Wenig Äpfel, große Nachfrage: Wie die Mosterei Oevermann unter der Obstknappheit leidet Claudia Hyna Petershagen-Südfelde. Ein anderer Apfelsaft kommt ihm nicht ins Haus. Täglich gönnt sich Inhaber Günter Heese eine Flasche des Getränks. Jährlich produziert und vertreibt die Mosterei Oevermann 30.000 bis 35.000 Liter. In dieser Saison fällt die Apfelernte deutschlandweit erneut schlecht aus. Das macht sich auch bei Oevermann bemerkbar. Aus dem angelieferten Fallobst allein kam die gewohnte Menge nicht zusammen, das funktionierte nur über Zukauf. Denn der Bedarf ist da: Immer mehr Hofläden, aber auch Supermärkte bieten die Produkte aus Südfelde an. Die Coronakrise hat den Absatz der traditionsreichen Mosterei insgesamt gesteigert. Es habe sich bemerkbar gemacht, dass die Menschen sich vor allem zuhause aufhielten und gewillt waren, mehr für Lebensmittel auszugeben, da Restaurantbesuche nicht möglich waren. Schließlich habe die aufwendige Produktion mit viel Handarbeit ihren Preis, sagt Doris Heese. Die Tochter der Firmengründer betreibt mit ihrem Mann Günter und Unterstützung der gesamten Familie das Unternehmen. Vor allem in der Vorweihnachtszeit gab es eine große Nachfrage nach ihren Produkten, sagt sie. Dieser Ansturm führte erstmals dazu, dass die Mosterei ihren Kunden zwei Monate lang kein selbst gemachtes Pflaumenmus anbieten konnte. In diesem Jahr hat Familie Heese reagiert und eine größere Menge des Zwetschgenaufstrichs produziert. Dieses wird wie in den Anfängen 1947 in einem großen Kupferkessel gekocht – „nach einem Rezept meiner Uroma Marie", verrät Doris Heese. Es enthält einen hohen Fruchtanteil, dazu kommen Zucker, echte Vanille und Kandis. „Keine Chemie", darauf legt Günter Heese Wert. Seit einigen Jahren verfügt der Kessel über ein Rührwerk, bis dahin wurde die Masse mit langen Löffeln gerührt. Ein Kraftakt ist die Herstellung immer noch. An drei Tagen haben alle zusammen angepackt – neben der Familie auch Freunde und Nachbarn – und 10.000 Gläser Pflaumenmus gefüllt. Das entspricht einer Menge von 1,5 Tonnen Hauszwetschgen am Tag, die verarbeitet werden. Sie werden von den Kunden gewaschen und entsteint angeliefert. Im September und Oktober ist Apfelzeit. Die Äpfel für den Saft gelangen in Mengen von zehn bis zu 100 Kilogramm nach Südfelde. In guten Jahren seien die drei Boxen im Außenbereich voll, in diesem Jahr war meist nur eine belegt, erklärt Günter Heese. 2018 sei das letzte gute Apfeljahr gewesen, blickt seine Frau zurück. Die europäische Ernte 2021 war gut, in Deutschland werden laut statistischem Bundesamt aber rund neun Prozent weniger erwartet als im Vorjahr. Das hänge mit den nasskalten Witterungsbedingungen im Frühjahr, einem hohen Fruchtfall im Juni und einer geringeren Fruchtgröße zusammen. Außerdem zog der geringe Bienenflug eine schlechte Befruchtung nach sich, melden Fachleute. Überhaupt gebe es immer weniger Bienen, sagen die Heeses. Auch die Zahl der Obstbäume nehme stetig ab. Und es gebe immer weniger Menschen, die ihr Fallobst unter den Bäumen aufsammelten und zu ihnen bringen. „Heute hat ja keiner mehr Zeit", sagt die Chefin. Die Kunden bringen ihre Früchte aus dem gesamten Kreisgebiet nach Südfelde. Beliebt bei den Kunden seien die 0,7-Literflaschen – schließlich sei das Getränk nicht endlos haltbar. Günter Heese bevorzugt die naturtrübe Variante, hergestellt wird aber auch klarer Saft. „Jedes Mal schmeckt er etwas anders", weiß der Kenner. Auch hier gilt: Zusatzstoffe kommen nicht in die Flasche. In der vergangenen Woche standen die Maschinen still, in dieser Woche wird der Inhaber eine Charge verarbeiten. Das funktioniert heute noch so wie seit gut fünf Jahrzehnten. Draußen werden die Äpfel gewogen und im Wasser schwimmend nach innen transportiert. Dort werden sie grob zerkleinert und gelangen schließlich in die Bandpresse. Von dort läuft der Saft in Behälter und wird weiter in große Tanks gepumpt. In der Abfüllanlage wird der Saft bei 80 bis 85 Grad in Glasflaschen gefüllt und schließlich etikettiert. Eine Flasche kann im Kreislauf vier bis fünfmal gefüllt werden. Die festen Apfelreste wandern nach draußen in eine Mulde und werden von Landwirten als Futtermittel genutzt. Das Rübenkraut, das einst den Grundstock des Unternehmens legte, wird schon lange nicht mehr vor Ort hergestellt, sondern kommt aus Wunstorf. 1947 begann das Gründerpaar Heinz und Dorothee Oevermann mit der Produktion in Südfelde. Hier wurden die Rüben gedämpft, gemahlen und gepresst – und schließlich zu Zapp (Petershagen), Klitsch (Hille) oder Stipp (Hannover) verarbeitet. Zusammen mit Apfelsaft, aber auch Orangen- und Multivitaminsaft, Gin, Obstbränden und Honig wird es heute im Ladengeschäft verkauft, aber auch an Hofläden und Lebensmittelmärkte geliefert. Günter und Doris Heese wollen den Betrieb weiter führen, so lange es geht, sagen sie überzeugt. Schließlich helfe die ganze Familie – Sohn Rouven, Schwiegertochter Annika und die Enkel Justus und Allegra – tatkräftig mit. Der Enkel sorgt seit kurzem dafür, dass die Mosterei auch in den sozialen Netzwerken vertreten ist. Wenn Günter Heese den Betrieb seines Saftladens, wie er ihn liebevoll nennt, erklärt, wird deutlich, wie sehr sein Herz daran hängt. Seine Frau Doris schätzt darüber hinaus die netten Gespräche mit den Kunden – und das nicht nur zur Erntezeit, sondern ganzjährig im Hofladen. Diese kommen aus Petershagen, Minden und dem gesamten Schaumburger Bereich.

Wenig Äpfel, große Nachfrage: Wie die Mosterei Oevermann unter der Obstknappheit leidet

Rote und grüne, kleine und große Äpfel, Mosterei Oevermann macht keine Unterschiede. „Jede Charge schmeckt daher ein wenig anders“, sagt Günter Heese. MT-Fotos: Alex Lehn

Petershagen-Südfelde. Ein anderer Apfelsaft kommt ihm nicht ins Haus. Täglich gönnt sich Inhaber Günter Heese eine Flasche des Getränks. Jährlich produziert und vertreibt die Mosterei Oevermann 30.000 bis 35.000 Liter. In dieser Saison fällt die Apfelernte deutschlandweit erneut schlecht aus. Das macht sich auch bei Oevermann bemerkbar. Aus dem angelieferten Fallobst allein kam die gewohnte Menge nicht zusammen, das funktionierte nur über Zukauf. Denn der Bedarf ist da: Immer mehr Hofläden, aber auch Supermärkte bieten die Produkte aus Südfelde an.

Die Coronakrise hat den Absatz der traditionsreichen Mosterei insgesamt gesteigert. Es habe sich bemerkbar gemacht, dass die Menschen sich vor allem zuhause aufhielten und gewillt waren, mehr für Lebensmittel auszugeben, da Restaurantbesuche nicht möglich waren. Schließlich habe die aufwendige Produktion mit viel Handarbeit ihren Preis, sagt Doris Heese. Die Tochter der Firmengründer betreibt mit ihrem Mann Günter und Unterstützung der gesamten Familie das Unternehmen. Vor allem in der Vorweihnachtszeit gab es eine große Nachfrage nach ihren Produkten, sagt sie. Dieser Ansturm führte erstmals dazu, dass die Mosterei ihren Kunden zwei Monate lang kein selbst gemachtes Pflaumenmus anbieten konnte.

Günter Heese in Aktion: In seiner Mosterei wird jährlich bis zu 35.000 Liter Saft poduziert. - © Alex Lehn
Günter Heese in Aktion: In seiner Mosterei wird jährlich bis zu 35.000 Liter Saft poduziert. - © Alex Lehn

In diesem Jahr hat Familie Heese reagiert und eine größere Menge des Zwetschgenaufstrichs produziert. Dieses wird wie in den Anfängen 1947 in einem großen Kupferkessel gekocht – „nach einem Rezept meiner Uroma Marie", verrät Doris Heese. Es enthält einen hohen Fruchtanteil, dazu kommen Zucker, echte Vanille und Kandis. „Keine Chemie", darauf legt Günter Heese Wert. Seit einigen Jahren verfügt der Kessel über ein Rührwerk, bis dahin wurde die Masse mit langen Löffeln gerührt.

Mit Wasserkraft werden die Äpfel ins Innere des Gebäudes transportiert. - © privat
Mit Wasserkraft werden die Äpfel ins Innere des Gebäudes transportiert. - © privat

Ein Kraftakt ist die Herstellung immer noch. An drei Tagen haben alle zusammen angepackt – neben der Familie auch Freunde und Nachbarn – und 10.000 Gläser Pflaumenmus gefüllt. Das entspricht einer Menge von 1,5 Tonnen Hauszwetschgen am Tag, die verarbeitet werden. Sie werden von den Kunden gewaschen und entsteint angeliefert.

In dieser Vorrichtung werden die Flaschen mit Apfelsaft befüllt und etikettiert. - © Alex Lehn
In dieser Vorrichtung werden die Flaschen mit Apfelsaft befüllt und etikettiert. - © Alex Lehn

Im September und Oktober ist Apfelzeit. Die Äpfel für den Saft gelangen in Mengen von zehn bis zu 100 Kilogramm nach Südfelde. In guten Jahren seien die drei Boxen im Außenbereich voll, in diesem Jahr war meist nur eine belegt, erklärt Günter Heese. 2018 sei das letzte gute Apfeljahr gewesen, blickt seine Frau zurück.

Die europäische Ernte 2021 war gut, in Deutschland werden laut statistischem Bundesamt aber rund neun Prozent weniger erwartet als im Vorjahr. Das hänge mit den nasskalten Witterungsbedingungen im Frühjahr, einem hohen Fruchtfall im Juni und einer geringeren Fruchtgröße zusammen. Außerdem zog der geringe Bienenflug eine schlechte Befruchtung nach sich, melden Fachleute. Überhaupt gebe es immer weniger Bienen, sagen die Heeses. Auch die Zahl der Obstbäume nehme stetig ab. Und es gebe immer weniger Menschen, die ihr Fallobst unter den Bäumen aufsammelten und zu ihnen bringen. „Heute hat ja keiner mehr Zeit", sagt die Chefin.

Die Kunden bringen ihre Früchte aus dem gesamten Kreisgebiet nach Südfelde. Beliebt bei den Kunden seien die 0,7-Literflaschen – schließlich sei das Getränk nicht endlos haltbar. Günter Heese bevorzugt die naturtrübe Variante, hergestellt wird aber auch klarer Saft. „Jedes Mal schmeckt er etwas anders", weiß der Kenner. Auch hier gilt: Zusatzstoffe kommen nicht in die Flasche.

In der vergangenen Woche standen die Maschinen still, in dieser Woche wird der Inhaber eine Charge verarbeiten. Das funktioniert heute noch so wie seit gut fünf Jahrzehnten. Draußen werden die Äpfel gewogen und im Wasser schwimmend nach innen transportiert. Dort werden sie grob zerkleinert und gelangen schließlich in die Bandpresse. Von dort läuft der Saft in Behälter und wird weiter in große Tanks gepumpt. In der Abfüllanlage wird der Saft bei 80 bis 85 Grad in Glasflaschen gefüllt und schließlich etikettiert. Eine Flasche kann im Kreislauf vier bis fünfmal gefüllt werden. Die festen Apfelreste wandern nach draußen in eine Mulde und werden von Landwirten als Futtermittel genutzt.

Das Rübenkraut, das einst den Grundstock des Unternehmens legte, wird schon lange nicht mehr vor Ort hergestellt, sondern kommt aus Wunstorf. 1947 begann das Gründerpaar Heinz und Dorothee Oevermann mit der Produktion in Südfelde. Hier wurden die Rüben gedämpft, gemahlen und gepresst – und schließlich zu Zapp (Petershagen), Klitsch (Hille) oder Stipp (Hannover) verarbeitet. Zusammen mit Apfelsaft, aber auch Orangen- und Multivitaminsaft, Gin, Obstbränden und Honig wird es heute im Ladengeschäft verkauft, aber auch an Hofläden und Lebensmittelmärkte geliefert.

Günter und Doris Heese wollen den Betrieb weiter führen, so lange es geht, sagen sie überzeugt. Schließlich helfe die ganze Familie – Sohn Rouven, Schwiegertochter Annika und die Enkel Justus und Allegra – tatkräftig mit. Der Enkel sorgt seit kurzem dafür, dass die Mosterei auch in den sozialen Netzwerken vertreten ist. Wenn Günter Heese den Betrieb seines Saftladens, wie er ihn liebevoll nennt, erklärt, wird deutlich, wie sehr sein Herz daran hängt. Seine Frau Doris schätzt darüber hinaus die netten Gespräche mit den Kunden – und das nicht nur zur Erntezeit, sondern ganzjährig im Hofladen. Diese kommen aus Petershagen, Minden und dem gesamten Schaumburger Bereich.

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