Ständige Ausstellung im Herrenhaus der Glashütte Gernheim nahezu vollendet Claudia Hyna Petershagen-Ovenstädt. Clementine Schrader, Gattin des letzten Hüttendirektors, war das, was man eine gute Partie nennt. „Sehen Sie diesen silbernen Sahnelöffel? Der stammt vom Luxusjuwelier Tiffany in New York“, erklärt Museumsleiterin Dr. Katrin Holthaus. Neben vielen weiteren Stücken aus dem Haus der Fabrikantenfamilie Schrader wird das Exponat im Herrenhaus auf dem Gelände der Glashütte Gernheim gezeigt. Das Gebäude von 1812 wurde aufwendig saniert, nun ist auch die Dauerausstellung nahezu fertig. Eine kleine Sensation sind die Fotos, die dem Museum vor einem halben Jahr überlassen wurden. „Erst jetzt wissen wir, wie der Firmengründer Fritz Schrader ausgesehen hat“, sagt Holthaus. Für die Menschen, die in Gernheim arbeiten, sei das ein feierlicher Moment gewesen. Bilder der Schrader-Töchter verdeutlichten, dass Eheschließungen zwischen den Kaufmanns-Dynastien üblich waren. Die kaufmännischen Netzwerke hätten eben schon damals funktioniert, kommentiert die Leiterin. Zwölf Kinder seien in dem Herrenhaus zur Welt gekommen, auch von ihnen gebe es „endlich“ Fotos. Die Jungen und Mädchen trugen die zeittypische Kinderkleidung mit Schürzen, ein Hinweis darauf, dass sie sich nicht nach Erwachsenenvorbild, sondern lockerer kleideten. Die sukzessive Vervollständigung der Ausstellung sei nur möglich, indem Familienmitglieder immer wieder dem Museum etwas aus einem Nachlass überließen. „Dafür sind wir extrem dankbar.“ Auch die Gespräche mit Nachfahren seien wertvoll für die geschichtliche Aufarbeitung. Immer wieder kämen außerdem Menschen aus dem Ort, die Unterlagen oder Stücke aus der Geschichte der Hütte abgeben. Dem ehemaligen Rektor der Grundschule, Wilhelm Schmidt, verdanke das Museum einige schöne Exemplare seiner Sammlung, etwa Medizinglas oder Überfangscheiben. Schmidt hatte auch die erste Ausstellung in Ovenstädt im Jahr 1976 initiiert. In einem rekonstruierten Musterschrank – gebaut in der LWL-Museumswerkstatt in Dortmund – sind Exponate zu sehen, die in der Regel eindeutig Gernheimer Ursprungs sind. Ein Kerzenleuchter ist zum Beispiel ein Fund aus einer Abfallgrube. Sehr wahrscheinlich sei er in den 1860/70er Jahren hier produziert worden. Auch das Medizinglas, die Schnapsgläser, eine Milchsatte (für Dickmilch) und eine Zuckerschale werden der heimischen Hütte zugeordnet. In der Abfallgrube unterhalb der ehemaligen Küche seien Knochen aufgetaucht, die Hinweis auf den Speiseplan der Schraders geben: viel Kaninchen, aber auch Geflügel und etwas Rind und Schwein. Gegessen wurde aus „hochherrschaftlichem biedermeierlichem“ Porzellan, das zum Teil II. Wahl war, sagt Katrin Holthaus. Davon seien nur noch Bruchstücke übrig. Bei der Keramik handele es sich möglicherweise um Weserkeramik, das sei aber unerforscht. Daneben zeigt die Ausstellung einige Leihgaben des Mindener Museums, wie etwa einen Lichtschirm. Sowohl hier als auch auf einem Pokal finden sich Belege dafür, dass es in Gernheim gute Graveure gegeben haben muss. Möglich sei auch, dass die Arbeiten von Handwerkern aus Böhmen stammten, die zeitweise in der Hütte beschäftigt waren. Mit den Exponaten wolle man Schlaglichter setzen, sagt die Museumsleiterin. Neue Stücke würden immer wieder ein neues Licht auf die Historie der Glasmachertradition in Ovenstädt werfen. Gezeigt werden in weiteren Räumen alte Türbeschläge, außerdem Ton- und Torfziegel. Letztere waren günstiger, isolierten gegen Kälte und waren leichter als Lehmziegel, so dass sie die Balken des Untergeschosses weniger belasteten und dort eingesetzt wurden, weiß die Expertin. Sehenswert sind aber nicht nur die Ausstellungsstücke, sondern auch die Rekonstruktionen des historischen Zustands des Herrenhauses. Diese sind kenntlich gemacht worden. Daher blieben nicht nur die alten Dekorationen erhalten, sondern Stahlträger wurden offen eingesetzt. Am Treppenaufgang ist Tapetenmakulatur erkennbar, in einem weiteren Zimmer finden sich Tapetenreste verschiedener Epochen. Bei der baulichen Erforschung des Herrenhauses konnten dekorative Malereien und Tapetenfragmente gesichert werden. Sie erlaubten eine Rekonstruktion der Wandgestaltung in einigen Räumen des Hauses. Die historischen Tapeten wurden im Handdruckverfahren mit Holzmodeln gemäß historischer Befunde gedruckt. Das Ergebnis zeige, welch „erlesenes Handwerk die Formstecherei ist“, fügt Katrin Holthaus an. Nach langer coronabedingter Flaute sind die Menschen derzeit offenbar stark interessiert an Kultur aller Art: die Führungen durch die beiden Sonderausstellungen in Gernheim sind oft ausgebucht, vermeldet Katrin Holthaus. Die Nachfrage, auch nach Feierabendführungen, sei insgesamt groß. Und in den Ferien ist auf dem gesamten Gelände wieder jede Menge Betrieb. So zeigen unter anderem zahlreiche Eltern ihren Kindern, wie Handwerk früher funktionierte. Leider sei der neue Schmelzofen immer noch nicht eingebaut, bedauert die Chefin. Der sei ein unverzichtbarer Anziehungspunkt für viele Gäste, dessen Reparatur bald abgeschlossen sei. Bis dahin kann man Glasgraveuren wie Heikko Schulze Höing über die Schulter schauen. Was er an den bis zu 250 Jahre alten Maschinen anstellt, ist eindrucksvoll. Geöffnet sind die Gebäude aktuell Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen in der Zeit von 10 bis 18 Uhr.

Ständige Ausstellung im Herrenhaus der Glashütte Gernheim nahezu vollendet

Museumsleiterin Katrin Holthaus zeigt eine der Vitrinen der neuen Dauerausstellung im Herrenhaus. MT-Fotos: Alex Lehn © lehn

Petershagen-Ovenstädt. Clementine Schrader, Gattin des letzten Hüttendirektors, war das, was man eine gute Partie nennt. „Sehen Sie diesen silbernen Sahnelöffel? Der stammt vom Luxusjuwelier Tiffany in New York“, erklärt Museumsleiterin Dr. Katrin Holthaus. Neben vielen weiteren Stücken aus dem Haus der Fabrikantenfamilie Schrader wird das Exponat im Herrenhaus auf dem Gelände der Glashütte Gernheim gezeigt. Das Gebäude von 1812 wurde aufwendig saniert, nun ist auch die Dauerausstellung nahezu fertig.

Eine kleine Sensation sind die Fotos, die dem Museum vor einem halben Jahr überlassen wurden. „Erst jetzt wissen wir, wie der Firmengründer Fritz Schrader ausgesehen hat“, sagt Holthaus. Für die Menschen, die in Gernheim arbeiten, sei das ein feierlicher Moment gewesen. Bilder der Schrader-Töchter verdeutlichten, dass Eheschließungen zwischen den Kaufmanns-Dynastien üblich waren. Die kaufmännischen Netzwerke hätten eben schon damals funktioniert, kommentiert die Leiterin. Zwölf Kinder seien in dem Herrenhaus zur Welt gekommen, auch von ihnen gebe es „endlich“ Fotos. Die Jungen und Mädchen trugen die zeittypische Kinderkleidung mit Schürzen, ein Hinweis darauf, dass sie sich nicht nach Erwachsenenvorbild, sondern lockerer kleideten.

Die sukzessive Vervollständigung der Ausstellung sei nur möglich, indem Familienmitglieder immer wieder dem Museum etwas aus einem Nachlass überließen. „Dafür sind wir extrem dankbar.“ Auch die Gespräche mit Nachfahren seien wertvoll für die geschichtliche Aufarbeitung. Immer wieder kämen außerdem Menschen aus dem Ort, die Unterlagen oder Stücke aus der Geschichte der Hütte abgeben. Dem ehemaligen Rektor der Grundschule, Wilhelm Schmidt, verdanke das Museum einige schöne Exemplare seiner Sammlung, etwa Medizinglas oder Überfangscheiben. Schmidt hatte auch die erste Ausstellung in Ovenstädt im Jahr 1976 initiiert.

In einem rekonstruierten Musterschrank – gebaut in der LWL-Museumswerkstatt in Dortmund – sind Exponate zu sehen, die in der Regel eindeutig Gernheimer Ursprungs sind. Ein Kerzenleuchter ist zum Beispiel ein Fund aus einer Abfallgrube. Sehr wahrscheinlich sei er in den 1860/70er Jahren hier produziert worden. Auch das Medizinglas, die Schnapsgläser, eine Milchsatte (für Dickmilch) und eine Zuckerschale werden der heimischen Hütte zugeordnet. In der Abfallgrube unterhalb der ehemaligen Küche seien Knochen aufgetaucht, die Hinweis auf den Speiseplan der Schraders geben: viel Kaninchen, aber auch Geflügel und etwas Rind und Schwein.

Gegessen wurde aus „hochherrschaftlichem biedermeierlichem“ Porzellan, das zum Teil II. Wahl war, sagt Katrin Holthaus. Davon seien nur noch Bruchstücke übrig. Bei der Keramik handele es sich möglicherweise um Weserkeramik, das sei aber unerforscht.

Daneben zeigt die Ausstellung einige Leihgaben des Mindener Museums, wie etwa einen Lichtschirm. Sowohl hier als auch auf einem Pokal finden sich Belege dafür, dass es in Gernheim gute Graveure gegeben haben muss. Möglich sei auch, dass die Arbeiten von Handwerkern aus Böhmen stammten, die zeitweise in der Hütte beschäftigt waren. Mit den Exponaten wolle man Schlaglichter setzen, sagt die Museumsleiterin. Neue Stücke würden immer wieder ein neues Licht auf die Historie der Glasmachertradition in Ovenstädt werfen.

Gezeigt werden in weiteren Räumen alte Türbeschläge, außerdem Ton- und Torfziegel. Letztere waren günstiger, isolierten gegen Kälte und waren leichter als Lehmziegel, so dass sie die Balken des Untergeschosses weniger belasteten und dort eingesetzt wurden, weiß die Expertin. Sehenswert sind aber nicht nur die Ausstellungsstücke, sondern auch die Rekonstruktionen des historischen Zustands des Herrenhauses. Diese sind kenntlich gemacht worden. Daher blieben nicht nur die alten Dekorationen erhalten, sondern Stahlträger wurden offen eingesetzt. Am Treppenaufgang ist Tapetenmakulatur erkennbar, in einem weiteren Zimmer finden sich Tapetenreste verschiedener Epochen.

Bei der baulichen Erforschung des Herrenhauses konnten dekorative Malereien und Tapetenfragmente gesichert werden. Sie erlaubten eine Rekonstruktion der Wandgestaltung in einigen Räumen des Hauses. Die historischen Tapeten wurden im Handdruckverfahren mit Holzmodeln gemäß historischer Befunde gedruckt. Das Ergebnis zeige, welch „erlesenes Handwerk die Formstecherei ist“, fügt Katrin Holthaus an.

Nach langer coronabedingter Flaute sind die Menschen derzeit offenbar stark interessiert an Kultur aller Art: die Führungen durch die beiden Sonderausstellungen in Gernheim sind oft ausgebucht, vermeldet Katrin Holthaus. Die Nachfrage, auch nach Feierabendführungen, sei insgesamt groß. Und in den Ferien ist auf dem gesamten Gelände wieder jede Menge Betrieb. So zeigen unter anderem zahlreiche Eltern ihren Kindern, wie Handwerk früher funktionierte.

Leider sei der neue Schmelzofen immer noch nicht eingebaut, bedauert die Chefin. Der sei ein unverzichtbarer Anziehungspunkt für viele Gäste, dessen Reparatur bald abgeschlossen sei. Bis dahin kann man Glasgraveuren wie Heikko Schulze Höing über die Schulter schauen. Was er an den bis zu 250 Jahre alten Maschinen anstellt, ist eindrucksvoll. Geöffnet sind die Gebäude aktuell Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen in der Zeit von 10 bis 18 Uhr.

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