Wiedensahler Dorfstraße auf dem Dachboden: „Schief, abstrakt und eigenwillig“ Ursula Koch Wiedensahl. Der Dachboden im Alten Pfarrhaus wirkt ganz schön aufgeräumt. Und das, obwohl hier in nur fünf Wochen vier Häuser entstanden sind. Sie sind Kern der neuen Dauerausstellung „Eine Dorfstraße zur Zeit von Wilhelm Busch“, die am Sonntag, 11. Juli, von 13 bis 17 Uhr eröffnet wird. Wilhelm Busch (1832-1908) ist schon lange eine thematische Klammer zwischen dem Alten Pfarrhaus und seinem Geburtshaus, die jetzt aber viel straffer gespannt ist. Zum ersten Mal sprechen die beiden Museen nun auch grafisch eine Sprache. Rot und weiß sind die dominierenden Farben. In ihnen sind die Tafeln gestaltet, die kurze Texte zu dem jeweiligen Thema in schwarzer Schrift enthalten und in roter Schrift mit Zitaten von Wilhelm Busch ergänzen. In dem Alten Pfarrhaus hatte sich Busch bei seiner Schwester und seinem Schwager einquartiert, als er 1872 in seinen Heimatort zurückkehrte. Zu dieser Zeit hatte er seine Studien an den Kunstakademien in Düsseldorf, Antwerpen und München abgebrochen. Mit „Max und Moritz“ hatte er trotzdem den Durchbruch geschafft. Das ist der Hintergrund, auf dem Frauke Quurck nun die Dorfgeschichte neu ausrollt. Der Dachboden hat dabei eine gründliche Wandlung erfahren. Verschwunden ist die Holzvertäfelung der Decken, vor der sich die Exponate nur schwer behaupten konnten. Die Zahl der Exponate, des viele Jahre von Kurt Cholewa ehrenamtlich geleiteten Heimatmuseums, wurde deutlich reduziert. Zentrale Objekte, wie der große Webstuhl oder die Schusterwerkstatt, sind aber auch in der neuen Dorfstraße wiederzufinden. Die „Häuser“ hat Kurt Cholewa als Lattenkonstruktion gestaltet – „klein, schief, abstrakt und eigenwillig“, wie sie Frauke Quurck beschreibt. „Wir wollten hier kein inszeniertes Buschland entstehen lassen.“ Das erste Haus erzählt vom „Kleiden und Heimkehren“. Dazu gehören Spinnrad, Haspel und der große Webstuhl, auf dem ein weißes Leintuch mit blauem Karo entsteht. Auf der Texttafel erfährt der Besucher, dass in den Bildern von Busch ein Kleidungsstück eine zentrale Rolle spielt: Die Rotjacke, sie ist in 280 Gemälden und damit einem Drittel seiner Werke zu sehen. Busch selbst hatte zu seiner Heimkehr eine rote Strickjacke geschenkt bekommen. Das zweite Haus deutet eine Mühle, inklusive stilisiertem Flügelkreuz, an. „Wiedensahl hatte eine Bockwindmühle und eine Holländermühle. Sie waren die liebsten Ausflugsziele von Busch“, erzählt Quurck. Auf der Tafel ist Buschs Bildergeschichte „Der Bauer und der Windmüller“ abgedruckt. Darin bindet der Bauer seinen Esel an einen Mühlenflügel. Der Müller setzt die Mühle in Gang – das kann für den Esel nicht gut ausgehen. Darauf nimmt der Bauer Rache und sägt den Mühlenfuß durch. So ähnlich, erzählt Quurck, sei auch die Wiedensahler Bockwindmühle demontiert worden. Der Dorfüberlieferung, dass 1928 Tatsachen geschaffen wurden, kurz bevor die Mühle unter Denkmalschutz gestellt wurde, widerspricht sie vehement. Das Objekt sei mehrfach baufällig gewesen, die neuen Eigentümer hätten es erworben, um das Holz der Mühle und die Ziegel des Hauses für einen Neubau zu verwenden. An dieser Station führen zwei Säcke mit jeweils zwölf Kilogramm Gewicht Kindern vor, wie viel leichter ein Flaschenzug die Arbeit eines Müllers macht. Neben der Mühle liegt eine Schusterwerkstatt. 40 Schuster habe es zu Buschs Zeiten in Wiedensahl gegeben. Das sei die Blütezeit dieses Handwerks gewesen, das anfangs als Nebenerwerb diente. Anders als überliefert, hätten die Schuster zu Buschs Zeiten wohl nicht mehr die Garnison in Minden beliefert, weil die um diese Zeit eigene Schuster beschäftigte, hat Quurck herausgefunden. Dafür kann sie die Lade der Wiedensahler Schustergilde präsentieren, in der die Gildeordnung, die Namen der Meister und Gesellen aufbewahrt wurden. Im vierten Haus schließlich geht es um die Themen Haushalten und Schlachten. Die Einrichtung hat Quurck nach einer Zeichnung von Busch gestaltet. Der Vorratsschrank beinhaltet auch eine Flasche Magenbitter. Buschs Neffe Adolf war mit seiner Marke Lucca-Abtei so erfolgreich, dass er dafür 1897 auf einer Messe in Lüttich mit einer Medaille ausgezeichnet wurde. 70.000 Euro hat die neue Dauerausstellung gekostet, finanziert aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für Entwicklung ländlicher Räume, des Flecken Wiedensahl, des Heimatbundes und der Sparkassenstiftung Stolzenau. Verzögerung beim „Hausbau“ habe es dank vieler ehrenamtlicher Helfer nicht gegeben, die rasant steigenden Preise für Baumaterialien habe aber auch das Museum zu spüren bekommen, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Zur Eröffnung am Sonntag, 11. Juli, 13 bis 17 Uhr, Altes Pfarrhaus, Hauptstraße 89, Wiedensahl, ist der Eintritt frei, es wird um Spenden gebeten. Öffentliche Führungen durch die Ausstellung werden am 1. August, 3. Oktober und 5. Dezember jeweils um 13 Uhr angeboten.

Wiedensahler Dorfstraße auf dem Dachboden: „Schief, abstrakt und eigenwillig“

Rund um den Dorfbrunnen, mit der Winde aus dem Pfarrwitwenhause, haben Museumsleiterin Frauke Quurck und Kurt Cholewa im alten Pfarrhaus eine Dorfstraße wie aus Wilhelm Buschs Zeiten gestaltet. MT-Foto: Ursula Koch © Ursula Koch

Wiedensahl. Der Dachboden im Alten Pfarrhaus wirkt ganz schön aufgeräumt. Und das, obwohl hier in nur fünf Wochen vier Häuser entstanden sind. Sie sind Kern der neuen Dauerausstellung „Eine Dorfstraße zur Zeit von Wilhelm Busch“, die am Sonntag, 11. Juli, von 13 bis 17 Uhr eröffnet wird.

Wilhelm Busch (1832-1908) ist schon lange eine thematische Klammer zwischen dem Alten Pfarrhaus und seinem Geburtshaus, die jetzt aber viel straffer gespannt ist. Zum ersten Mal sprechen die beiden Museen nun auch grafisch eine Sprache. Rot und weiß sind die dominierenden Farben. In ihnen sind die Tafeln gestaltet, die kurze Texte zu dem jeweiligen Thema in schwarzer Schrift enthalten und in roter Schrift mit Zitaten von Wilhelm Busch ergänzen. In dem Alten Pfarrhaus hatte sich Busch bei seiner Schwester und seinem Schwager einquartiert, als er 1872 in seinen Heimatort zurückkehrte. Zu dieser Zeit hatte er seine Studien an den Kunstakademien in Düsseldorf, Antwerpen und München abgebrochen. Mit „Max und Moritz“ hatte er trotzdem den Durchbruch geschafft.

Auf einem Tisch liegen alle Werkzeuge des Schusters parat. 40 Handwerker dieser Zunft gab es in der Blütezeit in Wiedensahl. Foto: Luka Rohrbach - © Ursula Koch
Auf einem Tisch liegen alle Werkzeuge des Schusters parat. 40 Handwerker dieser Zunft gab es in der Blütezeit in Wiedensahl. Foto: Luka Rohrbach - © Ursula Koch

Das ist der Hintergrund, auf dem Frauke Quurck nun die Dorfgeschichte neu ausrollt. Der Dachboden hat dabei eine gründliche Wandlung erfahren. Verschwunden ist die Holzvertäfelung der Decken, vor der sich die Exponate nur schwer behaupten konnten. Die Zahl der Exponate, des viele Jahre von Kurt Cholewa ehrenamtlich geleiteten Heimatmuseums, wurde deutlich reduziert. Zentrale Objekte, wie der große Webstuhl oder die Schusterwerkstatt, sind aber auch in der neuen Dorfstraße wiederzufinden.

Die „Häuser“ hat Kurt Cholewa als Lattenkonstruktion gestaltet – „klein, schief, abstrakt und eigenwillig“, wie sie Frauke Quurck beschreibt. „Wir wollten hier kein inszeniertes Buschland entstehen lassen.“ Das erste Haus erzählt vom „Kleiden und Heimkehren“. Dazu gehören Spinnrad, Haspel und der große Webstuhl, auf dem ein weißes Leintuch mit blauem Karo entsteht. Auf der Texttafel erfährt der Besucher, dass in den Bildern von Busch ein Kleidungsstück eine zentrale Rolle spielt: Die Rotjacke, sie ist in 280 Gemälden und damit einem Drittel seiner Werke zu sehen. Busch selbst hatte zu seiner Heimkehr eine rote Strickjacke geschenkt bekommen.

Das zweite Haus deutet eine Mühle, inklusive stilisiertem Flügelkreuz, an. „Wiedensahl hatte eine Bockwindmühle und eine Holländermühle. Sie waren die liebsten Ausflugsziele von Busch“, erzählt Quurck. Auf der Tafel ist Buschs Bildergeschichte „Der Bauer und der Windmüller“ abgedruckt. Darin bindet der Bauer seinen Esel an einen Mühlenflügel. Der Müller setzt die Mühle in Gang – das kann für den Esel nicht gut ausgehen. Darauf nimmt der Bauer Rache und sägt den Mühlenfuß durch. So ähnlich, erzählt Quurck, sei auch die Wiedensahler Bockwindmühle demontiert worden. Der Dorfüberlieferung, dass 1928 Tatsachen geschaffen wurden, kurz bevor die Mühle unter Denkmalschutz gestellt wurde, widerspricht sie vehement. Das Objekt sei mehrfach baufällig gewesen, die neuen Eigentümer hätten es erworben, um das Holz der Mühle und die Ziegel des Hauses für einen Neubau zu verwenden.

An dieser Station führen zwei Säcke mit jeweils zwölf Kilogramm Gewicht Kindern vor, wie viel leichter ein Flaschenzug die Arbeit eines Müllers macht. Neben der Mühle liegt eine Schusterwerkstatt. 40 Schuster habe es zu Buschs Zeiten in Wiedensahl gegeben. Das sei die Blütezeit dieses Handwerks gewesen, das anfangs als Nebenerwerb diente. Anders als überliefert, hätten die Schuster zu Buschs Zeiten wohl nicht mehr die Garnison in Minden beliefert, weil die um diese Zeit eigene Schuster beschäftigte, hat Quurck herausgefunden. Dafür kann sie die Lade der Wiedensahler Schustergilde präsentieren, in der die Gildeordnung, die Namen der Meister und Gesellen aufbewahrt wurden.

Im vierten Haus schließlich geht es um die Themen Haushalten und Schlachten. Die Einrichtung hat Quurck nach einer Zeichnung von Busch gestaltet. Der Vorratsschrank beinhaltet auch eine Flasche Magenbitter. Buschs Neffe Adolf war mit seiner Marke Lucca-Abtei so erfolgreich, dass er dafür 1897 auf einer Messe in Lüttich mit einer Medaille ausgezeichnet wurde.

70.000 Euro hat die neue Dauerausstellung gekostet, finanziert aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für Entwicklung ländlicher Räume, des Flecken Wiedensahl, des Heimatbundes und der Sparkassenstiftung Stolzenau. Verzögerung beim „Hausbau“ habe es dank vieler ehrenamtlicher Helfer nicht gegeben, die rasant steigenden Preise für Baumaterialien habe aber auch das Museum zu spüren bekommen, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Zur Eröffnung am Sonntag, 11. Juli, 13 bis 17 Uhr, Altes Pfarrhaus, Hauptstraße 89, Wiedensahl, ist der Eintritt frei, es wird um Spenden gebeten. Öffentliche Führungen durch die Ausstellung werden am 1. August, 3. Oktober und 5. Dezember jeweils um 13 Uhr angeboten.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen