Als der Holocaust nach Porta kam: Stolpersteine erinnern an Schicksale jüdischer Familien Stefan Lyrath Porta Westfalica. Mathel Susi ist zwei Jahre alt, als sie im Dezember 1941 in das Getto von Riga deportiert wird. Zwei Jahre später werden sie und ihre Mutter Irmgard in Auschwitz ermordet. Nur Justin Maier, der Vater und Ehemann, überlebt den Holocaust. Nach dem Krieg kehrt der jüdische Viehhändler im Juli 1945 allein nach Hausberge zurück. Als Adolf Hitler und der italienische Machthaber Benito Mussolini im September 1938 mit der Reichsbahn durch die Porta Westfalica fahren, würde Helmut Spangenthal den beiden Diktatoren gern aus dem Kreis seiner Mitschüler zuwinken. Doch Helmut, damals acht Jahre alt, muss mit seiner Oma allein auf der anderen Seite stehen, denn er ist Jude. Im Dezember 1941 werden Helmut, sein neun Jahre älterer Bruder Friedrich sowie deren Eltern Gustav und Regina Spangenthal ebenfalls nach Riga deportiert. Eine Familie wird ausgelöscht. Sie alle sind nicht vergessen. Portaner Gymnasiasten tragen dazu bei, dass die Erinnerung wachgehalten wird. Das Gymnasium hat 2017 einen Kooperationsvertrag mit dem Gedenkstättenverein geschlossen und eine Patenschaft für Stolpersteine übernommen. Neuntklässler pflegen zehn der insgesamt 27 Stolpersteine. Erst kürzlich haben Schüler der Klasse 9A die kleinen Gedenktafeln wieder mit Messingreiniger geputzt, verbunden mit einer Begehung und Schülervorträgen zu den jüdischen Familien sowie über den Massenmord an europäischen Juden. Familie Spangenthal hat bis zur Deportation am Kirchsiek gelebt. An der Ecke Hauptstraße/Unter der Schalksburg wohnten außer den Maiers noch Justin Maiers Schwiegermutter Henny Honi, Ernestine Cohn und Walter Coblenzer. „Die halbjährlichen Stolpersteinaktionen der neunten Klassen werden von KollegInnen und SchülerInnen als große Bereicherung empfunden“, schreibt Katharina Schenk, am Gymnasium die Fachvorsitzende Geschichte. Bernhard Bühlmeyer vom Gedenkstättenverein freut sich über das Engagement der jungen Leute. „Ruhig, fokussiert, respektvoll – alles wirkt sehr selbstverständlich“, stellt er fest. Das zeigt sich auch in einer anonymisierten Umfrage des Gymnasiums unter eigenen Schülern, einem Feedback zum Unterricht. „Ich fand es sehr schön, dass wir zu den Stolpersteinen gegangen sind, denn es sollte nicht in Vergessenheit geraten, was in der deutschen Vergangenheit passiert ist“, heißt es da beispielsweise. Andere Schüler empfinden das Putzen der Steine als „respekteinflößende Geste“, wieder andere beschreiben die Atmosphäre vor Ort als „sehr besonders“ und „viel realer, als wenn man einfach im Unterricht darüber redet“. Mit der Aktion, so heißt es an anderer Stelle, könne ein Zeichen gesetzt werden, denn: „Es fängt wieder an, dass Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens verurteilt oder verletzt werden.“ Gemeinsam beteiligen sich Gymnasium, Realschule und Gesamtschule demnächst an einem Social-Media-Projekt des Gedenkstättenvereins zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Das berichtet der stellvertretende Vorsitzende Thomas Hartmann. Geplant sind kurze Filme und Interviews, in denen Schüler die Schicksale von Portaner Juden an den jeweiligen Stolpersteinen darstellen. Gedreht wird voraussichtlich im Herbst. Die drei Clips sollen auf die Homepage des Vereins gestellt werden: www.gedenkstaette-porta.de Realschüler hatten 2016 drei Stolpersteine finanziert. Eine Arbeitsgemeinschaft der Gesamtschule pflegt seit vielen Jahren den jüdischen Friedhof in Hausberge. Thomas Hartmann wünscht sich, dass auch diese beiden Schulen eine weitergehende Kooperation vereinbaren und Patenschaften für Stolpersteine übernehmen. Die Verlegung der Steine ist nur ein Projekt des 2009 gegründeten Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Dessen Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben an der Porta Westfalica“ recherchiert die Schicksale von 74 Juden, die dort zur Nazizeit gelebt haben. Es gibt noch viel zu tun.

Als der Holocaust nach Porta kam: Stolpersteine erinnern an Schicksale jüdischer Familien

An der Ecke Hauptstraße/Unter der Schalksburg reinigen Portaner Gymnasiasten Stolpersteine, die dort 2015 verlegt worden sind. Fotos: Stefan Lyrath © Lyrath

Porta Westfalica. Mathel Susi ist zwei Jahre alt, als sie im Dezember 1941 in das Getto von Riga deportiert wird. Zwei Jahre später werden sie und ihre Mutter Irmgard in Auschwitz ermordet. Nur Justin Maier, der Vater und Ehemann, überlebt den Holocaust. Nach dem Krieg kehrt der jüdische Viehhändler im Juli 1945 allein nach Hausberge zurück.

Als Adolf Hitler und der italienische Machthaber Benito Mussolini im September 1938 mit der Reichsbahn durch die Porta Westfalica fahren, würde Helmut Spangenthal den beiden Diktatoren gern aus dem Kreis seiner Mitschüler zuwinken. Doch Helmut, damals acht Jahre alt, muss mit seiner Oma allein auf der anderen Seite stehen, denn er ist Jude. Im Dezember 1941 werden Helmut, sein neun Jahre älterer Bruder Friedrich sowie deren Eltern Gustav und Regina Spangenthal ebenfalls nach Riga deportiert. Eine Familie wird ausgelöscht.

Sie alle sind nicht vergessen. Portaner Gymnasiasten tragen dazu bei, dass die Erinnerung wachgehalten wird. Das Gymnasium hat 2017 einen Kooperationsvertrag mit dem Gedenkstättenverein geschlossen und eine Patenschaft für Stolpersteine übernommen. Neuntklässler pflegen zehn der insgesamt 27 Stolpersteine.


Erst kürzlich haben Schüler der Klasse 9A die kleinen Gedenktafeln wieder mit Messingreiniger geputzt, verbunden mit einer Begehung und Schülervorträgen zu den jüdischen Familien sowie über den Massenmord an europäischen Juden. Familie Spangenthal hat bis zur Deportation am Kirchsiek gelebt. An der Ecke Hauptstraße/Unter der Schalksburg wohnten außer den Maiers noch Justin Maiers Schwiegermutter Henny Honi, Ernestine Cohn und Walter Coblenzer.

Bis zu ihrer Deportation lebten diese Portaner Juden an der Hauptstraße 51 in Hausberge. - © Lyrath
Bis zu ihrer Deportation lebten diese Portaner Juden an der Hauptstraße 51 in Hausberge. - © Lyrath

„Die halbjährlichen Stolpersteinaktionen der neunten Klassen werden von KollegInnen und SchülerInnen als große Bereicherung empfunden“, schreibt Katharina Schenk, am Gymnasium die Fachvorsitzende Geschichte. Bernhard Bühlmeyer vom Gedenkstättenverein freut sich über das Engagement der jungen Leute. „Ruhig, fokussiert, respektvoll – alles wirkt sehr selbstverständlich“, stellt er fest. Das zeigt sich auch in einer anonymisierten Umfrage des Gymnasiums unter eigenen Schülern, einem Feedback zum Unterricht. „Ich fand es sehr schön, dass wir zu den Stolpersteinen gegangen sind, denn es sollte nicht in Vergessenheit geraten, was in der deutschen Vergangenheit passiert ist“, heißt es da beispielsweise.

Andere Schüler empfinden das Putzen der Steine als „respekteinflößende Geste“, wieder andere beschreiben die Atmosphäre vor Ort als „sehr besonders“ und „viel realer, als wenn man einfach im Unterricht darüber redet“. Mit der Aktion, so heißt es an anderer Stelle, könne ein Zeichen gesetzt werden, denn: „Es fängt wieder an, dass Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens verurteilt oder verletzt werden.“

Gemeinsam beteiligen sich Gymnasium, Realschule und Gesamtschule demnächst an einem Social-Media-Projekt des Gedenkstättenvereins zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Das berichtet der stellvertretende Vorsitzende Thomas Hartmann. Geplant sind kurze Filme und Interviews, in denen Schüler die Schicksale von Portaner Juden an den jeweiligen Stolpersteinen darstellen. Gedreht wird voraussichtlich im Herbst. Die drei Clips sollen auf die Homepage des Vereins gestellt werden: www.gedenkstaette-porta.de

Realschüler hatten 2016 drei Stolpersteine finanziert. Eine Arbeitsgemeinschaft der Gesamtschule pflegt seit vielen Jahren den jüdischen Friedhof in Hausberge. Thomas Hartmann wünscht sich, dass auch diese beiden Schulen eine weitergehende Kooperation vereinbaren und Patenschaften für Stolpersteine übernehmen.

Die Verlegung der Steine ist nur ein Projekt des 2009 gegründeten Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Dessen Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben an der Porta Westfalica“ recherchiert die Schicksale von 74 Juden, die dort zur Nazizeit gelebt haben. Es gibt noch viel zu tun.

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