Warum Klaus Pöhler seit 50 Jahren Gleispläne deutscher Bahnhöfe sammelt Jürgen Langenkämper Petershagen-Lahde. Andere Menschen haben Kartoffeln im Keller oder Einmachgläser. Das Untergeschoss von Klaus Pöhlers Haus in Lahde ist ein einziges Archiv – nebst kleiner Werkstatt. Wand um Wand ziehen sich die Regale hin, vierstöckig, mehr als zwei Meter hoch. Seit 50 Jahren steht des Sammlers Sinn nur nach einem: Gleispläne deutscher Bahnhöfe. Die Sammelleidenschaft fülle inzwischen wohl an die 1.000 Aktenordner, schätzt der 74-Jährige. Angefangen hat alles nicht harmlos, sondern mit einem schweren Unfall. Der gelernte Schmied – „mit 13 in die Lehre, mit 16 Geselle“ – hatte bei einer Tätigkeit als Schlosser auf dem Bau auch einen Kranführerschein gemacht. „Schon als ich noch 17 war, fahren durfte ich erst mit 18.“ Keine zwei Jahre ging das gut. „Beim Aufbau eines Kranes stürzte 1965 ein Teil herab und traf mich“, erinnert sich Klaus Pöhler an den 55 Jahre zurückliegenden Unfall. Fortan war er querschnittsgelähmt. Da war er 19. Wo für andere das Leben vorbei scheint, steckte der junge Mann den Kopf nicht in den Sand. Ein Jahr später, 1966, absolvierte er eine Umschulung zum technischen Zeichner im Nordschwarzwald. Der dortige Endbahnhof in einer Tallage faszinierte ihn. „Ich wollte ihn zu Hause nachbauen.“ Dafür beschaffte er sich einen alten Gleisplan, und der Funke der Sammelleidenschaft sprang auf ihn über. Daneben stand der Petershagener, dessen Familie aus dem Ruhrgebiet stammte und nach Frille zog, als er erst ein paar Monate alt war, beruflich seinen Mann. „Die ersten Jahre habe ich beim Rollstuhlhersteller Meyra in Vlotho gearbeitet.“ Doch dann knüpfte er während einer Fortbildung zu Schoppe & Faeser (heute: ABB) in Minden Kontakt und wechselte zu dem Spezialisten für Mess- und Regeltechnik in Minden. „Dort wurde nach Tarif gezahlt.“ So konnte er auch heiraten und trotz Behinderung ein eigenes, rollstuhlgerechtes Haus bauen – mit Fahrstuhl in den Keller. Aber er wollte nicht nur zeichnen, sondern bildete er sich zum Techniker fort. „Tagsüber habe ich bei Schoppe gearbeitet, und am Abend zu Haus Pläne im Auftrag von Verlagen angefertigt“, sagt Klaus Pöhler. Denn für sein Hobby musste er auch investieren. „Allein die ganzen Aktenordner haben ein kleines Vermögen gekostet“, macht er deutlich und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Einen Schub brachte der Ankauf des Erbes eines dänischen Gleisplansammlers, zu dem er Kontakt bekommen hatte. „Wenn Ole Evalt aus Herning auf dem Weg von Jütland in die Alpen war, hat er stets einen Tag bei mir Zwischenstation gemacht und sich in meinem Archiv umgesehen“, blickt der Lahder zurück. Denn mit 45 verstarb der Major der dänischen Armee überraschend. „Seine Witwe bot mir den Nachlass zum Kauf an.“ Da griff er zu. „Mit einem Freund habe ich die Sammlung in zwei Autofahrten hergeholt.“ Oft bekommt er aber auch Pläne geschenkt und zugeschickt, wenn Sammler versterben und die Hinterbliebenen beim Aufräumen auf die Hinterlassenschaft stoßen, die ihnen zu schade zum Wegwerfen erscheint. Denn die handgezeichneten Pläne sind Unikate und stammen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Vorkriegszeit. „Gerade erst hat mir jemand mehrere Pläne geschickt, weil er einen Artikel über mich in einer Fachzeitschrift gelesen hat“, sagt Klaus Pöhler. Aber der Absender möchte das Material gern zurückhaben. Daher kopiert der Lahder die Pläne – dafür hat er Kopierer und Scanner in seinem Reich stehen – und speichert sie inzwischen digital und zudem ausgedruckt in einem der Ordner. Was mit einem Gleisplan begann, erstreckt sich heute über zwei große Kellerräume und auch kleinere Ecken – inzwischen auch eigenhändig digital erfasst. „Das sind 22.705 Datensätze“, sagt der 74-Jährige aus dem Stegreif. „Von manchen Bahnhöfen habe ich bis zu 20 Gleispläne, von anderen nur zwei oder drei.“ Im Schnitt dürften sich von jedem Bahnhof und selbst kleinen Haltepunkten an die zehn Gleispläne aus unterschiedlichen Zeiten befinden. „Die allermeisten, rund 70 Prozent habe ich von der Deutschen Bahn selbst bekommen“, sagt Klaus Pöhler mit einem gewissen Stolz für die Anerkennung seiner Arbeit. Dazu ist er zunächst bundesweit, ab 1989 auch in der sich auflösenden DDR herumgereist und hat dabei manchen Rauswurf riskiert, aber auch viele hilfsbereite Eisenbahner kennen gelernt. „In der Bundesbahnzentrale in Frankfurt wollte mich der Pförtner nicht reinlassen, weil ich einen der oberen Zehn sprechen wollte.“ Und während sie so vor dem Eingang stritten, kam zufällig einer der oberen Zehn vorbei, hörte sich das kurz an und nahm Klaus Pöhler mit hinein. Das anschließend aufgesetzte Empfehlungsschreiben öffnete unzählige Türen bei Bundesbahn- und nach der Wende auch bei Reichsbahn-Direktionen. Nach fast 25 Jahren hörte der Lahder bei Schoppe auf und machte sich selbstständig. Seither lebte er von den Einnahmen aus dem Zeichnen von Gleisplänen. Denn – eine rechtliche Besonderheit – fotoelektrische Xerographien mit herkömmlichen Bürokopierern sind nicht erlaubt, wohl aber das Abzeichnen von Hand. So stammen heute viele Gleispläne in Büchern für Eisenbahnfreunde aus Lahde. Dabei bedient sich Klaus Pöhler seit Jahren eines Computers als Hilfsmittel in seinem Büro im Erdgeschoss. Wer nun meint, Klaus Pöhler sei ein Kellerkind, der außer eingefahrenen Gleisen nichts kenne, der muss sich getäuscht sehen. Er war lange auch ein Sportler auf internationalem Parkett. „Ich habe Basketball gespielt“, sagt der Teilnehmer von Weltmeisterschaften für Rollstuhlfahrer. So bereiste er fast ganz Europa und spielte auf Turnieren in Israel, Wales und Südspanien. Angereist ist er jedoch nicht mit der Bahn. „Meist bin mit dem eigenen Auto hingefahren, nur nach Israel musste ich fliegen.“ Daneben begründete er das Bogenschießen in der Region mit und schwingt heute noch den Badmintonschläger. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 und Juergen.Langenkaemper@MT.de

Warum Klaus Pöhler seit 50 Jahren Gleispläne deutscher Bahnhöfe sammelt

Geordnete Welt: Klaus Pöhler hat Gleispläne aller deutschen Bahnhöfe in mehr als 1.000 Ringordnern fein säuberlich abgeheftet. Sein Hauptarchiv befindet sich in einem anderen Kellerraum. MT- © Foto: Langenkämper

Petershagen-Lahde. Andere Menschen haben Kartoffeln im Keller oder Einmachgläser. Das Untergeschoss von Klaus Pöhlers Haus in Lahde ist ein einziges Archiv – nebst kleiner Werkstatt. Wand um Wand ziehen sich die Regale hin, vierstöckig, mehr als zwei Meter hoch. Seit 50 Jahren steht des Sammlers Sinn nur nach einem: Gleispläne deutscher Bahnhöfe. Die Sammelleidenschaft fülle inzwischen wohl an die 1.000 Aktenordner, schätzt der 74-Jährige.

Angefangen hat alles nicht harmlos, sondern mit einem schweren Unfall. Der gelernte Schmied – „mit 13 in die Lehre, mit 16 Geselle“ – hatte bei einer Tätigkeit als Schlosser auf dem Bau auch einen Kranführerschein gemacht. „Schon als ich noch 17 war, fahren durfte ich erst mit 18.“ Keine zwei Jahre ging das gut. „Beim Aufbau eines Kranes stürzte 1965 ein Teil herab und traf mich“, erinnert sich Klaus Pöhler an den 55 Jahre zurückliegenden Unfall. Fortan war er querschnittsgelähmt. Da war er 19.

Weichen gestellt: In Wildbad im Schwarzwald flammte Pöhlers Begeisterung auf.
Weichen gestellt: In Wildbad im Schwarzwald flammte Pöhlers Begeisterung auf.

Wo für andere das Leben vorbei scheint, steckte der junge Mann den Kopf nicht in den Sand. Ein Jahr später, 1966, absolvierte er eine Umschulung zum technischen Zeichner im Nordschwarzwald. Der dortige Endbahnhof in einer Tallage faszinierte ihn. „Ich wollte ihn zu Hause nachbauen.“ Dafür beschaffte er sich einen alten Gleisplan, und der Funke der Sammelleidenschaft sprang auf ihn über.

Daneben stand der Petershagener, dessen Familie aus dem Ruhrgebiet stammte und nach Frille zog, als er erst ein paar Monate alt war, beruflich seinen Mann. „Die ersten Jahre habe ich beim Rollstuhlhersteller Meyra in Vlotho gearbeitet.“ Doch dann knüpfte er während einer Fortbildung zu Schoppe & Faeser (heute: ABB) in Minden Kontakt und wechselte zu dem Spezialisten für Mess- und Regeltechnik in Minden. „Dort wurde nach Tarif gezahlt.“ So konnte er auch heiraten und trotz Behinderung ein eigenes, rollstuhlgerechtes Haus bauen – mit Fahrstuhl in den Keller.

Aber er wollte nicht nur zeichnen, sondern bildete er sich zum Techniker fort. „Tagsüber habe ich bei Schoppe gearbeitet, und am Abend zu Haus Pläne im Auftrag von Verlagen angefertigt“, sagt Klaus Pöhler. Denn für sein Hobby musste er auch investieren. „Allein die ganzen Aktenordner haben ein kleines Vermögen gekostet“, macht er deutlich und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Einen Schub brachte der Ankauf des Erbes eines dänischen Gleisplansammlers, zu dem er Kontakt bekommen hatte. „Wenn Ole Evalt aus Herning auf dem Weg von Jütland in die Alpen war, hat er stets einen Tag bei mir Zwischenstation gemacht und sich in meinem Archiv umgesehen“, blickt der Lahder zurück. Denn mit 45 verstarb der Major der dänischen Armee überraschend. „Seine Witwe bot mir den Nachlass zum Kauf an.“ Da griff er zu. „Mit einem Freund habe ich die Sammlung in zwei Autofahrten hergeholt.“

Oft bekommt er aber auch Pläne geschenkt und zugeschickt, wenn Sammler versterben und die Hinterbliebenen beim Aufräumen auf die Hinterlassenschaft stoßen, die ihnen zu schade zum Wegwerfen erscheint. Denn die handgezeichneten Pläne sind Unikate und stammen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Vorkriegszeit. „Gerade erst hat mir jemand mehrere Pläne geschickt, weil er einen Artikel über mich in einer Fachzeitschrift gelesen hat“, sagt Klaus Pöhler. Aber der Absender möchte das Material gern zurückhaben. Daher kopiert der Lahder die Pläne – dafür hat er Kopierer und Scanner in seinem Reich stehen – und speichert sie inzwischen digital und zudem ausgedruckt in einem der Ordner.

Was mit einem Gleisplan begann, erstreckt sich heute über zwei große Kellerräume und auch kleinere Ecken – inzwischen auch eigenhändig digital erfasst. „Das sind 22.705 Datensätze“, sagt der 74-Jährige aus dem Stegreif. „Von manchen Bahnhöfen habe ich bis zu 20 Gleispläne, von anderen nur zwei oder drei.“ Im Schnitt dürften sich von jedem Bahnhof und selbst kleinen Haltepunkten an die zehn Gleispläne aus unterschiedlichen Zeiten befinden.

„Die allermeisten, rund 70 Prozent habe ich von der Deutschen Bahn selbst bekommen“, sagt Klaus Pöhler mit einem gewissen Stolz für die Anerkennung seiner Arbeit. Dazu ist er zunächst bundesweit, ab 1989 auch in der sich auflösenden DDR herumgereist und hat dabei manchen Rauswurf riskiert, aber auch viele hilfsbereite Eisenbahner kennen gelernt. „In der Bundesbahnzentrale in Frankfurt wollte mich der Pförtner nicht reinlassen, weil ich einen der oberen Zehn sprechen wollte.“ Und während sie so vor dem Eingang stritten, kam zufällig einer der oberen Zehn vorbei, hörte sich das kurz an und nahm Klaus Pöhler mit hinein. Das anschließend aufgesetzte Empfehlungsschreiben öffnete unzählige Türen bei Bundesbahn- und nach der Wende auch bei Reichsbahn-Direktionen.

Nach fast 25 Jahren hörte der Lahder bei Schoppe auf und machte sich selbstständig. Seither lebte er von den Einnahmen aus dem Zeichnen von Gleisplänen. Denn – eine rechtliche Besonderheit – fotoelektrische Xerographien mit herkömmlichen Bürokopierern sind nicht erlaubt, wohl aber das Abzeichnen von Hand. So stammen heute viele Gleispläne in Büchern für Eisenbahnfreunde aus Lahde. Dabei bedient sich Klaus Pöhler seit Jahren eines Computers als Hilfsmittel in seinem Büro im Erdgeschoss.

Wer nun meint, Klaus Pöhler sei ein Kellerkind, der außer eingefahrenen Gleisen nichts kenne, der muss sich getäuscht sehen. Er war lange auch ein Sportler auf internationalem Parkett. „Ich habe Basketball gespielt“, sagt der Teilnehmer von Weltmeisterschaften für Rollstuhlfahrer. So bereiste er fast ganz Europa und spielte auf Turnieren in Israel, Wales und Südspanien. Angereist ist er jedoch nicht mit der Bahn. „Meist bin mit dem eigenen Auto hingefahren, nur nach Israel musste ich fliegen.“ Daneben begründete er das Bogenschießen in der Region mit und schwingt heute noch den Badmintonschläger.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 und Juergen.Langenkaemper@MT.de

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