„Wir schaffen das nur als Team“: Petershäger Paar spricht nach Brustkrebs-Diagnose Doris Christoph Petershagen. Es war im Mai 2019: Bei einer Routinekontrolle ertastet die Gynäkologin bei Anja Wester-Strübe einen Knoten in der rechten Brust. „Meine Frau hatte vor Jahren mal geträumt, dass sie da etwas hat“, sagt Stefan Strübe. Erzählt hatte sie ihm davon zunächst nichts, erst später hat er von der Vorahnung erfahren. Nach dem Arztbesuch berichtet sie ihm von dem zwei Zentimeter großen Knubbel, er fühlt selbst. Rund eine Woche muss das Ehepaar auf das Ergebnis der Biopsie warten. Sieben Tage, in denen jeder auf seine Weise mit der drohenden Gefahr Krebs umgeht – wie auch in den nächsten Monaten. „Die Angst war da, dass es bösartig sein kann. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich war optimistisch, dass wir es in den Griff kriegen“, sagt der 56-Jährige. Anja Wester-Strübe vermutet hingegen eine negative Diagnose. Ihr Bauchgefühl hat recht: Es ist ein medulläres Mammakarzinom, eine seltene Brustkrebsform. „Das haben unter ein Prozent der Frauen“, sagt sie. Dem Kopfmenschen Stefan Strübe bringt das Ergebnis so etwas wie Erleichterung: „Darauf kann man aufbauen.“ Die gelernte Arzthelferin beginnt eine Chemotherapie. Beruflich ist sie gerade dabei sich umzuorientieren: Sie hat ihren Job gekündigt, will neu anfangen. Nun sitzt die 55-Jährige mit ihrer Krankheit und den Gedanken oft alleine zu Hause. Ihr Mann hingegen ist viel unterwegs: Tagsüber arbeitet der Holztechniker bei einem Küchenmöbelhersteller in Vlotho, nach Feierabend geht er bis zu vier Mal die Woche zum Sport. „Ich wollte den Alltag aufrecht erhalten“, sagt Stefan Strübe. Er sei ein Gewohnheitsmensch. „Aber vielleicht war ich auch ein Stück egoistisch“, überlegt er heute. Wenn die Partnerin erkrankt, macht das viele Männer hilflos, ist die Erfahrung von Ulrike Weber-Krumwiede. Sie ist Vorsitzende des Vereins Brustkrebshilfe OWL, bei dem auch die Strübes Unterstützung fanden. „Männer können schlechter mit ihrer Angst umgehen. Oft ziehen sie sich zurück und sind dann keine Stütze für die Frauen.“ Die hätten so das Gefühl, sich um den Mann kümmern zu müssen. Dazu komme, dass viele Frauen ihre Wünsche nicht konkret äußerten. Die Vereinsvorsitzende rät genau dazu. „Gebt den Männern was zu tun, dann fühlen sie sich weniger hilflos.“ Um sie beim Thema Brustkrebs mit ins Boot zu holen, plant der Verein eine Motorrad-Sternfahrt am 25. Oktober (siehe Kasten). Auch eine regelmäßige Gelegenheit zum Austausch für die Partner erkrankter Frauen will Weber-Krumwiede schaffen. Stattfinden soll sie an einem Freitag ab 19 Uhr. Konkretes Datum und Treffpunkt teilt sie auf Nachfrage unter info@brustkrebshilfe-owl.de oder Telefon (01 74) 8 87 74 66 mit. „Ich hatte in der ersten Zeit das Gefühl: Der will das gar nicht wahrhaben“, sagt Anja Wester-Strübe. „Ich will auch zum Sport und mich mit Freunden treffen. Aber ich sitze hier alleine mit meinen Gedanken.“ Ein paar Wochen habe sie sich das angeschaut und dann zu ihrem Mann gesagt: „Wir schaffen das nur als Team.“ Er versteht. Der Lahder sagt fast alle seine Sporttermine ab. Stattdessen geht das Ehepaar, das seit zwölf Jahren verheiratet ist, nun abends spazieren. Wenn ihre Kräfte das zulassen, denn Anja Wester-Strübe nimmt immer weiter ab. 15 Kilogramm sind es, einen Großteil des Gewichts hat sie schon vor der Diagnose verloren. „Der Krebs verbraucht unheimlich viel Energie“, sagt sie. Aber die Spaziergänge sind ihr Höhepunkt des Tages, manchmal sind sie der einzige Termin im Kalender. Der erste Chemoblock schlägt gut an, in der Bildgebung ist nach der Hälfte der Sitzungen der Tumor nicht mehr sichtbar, den zweiten Block bricht der Onkologe wegen zunehmender Nebenwirkungen ab. Anja Wester-Strübe unterzieht sich einer brusterhaltenden Operation, danach folgt die Strahlen-Behandlung. Während der Sitzungen fühlt sie sich ausgeliefert, mental geht es ihr schlecht, sie hat Panikattacken. Stefan Strübe achtet zwar darauf, was er seiner Frau Gutes tun kann. Die Todesängste kann er ihr aber kaum nehmen. Er schiebt das Thema Tod eher beiseite. „Ich hatte schon Angst, meine Frau zu verlieren. Aber ich habe es mir einfach nicht vorstellen können. Vielleicht war das auch eine Schutzreaktion.“ Über seine Sorgen und Ängste spricht Strübe in dieser Zeit kaum. „Verbal ist nicht meine Stärke“, meint der 56-Jährige. Nur manchmal tauscht er mit einem Arbeitskollegen, dessen Frau auch an Brustkrebs erkrankt ist, Tipps aus. Sicherlich sei das für ihren Mann keine einfache Zeit gewesen, meint Anja Wester-Strübe. „Stefan wusste ja nie, wie er mich nach der Arbeit zu Hause vorfindet, ob er mich aufbauen muss.“ Als Belastungsprobe für die Beziehung sieht der die vergangenen Monate nicht. Auch in schweren Zeiten füreinander da zu sein, gehört für ihn dazu. Und: „Mir hat nichts gefehlt.“ Manchmal fällt es ihm aber schwer, ihre Ängste zu verstehen. Die Behandlungen schlagen gut an. Trotzdem will Anja Wester-Strübe ein Hospiz besuchen, sich mit Sterben und Tod auseinandersetzen. „Ich fand das schwierig nachzuvollziehen“, sagt ihr Mann dazu. „Die Ärztin hatte doch gesagt: Wenn sie sich einen Krebs aussuchen könnte, dann Brustkrebs. Der sei am besten erforscht.“ Und die Voraussetzungen seiner Frau seien doch gut gewesen. „Hospiz – so weit waren wir noch lange nicht.“ Manchmal holt er sie dann auf den Boden der Tatsachen zurück. „Halt den Ball flach und guck mal in die andere Richtung“, habe er ihr gesagt. Seine Frau fand das gut. „So wird man seine Dämonen los.“ Im vergangenen April endet die Strahlenbehandlung, mitten in der Corona-Hochphase. „Toll, ich komme doch gerade aus der Quarantäne“, hat Anja Wester-Strübe gedacht. Monatelang hat sie schon auf Umarmungen von Freunden und Händeschütteln verzichtet, um ihr geschwächtes Immunsystem zu schützen. Nun geht es so weiter. Die nächsten fünf Jahre muss sie Tabletten nehmen, die weibliche Hormone unterdrücken. So soll das Wachstum eines neuen Tumors verhindert werden. Seit Juli hat sie einen Mini-Job, tastet sich wieder vorsichtig ins Leben zurück. Auch Stefan Strübe hat wieder mit Sport angefangen – wenn auch vieles wegen Corona derzeit nicht möglich ist. Was haben sie aus dieser Zeit mitgenommen? „Wir planen jetzt kurzfristiger, sind spontaner“, sagt Stefan Strübe. Eine Anlaufstelle für Männer erkrankter Frauen fände er übrigens gut. Möglicherweise würde er da auch mal hingehen. „Schadet ja nicht.“ "Biken für Brustkrebs" Der Verein Brustkrebshilfe OWL veranstaltet am Sonntag, 25. Oktober, ab 10 Uhr „Biken für Brustkrebs“ – eine Sternfahrt für Motorradfahrer nach Hüllhorst. Es gibt verschiedene Startpunkte im Kreis Minden-Lübbecke sowie Herford. Treffen ist jeweils um 10.30 Uhr, Start um 11 Uhr, Tourguides leiten die Gruppen. Startpunkte in der Nähe sind zum Beispiel Biker-Store, Portastraße 52, sowie Physiotherapie Praxis Duah, Hahler Straße 204, beide in Minden. In Hille starten Fahrer bei der Tankstelle Joiss Route 65, Lübbecker Straße 87. Ziel ist eine Info-Messe bei Westerfeld Motorrad-Reisen & Transport, Huchzener Straße 41, in Hüllhorst. Hier hat der Verein Brustkrebshilfe auch einen Infostand und es gibt Vorträge. Weitere Informationen unter www.brustkrebshilfe-owl.de

„Wir schaffen das nur als Team“: Petershäger Paar spricht nach Brustkrebs-Diagnose

Hinter Stefan Strübe und seiner Frau Anja Wester-Strübe liegt eine schwere Zeit. Bei der 55-Jährigen wurde im Mai 2019 Brustkrebs diagnostiziert. MT-Foto: Doris Christoph © Doris Christoph

Petershagen. Es war im Mai 2019: Bei einer Routinekontrolle ertastet die Gynäkologin bei Anja Wester-Strübe einen Knoten in der rechten Brust. „Meine Frau hatte vor Jahren mal geträumt, dass sie da etwas hat“, sagt Stefan Strübe. Erzählt hatte sie ihm davon zunächst nichts, erst später hat er von der Vorahnung erfahren. Nach dem Arztbesuch berichtet sie ihm von dem zwei Zentimeter großen Knubbel, er fühlt selbst. Rund eine Woche muss das Ehepaar auf das Ergebnis der Biopsie warten. Sieben Tage, in denen jeder auf seine Weise mit der drohenden Gefahr Krebs umgeht – wie auch in den nächsten Monaten.

„Die Angst war da, dass es bösartig sein kann. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich war optimistisch, dass wir es in den Griff kriegen“, sagt der 56-Jährige. Anja Wester-Strübe vermutet hingegen eine negative Diagnose. Ihr Bauchgefühl hat recht: Es ist ein medulläres Mammakarzinom, eine seltene Brustkrebsform. „Das haben unter ein Prozent der Frauen“, sagt sie. Dem Kopfmenschen Stefan Strübe bringt das Ergebnis so etwas wie Erleichterung: „Darauf kann man aufbauen.“

Die gelernte Arzthelferin beginnt eine Chemotherapie. Beruflich ist sie gerade dabei sich umzuorientieren: Sie hat ihren Job gekündigt, will neu anfangen. Nun sitzt die 55-Jährige mit ihrer Krankheit und den Gedanken oft alleine zu Hause. Ihr Mann hingegen ist viel unterwegs: Tagsüber arbeitet der Holztechniker bei einem Küchenmöbelhersteller in Vlotho, nach Feierabend geht er bis zu vier Mal die Woche zum Sport. „Ich wollte den Alltag aufrecht erhalten“, sagt Stefan Strübe. Er sei ein Gewohnheitsmensch. „Aber vielleicht war ich auch ein Stück egoistisch“, überlegt er heute.

Wenn die Partnerin erkrankt, macht das viele Männer hilflos, ist die Erfahrung von Ulrike Weber-Krumwiede. Sie ist Vorsitzende des Vereins Brustkrebshilfe OWL, bei dem auch die Strübes Unterstützung fanden. „Männer können schlechter mit ihrer Angst umgehen. Oft ziehen sie sich zurück und sind dann keine Stütze für die Frauen.“ Die hätten so das Gefühl, sich um den Mann kümmern zu müssen. Dazu komme, dass viele Frauen ihre Wünsche nicht konkret äußerten. Die Vereinsvorsitzende rät genau dazu. „Gebt den Männern was zu tun, dann fühlen sie sich weniger hilflos.“ Um sie beim Thema Brustkrebs mit ins Boot zu holen, plant der Verein eine Motorrad-Sternfahrt am 25. Oktober (siehe Kasten). Auch eine regelmäßige Gelegenheit zum Austausch für die Partner erkrankter Frauen will Weber-Krumwiede schaffen. Stattfinden soll sie an einem Freitag ab 19 Uhr. Konkretes Datum und Treffpunkt teilt sie auf Nachfrage unter info@brustkrebshilfe-owl.de oder Telefon (01 74) 8 87 74 66 mit.

„Ich hatte in der ersten Zeit das Gefühl: Der will das gar nicht wahrhaben“, sagt Anja Wester-Strübe. „Ich will auch zum Sport und mich mit Freunden treffen. Aber ich sitze hier alleine mit meinen Gedanken.“ Ein paar Wochen habe sie sich das angeschaut und dann zu ihrem Mann gesagt: „Wir schaffen das nur als Team.“

Er versteht. Der Lahder sagt fast alle seine Sporttermine ab. Stattdessen geht das Ehepaar, das seit zwölf Jahren verheiratet ist, nun abends spazieren. Wenn ihre Kräfte das zulassen, denn Anja Wester-Strübe nimmt immer weiter ab. 15 Kilogramm sind es, einen Großteil des Gewichts hat sie schon vor der Diagnose verloren. „Der Krebs verbraucht unheimlich viel Energie“, sagt sie. Aber die Spaziergänge sind ihr Höhepunkt des Tages, manchmal sind sie der einzige Termin im Kalender.

Der erste Chemoblock schlägt gut an, in der Bildgebung ist nach der Hälfte der Sitzungen der Tumor nicht mehr sichtbar, den zweiten Block bricht der Onkologe wegen zunehmender Nebenwirkungen ab. Anja Wester-Strübe unterzieht sich einer brusterhaltenden Operation, danach folgt die Strahlen-Behandlung. Während der Sitzungen fühlt sie sich ausgeliefert, mental geht es ihr schlecht, sie hat Panikattacken. Stefan Strübe achtet zwar darauf, was er seiner Frau Gutes tun kann. Die Todesängste kann er ihr aber kaum nehmen.

Er schiebt das Thema Tod eher beiseite. „Ich hatte schon Angst, meine Frau zu verlieren. Aber ich habe es mir einfach nicht vorstellen können. Vielleicht war das auch eine Schutzreaktion.“ Über seine Sorgen und Ängste spricht Strübe in dieser Zeit kaum. „Verbal ist nicht meine Stärke“, meint der 56-Jährige. Nur manchmal tauscht er mit einem Arbeitskollegen, dessen Frau auch an Brustkrebs erkrankt ist, Tipps aus. Sicherlich sei das für ihren Mann keine einfache Zeit gewesen, meint Anja Wester-Strübe. „Stefan wusste ja nie, wie er mich nach der Arbeit zu Hause vorfindet, ob er mich aufbauen muss.“ Als Belastungsprobe für die Beziehung sieht der die vergangenen Monate nicht. Auch in schweren Zeiten füreinander da zu sein, gehört für ihn dazu. Und: „Mir hat nichts gefehlt.“

Manchmal fällt es ihm aber schwer, ihre Ängste zu verstehen. Die Behandlungen schlagen gut an. Trotzdem will Anja Wester-Strübe ein Hospiz besuchen, sich mit Sterben und Tod auseinandersetzen. „Ich fand das schwierig nachzuvollziehen“, sagt ihr Mann dazu. „Die Ärztin hatte doch gesagt: Wenn sie sich einen Krebs aussuchen könnte, dann Brustkrebs. Der sei am besten erforscht.“ Und die Voraussetzungen seiner Frau seien doch gut gewesen. „Hospiz – so weit waren wir noch lange nicht.“ Manchmal holt er sie dann auf den Boden der Tatsachen zurück. „Halt den Ball flach und guck mal in die andere Richtung“, habe er ihr gesagt. Seine Frau fand das gut. „So wird man seine Dämonen los.“

Im vergangenen April endet die Strahlenbehandlung, mitten in der Corona-Hochphase. „Toll, ich komme doch gerade aus der Quarantäne“, hat Anja Wester-Strübe gedacht. Monatelang hat sie schon auf Umarmungen von Freunden und Händeschütteln verzichtet, um ihr geschwächtes Immunsystem zu schützen. Nun geht es so weiter. Die nächsten fünf Jahre muss sie Tabletten nehmen, die weibliche Hormone unterdrücken. So soll das Wachstum eines neuen Tumors verhindert werden. Seit Juli hat sie einen Mini-Job, tastet sich wieder vorsichtig ins Leben zurück. Auch Stefan Strübe hat wieder mit Sport angefangen – wenn auch vieles wegen Corona derzeit nicht möglich ist.

Was haben sie aus dieser Zeit mitgenommen? „Wir planen jetzt kurzfristiger, sind spontaner“, sagt Stefan Strübe. Eine Anlaufstelle für Männer erkrankter Frauen fände er übrigens gut. Möglicherweise würde er da auch mal hingehen. „Schadet ja nicht.“

"Biken für Brustkrebs"

Der Verein Brustkrebshilfe OWL veranstaltet am Sonntag, 25. Oktober, ab 10 Uhr „Biken für Brustkrebs“ – eine Sternfahrt für Motorradfahrer nach Hüllhorst.

Es gibt verschiedene Startpunkte im Kreis Minden-Lübbecke sowie Herford. Treffen ist jeweils um 10.30 Uhr, Start um 11 Uhr, Tourguides leiten die Gruppen.

Startpunkte in der Nähe sind zum Beispiel Biker-Store, Portastraße 52, sowie Physiotherapie Praxis Duah, Hahler Straße 204, beide in Minden. In Hille starten Fahrer bei der Tankstelle Joiss Route 65, Lübbecker Straße 87.

Ziel ist eine Info-Messe bei Westerfeld Motorrad-Reisen & Transport, Huchzener Straße 41, in Hüllhorst. Hier hat der Verein Brustkrebshilfe auch einen Infostand und es gibt Vorträge.

Weitere Informationen unter www.brustkrebshilfe-owl.de

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