Vom Industriedenkmal zum Einfamilienhaus: In Petershagen entsteht ein Wohntraum Claudia Hyna Petershagen-Frille. Wer rund 150 Jahre auf dem Buckel hat, darf sich auch mal Krücken gönnen. Im Falle des alten Kornspeichers in Frille sind es Metallpfosten, die das Gebäude bei der Restaurierung stützen. Dabei handelt es sich um ein Provisorium, denn Handwerker entfernen die unteren Eichenbalken samt Mauerwerk, um sie später zu ersetzen. Eine Frischzellenkur, die dem ortsbildprägenden Gebäude gut tun wird. Jean-Eric und Solenne Neidhardt bekommen für die Rundumsanierung zum Wohnhaus Fördermittel aus dem Dorferneuerungsprogramm NRW. Der Bescheid liegt noch nicht vor, die Stadt Petershagen bestätigt jedoch die Zusage. Insgesamt fließen 183.000 Euro nach Petershagen, die für sechs Vorhaben zum Erhalt ländlicher Bausubstanz eingesetzt werden. Ein Gebäude, das davon profitiert, ist der alte Kornspeicher in Frille, der auf die Zeit um 1870 datiert. Die ersten Arbeiten starteten vor zwei Wochen. Für das Projekt konnte Familie Neidhardt die Zimmerei Brüggemann und Kube aus Minden begeistern. Wo alle sagen: „Das muss weg", fange für ihn die Herausforderung an, sagt Inhaber Jürgen Kube. Im vorliegenden Fall kommt ein Abriss nicht infrage, da der Speicher unter Denkmalschutz steht. Sämtliche Arbeiten seien daher im Vorfeld mit dem zuständigen Amt abgestimmt worden. Die unteren Tragebalken sind mit der Zeit morsch geworden („Die haben ihren Dienst getan"), ebenso bröckelt das Mauerwerk. Nichts, dass nicht in einigen Wochen zu beheben wäre. Kube verwendet dazu abgelagertes Eichenholz aus der Altmark. Die Ziegelsteine werden bearbeitet und neu verfugt. „Und dann ist die Hülle wieder fertig." Nach den Zimmerleuten sind Tiefbauer, Dachdecker, Fensterbauer, Maurer, Elektriker, Klempner sowie Fliesen- und Parkettleger gefragt. Am Ende soll der Speicher als Haus mit rund 160 Quadratmetern Wohnfläche auf drei Stockwerken vermietet werden. Eine solche Nutzung sei die einzige Möglichkeit, ihn für die Nachwelt zu erhalten. Der alte Kornspeicher ist das fünfte größere Bauvorhaben der Familie Neidhardt. Auch die Entdeckung des alten Bauernhauses in Frille, das Diplom-Ingenieur Jean-Eric Neidhardt mit seiner Frau Solenne und den drei Kindern bewohnt, war Liebe auf den ersten Blick. „Wir haben es gesehen und fanden es wunderschön." Sie sind der Meinung, dass alte Häuser eine Seele haben. Stück für Stück wird das Gebäude von 1871 saniert, ebenso wie sie das zum Anwesen dazugehörige Backhaus (1890) zum Wohnhaus umfunktionierten. Während die Familie anfangs das meiste selber in die Hand nahm, gründete Solenne Neidhardt im vergangenen Jahr eine Firma. Schließlich seien sie nicht die einzigen mit Interesse an solchen besonderen Bauvorhaben. Das Paar setzt auf neue, umweltfreundliche Technik, gepaart mit natürlichen Materialien („da kommt nichts rein, was nicht zu entsorgen ist") und so viel Tageslicht wie möglich. Diese Wertschätzung sollte man den steinernen Zeugen entgegenbringen, meinen sie. Das Ergebnis ist von einem „Standardhaus" aber immer noch weit entfernt. „Man muss das mögen." Jean-Eric Neidhardt mag solche Häuser. Das Interesse daran wurde ihm geradezu in die Wiege gelegt. Sein Großvater war Tischler und Bauingenieur und sein Vater habe immer gebaut. „Und ich war mit dabei." Wenn der alte Speicher reden könnte, er hätte viel zu erzählen. Einst sei Frille ein reicher Ort gewesen, hat der 38-Jährige erfahren. Das Dorf im niedersächsischen Grenzgebiet verfügte über einen Bahnhof und eine Molkerei, die ihre Produkte bis nach Berlin lieferte. Der Speicher entstand in Fachwerkbauweise mit dem für die Region typischen Rundwalm an beiden Giebeln. Das Gebäude enthält Zwischendecken, um die unterschiedlichen Getreidesorten getrennt zu lagern. Im Erdgeschoss befanden sich Backofen und Schrotmühle sowie der Unterstellplatz für eine Kutsche. Etwa zehn Jahre lang sei der Speicher bewohnt gewesen. Zunächst waren die Briten hier während des Zweiten Weltkrieges stationiert. Zur Zeit der Polendörfer (1945 bis 1949) war Wohnraum knapp und der Speicher diente damals wohl einigen Menschen als Dach über dem Kopf. Letzte schriftliche Zeugnisse datieren auf die Zeit um 1947/48. In der Region sind nur noch wenige Kornspeicher erhalten. Am Lichtenberg in Frille handelt es sich um einen Speicher mit Ladeaufzug. Ein solches Zeitzeugnis dürfe nicht verfallen, sagt der Bauherr. Das sei schließlich unser Erbe. Indem solche Gebäude bewohnbar gemacht werden, könne man sie für das Dorf und das Dorf mit ihnen seinen Charakter erhalten. Und die Krücken, die braucht der Kornspeicher in den kommenden 150 Jahren nicht mehr.

Vom Industriedenkmal zum Einfamilienhaus: In Petershagen entsteht ein Wohntraum

Jean-Eric Neidhard MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Petershagen-Frille. Wer rund 150 Jahre auf dem Buckel hat, darf sich auch mal Krücken gönnen. Im Falle des alten Kornspeichers in Frille sind es Metallpfosten, die das Gebäude bei der Restaurierung stützen. Dabei handelt es sich um ein Provisorium, denn Handwerker entfernen die unteren Eichenbalken samt Mauerwerk, um sie später zu ersetzen. Eine Frischzellenkur, die dem ortsbildprägenden Gebäude gut tun wird.

Jean-Eric und Solenne Neidhardt bekommen für die Rundumsanierung zum Wohnhaus Fördermittel aus dem Dorferneuerungsprogramm NRW. Der Bescheid liegt noch nicht vor, die Stadt Petershagen bestätigt jedoch die Zusage. Insgesamt fließen 183.000 Euro nach Petershagen, die für sechs Vorhaben zum Erhalt ländlicher Bausubstanz eingesetzt werden. Ein Gebäude, das davon profitiert, ist der alte Kornspeicher in Frille, der auf die Zeit um 1870 datiert.

speicher Foto: hy - © hy
speicher Foto: hy - © hy

Die ersten Arbeiten starteten vor zwei Wochen. Für das Projekt konnte Familie Neidhardt die Zimmerei Brüggemann und Kube aus Minden begeistern. Wo alle sagen: „Das muss weg", fange für ihn die Herausforderung an, sagt Inhaber Jürgen Kube. Im vorliegenden Fall kommt ein Abriss nicht infrage, da der Speicher unter Denkmalschutz steht. Sämtliche Arbeiten seien daher im Vorfeld mit dem zuständigen Amt abgestimmt worden.

Die unteren Tragebalken sind mit der Zeit morsch geworden („Die haben ihren Dienst getan"), ebenso bröckelt das Mauerwerk. Nichts, dass nicht in einigen Wochen zu beheben wäre. Kube verwendet dazu abgelagertes Eichenholz aus der Altmark. Die Ziegelsteine werden bearbeitet und neu verfugt. „Und dann ist die Hülle wieder fertig." Nach den Zimmerleuten sind Tiefbauer, Dachdecker, Fensterbauer, Maurer, Elektriker, Klempner sowie Fliesen- und Parkettleger gefragt. Am Ende soll der Speicher als Haus mit rund 160 Quadratmetern Wohnfläche auf drei Stockwerken vermietet werden. Eine solche Nutzung sei die einzige Möglichkeit, ihn für die Nachwelt zu erhalten.

Der alte Kornspeicher ist das fünfte größere Bauvorhaben der Familie Neidhardt. Auch die Entdeckung des alten Bauernhauses in Frille, das Diplom-Ingenieur Jean-Eric Neidhardt mit seiner Frau Solenne und den drei Kindern bewohnt, war Liebe auf den ersten Blick. „Wir haben es gesehen und fanden es wunderschön."

Jean-Eric Neidhardt freut sich auf die Herausforderung, den historischen Speicher zu verwandeln. Das Gebäude bot auch einen Stellplatz für ein Fahrzeug. MT-Foto: Alex Lehn - © lehn
Jean-Eric Neidhardt freut sich auf die Herausforderung, den historischen Speicher zu verwandeln. Das Gebäude bot auch einen Stellplatz für ein Fahrzeug. MT-Foto: Alex Lehn - © lehn

Sie sind der Meinung, dass alte Häuser eine Seele haben. Stück für Stück wird das Gebäude von 1871 saniert, ebenso wie sie das zum Anwesen dazugehörige Backhaus (1890) zum Wohnhaus umfunktionierten. Während die Familie anfangs das meiste selber in die Hand nahm, gründete Solenne Neidhardt im vergangenen Jahr eine Firma. Schließlich seien sie nicht die einzigen mit Interesse an solchen besonderen Bauvorhaben.

Das Paar setzt auf neue, umweltfreundliche Technik, gepaart mit natürlichen Materialien („da kommt nichts rein, was nicht zu entsorgen ist") und so viel Tageslicht wie möglich. Diese Wertschätzung sollte man den steinernen Zeugen entgegenbringen, meinen sie. Das Ergebnis ist von einem „Standardhaus" aber immer noch weit entfernt. „Man muss das mögen." Jean-Eric Neidhardt mag solche Häuser. Das Interesse daran wurde ihm geradezu in die Wiege gelegt. Sein Großvater war Tischler und Bauingenieur und sein Vater habe immer gebaut. „Und ich war mit dabei."

Wenn der alte Speicher reden könnte, er hätte viel zu erzählen. Einst sei Frille ein reicher Ort gewesen, hat der 38-Jährige erfahren. Das Dorf im niedersächsischen Grenzgebiet verfügte über einen Bahnhof und eine Molkerei, die ihre Produkte bis nach Berlin lieferte. Der Speicher entstand in Fachwerkbauweise mit dem für die Region typischen Rundwalm an beiden Giebeln. Das Gebäude enthält Zwischendecken, um die unterschiedlichen Getreidesorten getrennt zu lagern. Im Erdgeschoss befanden sich Backofen und Schrotmühle sowie der Unterstellplatz für eine Kutsche.

Etwa zehn Jahre lang sei der Speicher bewohnt gewesen. Zunächst waren die Briten hier während des Zweiten Weltkrieges stationiert. Zur Zeit der Polendörfer (1945 bis 1949) war Wohnraum knapp und der Speicher diente damals wohl einigen Menschen als Dach über dem Kopf. Letzte schriftliche Zeugnisse datieren auf die Zeit um 1947/48.

In der Region sind nur noch wenige Kornspeicher erhalten. Am Lichtenberg in Frille handelt es sich um einen Speicher mit Ladeaufzug. Ein solches Zeitzeugnis dürfe nicht verfallen, sagt der Bauherr. Das sei schließlich unser Erbe. Indem solche Gebäude bewohnbar gemacht werden, könne man sie für das Dorf und das Dorf mit ihnen seinen Charakter erhalten. Und die Krücken, die braucht der Kornspeicher in den kommenden 150 Jahren nicht mehr.

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