75 Jahre Kriegsende: Als der Krieg nach Nammen kam Dirk Haunhorst Porta Westfalica-Nammen. Kurt Römming hat die Ereignisse vom 6. April 1945 noch genau vor Augen. Er war damals knapp sechs Jahre alt, als es für ihn und seine Familie um Leben und Tod ging – weil ein SS-Mann den längst verlorenen Krieg im Örtchen Nammen noch ein wenig verlängern wollte. Die Römmings überlebten, doch ein Dutzend Heeresmusikschüler, die im selben Haus und in Nachbargebäuden untergebracht waren, starb in Gefechten mit den Amerikanern. Auch mehrere US-Soldaten kamen ums Leben. Bereits Jahre zuvor hatte seine Familie auf schreckliche Weise erfahren müssen, was Krieg bedeutet, sagt Kurt Römming, „Mein Vater fiel schon im Sommer 1941 in Russland.“ 1943 wurde dessen Bruder in Italien getötet, 1944 fiel der jüngere Bruder in Frankreich. „Da waren alle Römmings weg.“ Die Mutter heiratete wieder. Sie wohnte mit ihrem Mann, Kurt und seinem jüngeren Bruder zur Miete an der Lehmkuhle in Sichtweite des heutigen Domizils der Römmings an der Untkenstraße. Die Kampfhandlungen kamen Anfang April 1945 bedrohlich näher. „Die Amerikaner kommen“ – dieser Satz machte damals die Runde. Nachdem US-Pioniere die von Deutschen am 3. April gesprengte Kettenbrücke in der Porta durch eine Pontonbrücke ersetzt hatten, rückten die US-Truppen am 6. April in Richtung Lerbeck und Nammen vor. Tags zuvor, am 5. April, wurden ungefähr 30 Heeresmusikschüler aus Bückeburg nach Auflösung der Schule in Häusern auf der Lehmkuhle einquartiert, auch bei den Römmings, die in den Keller umziehen mussten. Die jungen Soldaten waren 16 bis 18 Jahre alt gewesen und militärisch allenfalls mangelhaft ausgebildet. Das Kommando hatte ein Soldat der Waffen-SS. Zwischen ihm und Römmings Mutter gab es eine dramatische Begegnung. „Meine Mutter fragte den SS-Mann, ob er die jungen Leute noch verheizen wolle.“ Die Antwort war unmissverständlich: „Wenn Sie nicht sofort den Mund halten, dann ist es mir egal, wen ich hier erschieße.“ Ein US-Panzerverband erreichte am 6. April Nammen. Im Dorfkern wurde das Kolonialwarengeschäft Timmerberg in Schutt und Asche gelegt, es gab Tote auf beiden Seiten. Den Kampf um die Lehmkuhle löste der SS-Mann aus. „Er ging mit einer Panzerfaust raus, stellte sich an die östliche Hausseite und schoss.“ Er verfehlte die Panzer, das Geschoss schlug am Sportplatz in die gegenüberliegende Böschung ein. Ein Panzer drehte ab, nahm die Häuser ins Visier und schoss. „Ein Treffer landete im Nachbargebäude“, berichtet Römming, „und der andere schoss das Schlafzimmer meiner Eltern weg. Da blieb nur noch der Boden vom Kleiderschrank übrig.“ Einer der jungen Soldaten hatte offenbar bei dem Beschuss Glasstücke ins Auge bekommen und schrie fürchterlich. Römmings Stiefvater rief: „Jetzt in den Stollen!“ Die Familie lief gemeinsam mit den Großeltern Deerberg, die im selben Haus wohnten, in Richtung Zechenstollen, wo bereits mehrere Nammer, Lerbecker und Wülpker Schutz suchten. Römming weiß noch genau, dass Großmutter Deerberg Bückeburger Tracht mit dem auffälligen roten Rock trug, was die Angst, zum Ziel von Tieffliegern zu werden, noch vergrößerte. Die Gruppe erreichte unversehrt den Stollen. Noch in der Dunkelheit machte die Nachricht die Runde, dass der Krieg im Ort vorbei sei. Am nächsten Tag verließ die Familie den Stollen über einen Luftschacht nahe der Lehmkuhle. Wenige Augenblicke später sah Kurt Römming erstmals Tote in seinem Leben: „Im Vorgarten lag ein toter Amerikaner, und im Obstgarten lagen zwei Musikschüler mit Kopfschüssen.“ Möglicherweise seien sie getroffen worden, als sie aus den Gräben, die sie gebuddelt hatten, herausspähten. 13 Soldaten der Heeresmusikschule kamen in Nammen ums Leben. In den späteren Jahren gab es zwei völlig unterschiedliche Begegnungen, die mit den Kriegsereignissen zusammenhängen. Anfang der Fünfziger Jahre erschien der ehemalige SS-Mann, der die Panzerfaust abgeschossen hatte, auf der Lehmkuhle. „Er war beinamputiert und lief an Krücken.“ Möglicherweise war er beim Kampf an der Lehmkuhle verletzt worden. Nun suchte er seine Papiere, die er angeblich in einer Kartoffelkiste versteckt hatte. „Da war aber nichts“, sagt Römming. Der Cousin seiner Mutter habe den ungebetenen Gast beinahe aus dem Haus getrieben. Mitte der sechziger Jahren begegnete Kurt Römming dem Akkordeonsolisten Franz Herre, einem früheren Heeresmusikschüler. Er war anlässlich eines Traditionstreffens aus seiner neuen Heimat im Schwarzwald (Trossingen) nach Bückeburg gereist. Dort trat der bereits bekannte James Last mit Band auf, ebenfalls ein früherer Heeresmusikschüler, der allerdings kurz vor den Geschehnissen in Nammen an einen anderen Ort abkommandiert worden war. Franz Herre nutzte den Besuch in Nammen, um sich auf Spurensuche zu begeben. Er selbst hatte bei den Kämpfen einen Oberarmdurchschuss erlitten und war von US-Sanitätern in der damaligen Gaststätte „Zur Nammer Klippe“ behandelt worden, bevor er in Gefangenschaft kam. Bei seinem Besuch erfuhr er, dass Römmings Onkel und Tante lange Zeit das Grab eines gefallenen Musikschülers gepflegt hatten. Sein Name war Herbert Kaiser. Als Römming den Namen nannte, fing Herre an zu weinen. „Das war mein Stubenkamerad“, sagte er unter Tränen. Kurt Römming besitzt eine Mini-Mundharmonika von Hohner, die Herre ihm damals geschenkt hat. Auf dem 3,5 Zentimeter kleinen Instrument spielt er zuweilen noch heute.

75 Jahre Kriegsende: Als der Krieg nach Nammen kam

Dies sind zwei der drei Häuser auf der Nammer Lehmkuhle, in denen in den letzten Kriegstagen eine Gruppe der Bückeburger Heeresmusikschüler einquartiert war. Zwischen den oberen Fenstern des linken Hauses, früher Nammen Nr. 70, ist noch heute ein ausgebesserter Panzereinschuss erkennbar (zur besseren Sichtbarkeit hier gelb markiert). © römming

Porta Westfalica-Nammen. Kurt Römming hat die Ereignisse vom 6. April 1945 noch genau vor Augen. Er war damals knapp sechs Jahre alt, als es für ihn und seine Familie um Leben und Tod ging – weil ein SS-Mann den längst verlorenen Krieg im Örtchen Nammen noch ein wenig verlängern wollte. Die Römmings überlebten, doch ein Dutzend Heeresmusikschüler, die im selben Haus und in Nachbargebäuden untergebracht waren, starb in Gefechten mit den Amerikanern. Auch mehrere US-Soldaten kamen ums Leben.

Bereits Jahre zuvor hatte seine Familie auf schreckliche Weise erfahren müssen, was Krieg bedeutet, sagt Kurt Römming, „Mein Vater fiel schon im Sommer 1941 in Russland.“ 1943 wurde dessen Bruder in Italien getötet, 1944 fiel der jüngere Bruder in Frankreich. „Da waren alle Römmings weg.“

Franz Herre, später Akkordeonsolist in großen Orchestern, war 1945 Heresmusikschüler und kam verwundet in amerikanische Gefangenschaft. Foto/Repro: Römming - © römming
Franz Herre, später Akkordeonsolist in großen Orchestern, war 1945 Heresmusikschüler und kam verwundet in amerikanische Gefangenschaft. Foto/Repro: Römming - © römming

Die Mutter heiratete wieder. Sie wohnte mit ihrem Mann, Kurt und seinem jüngeren Bruder zur Miete an der Lehmkuhle in Sichtweite des heutigen Domizils der Römmings an der Untkenstraße. Die Kampfhandlungen kamen Anfang April 1945 bedrohlich näher. „Die Amerikaner kommen“ – dieser Satz machte damals die Runde.

Nachdem US-Pioniere die von Deutschen am 3. April gesprengte Kettenbrücke in der Porta durch eine Pontonbrücke ersetzt hatten, rückten die US-Truppen am 6. April in Richtung Lerbeck und Nammen vor. Tags zuvor, am 5. April, wurden ungefähr 30 Heeresmusikschüler aus Bückeburg nach Auflösung der Schule in Häusern auf der Lehmkuhle einquartiert, auch bei den Römmings, die in den Keller umziehen mussten. Die jungen Soldaten waren 16 bis 18 Jahre alt gewesen und militärisch allenfalls mangelhaft ausgebildet.

Das Kommando hatte ein Soldat der Waffen-SS. Zwischen ihm und Römmings Mutter gab es eine dramatische Begegnung. „Meine Mutter fragte den SS-Mann, ob er die jungen Leute noch verheizen wolle.“ Die Antwort war unmissverständlich: „Wenn Sie nicht sofort den Mund halten, dann ist es mir egal, wen ich hier erschieße.“

Ein US-Panzerverband erreichte am 6. April Nammen. Im Dorfkern wurde das Kolonialwarengeschäft Timmerberg in Schutt und Asche gelegt, es gab Tote auf beiden Seiten. Den Kampf um die Lehmkuhle löste der SS-Mann aus. „Er ging mit einer Panzerfaust raus, stellte sich an die östliche Hausseite und schoss.“ Er verfehlte die Panzer, das Geschoss schlug am Sportplatz in die gegenüberliegende Böschung ein. Ein Panzer drehte ab, nahm die Häuser ins Visier und schoss. „Ein Treffer landete im Nachbargebäude“, berichtet Römming, „und der andere schoss das Schlafzimmer meiner Eltern weg. Da blieb nur noch der Boden vom Kleiderschrank übrig.“

Einer der jungen Soldaten hatte offenbar bei dem Beschuss Glasstücke ins Auge bekommen und schrie fürchterlich. Römmings Stiefvater rief: „Jetzt in den Stollen!“ Die Familie lief gemeinsam mit den Großeltern Deerberg, die im selben Haus wohnten, in Richtung Zechenstollen, wo bereits mehrere Nammer, Lerbecker und Wülpker Schutz suchten. Römming weiß noch genau, dass Großmutter Deerberg Bückeburger Tracht mit dem auffälligen roten Rock trug, was die Angst, zum Ziel von Tieffliegern zu werden, noch vergrößerte.

Die Gruppe erreichte unversehrt den Stollen. Noch in der Dunkelheit machte die Nachricht die Runde, dass der Krieg im Ort vorbei sei. Am nächsten Tag verließ die Familie den Stollen über einen Luftschacht nahe der Lehmkuhle. Wenige Augenblicke später sah Kurt Römming erstmals Tote in seinem Leben: „Im Vorgarten lag ein toter Amerikaner, und im Obstgarten lagen zwei Musikschüler mit Kopfschüssen.“ Möglicherweise seien sie getroffen worden, als sie aus den Gräben, die sie gebuddelt hatten, herausspähten. 13 Soldaten der Heeresmusikschule kamen in Nammen ums Leben.

In den späteren Jahren gab es zwei völlig unterschiedliche Begegnungen, die mit den Kriegsereignissen zusammenhängen. Anfang der Fünfziger Jahre erschien der ehemalige SS-Mann, der die Panzerfaust abgeschossen hatte, auf der Lehmkuhle. „Er war beinamputiert und lief an Krücken.“ Möglicherweise war er beim Kampf an der Lehmkuhle verletzt worden. Nun suchte er seine Papiere, die er angeblich in einer Kartoffelkiste versteckt hatte. „Da war aber nichts“, sagt Römming. Der Cousin seiner Mutter habe den ungebetenen Gast beinahe aus dem Haus getrieben.

Mitte der sechziger Jahren begegnete Kurt Römming dem Akkordeonsolisten Franz Herre, einem früheren Heeresmusikschüler. Er war anlässlich eines Traditionstreffens aus seiner neuen Heimat im Schwarzwald (Trossingen) nach Bückeburg gereist. Dort trat der bereits bekannte James Last mit Band auf, ebenfalls ein früherer Heeresmusikschüler, der allerdings kurz vor den Geschehnissen in Nammen an einen anderen Ort abkommandiert worden war.

Franz Herre nutzte den Besuch in Nammen, um sich auf Spurensuche zu begeben. Er selbst hatte bei den Kämpfen einen Oberarmdurchschuss erlitten und war von US-Sanitätern in der damaligen Gaststätte „Zur Nammer Klippe“ behandelt worden, bevor er in Gefangenschaft kam. Bei seinem Besuch erfuhr er, dass Römmings Onkel und Tante lange Zeit das Grab eines gefallenen Musikschülers gepflegt hatten. Sein Name war Herbert Kaiser. Als Römming den Namen nannte, fing Herre an zu weinen. „Das war mein Stubenkamerad“, sagte er unter Tränen.

Kurt Römming besitzt eine Mini-Mundharmonika von Hohner, die Herre ihm damals geschenkt hat. Auf dem 3,5 Zentimeter kleinen Instrument spielt er zuweilen noch heute.

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