Zurück in die Polendörfer: Sonja von Behrens stellt neues Buch über das Lagerleben in und um Lahde fertig Oliver Plöger Petershagen. Sie macht Geschichte lebendig, hat Dokumentarfilme über Willy Brandt gedreht oder Dieter Hallervorden. Mit einer neuen Veröffentlichung kehrt die Historikerin Sonja von Behrens zu ihren Wurzeln zurück. Die gebürtige Mindenerin, die heute in Hamburg lebt, hat ein Manuskript über die Polendörfer in Petershagen fertiggestellt. Als Buch soll es im Frühjahr kommenden Jahres erscheinen. Das Thema „Displaced Persons im Amt Windheim zu Lahde“ hatte Sonja von Behrens bereits in ihrer Magisterarbeit 2000 beschäftigt, vier Jahre später gab es dann die erste Veröffentlichung über die „Zeit der Polendörfer“. Für ältere Einwohner aus Lahde, Ilserheide, Frille oder den Ortschaften in der Umgebung ist die Zeit zwischen 1945 und 1949 noch sehr präsent. Im damaligen Amt Windheim zu Lahde, heute Teil der Stadt Petershagen, hatte die britische Militärregierung in acht Dörfern ein Lager für ehemalige Zwangsarbeiter errichtet. Viele Einheimische mussten ihre Häuser verlassen, um Displaced Persons, wie sie genannt wurden, Unterkunft zu geben. Nach Angaben deutscher Behörden lebten im Assembly Centre Lahde bis zu seiner Auflösung zwischen 12.000 und 17.000 „heimatlose Ausländer“. Im Lager gab es Bürgermeister, Gemeinderat und Lagerpolizei, Lehrer erteilten Unterricht. Sonja von Behrens, die für das ZDF an zahlreichen Dokumentationen gearbeitet hat, hatte schon lange den Plan, das erste Buch fortzusetzen – angesichts zahlreicher Doku-Aufträge fehlte allerdings die Zeit. Immerhin: Seit 2010 hat sie mehr als 40 Interviews mit Zeitzeugen geführt – mit Einheimischen, aber auch mit Polen. Es sei nicht alles schrecklich gewesen, sagt die Journalistin. Polnische Frauen, mit denen sie gesprochen hat, hätten die Zeit genossen und sich wenigstens hier sicher gefühlt. Und ja, es habe auch gemeinsame Feiern mit den Einheimischen gegeben. Auf der anderen Seite wird immer wieder von Konflikten berichtet, kein Wunder: Die deutsche Bevölkerung war gezwungen, bei Verwandten in der Umgegend unterzuschlüpfen. „Manche wurden Opfer von Überfällen“, schreibt Sonja von Behrens im ersten Buch. Aber das eigene Leid und das zum Teil gewalttätige und rachsüchtige Verhalten einiger DPs verdecke in manchen Fällen das Unrecht, das den ehemaligen Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg angetan worden sei. „Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen nicht freiwillig in Deutschland waren. Sie wurden von ihren Familien getrennt und mussten unter schweren Bedingungen arbeiten. Auch wenn manche Zwangsarbeiter bei den Bauern in der Gegend ein vergleichsweise gutes Leben führen durften, anders als zum Beispiel die Rüstungsarbeiter, so hatten sie es sich doch nicht selbst ausgesucht. Zudem wussten sie nicht, ob sie ihre Heimat und Familien jemals wiedersehen würden“, so von Behrens. Die neueren Interviews schildern das Lagerleben oft nach Jahrzehnten der persönlichen Verarbeitung. Dieser Blickwinkel der „Oral History“ sei als Darstellungsform des neuen Buchs bewusst gewählt. Sonja von Behrens lässt die Texte unkommentiert stehen, stellt ihre Interview-Methode aber einleitend im Text vor. Dass ihr Wolfgang Battermann aus Petershagen, für seine ehrenamtliche Arbeit unter anderem für die Alte Synagoge soeben mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, bei der Arbeit am Manuskript zur Seite steht, erfüllt Sonja von Behrens mit Dankbarkeit. „Er war es auch, der keinesfalls wollte, dass die Interviews gekürzt werden.“ Material sei reichlich vorhanden – auch von Protagonisten, die mittlerweile verstorben sind. Über den besonderen Wert der Aufzeichnungen ist sich auch Sonja von Behrens bewusst. Sie will Gespräche mit Vertretern heimischer Archive führen, die das mittlerweile über Jahrzehnte zusammengetragene Interviewmaterial dauerhaft aufbewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich machen sollen. Insbesondere der ehemalige Lehrer Hermann Kleinebenne hatte die Geschichte in Petershagen aufgearbeitet und in den vergangenen Jahren immer wieder Zeitzeugen durch die einstigen Lagerorte geführt. Die wollten mehr über ihre Geburtsorte erfahren und die Umstände, unter denen die Eltern damals gelebt haben. So wie Henryk Debski aus Sydney, der am 25. Juni 1946 im Camp Frille geboren wurde: Untergebracht war die Familie damals auf dem Hof Klepper, heute Zur Klanhorst 29. Das ursprüngliche Gebäude steht nicht mehr, aber der Ort packte ihn bei seinem Besuch vor drei Jahren: „Ich weiß, dass ich hier als Kind gestanden und durch die Bäume nach oben geguckt habe“, sagte Debski zum MT. Nun habe sie eine Vorstellung vom Leben in den Camps damals, betonte auch Barbara Haycroft aus Queensland. Auch ihre Eltern waren „Displaced Persons“. Haycroft war 1947 im Camp Frille unter dem Familiennamen Panczyszyn zur Welt gekommen, hatte auf dem Hof „Ilserheide Nr. 9“ wohl ihre ersten Schritte getan. „Ich bin völlig überwältigt“, sagte sie im Sommer 2016, als sie das Gebäude sah. Sonja von Behrens schätzt die Arbeit Kleinebennes. Neben den Interviews in Polen hat die Historikerin in offiziellen Archiven in London geforscht und erlebte böse Überraschungen. „Vor Ort sagte man mir, dass es zwar britische Akten zu den Lagern in Deutschland gibt, aber auch, dass sehr viele dieser Akten aus Platzgründen vernichtet worden sind.“ Dennoch zeige sich nach Analyse des vorhandenen Materials eine Sicht auf die Lager, die so noch nicht bekannt war, darunter auch auf die Bedeutung des Lagers im ehemaligen Amt Windheim. „Das dürfte dann auch für diejenigen spannend sein, die das erste Buch vielleicht noch nicht kennen“, macht Sonja von Behrens neugierig. Das Buch von 2004 übrigens war viele Jahre vergriffen. Gemeinsam mit Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen hat von Behrens die Veröffentlichung erneut aufgelegt – es ist als unveränderter Nachdruck bei „Books on Demand“ erhältlich. Ein genaues Veröffentlichungsdatum für den Nachfolger kennt Sonja von Behrens nicht, hofft aber aufs Frühjahr. Dass sie in den vergangenen Monaten gut vorangekommen ist, liege auch an Corona; viele andere Filmprojekte lagen erstmal auf Eis. Das hat sich mittlerweile wieder geändert. Während Wolfgang Battermann das Manuskript durchsieht, ist Sonja von Behrens schon wieder mit einem Filmprojekt beschäftigt. Diesmal geht es um die Sicht der Deutschen auf ihre Soldaten. Ein ganz anderes Thema.

Zurück in die Polendörfer: Sonja von Behrens stellt neues Buch über das Lagerleben in und um Lahde fertig

Sonja von Behrens hat für das neue Buch 40 Interviews geführt. Das Material will sie einem Archiv zur Verfügung stellen. Foto: privat © pr

Petershagen. Sie macht Geschichte lebendig, hat Dokumentarfilme über Willy Brandt gedreht oder Dieter Hallervorden. Mit einer neuen Veröffentlichung kehrt die Historikerin Sonja von Behrens zu ihren Wurzeln zurück. Die gebürtige Mindenerin, die heute in Hamburg lebt, hat ein Manuskript über die Polendörfer in Petershagen fertiggestellt. Als Buch soll es im Frühjahr kommenden Jahres erscheinen. Das Thema „Displaced Persons im Amt Windheim zu Lahde“ hatte Sonja von Behrens bereits in ihrer Magisterarbeit 2000 beschäftigt, vier Jahre später gab es dann die erste Veröffentlichung über die „Zeit der Polendörfer“.

Für ältere Einwohner aus Lahde, Ilserheide, Frille oder den Ortschaften in der Umgebung ist die Zeit zwischen 1945 und 1949 noch sehr präsent. Im damaligen Amt Windheim zu Lahde, heute Teil der Stadt Petershagen, hatte die britische Militärregierung in acht Dörfern ein Lager für ehemalige Zwangsarbeiter errichtet. Viele Einheimische mussten ihre Häuser verlassen, um Displaced Persons, wie sie genannt wurden, Unterkunft zu geben. Nach Angaben deutscher Behörden lebten im Assembly Centre Lahde bis zu seiner Auflösung zwischen 12.000 und 17.000 „heimatlose Ausländer“. Im Lager gab es Bürgermeister, Gemeinderat und Lagerpolizei, Lehrer erteilten Unterricht.

Es gibt noch Zeugnisse des Displaced Persons Assembly Centre Lahde, hier etwa die ehemalige Geburtsstation in Frille. Am Gebäude finden aktuell Renovierungen statt. MT-Foto: Oliver Plöger - © Oliver Plöger
Es gibt noch Zeugnisse des Displaced Persons Assembly Centre Lahde, hier etwa die ehemalige Geburtsstation in Frille. Am Gebäude finden aktuell Renovierungen statt. MT-Foto: Oliver Plöger - © Oliver Plöger

Sonja von Behrens, die für das ZDF an zahlreichen Dokumentationen gearbeitet hat, hatte schon lange den Plan, das erste Buch fortzusetzen – angesichts zahlreicher Doku-Aufträge fehlte allerdings die Zeit. Immerhin: Seit 2010 hat sie mehr als 40 Interviews mit Zeitzeugen geführt – mit Einheimischen, aber auch mit Polen. Es sei nicht alles schrecklich gewesen, sagt die Journalistin. Polnische Frauen, mit denen sie gesprochen hat, hätten die Zeit genossen und sich wenigstens hier sicher gefühlt. Und ja, es habe auch gemeinsame Feiern mit den Einheimischen gegeben.

Auf der anderen Seite wird immer wieder von Konflikten berichtet, kein Wunder: Die deutsche Bevölkerung war gezwungen, bei Verwandten in der Umgegend unterzuschlüpfen. „Manche wurden Opfer von Überfällen“, schreibt Sonja von Behrens im ersten Buch. Aber das eigene Leid und das zum Teil gewalttätige und rachsüchtige Verhalten einiger DPs verdecke in manchen Fällen das Unrecht, das den ehemaligen Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg angetan worden sei. „Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen nicht freiwillig in Deutschland waren. Sie wurden von ihren Familien getrennt und mussten unter schweren Bedingungen arbeiten. Auch wenn manche Zwangsarbeiter bei den Bauern in der Gegend ein vergleichsweise gutes Leben führen durften, anders als zum Beispiel die Rüstungsarbeiter, so hatten sie es sich doch nicht selbst ausgesucht. Zudem wussten sie nicht, ob sie ihre Heimat und Familien jemals wiedersehen würden“, so von Behrens.

Die neueren Interviews schildern das Lagerleben oft nach Jahrzehnten der persönlichen Verarbeitung. Dieser Blickwinkel der „Oral History“ sei als Darstellungsform des neuen Buchs bewusst gewählt. Sonja von Behrens lässt die Texte unkommentiert stehen, stellt ihre Interview-Methode aber einleitend im Text vor. Dass ihr Wolfgang Battermann aus Petershagen, für seine ehrenamtliche Arbeit unter anderem für die Alte Synagoge soeben mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, bei der Arbeit am Manuskript zur Seite steht, erfüllt Sonja von Behrens mit Dankbarkeit. „Er war es auch, der keinesfalls wollte, dass die Interviews gekürzt werden.“ Material sei reichlich vorhanden – auch von Protagonisten, die mittlerweile verstorben sind. Über den besonderen Wert der Aufzeichnungen ist sich auch Sonja von Behrens bewusst. Sie will Gespräche mit Vertretern heimischer Archive führen, die das mittlerweile über Jahrzehnte zusammengetragene Interviewmaterial dauerhaft aufbewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich machen sollen.

Insbesondere der ehemalige Lehrer Hermann Kleinebenne hatte die Geschichte in Petershagen aufgearbeitet und in den vergangenen Jahren immer wieder Zeitzeugen durch die einstigen Lagerorte geführt. Die wollten mehr über ihre Geburtsorte erfahren und die Umstände, unter denen die Eltern damals gelebt haben. So wie Henryk Debski aus Sydney, der am 25. Juni 1946 im Camp Frille geboren wurde: Untergebracht war die Familie damals auf dem Hof Klepper, heute Zur Klanhorst 29. Das ursprüngliche Gebäude steht nicht mehr, aber der Ort packte ihn bei seinem Besuch vor drei Jahren: „Ich weiß, dass ich hier als Kind gestanden und durch die Bäume nach oben geguckt habe“, sagte Debski zum MT.

Nun habe sie eine Vorstellung vom Leben in den Camps damals, betonte auch Barbara Haycroft aus Queensland. Auch ihre Eltern waren „Displaced Persons“. Haycroft war 1947 im Camp Frille unter dem Familiennamen Panczyszyn zur Welt gekommen, hatte auf dem Hof „Ilserheide Nr. 9“ wohl ihre ersten Schritte getan. „Ich bin völlig überwältigt“, sagte sie im Sommer 2016, als sie das Gebäude sah. Sonja von Behrens schätzt die Arbeit Kleinebennes.

Neben den Interviews in Polen hat die Historikerin in offiziellen Archiven in London geforscht und erlebte böse Überraschungen. „Vor Ort sagte man mir, dass es zwar britische Akten zu den Lagern in Deutschland gibt, aber auch, dass sehr viele dieser Akten aus Platzgründen vernichtet worden sind.“ Dennoch zeige sich nach Analyse des vorhandenen Materials eine Sicht auf die Lager, die so noch nicht bekannt war, darunter auch auf die Bedeutung des Lagers im ehemaligen Amt Windheim. „Das dürfte dann auch für diejenigen spannend sein, die das erste Buch vielleicht noch nicht kennen“, macht Sonja von Behrens neugierig.

Das Buch von 2004 übrigens war viele Jahre vergriffen. Gemeinsam mit Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen hat von Behrens die Veröffentlichung erneut aufgelegt – es ist als unveränderter Nachdruck bei „Books on Demand“ erhältlich. Ein genaues Veröffentlichungsdatum für den Nachfolger kennt Sonja von Behrens nicht, hofft aber aufs Frühjahr. Dass sie in den vergangenen Monaten gut vorangekommen ist, liege auch an Corona; viele andere Filmprojekte lagen erstmal auf Eis. Das hat sich mittlerweile wieder geändert. Während Wolfgang Battermann das Manuskript durchsieht, ist Sonja von Behrens schon wieder mit einem Filmprojekt beschäftigt. Diesmal geht es um die Sicht der Deutschen auf ihre Soldaten. Ein ganz anderes Thema.

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