Wettrennen im Rollstuhl: Niclas Sandvoß schnuppert in Erzieherberuf Claudia Hyna Petershagen. Zwei Jahre saß Niclas Sandvoß in seinem Zimmer und zerbrach sich den Kopf über seine Zukunft. Er grübelte, haderte mit seiner Krankheit, seinem Rollstuhl, seinem Körper. „Ich hatte fast aufgegeben“, sagt der 21-Jährige über diese Zeit nach der Schule. Aktuell macht der Mindener eine betriebliche Qualifizierung in der DRK-Kita Petershagen. Und ist überzeugt: „Das ist mein Traumberuf.“ „Den Hügel da komme ich mit meinem Rolli nicht hoch“, zeigt er auf eine Erhebung im Außengelände der Tagesstätte. „Und im Sand kann ich auch nicht sitzen“, merkt er an. Wettrennen mit den Kindern gehen aber immer, da er mit seinem Rollstuhl sehr mobil ist. Mal gewinnt er, mal gewinnen Elli oder Amara auf ihren Dreirädern. Ein ausgeglichenes Feld, hier ist jeder gleichberechtigt. Im beruflichen Bereich ist das nicht so leicht. Niclas Sandvoß weiß, dass er nicht alle Voraussetzungen für den ersten Arbeitsmarkt erfüllt. Neben seiner körperlichen Einschränkung verfügt er auch über eine Lernschwäche. Was er aber mitbringt, sind ein starker Wille, ein hohes Maß an Reflektiertheit sowie Redegewandtheit – und Freude am Umgang mit Kindern. Etwa mit 16 Jahren reifte in ihm der Wunsch, etwas mit Kindern zu machen. Seine Mutter sei da sicher ein Vorbild gewesen, sie hatte zunächst eine Tagespflege für unter Dreijährige im Eigenheim, später in Porta Westfalica, berichtet der 21-Jährige. Dort habe er mitgeholfen, mit den Kindern herum gealbert. Dass er gut mit Kindern umgehen kann, bescheinigt ihm auch Kita-Leiterin Victoria Schaffer. Zunächst sollte das Praktikum auf den Monat Juni beschränkt sein, nach wenigen Tagen wurde es auf beiderseitigen Wunsch bis Ende August verlängert. Niclas sei sehr offen und füge sich gut ins Team ein. Die Mädchen und Jungen gehen ganz unbefangen mit ihm um. „Kannst du nicht laufen?“, sei eine der ersten Fragen der Kleinen gewesen. Als das geklärt war, hätten die 23 Kinder in seiner Gruppe ihn superschnell aufgenommen und anerkannt. Victoria Schaffer findet es wichtig, dass Kinder früh lernen, wie unterschiedlich Menschen sind. „Damit sie erst gar keine Vorurteile oder Ängste entwickeln.“ Ganz nebenbei lernen sie auf diese Weise auch Rücksichtnahme und Respekt. Beide Seiten profitierten davon, hat die Pädagogin festgestellt. Diese Qualifizierung von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof sieht Niclas Sandvoß als große Chance für sich. Nach der Grundschule besuchte er die Förderschule am Weserbogen. Danach wusste er nicht, wie es weiter gehen sollte. Es sei kein einzelnes Ereignis gewesen, das ihm irgendwann wieder Antrieb gegeben habe, sein Leben in die Hand zu nehmen, erzählt er. „Es war einfach eine Entwicklung und ich habe eben etwas länger gebraucht.“ Der Mindener war an einem Punkt angelangt, an dem er keinen Weg mehr für sich sah – außer in der Werkstatt. „Es geht immer etwas“, ist er heute überzeugt. In der sogenannten unterstützten Beschäftigung nach Paragraf 55 SGB IX lernte er verschiedene Betriebe kennen, so war er in der Werkstatt für behinderte Menschen in Minden und im Stöberparadies der Diakonie tätig. In der DRK-Kita hat der Querschnittsgelähmte die Möglichkeit, in den Erzieherberuf hinein zu schnuppern und Erfahrungen im sozialen Bereich zu sammeln. Besonders gerne macht er Gesellschaftsspiele mit den Kindern, auch als Vorleser ist er gefragt. Seine helfende Hand wird ebenso beim Anziehen der Kitabesucher und beim Mittagessen gebraucht. Nach kurzer Zeit sei er zu einer guten Hilfe geworden, betont Victoria Schaffer. Das habe dann dazu geführt, dass Niclas sich mehr zutraute. Manchmal überfordere es ihn allerdings, wenn die Kinder sehr laut seien, gesteht dieser. „Aber die dürfen das.“ Und das Wort anstrengend würden die Kleinen überhaupt nicht kennen – auch, wenn das Wetter so schwül ist wie in diesen Tagen, ist ihre Energie ungebremst. Nach und nach wächst er in seine Aufgabe hinein. Es ist für ihn eine tolle Erfahrung, dass die Kinder ihn mit offenen Armen empfangen – und er sie bei vielen Dingen im Alltag unterstützen kann. Ständig heißt es „Niclas, kannst du mal“ oder „Niclas, kommst du mal“. Die Kinder erleben, dass es normal ist, dass jeder Mensch anders ist. Nun müsse sich etwas in den Firmen bewegen, meint Sandvoß . „Die Betriebe müssen sich auf Menschen wie mich einlassen. Ich bin doch kein Einzelfall.“ Auch wenn er die Erzieher-Ausbildung nicht absolvieren kann, könne er sich über Fortbildungen zum Helfer qualifieren. Die Entwicklung der Kinder sei ein spannender Bereich. Er stellt fest, dass einige Kinder aggressiv sind, andere leicht wütend oder ängstlich – und macht sich seine Gedanken über die Hintergründe. Gerne würde er längerfristig ein Teil der kindlichen Bildung sein. Niclas Sandvoß träumt von einer Welt, in der das Wort behindert nicht mehr vorkommt. Dieses Abstempeln, die Darstellung von Rollstuhlfahrern als per se hilflosen Menschen, das dürfe es nicht mehr geben. Defizite habe jeder, wer könne schon von sich behaupten, perfekt zu sein? Viel zu häufig hört er: Das kannst du nicht. „Dabei kann ich zeigen, dass vieles auch im Rolli geht.“ Alle reden von Inklusion – die Realität sehe anders aus, erlebt er täglich hautnah. Niclas bringt es auf den Punkt: „Ich bin keine Gruppe. Wir sind alle einfach nur Menschen.“

Wettrennen im Rollstuhl: Niclas Sandvoß schnuppert in Erzieherberuf

„Wer zuerst am Tor ist“, ruft Niclas Sandvoß und schon geht das Wettrennen los. Die Kinder haben sichtlich Spaß an der Bewegung, Niclas ist mit seinem Rollstuhl schnell unterwegs. MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Petershagen. Zwei Jahre saß Niclas Sandvoß in seinem Zimmer und zerbrach sich den Kopf über seine Zukunft. Er grübelte, haderte mit seiner Krankheit, seinem Rollstuhl, seinem Körper. „Ich hatte fast aufgegeben“, sagt der 21-Jährige über diese Zeit nach der Schule. Aktuell macht der Mindener eine betriebliche Qualifizierung in der DRK-Kita Petershagen. Und ist überzeugt: „Das ist mein Traumberuf.“

„Den Hügel da komme ich mit meinem Rolli nicht hoch“, zeigt er auf eine Erhebung im Außengelände der Tagesstätte. „Und im Sand kann ich auch nicht sitzen“, merkt er an. Wettrennen mit den Kindern gehen aber immer, da er mit seinem Rollstuhl sehr mobil ist. Mal gewinnt er, mal gewinnen Elli oder Amara auf ihren Dreirädern. Ein ausgeglichenes Feld, hier ist jeder gleichberechtigt. Im beruflichen Bereich ist das nicht so leicht. Niclas Sandvoß weiß, dass er nicht alle Voraussetzungen für den ersten Arbeitsmarkt erfüllt. Neben seiner körperlichen Einschränkung verfügt er auch über eine Lernschwäche. Was er aber mitbringt, sind ein starker Wille, ein hohes Maß an Reflektiertheit sowie Redegewandtheit – und Freude am Umgang mit Kindern.

Etwa mit 16 Jahren reifte in ihm der Wunsch, etwas mit Kindern zu machen. Seine Mutter sei da sicher ein Vorbild gewesen, sie hatte zunächst eine Tagespflege für unter Dreijährige im Eigenheim, später in Porta Westfalica, berichtet der 21-Jährige. Dort habe er mitgeholfen, mit den Kindern herum gealbert. Dass er gut mit Kindern umgehen kann, bescheinigt ihm auch Kita-Leiterin Victoria Schaffer. Zunächst sollte das Praktikum auf den Monat Juni beschränkt sein, nach wenigen Tagen wurde es auf beiderseitigen Wunsch bis Ende August verlängert. Niclas sei sehr offen und füge sich gut ins Team ein.

Die Mädchen und Jungen gehen ganz unbefangen mit ihm um. „Kannst du nicht laufen?“, sei eine der ersten Fragen der Kleinen gewesen. Als das geklärt war, hätten die 23 Kinder in seiner Gruppe ihn superschnell aufgenommen und anerkannt. Victoria Schaffer findet es wichtig, dass Kinder früh lernen, wie unterschiedlich Menschen sind. „Damit sie erst gar keine Vorurteile oder Ängste entwickeln.“ Ganz nebenbei lernen sie auf diese Weise auch Rücksichtnahme und Respekt. Beide Seiten profitierten davon, hat die Pädagogin festgestellt.

Diese Qualifizierung von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof sieht Niclas Sandvoß als große Chance für sich. Nach der Grundschule besuchte er die Förderschule am Weserbogen. Danach wusste er nicht, wie es weiter gehen sollte. Es sei kein einzelnes Ereignis gewesen, das ihm irgendwann wieder Antrieb gegeben habe, sein Leben in die Hand zu nehmen, erzählt er. „Es war einfach eine Entwicklung und ich habe eben etwas länger gebraucht.“ Der Mindener war an einem Punkt angelangt, an dem er keinen Weg mehr für sich sah – außer in der Werkstatt. „Es geht immer etwas“, ist er heute überzeugt. In der sogenannten unterstützten Beschäftigung nach Paragraf 55 SGB IX lernte er verschiedene Betriebe kennen, so war er in der Werkstatt für behinderte Menschen in Minden und im Stöberparadies der Diakonie tätig.

In der DRK-Kita hat der Querschnittsgelähmte die Möglichkeit, in den Erzieherberuf hinein zu schnuppern und Erfahrungen im sozialen Bereich zu sammeln. Besonders gerne macht er Gesellschaftsspiele mit den Kindern, auch als Vorleser ist er gefragt. Seine helfende Hand wird ebenso beim Anziehen der Kitabesucher und beim Mittagessen gebraucht. Nach kurzer Zeit sei er zu einer guten Hilfe geworden, betont Victoria Schaffer. Das habe dann dazu geführt, dass Niclas sich mehr zutraute.

Manchmal überfordere es ihn allerdings, wenn die Kinder sehr laut seien, gesteht dieser. „Aber die dürfen das.“ Und das Wort anstrengend würden die Kleinen überhaupt nicht kennen – auch, wenn das Wetter so schwül ist wie in diesen Tagen, ist ihre Energie ungebremst. Nach und nach wächst er in seine Aufgabe hinein. Es ist für ihn eine tolle Erfahrung, dass die Kinder ihn mit offenen Armen empfangen – und er sie bei vielen Dingen im Alltag unterstützen kann. Ständig heißt es „Niclas, kannst du mal“ oder „Niclas, kommst du mal“. Die Kinder erleben, dass es normal ist, dass jeder Mensch anders ist. Nun müsse sich etwas in den Firmen bewegen, meint Sandvoß . „Die Betriebe müssen sich auf Menschen wie mich einlassen. Ich bin doch kein Einzelfall.“ Auch wenn er die Erzieher-Ausbildung nicht absolvieren kann, könne er sich über Fortbildungen zum Helfer qualifieren. Die Entwicklung der Kinder sei ein spannender Bereich. Er stellt fest, dass einige Kinder aggressiv sind, andere leicht wütend oder ängstlich – und macht sich seine Gedanken über die Hintergründe. Gerne würde er längerfristig ein Teil der kindlichen Bildung sein.

Niclas Sandvoß träumt von einer Welt, in der das Wort behindert nicht mehr vorkommt. Dieses Abstempeln, die Darstellung von Rollstuhlfahrern als per se hilflosen Menschen, das dürfe es nicht mehr geben. Defizite habe jeder, wer könne schon von sich behaupten, perfekt zu sein? Viel zu häufig hört er: Das kannst du nicht. „Dabei kann ich zeigen, dass vieles auch im Rolli geht.“ Alle reden von Inklusion – die Realität sehe anders aus, erlebt er täglich hautnah. Niclas bringt es auf den Punkt: „Ich bin keine Gruppe. Wir sind alle einfach nur Menschen.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen