35 Jahre im Dienst der Natur: Dr. Albrecht von Lochow nimmt Abschied Dirk Haunhorst Porta Westfalica. Selbst härteste Auseinandersetzungen sind bisweilen komisch. Albrecht von Lochow muss lachen, als er an einen lautstarken Disput zurückdenkt. Es ging um Bauschutt am Wegesrand. Der Umweltbeauftragte hatte den Eigentümer aufgefordert, den Kram wegzuräumen. „Doch der sah das überhaupt nicht ein und schrie mich die ganze Zeit an.“ Der hochgradige Erregungszustand überforderte offenbar die Haftcreme des Mannes, denn mitten in seiner Tirade rutschten ihm die Zähne aus dem Mund. Einen Augenblick lang war jedwede Verbissenheit aus dem Gesicht gewichen. Dann setzte der Mann seine „Dritten“ wieder ein. Wer sich für Natur und Umwelt einsetzt, sollte Konflikte aushalten können, anstatt Komplimente zu erhoffen. Bäume klopfen einem ja nicht auf die Schulter und sagen: „Danke, dass wir nicht abgesägt wurden.“ Stattdessen beschweren sich Menschen, weil sie sich beispielsweise von einer Baumschutzsatzung bevormundet fühlen und Herr auf dem eigenen Grundstück bleiben wollen. Über das Für und Wider einer solchen Regelung haben Politiker in von Lochows Amtszeit öfter gestritten, es ging munter hin und her. Eine Mehrheit für die Wiedereinführung einer Baumschutzsatzung ist aktuell nicht in Sicht. Der diplomierte Forstwirt zuckt mit den Achseln. Den politischen Mehrheitswillen müsse man akzeptieren, sagt er. Von Lochow ist nur wenige Tage vom Ruhestand entfernt, kommenden Dienstag hat er seinen letzten Arbeitstag. Für die nächste Sitzung des Ausschusses für Planung und Umweltschutz, an der er nicht mehr teilnehmen wird, hat er noch eine Vorlage verfasst. Es geht um das 100.000-Bäume-Programm, das vor nahezu 20 Jahren auf Initiative der Agenda-Gruppe „Nachhaltige Stadtentwicklung“ beschlossen wurde. „Seit Beginn bis jetzt wurden insgesamt 77.807 Bäume durch Bürger, Firmen und die Stadt Porta Westfalica gepflanzt“, steht in dem Sitzungspapier. Zumindest sind das die Bäume, die die Stabsstelle Umweltschutz erfasst habe, erläutert von Lochow. Wer kann schon genau wissen, wie viele Bäume in Porta in zwei Jahrzehnten neu gepflanzt wurden. Aber einer muss ja versuchen, die Entwicklung einigermaßen nachzuhalten, sonst könnte man solche Projekte gleich sein lassen. Dass die Bäume so gut es geht gezählt werden, unterstreicht die Bedeutung, die von Lochow dem Projekt beimisst. „Jeder Baum bindet im Holz Kohlenstoff.“ Für den Klimaschutz sei das enorm wichtig. Umweltbeauftragte sind unbequeme Mahner, in erster Linie berufsbedingt, vielleicht auch aus Berufung. Das missfällt mitunter der Verwaltungsleitung. Von Lochow hat das bereits kurz nach Dienstantritt zu spüren bekommen, als er eine Stellungnahme zur Unterschutzstellung des Altteiches Costedt abgab. Der damalige Stadtdirektor habe in einer ersten Reaktion zwar einerseits die Unabhängigkeit des Umweltbeauftragten betont, so von Lochow, aber andererseits deutlich gemacht, dass der am Teich ansässige Angelverein 700 Mitglieder habe. Über das oft widersprüchliche Verhältnis von Mensch und Natur können Umweltbeauftragte vermutlich viele Bücher schreiben. Die wichtigste Eigenschaft in diesem Amt ist wohl Beharrlichkeit und Geduld. Vieles habe sich in den vergangenen Jahrzehnte gebessert, sagt von Lochow und erwähnt Gräben, die einst Kloaken glichen und nun sauber seien. Er nennt auch die Bundesversatzverordnung, die die Einlagerung von Sondermüll unter Tage regelt. „Zuvor war das ein ziemlich rechtsfreier Raum.“ In den achtziger und neunziger Jahren gab es harte Auseinsetzungen über die Mülleinlagerung in der Nammer Grube Wohlverfahrt und die damit verbundene Intransparenz. Seine Kritik daran sei mehrmals im Landtag zitiert worden, erinnert sich der Umweltbeauftragte. Als „Wadenbeißer aus Porta“ habe man ihn Düsseldorf bezeichnet. Erst kürzlich habe der Direktor des Geologischen Landesamtes bei einem Treffen erwähnt, dass die Versatzverordnung auch von Lochows Verdienst sei. Denkwürdig zudem der massive Bürgerprotest gegen die Mitverbrennung von Müll im inzwischen stillgelegten Steinkohlekraftwerk Veltheim. Die Sternmärsche in den Nullerjahren zählt der Umweltbeauftragte zu den herausragenden Initiativen während seiner Dienstzeit. Ein Aufreger bleibt für ihn die „Weserversalzung“. Dass ein Konzern in Hessen und Thüringen mehrere Millionen Kubikmeter Salzabwässer pro Jahr in die Werra (und mittelbar in die Weser) leiten dürfe und die Behörden dabei mitspielten, hält von Lochow für einen Skandal. Wer seine Aufgabe im Rathaus künftig übernehmen wird, steht noch nicht fest. Derzeit sucht die Stadt neben einem Nachfolger für von Lochow auch jemanden für die frei gewordene Klimaschutzstelle. Die Aufgaben beider Bereiche seien enorm wichtig, denn die Zeit dränge, meint der scheidende Umweltexperte, der über Naturwaldreservate in Niedersachsen promoviert hat. Klimaschutzkonzepte auf kommunaler Ebene müssten rasch umgesetzt werden, beispielsweise mit Photovoltaikanlagen überall dort, wo das möglich sei. Der 65-Jährige wird sich weiterhin um „seine“ Themen kümmern. Etwa im Verein für Naturschutz und Heimatpflege (NHP), dort ist er Geschäftsführer. Mehr Zeit hat er jetzt für sein Islandpferd oder zum Zeichnen. Und für den Kampf gegen eine neue ICE-Trasse, die quer durch den Portaner Süden laufen könnte. „Wir müssen unsere Landschaft schützen“, sagt Albrecht von Lochow.

35 Jahre im Dienst der Natur: Dr. Albrecht von Lochow nimmt Abschied

In einem Waldstück am Papensgrund in Holzhausen: Diese Stelle zählt Dr. Albrecht von Lochow zu seinen Lieblingsorten. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit hat er sich dort um die Waldverjüngung gekümmert. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn

Porta Westfalica. Selbst härteste Auseinandersetzungen sind bisweilen komisch. Albrecht von Lochow muss lachen, als er an einen lautstarken Disput zurückdenkt. Es ging um Bauschutt am Wegesrand. Der Umweltbeauftragte hatte den Eigentümer aufgefordert, den Kram wegzuräumen. „Doch der sah das überhaupt nicht ein und schrie mich die ganze Zeit an.“ Der hochgradige Erregungszustand überforderte offenbar die Haftcreme des Mannes, denn mitten in seiner Tirade rutschten ihm die Zähne aus dem Mund. Einen Augenblick lang war jedwede Verbissenheit aus dem Gesicht gewichen. Dann setzte der Mann seine „Dritten“ wieder ein.

Wer sich für Natur und Umwelt einsetzt, sollte Konflikte aushalten können, anstatt Komplimente zu erhoffen. Bäume klopfen einem ja nicht auf die Schulter und sagen: „Danke, dass wir nicht abgesägt wurden.“ Stattdessen beschweren sich Menschen, weil sie sich beispielsweise von einer Baumschutzsatzung bevormundet fühlen und Herr auf dem eigenen Grundstück bleiben wollen. Über das Für und Wider einer solchen Regelung haben Politiker in von Lochows Amtszeit öfter gestritten, es ging munter hin und her. Eine Mehrheit für die Wiedereinführung einer Baumschutzsatzung ist aktuell nicht in Sicht. Der diplomierte Forstwirt zuckt mit den Achseln. Den politischen Mehrheitswillen müsse man akzeptieren, sagt er.

Von Lochow ist nur wenige Tage vom Ruhestand entfernt, kommenden Dienstag hat er seinen letzten Arbeitstag. Für die nächste Sitzung des Ausschusses für Planung und Umweltschutz, an der er nicht mehr teilnehmen wird, hat er noch eine Vorlage verfasst. Es geht um das 100.000-Bäume-Programm, das vor nahezu 20 Jahren auf Initiative der Agenda-Gruppe „Nachhaltige Stadtentwicklung“ beschlossen wurde. „Seit Beginn bis jetzt wurden insgesamt 77.807 Bäume durch Bürger, Firmen und die Stadt Porta Westfalica gepflanzt“, steht in dem Sitzungspapier. Zumindest sind das die Bäume, die die Stabsstelle Umweltschutz erfasst habe, erläutert von Lochow. Wer kann schon genau wissen, wie viele Bäume in Porta in zwei Jahrzehnten neu gepflanzt wurden. Aber einer muss ja versuchen, die Entwicklung einigermaßen nachzuhalten, sonst könnte man solche Projekte gleich sein lassen. Dass die Bäume so gut es geht gezählt werden, unterstreicht die Bedeutung, die von Lochow dem Projekt beimisst. „Jeder Baum bindet im Holz Kohlenstoff.“ Für den Klimaschutz sei das enorm wichtig.


Umweltbeauftragte sind unbequeme Mahner, in erster Linie berufsbedingt, vielleicht auch aus Berufung. Das missfällt mitunter der Verwaltungsleitung. Von Lochow hat das bereits kurz nach Dienstantritt zu spüren bekommen, als er eine Stellungnahme zur Unterschutzstellung des Altteiches Costedt abgab. Der damalige Stadtdirektor habe in einer ersten Reaktion zwar einerseits die Unabhängigkeit des Umweltbeauftragten betont, so von Lochow, aber andererseits deutlich gemacht, dass der am Teich ansässige Angelverein 700 Mitglieder habe.

Über das oft widersprüchliche Verhältnis von Mensch und Natur können Umweltbeauftragte vermutlich viele Bücher schreiben. Die wichtigste Eigenschaft in diesem Amt ist wohl Beharrlichkeit und Geduld. Vieles habe sich in den vergangenen Jahrzehnte gebessert, sagt von Lochow und erwähnt Gräben, die einst Kloaken glichen und nun sauber seien. Er nennt auch die Bundesversatzverordnung, die die Einlagerung von Sondermüll unter Tage regelt. „Zuvor war das ein ziemlich rechtsfreier Raum.“ In den achtziger und neunziger Jahren gab es harte Auseinsetzungen über die Mülleinlagerung in der Nammer Grube Wohlverfahrt und die damit verbundene Intransparenz. Seine Kritik daran sei mehrmals im Landtag zitiert worden, erinnert sich der Umweltbeauftragte. Als „Wadenbeißer aus Porta“ habe man ihn Düsseldorf bezeichnet. Erst kürzlich habe der Direktor des Geologischen Landesamtes bei einem Treffen erwähnt, dass die Versatzverordnung auch von Lochows Verdienst sei.

Denkwürdig zudem der massive Bürgerprotest gegen die Mitverbrennung von Müll im inzwischen stillgelegten Steinkohlekraftwerk Veltheim. Die Sternmärsche in den Nullerjahren zählt der Umweltbeauftragte zu den herausragenden Initiativen während seiner Dienstzeit. Ein Aufreger bleibt für ihn die „Weserversalzung“. Dass ein Konzern in Hessen und Thüringen mehrere Millionen Kubikmeter Salzabwässer pro Jahr in die Werra (und mittelbar in die Weser) leiten dürfe und die Behörden dabei mitspielten, hält von Lochow für einen Skandal.

Wer seine Aufgabe im Rathaus künftig übernehmen wird, steht noch nicht fest. Derzeit sucht die Stadt neben einem Nachfolger für von Lochow auch jemanden für die frei gewordene Klimaschutzstelle. Die Aufgaben beider Bereiche seien enorm wichtig, denn die Zeit dränge, meint der scheidende Umweltexperte, der über Naturwaldreservate in Niedersachsen promoviert hat. Klimaschutzkonzepte auf kommunaler Ebene müssten rasch umgesetzt werden, beispielsweise mit Photovoltaikanlagen überall dort, wo das möglich sei.

Der 65-Jährige wird sich weiterhin um „seine“ Themen kümmern. Etwa im Verein für Naturschutz und Heimatpflege (NHP), dort ist er Geschäftsführer. Mehr Zeit hat er jetzt für sein Islandpferd oder zum Zeichnen. Und für den Kampf gegen eine neue ICE-Trasse, die quer durch den Portaner Süden laufen könnte. „Wir müssen unsere Landschaft schützen“, sagt Albrecht von Lochow.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Porta Westfalica