"Wildes Mindener Land": Naturfilmer bringt Störche aus Jössen groß raus Claudia Hyna Petershagen-Jössen. „Der Storch ist auch nur ein Mensch." Dieses erstaunliche Fazit zieht der Naturfilmer Ralph Schieke. Seit Februar hat der 53-Jährige die Großvögel in Jössen viele Stunden beobachtet. Immer wieder fuhr er von Steinhagen (Kreis Gütersloh) in Richtung Petershagen. Und immer wieder aufs Neue war er fasziniert von dem Verhalten der Störche, die streiten, spielen und balzen – ganz wie die Menschen. Zu sehen ist das demnächst in dem Film „Wo die Weser einen großen Bogen macht – wildes Mindener Land". Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, Sonne satt, 24 Grad, blauer Himmel. Dabei war Gewitter und jede Menge Regen angekündigt. Der kam glücklicherweise erst mit einem Tag Verspätung. Um 5.30 Uhr machte sich der Biologe und Redakteur Ralph Schieke auf den Weg ans Steinhuder Meer. Dort nahm er Wendehälse vor die Linse, das sind mit dem Specht verwandte Vögel, die sich auf Heide und Moor spezialisiert haben. Anschließend zog es Schieke bereits zum sechsten Mal in diesem Jahr nach Jössen, dem Storchendorf mit der längsten Tradition im Kreis. Eigentlich sollten die Szenen im Garten der Familie Humke schon 2019 gedreht werden. Der Anfang war gemacht, ein Paar hatte drei Jungvögel zur Welt gebracht. Doch dann kam es zum Kampf mit mehreren gleichzeitig erschienenen Störchen. Am Ende dieses Dramas waren alle Jungen tot. Gut Film will eben Weile haben. Viel Zeit ist ins Land gegangen, bis der 45-minütige Streifen über das „Wilde Mindener Land" irgendwann im Kasten sein wird. Drehbeginn war am 15. November 2018, knapp zwei Jahre später, am 3. November 2020 (20.15 Uhr WDR) soll der Film in der Reihe „Abenteuer Erde" im Fernsehen gezeigt werden. Den roten Faden des Films bilden die Störche. Er beginnt mit ihrem ersten Auftauchen im kalten Februar, eines Tages liegen dann die Eier im Nest und schließlich sieht der Zuschauer die ausfliegenden Jungvögel. Als Tierfilmer braucht man nicht nur jede Menge Geduld, sagt Ralph Schieke. Besonders wichtig – vor allem bei Regionaldrehs – sei die Vorbereitung. Vieles ist im Vorfeld gut planbar – nur die Natur, die ist eben nicht bis ins Letzte kalkulierbar. Daher setzt der Kameramann vor allem auf die Kontakte und die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Naturschützern vor Ort. „Die rufen mich an, wenn die Orchideen blühen. Und sagen: Komm jetzt." Nicht zu vergessen sei das Quäntchen Glück, das zu einem guten Drehtag dazugehört – sich aber nicht immer einstellt. Doch heute ist es auf seiner Seite. Das Wetter hält sich. Allerdings hätte der 53-Jährige gerne etwas mehr Action vor die Linse bekommen. Von Wunschkonzert war aber nie die Rede. Schiekes Ziel war es, die Jungvögel beim Ausfliegen aus ihrem Horst zu filmen. Das passiert in der Regel 60 Tage, nachdem die Tiere geschlüpft sind, das war in diesem Fall am 26. April. Vier mal hat er heute ihr Flügelschlagen filmen können. Immerhin. Heißt, die Vögel sind noch mitten in der Übungsphase. Für diese kurzen Sequenzen braucht der Verhaltensbiologe volle Konzentration. Abschalten ist nicht. Der Zuschauer sieht in dieser Zeit vor allem einen Storch, der sein Sonnenbad nimmt. Und lange Zeit fast regungslos im Nest steht. Ganze zweieinhalb Stunden harrt Ralph Schieke auf dem Dachboden der Familie Humke aus. Das Drumherum ist dabei für ihn unwichtig. Schließlich ist die Aussicht perfekt. Nur wenige Meter von den Störchen entfernt, von oben herab, aber nicht zu steil: Selten gebe es die Gelegenheit, so gut in einen Horst hineinzusehen. „Man sieht sogar die ganz kleinen Störche." Und im Hintergrund die saftigen Weserauen. Jedes Kind kennt die schwarz-weißen Großvögel, meint er. Bekannt sei auch der Kinder bringende Klapperstorch. Doch Schieke sieht auch den Storch, das unbekannte Wesen. Der von Zeit zu Zeit aggressiv sein kann. Bei den flügge werdenden Tieren gibt es durchaus Stress, hat er beobachtet. „Während die Geschwister sich kloppten, stand die Mutter daneben und benahm sich, als ginge sie das nichts an." Er filmte Störche beim Klappern, beim Balzen, beim Paaren. Und das keine 30 Meter vom Horst entfernt. „Was für ein Erlebnis". Jössen ist bekannt als „Storchendorf". Auf Wunsch der Anwohner erhielt die Straße 1979 den Namen „Zum Storchennest". Seit 1896 brüten die Störche regelmäßig auf dem Hof des Landwirts Ernst Humke. Der Horst, ein mächtiger Bau auf einer rund 130 Jahre alten Esche, besteht seit 1933. Nirgendwo sonst dürfte ein Storch auf einem Horst brüten, in dem er selbst beringt wurde, sagt dazu Dr. Alfons Bense vom Aktionskomitee „Rettet die Weißstörche". In diesem Jahr brütet er zum 24 Mal in Folge dort. Von den anfänglich fünf Jungen überlebten nur drei, zwei lagen eines Morgens tot im Gras. Über den Grund kann Schieke nur spekulieren. Ihm ist wichtig, verschiedene Episoden aus dem Leben der Tiere zu zeigen. Beim letzten Dreh thematisierte er die Trockenheit. Denn auch die Störche hechelten angesichts der Dürre. Faszinierend war es zu sehen, wie die Altvögel aus der nahen Weser Wasser holen, im Nest heraus würgen und so die Jungen tränken. Schieke war schon vor und während seines Studiums als Vogelfotograf in vielen Ländern unterwegs. Gemeinsam mit seiner Frau Svenja (ebenfalls Biologin und Redakteurin), mit der er eine Filmfirma betreibt, reiste er nach Kenia, Jamaika und Alaska. Diese völlig andere Landschaft hat ihren besonderen Reiz. Und dort filmte er jeden Tag. „Hier mache ich ein Drehbuch." Für spektakuläre Aufnahmen muss der 53-Jährige nicht weit reisen. Aktuell filmt er für eine Naturdoku, die bis Ende 2021 fertiggestellt sein wird, am Steinhuder Meer. Dahinter steckt der Gedanke, die Schönheit der Natur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Auch das Mindener Land sei abwechslungsreich mit den tiefen Wäldern des Wiehengebirges, der Weser, den Feuchtgebieten und menschengemachten Lebensräumen. Die Naturschätze vor der Haustür fesseln ihn. Und er hat den Traumjob, sie zu zeigen.

"Wildes Mindener Land": Naturfilmer bringt Störche aus Jössen groß raus

Seit 1896 brüten Störche bei Humke in Jössen – so auch in diesem Jahr. MT-Fotos: Alex Lehn

Petershagen-Jössen. „Der Storch ist auch nur ein Mensch." Dieses erstaunliche Fazit zieht der Naturfilmer Ralph Schieke. Seit Februar hat der 53-Jährige die Großvögel in Jössen viele Stunden beobachtet. Immer wieder fuhr er von Steinhagen (Kreis Gütersloh) in Richtung Petershagen. Und immer wieder aufs Neue war er fasziniert von dem Verhalten der Störche, die streiten, spielen und balzen – ganz wie die Menschen. Zu sehen ist das demnächst in dem Film „Wo die Weser einen großen Bogen macht – wildes Mindener Land".

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, Sonne satt, 24 Grad, blauer Himmel. Dabei war Gewitter und jede Menge Regen angekündigt. Der kam glücklicherweise erst mit einem Tag Verspätung. Um 5.30 Uhr machte sich der Biologe und Redakteur Ralph Schieke auf den Weg ans Steinhuder Meer. Dort nahm er Wendehälse vor die Linse, das sind mit dem Specht verwandte Vögel, die sich auf Heide und Moor spezialisiert haben. Anschließend zog es Schieke bereits zum sechsten Mal in diesem Jahr nach Jössen, dem Storchendorf mit der längsten Tradition im Kreis.

Ralph Schieke ist Diplom-Biologe und Redakteur. Seit seinem zwölften Lebensjahr ist er mit der Kamera in der Natur unterwegs. Wichtig ist ihm, das Verhalten der Tiere mit innovativer Kameraführung zu zeigen.
Ralph Schieke ist Diplom-Biologe und Redakteur. Seit seinem zwölften Lebensjahr ist er mit der Kamera in der Natur unterwegs. Wichtig ist ihm, das Verhalten der Tiere mit innovativer Kameraführung zu zeigen.

Eigentlich sollten die Szenen im Garten der Familie Humke schon 2019 gedreht werden. Der Anfang war gemacht, ein Paar hatte drei Jungvögel zur Welt gebracht. Doch dann kam es zum Kampf mit mehreren gleichzeitig erschienenen Störchen. Am Ende dieses Dramas waren alle Jungen tot.

Gut Film will eben Weile haben. Viel Zeit ist ins Land gegangen, bis der 45-minütige Streifen über das „Wilde Mindener Land" irgendwann im Kasten sein wird. Drehbeginn war am 15. November 2018, knapp zwei Jahre später, am 3. November 2020 (20.15 Uhr WDR) soll der Film in der Reihe „Abenteuer Erde" im Fernsehen gezeigt werden.

Den roten Faden des Films bilden die Störche. Er beginnt mit ihrem ersten Auftauchen im kalten Februar, eines Tages liegen dann die Eier im Nest und schließlich sieht der Zuschauer die ausfliegenden Jungvögel. Als Tierfilmer braucht man nicht nur jede Menge Geduld, sagt Ralph Schieke. Besonders wichtig – vor allem bei Regionaldrehs – sei die Vorbereitung. Vieles ist im Vorfeld gut planbar – nur die Natur, die ist eben nicht bis ins Letzte kalkulierbar. Daher setzt der Kameramann vor allem auf die Kontakte und die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Naturschützern vor Ort. „Die rufen mich an, wenn die Orchideen blühen. Und sagen: Komm jetzt."

Von diesem Platz auf dem Dachboden filmt Ralph Schieke die Jösser Störche. - © Foto: Schieke
Von diesem Platz auf dem Dachboden filmt Ralph Schieke die Jösser Störche. - © Foto: Schieke

Nicht zu vergessen sei das Quäntchen Glück, das zu einem guten Drehtag dazugehört – sich aber nicht immer einstellt. Doch heute ist es auf seiner Seite. Das Wetter hält sich. Allerdings hätte der 53-Jährige gerne etwas mehr Action vor die Linse bekommen. Von Wunschkonzert war aber nie die Rede. Schiekes Ziel war es, die Jungvögel beim Ausfliegen aus ihrem Horst zu filmen. Das passiert in der Regel 60 Tage, nachdem die Tiere geschlüpft sind, das war in diesem Fall am 26. April.

Vier mal hat er heute ihr Flügelschlagen filmen können. Immerhin. Heißt, die Vögel sind noch mitten in der Übungsphase. Für diese kurzen Sequenzen braucht der Verhaltensbiologe volle Konzentration. Abschalten ist nicht. Der Zuschauer sieht in dieser Zeit vor allem einen Storch, der sein Sonnenbad nimmt. Und lange Zeit fast regungslos im Nest steht. Ganze zweieinhalb Stunden harrt Ralph Schieke auf dem Dachboden der Familie Humke aus. Das Drumherum ist dabei für ihn unwichtig. Schließlich ist die Aussicht perfekt. Nur wenige Meter von den Störchen entfernt, von oben herab, aber nicht zu steil: Selten gebe es die Gelegenheit, so gut in einen Horst hineinzusehen. „Man sieht sogar die ganz kleinen Störche." Und im Hintergrund die saftigen Weserauen.

Jedes Kind kennt die schwarz-weißen Großvögel, meint er. Bekannt sei auch der Kinder bringende Klapperstorch. Doch Schieke sieht auch den Storch, das unbekannte Wesen. Der von Zeit zu Zeit aggressiv sein kann. Bei den flügge werdenden Tieren gibt es durchaus Stress, hat er beobachtet. „Während die Geschwister sich kloppten, stand die Mutter daneben und benahm sich, als ginge sie das nichts an." Er filmte Störche beim Klappern, beim Balzen, beim Paaren. Und das keine 30 Meter vom Horst entfernt. „Was für ein Erlebnis".

Blick über die Kamera aus dem Fenster. - © Foto: Schieke
Blick über die Kamera aus dem Fenster. - © Foto: Schieke

Jössen ist bekannt als „Storchendorf". Auf Wunsch der Anwohner erhielt die Straße 1979 den Namen „Zum Storchennest". Seit 1896 brüten die Störche regelmäßig auf dem Hof des Landwirts Ernst Humke. Der Horst, ein mächtiger Bau auf einer rund 130 Jahre alten Esche, besteht seit 1933. Nirgendwo sonst dürfte ein Storch auf einem Horst brüten, in dem er selbst beringt wurde, sagt dazu Dr. Alfons Bense vom Aktionskomitee „Rettet die Weißstörche".

In diesem Jahr brütet er zum 24 Mal in Folge dort. Von den anfänglich fünf Jungen überlebten nur drei, zwei lagen eines Morgens tot im Gras. Über den Grund kann Schieke nur spekulieren. Ihm ist wichtig, verschiedene Episoden aus dem Leben der Tiere zu zeigen. Beim letzten Dreh thematisierte er die Trockenheit. Denn auch die Störche hechelten angesichts der Dürre. Faszinierend war es zu sehen, wie die Altvögel aus der nahen Weser Wasser holen, im Nest heraus würgen und so die Jungen tränken.

Schieke war schon vor und während seines Studiums als Vogelfotograf in vielen Ländern unterwegs. Gemeinsam mit seiner Frau Svenja (ebenfalls Biologin und Redakteurin), mit der er eine Filmfirma betreibt, reiste er nach Kenia, Jamaika und Alaska. Diese völlig andere Landschaft hat ihren besonderen Reiz. Und dort filmte er jeden Tag. „Hier mache ich ein Drehbuch."

Für spektakuläre Aufnahmen muss der 53-Jährige nicht weit reisen. Aktuell filmt er für eine Naturdoku, die bis Ende 2021 fertiggestellt sein wird, am Steinhuder Meer. Dahinter steckt der Gedanke, die Schönheit der Natur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Auch das Mindener Land sei abwechslungsreich mit den tiefen Wäldern des Wiehengebirges, der Weser, den Feuchtgebieten und menschengemachten Lebensräumen. Die Naturschätze vor der Haustür fesseln ihn. Und er hat den Traumjob, sie zu zeigen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen