Steigende Pegel in Petershagen: Wenn die Welle kommt Oliver Plöger Petershagen-Schlüsselburg. Das Tauwetter hat wieder mehr Wasser in die Weser gespült: Dienstag lag der Pegel in Petershagen bei 3,98, gestern um 18 Uhr bei 5,32 Metern. Zuletzt war die Tendenz weiter steigend. Insbesondere in Schlüsselburg, das durch einen laut Bezirksregierung nicht mehr sicheren Deich geschützt wird, blicken die Bürger auf die Wasserstände. Einen Grund zur Panik gebe es aber nicht, wie es aus der Stabsstelle für den Hochwasserschutz bei der Stadt Petershagen heißt. Als „unkritisch“ bezeichnet deren Leiter Markus Rubin die aktuelle Hochwasserlage. Erst wenn der Pegel in Hannoversch Münden bei 5,50 Metern liegt, ändere sich die Situation: Für Schlüsselburg gebe es dann eine Hochwasser-Vorwarnung, die Leitung des in Petershagen installierten Stabs für außergewöhnliche Ereignisse (SAE) würde informiert. Sollte der Pegel im näheren Porta Westfalica dann eine Höhe von 6,42 und/oder in Petershagen 7,92 Meter erreichen, gebe es laut Rubin einen Hochwasser-Voralarm. Die Folge: In Schlüsselburg würde die Deichwache aktiviert, es gebe Abstimmungen mit der Feuerwehr, der Kreis würde mit ins Boot genommen, die Bevölkerung über einen Evakuierungsplan informiert. Geprüft würde dann auch, ob eine Großeinsatzlage vorliegt, schließlich wären 500 Menschen im Ernstfall betroffen. Evakuierungen sind ab einem Porta-Pegel von 6,80 Meter vorgesehen. Sollte am Deich Sickerwasser austreten und der Pegel weiter steigen, sogar eine Notfallevakuierung – dann muss es schnell gehen. Ganz unvorbereitet wären die Schlüsselburger nicht. Im Jahr 2019 gab es eine groß angelegte Übung. Neben den Profis der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerkes und des Deutschen Rotes Kreuzes nahmen viele Dörfler teil und stapelten Sandsäcke – wohl das wichtigste Material zur Dorfverteidigung. Tausende lagern „abrufbereit“ in einer Scheune in Deichnähe. Rubin selbst hält sich vor allem durch die Hochwasser-App „Meine Pegel“ auf dem Laufenden – die Ampel hatte bis gestern noch Grün gezeigt, in Hannoversch Münden wurden um 18 Uhr 3,20 Meter gemessen. Natürlich kann sich das rasch ändern. Bei einem so genannten „HQ häufig“ – also dem statistisch berechneten Hochwasser, das alle fünf bis 20 Jahre auftritt – ziehe sich der Risikobereich in Schlüsselburg durch die gesamte Ortslage. Grund: Das Dorf ist von drei Seiten von der Weser und von einer Seite vom Schleusenkanal umgeben. Wie aus dem Risikomanagement der Bezirksregierung hervorgeht, überflute schon das „HQ häufig“ weite Teile des Weserbogens zwischen Schlüsselburg und Wasserstraße. Die Zuwegung über die Kreisstraße 1 von Wasserstraße nach Schlüsselburg sei dann abgeschnitten. Bei einem „HQ 100“ – einem Hochwasser, das statistisch alle einhundert Jahre aufritt – kann auch der Deich nicht mehr schützen. Alle Gebäude seien dann überflutet. Hochwassergefährdet ist aber in Petershagen keinesfalls nur Schlüsselburg. Markiert hatte die Bezirksregierung auch den Bereich Heisterholz und die hier ansässige Tonindustrie, den Bereich Hävern, der durch einen vorgelagerten Leitdeich geschützt wird, oder Buchholz, dessen Bebauung in der Ortslage bis dicht an das Gewässer heranreiche. Schadenspotenzial gebe es auch in Döhren, Windheim, Jössen, Lahde und Frille. Auch die Altstadt von Petershagen sei „als besonders hochwassergefährdet zu betrachten.“ Höhere Pegelstände hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Bekannt ist das Beispiel von 1946, als besagte Altstadt von Petershagen unter Wasser stand. Und Schlüsselburg? Das Dorf war immer wieder von der Außenwelt abgeschnitten, zum Beispiel im Juli 1956, wie das Mindener Tageblatt damals berichtete: „Mit reißender Strömung wälzt sich die Weser nach Norden, an Jössen vorüber, wo die Ziegelei Bunte ringsum von Wasser eingeschlossen ist. In Schlüsselburg ist der Außendeich längst überflutet, und beim Innendeich drückt das Wasser in der ganzen Länge durch, so dass die Felder unter Wasser stehen. Nachdem der Fährbetrieb schon am Sonnabend eingestellt worden war, so dass niemand die Bahnstrecke Minden-Nienburg erreichen kann und die Wassermassen in 50 Zentimeter Höhe die Straße nach Müsleringen überschwemmen, ist seit gestern morgen auch die Verbindung mit Stolzenau unterbrochen.“ Seit August 1926, so hieß es damals von der Landwirtschaft, seien „solche Erscheinungen nicht erlebt“ worden. Solche Erscheinungen will auch heute niemand mehr erleben, wobei in Petershagen bis 2017 davon ausgegangen wurde, dass die Deiche einen ausreichenden Schutz bieten. Ein damals bei der Bezirksregierung vorgelegtes Gutachten hatte – nicht zuletzt nach den Hochwasser-Ereignisse an der Oder 20 Jahre zuvor – auf die mangelhafte Standsicherheit in Petershagen verwiesen. Mittlerweile soll zumindest der Schlüsselburger Deich saniert werden, den Zuschlag bekam ein Ingenieurbüro aus Weimar (das MT berichtete). Bei der Ausschreibung war es um die etwa sechs Kilometer lange Deichtrasse und die Anlagen zur Deichzufahrt gegangen. Mit dem Beginn der Arbeiten, so Tatjana Brast aus der Pressestelle der Stadt, sei nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2025 zu rechnen. Die Arbeiten dürften dann rund zwei Jahre dauern. Im neuen Haushaltsplan rechnet die Stadt mit 8,5 Millionen Euro Kosten, in diesem Jahr sind 450.000 Euro veranschlagt, im Jahr drauf 490.000 Euro. Die Sanierung des Deichs in Schlüsselburg, die zu 80 Prozent vom Land gefördert wird, sei vordringlich. Insgesamt müssten für den Hochwasserschutz mittelfristig zehn Millionen Euro ausgegeben werden.

Steigende Pegel in Petershagen: Wenn die Welle kommt

Noch sind in Schlüsselburg keine Schutzmaßnahmen nötig. Sollte der Pegel weiter steigen, wären aber sowohl Anwohner, Deichwachen als auch die Hilfsorganisationen gewappnet: Es gibt einen Plan. MT-Foto: Oliver Plöger © Oliver Plöger

Petershagen-Schlüsselburg. Das Tauwetter hat wieder mehr Wasser in die Weser gespült: Dienstag lag der Pegel in Petershagen bei 3,98, gestern um 18 Uhr bei 5,32 Metern. Zuletzt war die Tendenz weiter steigend. Insbesondere in Schlüsselburg, das durch einen laut Bezirksregierung nicht mehr sicheren Deich geschützt wird, blicken die Bürger auf die Wasserstände. Einen Grund zur Panik gebe es aber nicht, wie es aus der Stabsstelle für den Hochwasserschutz bei der Stadt Petershagen heißt.

Als „unkritisch“ bezeichnet deren Leiter Markus Rubin die aktuelle Hochwasserlage. Erst wenn der Pegel in Hannoversch Münden bei 5,50 Metern liegt, ändere sich die Situation: Für Schlüsselburg gebe es dann eine Hochwasser-Vorwarnung, die Leitung des in Petershagen installierten Stabs für außergewöhnliche Ereignisse (SAE) würde informiert.

Sollte der Pegel im näheren Porta Westfalica dann eine Höhe von 6,42 und/oder in Petershagen 7,92 Meter erreichen, gebe es laut Rubin einen Hochwasser-Voralarm. Die Folge: In Schlüsselburg würde die Deichwache aktiviert, es gebe Abstimmungen mit der Feuerwehr, der Kreis würde mit ins Boot genommen, die Bevölkerung über einen Evakuierungsplan informiert. Geprüft würde dann auch, ob eine Großeinsatzlage vorliegt, schließlich wären 500 Menschen im Ernstfall betroffen. Evakuierungen sind ab einem Porta-Pegel von 6,80 Meter vorgesehen. Sollte am Deich Sickerwasser austreten und der Pegel weiter steigen, sogar eine Notfallevakuierung – dann muss es schnell gehen.

Ganz unvorbereitet wären die Schlüsselburger nicht. Im Jahr 2019 gab es eine groß angelegte Übung. Neben den Profis der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerkes und des Deutschen Rotes Kreuzes nahmen viele Dörfler teil und stapelten Sandsäcke – wohl das wichtigste Material zur Dorfverteidigung. Tausende lagern „abrufbereit“ in einer Scheune in Deichnähe.

Rubin selbst hält sich vor allem durch die Hochwasser-App „Meine Pegel“ auf dem Laufenden – die Ampel hatte bis gestern noch Grün gezeigt, in Hannoversch Münden wurden um 18 Uhr 3,20 Meter gemessen. Natürlich kann sich das rasch ändern. Bei einem so genannten „HQ häufig“ – also dem statistisch berechneten Hochwasser, das alle fünf bis 20 Jahre auftritt – ziehe sich der Risikobereich in Schlüsselburg durch die gesamte Ortslage. Grund: Das Dorf ist von drei Seiten von der Weser und von einer Seite vom Schleusenkanal umgeben. Wie aus dem Risikomanagement der Bezirksregierung hervorgeht, überflute schon das „HQ häufig“ weite Teile des Weserbogens zwischen Schlüsselburg und Wasserstraße. Die Zuwegung über die Kreisstraße 1 von Wasserstraße nach Schlüsselburg sei dann abgeschnitten. Bei einem „HQ 100“ – einem Hochwasser, das statistisch alle einhundert Jahre aufritt – kann auch der Deich nicht mehr schützen. Alle Gebäude seien dann überflutet.

Hochwassergefährdet ist aber in Petershagen keinesfalls nur Schlüsselburg. Markiert hatte die Bezirksregierung auch den Bereich Heisterholz und die hier ansässige Tonindustrie, den Bereich Hävern, der durch einen vorgelagerten Leitdeich geschützt wird, oder Buchholz, dessen Bebauung in der Ortslage bis dicht an das Gewässer heranreiche. Schadenspotenzial gebe es auch in Döhren, Windheim, Jössen, Lahde und Frille. Auch die Altstadt von Petershagen sei „als besonders hochwassergefährdet zu betrachten.“

Höhere Pegelstände hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Bekannt ist das Beispiel von 1946, als besagte Altstadt von Petershagen unter Wasser stand. Und Schlüsselburg? Das Dorf war immer wieder von der Außenwelt abgeschnitten, zum Beispiel im Juli 1956, wie das Mindener Tageblatt damals berichtete: „Mit reißender Strömung wälzt sich die Weser nach Norden, an Jössen vorüber, wo die Ziegelei Bunte ringsum von Wasser eingeschlossen ist. In Schlüsselburg ist der Außendeich längst überflutet, und beim Innendeich drückt das Wasser in der ganzen Länge durch, so dass die Felder unter Wasser stehen. Nachdem der Fährbetrieb schon am Sonnabend eingestellt worden war, so dass niemand die Bahnstrecke Minden-Nienburg erreichen kann und die Wassermassen in 50 Zentimeter Höhe die Straße nach Müsleringen überschwemmen, ist seit gestern morgen auch die Verbindung mit Stolzenau unterbrochen.“ Seit August 1926, so hieß es damals von der Landwirtschaft, seien „solche Erscheinungen nicht erlebt“ worden.

Solche Erscheinungen will auch heute niemand mehr erleben, wobei in Petershagen bis 2017 davon ausgegangen wurde, dass die Deiche einen ausreichenden Schutz bieten. Ein damals bei der Bezirksregierung vorgelegtes Gutachten hatte – nicht zuletzt nach den Hochwasser-Ereignisse an der Oder 20 Jahre zuvor – auf die mangelhafte Standsicherheit in Petershagen verwiesen. Mittlerweile soll zumindest der Schlüsselburger Deich saniert werden, den Zuschlag bekam ein Ingenieurbüro aus Weimar (das MT berichtete). Bei der Ausschreibung war es um die etwa sechs Kilometer lange Deichtrasse und die Anlagen zur Deichzufahrt gegangen. Mit dem Beginn der Arbeiten, so Tatjana Brast aus der Pressestelle der Stadt, sei nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2025 zu rechnen. Die Arbeiten dürften dann rund zwei Jahre dauern.

Im neuen Haushaltsplan rechnet die Stadt mit 8,5 Millionen Euro Kosten, in diesem Jahr sind 450.000 Euro veranschlagt, im Jahr drauf 490.000 Euro. Die Sanierung des Deichs in Schlüsselburg, die zu 80 Prozent vom Land gefördert wird, sei vordringlich. Insgesamt müssten für den Hochwasserschutz mittelfristig zehn Millionen Euro ausgegeben werden.

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