Urwald in Petershagen: So verändert sich das Heisterholz in 300 Jahren Claudia Hyna Petershagen. Bilanz im Wald nach zehn Jahren? Förster Achim Büscher winkt ab. Um einen Fortschritt im Wildnisentwicklungsgebiet zu sehen, müssten wir uns eigentlich in knapp 300 Jahren im Heisterholz treffen. So lange braucht eine Baumgeneration – doch so viel Zeit haben wir nicht. Ein Blick auf die Fläche zeigt aber schon jetzt: „Die Urwald-Dynamik nimmt zu.“ Manch ein Laie frage sich, warum nutzen die den guten Wald nicht. Grund ist das Wildniskonzept der EU-Richtlinie von 2010, das auf die Biodiversitätskonferenz in Rio 1992 zurückgeht. Ziel ist es, dem Verlust der biologischen Vielfalt Einheit zu gebieten und als umfangreiche Kohlenstoffsenke zu fungieren. Postwendend wurden im Heisterholz 65 Hektar auf vier Flächen (von 875) zum Wildnisentwicklungsgebiet erklärt. Das bedeute, dass die Fläche aus der Bewirtschaftung herausgenommen und die Natur dort komplett sich selbst überlassen wird. In ganz NRW betreffe das 14 Prozent des Waldes. Als Ausgleich bezieht der Forstbetrieb Transferleistungen. In dem Gebiet wachsen in erster Linie Stieleichen und Hainbuchen. Der größte Teil des Heisterholzes besteht aus Kiefern. Vor allem Eichen hätten ab einem gewissen Alter einen besonders hohen Wert für den Naturschutz, erklärt der Förster. Diese hier sind rund 200 Jahre alt. Unter ihrer groben Rinde fühlt sich eine hohe Zahl an Kleinstlebewesen wohl. Sichtbar für die Waldbesucher ist vor allem der Hirschkäfer. Aber auch der Mittelspecht, desen Populationsdichte im Kreis hier am größten ist, bevorzugt diese Baumart. Dazu kommt die Hohltaube, die ihre Höhle gerne in die vom Schwarzspecht gehackten Löcher baut. Woran erkenne ich den künftigen Urwald? „Besonders auffällig ist wohl, dass es dort keine frischen Baumstümpfe gibt“, sagt Büscher. In anderen Bereichen würden bei Windbruch entstandene Schäden sofort abgearbeitet, in diesem Bereich nicht. Hier darf jeder Baum wachsen – auch die knorrigen und urigen, die anderswo nicht hätten so groß werden dürfen, bekommen eine Chance. „Der Urwald kennt kein Gut und Böse.“ Büscher legt Wert darauf, dass der Naturschutz sich nicht nur auf die Wildnisgebiete beziehe. Alt- und Totholz finde man im Heisterholz auf der gesamten Fläche. „Hier sieht man Löcher, die als Unterschlupf für Fledermäuse dienen“, zeigt er auf eine Eiche mit großen Hohlräumen. Stünde sie noch näher an der Straße, müsste sie allerdings aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden. Ein sogenanntes Monitoring, also eine Überwachung des ausgewiesenen Gebietes, sei nicht vorgesehen, kritisiert Büscher. Damit gebe es auch keine Erkenntnisse, was dieser isolierte Naturschutz bringt. Auf der Fläche, die der Natur überlassen wird, wachsen irgendwann keine Eichen mehr, prophezeit der Förster. Denn Buchen verdängen die Eichen und damit verschwinden einige Arten – bezogen auf eine Waldgeneration. Auch eine Beschilderung für die Wildnisgebiete gibt es nicht. Geplant seien sie hingegen am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. In dem Zusammenhang werde auf ein Betretungsverbot hingewiesen. Gerade in Corona-Zeiten sei das sinnvoll, findet Büscher. „Die Leute strömen geradezu in die Wälder“ – zurzeit vor allem auf der Suche nach Pilzen. Aber auch Mountainbiker, Geocacher und Spaziergänger hätten den Wald in der Zeit des heruntergefahrenen Freizeitbetriebs für sich entdeckt. Wege verlassen, Pilze sammeln, Hunde unangeleint laufen lassen, sind nur einige Ordnungswidrigkeiten, mit denen die Verantwortlichen zu tun haben. Es sei schwer, alle Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Schließlich stürzen sich die Bewohner auf die zehn Prozent Wald, die der Kreis zu bieten hat. Im Grunde sei das eine schöne Nebenwirkung. Aber ohne Regeln habe die Natur keine Chance.

Urwald in Petershagen: So verändert sich das Heisterholz in 300 Jahren

Wildnisgebiete sollen die Biodiversität der Wälder verbessern – und bieten schöne Fotomotive. Nachmachen ist nicht erwünscht, Spaziergänger sollten auf dem Weg bleiben.

Petershagen. Bilanz im Wald nach zehn Jahren? Förster Achim Büscher winkt ab. Um einen Fortschritt im Wildnisentwicklungsgebiet zu sehen, müssten wir uns eigentlich in knapp 300 Jahren im Heisterholz treffen. So lange braucht eine Baumgeneration – doch so viel Zeit haben wir nicht. Ein Blick auf die Fläche zeigt aber schon jetzt: „Die Urwald-Dynamik nimmt zu.“

Manch ein Laie frage sich, warum nutzen die den guten Wald nicht. Grund ist das Wildniskonzept der EU-Richtlinie von 2010, das auf die Biodiversitätskonferenz in Rio 1992 zurückgeht. Ziel ist es, dem Verlust der biologischen Vielfalt Einheit zu gebieten und als umfangreiche Kohlenstoffsenke zu fungieren. Postwendend wurden im Heisterholz 65 Hektar auf vier Flächen (von 875) zum Wildnisentwicklungsgebiet erklärt.

Hinter der Rinde entfaltet sich ein Lebensraum, zeigt Förster Achim Büscher. - © MT-Foto: Claudia Hyna
Hinter der Rinde entfaltet sich ein Lebensraum, zeigt Förster Achim Büscher. - © MT-Foto: Claudia Hyna

Das bedeute, dass die Fläche aus der Bewirtschaftung herausgenommen und die Natur dort komplett sich selbst überlassen wird. In ganz NRW betreffe das 14 Prozent des Waldes. Als Ausgleich bezieht der Forstbetrieb Transferleistungen. In dem Gebiet wachsen in erster Linie Stieleichen und Hainbuchen. Der größte Teil des Heisterholzes besteht aus Kiefern. Vor allem Eichen hätten ab einem gewissen Alter einen besonders hohen Wert für den Naturschutz, erklärt der Förster. Diese hier sind rund 200 Jahre alt. Unter ihrer groben Rinde fühlt sich eine hohe Zahl an Kleinstlebewesen wohl. Sichtbar für die Waldbesucher ist vor allem der Hirschkäfer. Aber auch der Mittelspecht, desen Populationsdichte im Kreis hier am größten ist, bevorzugt diese Baumart. Dazu kommt die Hohltaube, die ihre Höhle gerne in die vom Schwarzspecht gehackten Löcher baut.

Woran erkenne ich den künftigen Urwald? „Besonders auffällig ist wohl, dass es dort keine frischen Baumstümpfe gibt“, sagt Büscher. In anderen Bereichen würden bei Windbruch entstandene Schäden sofort abgearbeitet, in diesem Bereich nicht. Hier darf jeder Baum wachsen – auch die knorrigen und urigen, die anderswo nicht hätten so groß werden dürfen, bekommen eine Chance. „Der Urwald kennt kein Gut und Böse.“

Büscher legt Wert darauf, dass der Naturschutz sich nicht nur auf die Wildnisgebiete beziehe. Alt- und Totholz finde man im Heisterholz auf der gesamten Fläche. „Hier sieht man Löcher, die als Unterschlupf für Fledermäuse dienen“, zeigt er auf eine Eiche mit großen Hohlräumen. Stünde sie noch näher an der Straße, müsste sie allerdings aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden.

Ein sogenanntes Monitoring, also eine Überwachung des ausgewiesenen Gebietes, sei nicht vorgesehen, kritisiert Büscher. Damit gebe es auch keine Erkenntnisse, was dieser isolierte Naturschutz bringt. Auf der Fläche, die der Natur überlassen wird, wachsen irgendwann keine Eichen mehr, prophezeit der Förster. Denn Buchen verdängen die Eichen und damit verschwinden einige Arten – bezogen auf eine Waldgeneration.

Auch eine Beschilderung für die Wildnisgebiete gibt es nicht. Geplant seien sie hingegen am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. In dem Zusammenhang werde auf ein Betretungsverbot hingewiesen. Gerade in Corona-Zeiten sei das sinnvoll, findet Büscher. „Die Leute strömen geradezu in die Wälder“ – zurzeit vor allem auf der Suche nach Pilzen. Aber auch Mountainbiker, Geocacher und Spaziergänger hätten den Wald in der Zeit des heruntergefahrenen Freizeitbetriebs für sich entdeckt.

Wege verlassen, Pilze sammeln, Hunde unangeleint laufen lassen, sind nur einige Ordnungswidrigkeiten, mit denen die Verantwortlichen zu tun haben. Es sei schwer, alle Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Schließlich stürzen sich die Bewohner auf die zehn Prozent Wald, die der Kreis zu bieten hat. Im Grunde sei das eine schöne Nebenwirkung. Aber ohne Regeln habe die Natur keine Chance.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen