Blumen für die verstorbene Großmutter Augenzeugen und Angehörige von ehemaligen Portaner KZ-Häftlingen schildern furchtbare Erlebnisse Von Stefan Lyrath Porta Westfalica (Ly). Im Dezember 1999 geht ein Mann durch den Schnee, der sich über die KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme gelegt hat. Er ist von Krankheit gezeichnet und stirbt sechs Monate später. Nie hat der alte Mann den Tod seines Lieblingsbruders verwunden. In Neuengamme sucht er Antworten. Zu Hause auf dem Kamin steht bis zuletzt ein Foto.Das Bild zeigt den Bruder, Widerstandskämpfer Albertus de Raaf aus den Niederlanden, gestorben am 10. Dezember 1944 im Lager Neesen/Lerbeck, einer der 86 Außenstellen von Neuengamme. Er ist erst 20 damals. Im Jahr 2010 werden seine sterblichen Überreste, begraben in einem Plastiksack auf dem Lerbecker Friedhof, in die Heimat überführt. Erst im Tod sind die Brüder wieder vereint. Seit 1990 hat sich die Familie bemüht, Näheres über die Todesumstände zu erfahren.„Es verging kein Tag, an dem mein Vater das Bild auf dem Kamin nicht ansah. Ab und zu hat er geweint“, erinnert sich Bert de Raaf, Neffe von Albertus, der seinen schwer kranken Vater 1999 nach Neuengamme begleitet hat. Viele Menschen, die an der Gedenkfeier für die mehr als 3000 Portaner KZ-Häftlinge teilnehmen, können ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie die traurige Geschichte hören.Im Frühjahr 1945 pflückt Krystyna Zaorska, ein Mädchen von 14 Jahren, für ihre Mutter Henryka einen Strauß wilder Blumen. Beide sind in einer Vennebecker Gastwirtschaft untergebracht, damals ein KZ. Sie kommen aus dem überfüllten Frauenlager Ravensbrück im brandenburgischen Fürstenberg. Die Mutter ist schwer krank. Sie stirbt am 23. März 1945 in Vennebeck an Erschöpfung durch die schweren Haftbedingungen in Ravensbrück, wo sie schwere Erdarbeiten für den Bau von Landebahnen eines militärischen Flugplatzes verrichten musste sowie an den Folgen des Transports. Sie wird nur 38 Jahre alt und sieht ihre polnische Heimat niemals wieder.Krystyna Zaorska hat überlebt. „Ich hatte das Glück, ihr noch den Frühlingsduft bringen zu können“, schreibt sie über ihre Mutter. „Sie freute sich so über den Blumenstrauß.“ In Vennebeck hätten sich die Wege für immer getrennt, sagt Katarzyna Recht, die Tochter von Krystyna Zaorska. Ihre Oma hat sie nie kennengelernt.Im November 1938 ist Marianne Domke ein Mädchen von zehn Jahren. Eines Abends ist Hausberge voll mit SS-Leuten. Die Pogromnacht beginnt, auch in Porta der Auftakt zur systematischen Verfolgung von Juden. Am Ende stehen sechs Millionen Tote.Froh über den Tag, weil das Schweigen ein Ende hatEinen Mann erkennt Marianne Domke sofort. Dann sieht sie, wie er eine schwangere Frau in den Bauch tritt. Domke, bekannt geworden durch die „Zeitzeugen“-Reihe des Portaner Seniorenbeirats, steht im vollen Forum des Gymnasiums. Sie ist froh über diesen Tag, weil das Schweigen ein Ende hat.Augenzeugen und Angehörige schildern ihre Erlebnisse während der Gedenkstunde des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Die Berichte zeigen, wozu Menschen fähig sind. Manchmal machen sie auch Hoffnung.Krystyna Zaorska, deren entkräftete Mutter kurz vor Kriegsende gestorben ist, hat in Vennebeck auch andere Deutsche getroffen. „Sie traten uns ohne jegliche Feindseligkeit gegenüber und lächelten uns zu“, schreibt die alte Dame aus Polen. Und sie schreibt von der „Güte des Lagerführers“, der aus eigener Tasche einen Totengräber bezahlt habe, bevor er durch einen anderen Lagerführer abgelöst worden sei, jung, übereifrig, streng. Über das Lager Vennebeck, errichtet in den letzten Kriegsmonaten, ist wenig bekannt.

Blumen für die verstorbene Großmutter

Porta Westfalica (Ly). Im Dezember 1999 geht ein Mann durch den Schnee, der sich über die KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme gelegt hat. Er ist von Krankheit gezeichnet und stirbt sechs Monate später.

Nie hat der alte Mann den Tod seines Lieblingsbruders verwunden. In Neuengamme sucht er Antworten. Zu Hause auf dem Kamin steht bis zuletzt ein Foto.

Die Oma hat das Lager Vennebeck nicht überlebt: Die Enkelin Katarzyna Recht pflanzt unter den Augen von Bürgermeister Stephan Böhme einen Rosenstrauch neben dem Mahnmal am Grünen Markt. - © Fotos: Stefan Lyrath
Die Oma hat das Lager Vennebeck nicht überlebt: Die Enkelin Katarzyna Recht pflanzt unter den Augen von Bürgermeister Stephan Böhme einen Rosenstrauch neben dem Mahnmal am Grünen Markt. - © Fotos: Stefan Lyrath

Das Bild zeigt den Bruder, Widerstandskämpfer Albertus de Raaf aus den Niederlanden, gestorben am 10. Dezember 1944 im Lager Neesen/Lerbeck, einer der 86 Außenstellen von Neuengamme. Er ist erst 20 damals. Im Jahr 2010 werden seine sterblichen Überreste, begraben in einem Plastiksack auf dem Lerbecker Friedhof, in die Heimat überführt. Erst im Tod sind die Brüder wieder vereint. Seit 1990 hat sich die Familie bemüht, Näheres über die Todesumstände zu erfahren.

Bert de Raaf mit einem Bild seines Onkels Albertus, der im Dezember 1944 als KZ-Häftling in Lerbeck gestorben ist.
Bert de Raaf mit einem Bild seines Onkels Albertus, der im Dezember 1944 als KZ-Häftling in Lerbeck gestorben ist.

„Es verging kein Tag, an dem mein Vater das Bild auf dem Kamin nicht ansah. Ab und zu hat er geweint“, erinnert sich Bert de Raaf, Neffe von Albertus, der seinen schwer kranken Vater 1999 nach Neuengamme begleitet hat. Viele Menschen, die an der Gedenkfeier für die mehr als 3000 Portaner KZ-Häftlinge teilnehmen, können ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie die traurige Geschichte hören.

Im Frühjahr 1945 pflückt Krystyna Zaorska, ein Mädchen von 14 Jahren, für ihre Mutter Henryka einen Strauß wilder Blumen. Beide sind in einer Vennebecker Gastwirtschaft untergebracht, damals ein KZ. Sie kommen aus dem überfüllten Frauenlager Ravensbrück im brandenburgischen Fürstenberg. Die Mutter ist schwer krank. Sie stirbt am 23. März 1945 in Vennebeck an Erschöpfung durch die schweren Haftbedingungen in Ravensbrück, wo sie schwere Erdarbeiten für den Bau von Landebahnen eines militärischen Flugplatzes verrichten musste sowie an den Folgen des Transports. Sie wird nur 38 Jahre alt und sieht ihre polnische Heimat niemals wieder.

Krystyna Zaorska hat überlebt. „Ich hatte das Glück, ihr noch den Frühlingsduft bringen zu können“, schreibt sie über ihre Mutter. „Sie freute sich so über den Blumenstrauß.“ In Vennebeck hätten sich die Wege für immer getrennt, sagt Katarzyna Recht, die Tochter von Krystyna Zaorska. Ihre Oma hat sie nie kennengelernt.

Im November 1938 ist Marianne Domke ein Mädchen von zehn Jahren. Eines Abends ist Hausberge voll mit SS-Leuten. Die Pogromnacht beginnt, auch in Porta der Auftakt zur systematischen Verfolgung von Juden. Am Ende stehen sechs Millionen Tote.

Froh über den Tag, weil das Schweigen ein Ende hat

Einen Mann erkennt Marianne Domke sofort. Dann sieht sie, wie er eine schwangere Frau in den Bauch tritt. Domke, bekannt geworden durch die „Zeitzeugen“-Reihe des Portaner Seniorenbeirats, steht im vollen Forum des Gymnasiums. Sie ist froh über diesen Tag, weil das Schweigen ein Ende hat.

Augenzeugen und Angehörige schildern ihre Erlebnisse während der Gedenkstunde des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Die Berichte zeigen, wozu Menschen fähig sind. Manchmal machen sie auch Hoffnung.

Krystyna Zaorska, deren entkräftete Mutter kurz vor Kriegsende gestorben ist, hat in Vennebeck auch andere Deutsche getroffen. „Sie traten uns ohne jegliche Feindseligkeit gegenüber und lächelten uns zu“, schreibt die alte Dame aus Polen. Und sie schreibt von der „Güte des Lagerführers“, der aus eigener Tasche einen Totengräber bezahlt habe, bevor er durch einen anderen Lagerführer abgelöst worden sei, jung, übereifrig, streng. Über das Lager Vennebeck, errichtet in den letzten Kriegsmonaten, ist wenig bekannt.

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