Acht Stolpersteine halten Erinnerung an Portaner Juden wach Stefan Lyrath Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Als Hitler und der italienische Diktator Mussolini im September 1938 mit der Reichsbahn durch Porta fahren, möchte auch Helmut Spangenthal ihnen zuwinken. Helmut, damals acht Jahre alt, ist Jude. Allein steht er neben seiner Oma und winkt; die Mitschüler stehen geschlossen auf der anderen Bahnseite.Dies war „das Gemeinste, was man ihm damals antun konnte“, heißt es in den Erinnerungen von Albert Münstermann, des späteren Ortsheimatpflegers von Hausberge, der mit dem gleichaltrigen Helmut Spangenthal zur Volksschule gegangen ist, wo der jüdische Klassenkamerad von 1937 an ebenfalls allein sitzen muss. „Mein Vater hat oft darüber erzählt“, berichtet Münstermanns Sohn Hans. „Es hat ihn sein ganzes Leben lang verfolgt.“ Im Mai 1945 haben Hitlers Schergen allein etwa sechs Millionen Juden ermordet. Einer von ihnen ist Helmut Spangenthal, gestorben im Getto von Riga.Vor dem früheren Haus der Familie am Kirchsiek 23 verlegt der Künstler Günter Demnig am Mittwoch, 23. September, gegen 11.30 Uhr vier Stolpersteine. Sie erinnern an Helmut und seinen neun Jahre älteren Bruder Friedrich sowie Gustav und Regina Spangenthal, die Eltern der beiden Jungen. Alle sind im Dezember 1941 aus Hausberge über Bielefeld nach Riga (Lettland) deportiert worden.Vor der Verlegung beginnt um 10 Uhr eine öffentliche Gedenkveranstaltung im Hausberger Ferdinand-Huhold-Haus, Kirchsiek 7. „Alle drei weiterführenden Schulen tragen dazu bei, der Feierlichkeit einen würdigen Rahmen zu geben“, freut sich Thomas Hartmann, stellvertretender Vorsitzender des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Mehrere Redner erinnern an die Opfer des NS-Terrors, die Musikschule ist ebenfalls beteiligt.Vier weitere Stolpersteine werden an diesem Tag nahe dem Ort verlegt, wo früher das Haus Hauptstraße 51 stand. Dort hat eine andere jüdische Familie gelebt: Justin Maier und seine Frau Irmgard, Justins Schwiegermutter Henny Honi, die Tochter Mathel Susi. Das kleine Mädchen ist erst zwei Jahre alt, als es 1941 deportiert wird. Henny Honi stirbt in Riga, Irmgard Maier und ihre Tochter Mathel Susi in Auschwitz.Nur Justin Maier kehrt zurück. Ihm ist 1945 die Flucht aus dem KZ Stutthof (bei Danzig) geglückt. Er lebt erst im selben Haus an der Hauptstraße 51 und zieht später nach Lohfeld um, wo den Viehhändler bei seinem Tod im Jahr 1975 viele Menschen kennen. Maier heiratet wieder und stirbt im Alter von 66 Jahren. Auch Marianne Domke kannte die Familie. Deshalb wird die Zeitzeugin am 23. September an der Hauptstraße eine Rede halten.Die Verlegung von Stolpersteine ist nur ein Projekt des 2009 gegründeten Vereins, dessen Arbeitsgruppe (AG) „Jüdisches Leben an der Porta Westfalica“ die Schicksale der zur Nazizeit 74 Juden recherchiert. „Wenn wir uns dem Thema 70 Jahre nach Kriegsende zuwenden, ist das sicherlich spät, aber nicht zu spät“, sagt Bürgermeister Bernd Hedtmann, der zugleich Vorsitzender ist. Rat sowie Haupt- und Finanzausschuss haben das Vorhaben, Stolpersteine zu verlegen, einstimmig befürwortet.Ganz neu ist das Thema indes nicht: Wilhelm Gerntrup, früher Ortsheimatpfleger in Kleinenbremen, hat bereits 1994 Listen mit Namen und Daten jüdischer Bürger veröffentlicht, die im damaligen Amt Hausberge gelebt haben. Für die AG, erst vor einem Jahr gegründet, ist die Auflistung Grundlage eigener Recherchen.Zunächst hat sich der Verein „auf acht Namen fokussiert. Später, wenn weitere Schicksale dokumentiert sind, sollen Stolpersteine an anderen Orten hinzukommen. Zu sehen ist die Arbeit des Vereins auch vor einem aktuellen Hintergrund. Hartmann betont: „Es muss unser Ziel sein, den Bogen zur heutigen Flüchtlingsproblematik zu spannen.“

Acht Stolpersteine halten Erinnerung an Portaner Juden wach

Dokumentieren jüdisches Leben an der Porta Westfalica: Bernhard Bühlmeyer, Doris Borcherding, Hans Münstermann, Helga Heinzelmann, Elisabeth Sundergeld-Meier und Thomas Hartmann (v.l.) von der gleichnamigen Arbeitsgruppe. © Foto: Stefan Lyrath

Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Als Hitler und der italienische Diktator Mussolini im September 1938 mit der Reichsbahn durch Porta fahren, möchte auch Helmut Spangenthal ihnen zuwinken. Helmut, damals acht Jahre alt, ist Jude. Allein steht er neben seiner Oma und winkt; die Mitschüler stehen geschlossen auf der anderen Bahnseite.

Dies war „das Gemeinste, was man ihm damals antun konnte“, heißt es in den Erinnerungen von Albert Münstermann, des späteren Ortsheimatpflegers von Hausberge, der mit dem gleichaltrigen Helmut Spangenthal zur Volksschule gegangen ist, wo der jüdische Klassenkamerad von 1937 an ebenfalls allein sitzen muss. „Mein Vater hat oft darüber erzählt“, berichtet Münstermanns Sohn Hans. „Es hat ihn sein ganzes Leben lang verfolgt.“ Im Mai 1945 haben Hitlers Schergen allein etwa sechs Millionen Juden ermordet. Einer von ihnen ist Helmut Spangenthal, gestorben im Getto von Riga.

Vor dem früheren Haus der Familie am Kirchsiek 23 verlegt der Künstler Günter Demnig am Mittwoch, 23. September, gegen 11.30 Uhr vier Stolpersteine. Sie erinnern an Helmut und seinen neun Jahre älteren Bruder Friedrich sowie Gustav und Regina Spangenthal, die Eltern der beiden Jungen. Alle sind im Dezember 1941 aus Hausberge über Bielefeld nach Riga (Lettland) deportiert worden.

Vor der Verlegung beginnt um 10 Uhr eine öffentliche Gedenkveranstaltung im Hausberger Ferdinand-Huhold-Haus, Kirchsiek 7. „Alle drei weiterführenden Schulen tragen dazu bei, der Feierlichkeit einen würdigen Rahmen zu geben“, freut sich Thomas Hartmann, stellvertretender Vorsitzender des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Mehrere Redner erinnern an die Opfer des NS-Terrors, die Musikschule ist ebenfalls beteiligt.

Vier weitere Stolpersteine werden an diesem Tag nahe dem Ort verlegt, wo früher das Haus Hauptstraße 51 stand. Dort hat eine andere jüdische Familie gelebt: Justin Maier und seine Frau Irmgard, Justins Schwiegermutter Henny Honi, die Tochter Mathel Susi. Das kleine Mädchen ist erst zwei Jahre alt, als es 1941 deportiert wird. Henny Honi stirbt in Riga, Irmgard Maier und ihre Tochter Mathel Susi in Auschwitz.

Nur Justin Maier kehrt zurück. Ihm ist 1945 die Flucht aus dem KZ Stutthof (bei Danzig) geglückt. Er lebt erst im selben Haus an der Hauptstraße 51 und zieht später nach Lohfeld um, wo den Viehhändler bei seinem Tod im Jahr 1975 viele Menschen kennen. Maier heiratet wieder und stirbt im Alter von 66 Jahren. Auch Marianne Domke kannte die Familie. Deshalb wird die Zeitzeugin am 23. September an der Hauptstraße eine Rede halten.

Die Verlegung von Stolpersteine ist nur ein Projekt des 2009 gegründeten Vereins, dessen Arbeitsgruppe (AG) „Jüdisches Leben an der Porta Westfalica“ die Schicksale der zur Nazizeit 74 Juden recherchiert. „Wenn wir uns dem Thema 70 Jahre nach Kriegsende zuwenden, ist das sicherlich spät, aber nicht zu spät“, sagt Bürgermeister Bernd Hedtmann, der zugleich Vorsitzender ist. Rat sowie Haupt- und Finanzausschuss haben das Vorhaben, Stolpersteine zu verlegen, einstimmig befürwortet.

Ganz neu ist das Thema indes nicht: Wilhelm Gerntrup, früher Ortsheimatpfleger in Kleinenbremen, hat bereits 1994 Listen mit Namen und Daten jüdischer Bürger veröffentlicht, die im damaligen Amt Hausberge gelebt haben. Für die AG, erst vor einem Jahr gegründet, ist die Auflistung Grundlage eigener Recherchen.

Zunächst hat sich der Verein „auf acht Namen fokussiert. Später, wenn weitere Schicksale dokumentiert sind, sollen Stolpersteine an anderen Orten hinzukommen. Zu sehen ist die Arbeit des Vereins auch vor einem aktuellen Hintergrund. Hartmann betont: „Es muss unser Ziel sein, den Bogen zur heutigen Flüchtlingsproblematik zu spannen.“

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