkreis Minden die beiden Letztgenannten vorher übernommen und saniert hatte.

In der Nachkriegszeit waren die Baracken zunächst Durchgangslager für polnische Heimkehrer, bevor von 1947 an Flüchtlingswohnungen und ein Flüchtlingsaltersheim entstanden. In der Bevölkerung ist das Lager Nammen heute besser als „Polenlager“ bekannt.

Während die Geschichte der drei Portaner KZ gut erforscht ist, weiß man über die Zwangsarbeiter in Nammen und anderen Orten wenig. „Das Lager Nammen bleibt in der mir bekannten Literatur unerwähnt, als hätte es niemals existiert“, stellt Ortsheimatpfleger Dieter Bahe in einem Beitrag auf der Seite www.nammen-info.de im Internet fest. Doch das wird sich ändern.

„Wir arbeiten daran“, sagt Thomas Lange, Historiker und Geschäftsführer des Portaner Gedenkstättenvereins. „Das bislang völlig untererforschte Thema Zwangsarbeit an der Porta Westfalica ist Teil unseres Forschungsprojektes, das noch bis September 2023 läuft.“

Lange steht deshalb unter anderem in Kontakt mit einem Kollegen von der Gedenkstätte Stalag 326 in der Senne, der sich mit polnischen Kriegsgefangenen in Nammen und Kleinenbremen beschäftigt hat. Im so genannten Stammlager 326 bei Stukenbrock waren überwiegend sowjetische Kriegsgefangene unter sehr schlechten Bedingungen untergebracht. Historiker gehen von bis zu 70 000 Todesopfern aus.

Die Insassen mussten Zwangsarbeit im Raum Ostwestfalen-Lippe leisten – offenbar auch in Kleinenbremen. Lange: „Es gab regelmäßig Überstellungen.“ Untergebracht waren die Gefangenen offenbar unter anderem im Lager Nammen. Der Zeitzeuge Wilhelm Gerntrup, bei Kriegsende ein Junge von sieben Jahren, erinnert sich, dass die Männer morgens nach Kleinenbremen marschieren mussten.

In der dortigen Eisenerzgrube, heute ein Teil des Besucher-Bergwerks, war die größte unterirdische Rüstungsproduktion an der Porta Westfalica geplant, größer noch als die Nazistollen im Hausberger Jakobsberg. Das Kriegsende kam den Plänen zuvor.

Unter der Tarnbezeichnung „Elritze“ sollte unter anderem eine Fabrik des Flugzeugherstellers „Focke Wulf“ unter die Erdoberfläche verlagert werden. Federführend war die Organisation Todt, eine nach militärischen Prinzipien organisierte Bautruppe.

Über das Lager Nammen ist bekannt, dass es aus primitiven Bauten bestand. Laut Ortsheimatpfleger Dieter Bahe gibt es auf dem Nammer Friedhof fünf so genannte Polengräber. Bahe hat Gespräche mit den Zeitzeugen Heinrich Watermann und Hans-Dieter Prehn geführt. Beide hätten bestätigt, dass Bahnschienen in das Lager führten. Noch heute gibt es dort einen Erdbunker, zu dem früher ein überproportional hoher Schornstein gehört haben soll. Dies versetzte anscheinend viele Nammer in Sorge, dass in ihrer Nachbarschaft ein KZ entstehen könnte.

Darauf hat der Historiker Thomas Lange jedoch keine Hinweise gefunden. „Die verschiedenen Lagersysteme des NS-Staates werden oftmals durcheinander geworfen“, erklärt Lange. „Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenenlager, Arbeitserziehungslager und Konzentrationslager waren keine aufeinander aufbauenden Eskalationsstufen. Alle diese Lager wurden unterschiedlich organisiert und existierten zeitgleich. Konzentrationslager definierten sich nicht durch eine besondere Brutalität oder Ausstattung, sondern durch ihre Unterstellung unter das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS.“

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