Spur eines Verbrechens: Alter Brotschneider zeugt von der Deportation der jüdischen Familie Hertz Jürgen Langenkämper Petershagen. Ein Alltagsgegenstand, wie er früher in fast jedem Haushalt in Petershagen zu finden war, hat Eingang in ein kleines Buch über Gedenkstätten in NRW gefunden: die Brotschneidemaschine aus der Alten Synagoge. Das im vergangenen Jahr erschienene Büchlein „Mehr als man kennt – näher als man denkt“ erzählt in 29 kurzen Geschichten Aspekte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung im Rheinland und in Westfalen und weist so auf 29 Gedenkstätten zwischen der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel und Petershagen an der Weser hin. „Die Brotschneidemaschine gehörte der Familie Hertz, die in der Fährstraße 6 lebte und im Sommer 1942 deportiert wurde“, berichtet Wolfgang Battermann von der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge. Beim Abschied überreichte Grete Hertz das Haushaltsgerät ihrem Nachbarn, dem Schmied Carl Ballhaus, mit den Worten: „Herr Ballhaus, wir brauchen die Maschine hier nicht mehr, und mitnehmen dürfen wir sie auch nicht. Heben Sie sie für uns auf, und falls wir wiederkommen, weiß ich, dass wir sie von Ihnen wiederbekommen!“. Das war an 30. Juli 1942. Am folgenden Tag wurden Grete Hertz und ihr Mann Viktor mit den Zwillingen Hanni und Siegbert abgeholt – sie sollten nie mehr zurückkehren, wie auch nicht der ältere Sohn Erich, der bereits ein halbes Jahr zuvor, am Silvesterabend 1941, nach Riga verschleppt worden war. Von Münster aus wurde der Rest der Familie Hertz nach Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Jahre lebten. „Am 6. Oktober 1944 wurden alle vier zusammen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich sofort ermordet wurden“, sagt Wolfgang Battermann über das traurige Schicksal eines jüdischen Ehepaares aus Petershagen mit seinen Kindern. Das Vertrauen, das Grete Hertz zeigte, als sie Carl Ballhaus den einfachen Hebelarm-Brotschneider übergab, war in doppelter Hinsicht nicht unbegründet. Schon vier Jahre vorher, in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, hatte der Schmied seine Solidarität und seinen Mut unter Beweis gestellt, als er beherzt einschritt und einen Brand löschte, der sonst das Haus der jüdischen Nachbarsfamilie vernichtet hätte. Die Brotmaschine aber hütete Carl Ballhaus zeit seines Lebens, als habe er die Hoffnung auf eine Rückkehr der Nachbarn nie aufgegeben. Und in der Familie Ballhaus blieb der schlichte Haushaltsgegenstand samt seiner Geschichte auch nach dem Tod des Schmieds. Er vererbte sie seinem Sohn Karlheinz, der sie seinerseits an seine Tochter Anette Ballhaus weitergab. Nach deren Tod 2009 in Oldenburg sorgten ihr aus Petershagen stammender Lebensgefährte Helmut Ollmetzer und zwei Freunde, Dieter Schmidt aus Heiligenhafen und Ursula Busse aus Petershagen, dafür, dass die unscheinbare Brotschneidemaschine der Firma Friedrich Wilhelm Drux aus Mönchengladbach nicht auf dem Müll oder einem Flohmarkt landete, sondern als Erinnerungsstück an die Familie Hertz erhalten blieb und ihren Weg zurück nach Petershagen fand. Vor zehn Jahren übergaben sie dank der Vermittlung des damaligen Vorsitzenden des Vereins „Rast im Knast“, Bernhard Brey, den Haushaltsgegenstand mit historischer Bedeutung an die Alte Synagoge. Die besondere Ausdruckskraft des Hertzschen Brotschneiders verhindert auf ganz unnachahmliche Art, dass die Spuren nationalsozialistischer Verbrechen vor jüngeren Generationen verwischt werden. Die menschliche Seite des Leidens wird daran ebenso sichtbar wie die – unerfüllten – Hoffnungen, die Überlebende hegten. Durch die Verwahrung des ihnen anvertrauten Gutes verhinderten sie, dass die Opfer des Holocaust in Vergessenheit gerieten. Die Zusammenstellung von 29 Objektgeschichten im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung rückt auch die Alte Synagoge Petershagen aus der Peripherie Nordrhein-Westfalens in den Fokus neben weitaus größeren Gedenkstätten in zentraler Lage. Die Darstellungsweise mit einem Foto des Objektes auf der einen Seite und einem bewusst kurzgehaltenen Text auf einer zweiten Seite erleichtert auch jüngeren Lesern den schnellen Zugang. Der parlamentarische Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Klaus Kaiser (CDU), hat einen Leitartikel zur Gedenkstättenarbeit geschrieben, und der Vorsitzende des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW, Alfons Kenkmann, stellt den Gedanken vor, die Einrichtungen als Werkstätten der Erinnerungs- und Geschichtskultur zu nutzen. Das Buch ist online einsehbar unter: https://www.politische-bildung.nrw.de/erinnern/mehr-als-man-kennt-naeher-als-man-denkt

Spur eines Verbrechens: Alter Brotschneider zeugt von der Deportation der jüdischen Familie Hertz

Ein Relikt, das viel zu erzählen hat: Die alte Brotschneidemaschine der Firma Drux erinnert in der Alten Synagoge an die Deportation der jüdischen Familie Hertz. Neuerdings taucht sie in einem Buch auf. Foto: Wolfgang Battermann/pr © Wolfgang Battermann/pr

Petershagen. Ein Alltagsgegenstand, wie er früher in fast jedem Haushalt in Petershagen zu finden war, hat Eingang in ein kleines Buch über Gedenkstätten in NRW gefunden: die Brotschneidemaschine aus der Alten Synagoge. Das im vergangenen Jahr erschienene Büchlein „Mehr als man kennt – näher als man denkt“ erzählt in 29 kurzen Geschichten Aspekte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung im Rheinland und in Westfalen und weist so auf 29 Gedenkstätten zwischen der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel und Petershagen an der Weser hin.

„Die Brotschneidemaschine gehörte der Familie Hertz, die in der Fährstraße 6 lebte und im Sommer 1942 deportiert wurde“, berichtet Wolfgang Battermann von der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge. Beim Abschied überreichte Grete Hertz das Haushaltsgerät ihrem Nachbarn, dem Schmied Carl Ballhaus, mit den Worten: „Herr Ballhaus, wir brauchen die Maschine hier nicht mehr, und mitnehmen dürfen wir sie auch nicht. Heben Sie sie für uns auf, und falls wir wiederkommen, weiß ich, dass wir sie von Ihnen wiederbekommen!“.

Das war an 30. Juli 1942. Am folgenden Tag wurden Grete Hertz und ihr Mann Viktor mit den Zwillingen Hanni und Siegbert abgeholt – sie sollten nie mehr zurückkehren, wie auch nicht der ältere Sohn Erich, der bereits ein halbes Jahr zuvor, am Silvesterabend 1941, nach Riga verschleppt worden war. Von Münster aus wurde der Rest der Familie Hertz nach Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Jahre lebten. „Am 6. Oktober 1944 wurden alle vier zusammen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich sofort ermordet wurden“, sagt Wolfgang Battermann über das traurige Schicksal eines jüdischen Ehepaares aus Petershagen mit seinen Kindern.

Das Vertrauen, das Grete Hertz zeigte, als sie Carl Ballhaus den einfachen Hebelarm-Brotschneider übergab, war in doppelter Hinsicht nicht unbegründet. Schon vier Jahre vorher, in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, hatte der Schmied seine Solidarität und seinen Mut unter Beweis gestellt, als er beherzt einschritt und einen Brand löschte, der sonst das Haus der jüdischen Nachbarsfamilie vernichtet hätte.

Die Brotmaschine aber hütete Carl Ballhaus zeit seines Lebens, als habe er die Hoffnung auf eine Rückkehr der Nachbarn nie aufgegeben. Und in der Familie Ballhaus blieb der schlichte Haushaltsgegenstand samt seiner Geschichte auch nach dem Tod des Schmieds. Er vererbte sie seinem Sohn Karlheinz, der sie seinerseits an seine Tochter Anette Ballhaus weitergab.

Nach deren Tod 2009 in Oldenburg sorgten ihr aus Petershagen stammender Lebensgefährte Helmut Ollmetzer und zwei Freunde, Dieter Schmidt aus Heiligenhafen und Ursula Busse aus Petershagen, dafür, dass die unscheinbare Brotschneidemaschine der Firma Friedrich Wilhelm Drux aus Mönchengladbach nicht auf dem Müll oder einem Flohmarkt landete, sondern als Erinnerungsstück an die Familie Hertz erhalten blieb und ihren Weg zurück nach Petershagen fand. Vor zehn Jahren übergaben sie dank der Vermittlung des damaligen Vorsitzenden des Vereins „Rast im Knast“, Bernhard Brey, den Haushaltsgegenstand mit historischer Bedeutung an die Alte Synagoge.

Die besondere Ausdruckskraft des Hertzschen Brotschneiders verhindert auf ganz unnachahmliche Art, dass die Spuren nationalsozialistischer Verbrechen vor jüngeren Generationen verwischt werden. Die menschliche Seite des Leidens wird daran ebenso sichtbar wie die – unerfüllten – Hoffnungen, die Überlebende hegten. Durch die Verwahrung des ihnen anvertrauten Gutes verhinderten sie, dass die Opfer des Holocaust in Vergessenheit gerieten.

Die Zusammenstellung von 29 Objektgeschichten im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung rückt auch die Alte Synagoge Petershagen aus der Peripherie Nordrhein-Westfalens in den Fokus neben weitaus größeren Gedenkstätten in zentraler Lage. Die Darstellungsweise mit einem Foto des Objektes auf der einen Seite und einem bewusst kurzgehaltenen Text auf einer zweiten Seite erleichtert auch jüngeren Lesern den schnellen Zugang. Der parlamentarische Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Klaus Kaiser (CDU), hat einen Leitartikel zur Gedenkstättenarbeit geschrieben, und der Vorsitzende des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW, Alfons Kenkmann, stellt den Gedanken vor, die Einrichtungen als Werkstätten der Erinnerungs- und Geschichtskultur zu nutzen.

Das Buch ist online einsehbar unter: https://www.politische-bildung.nrw.de/erinnern/mehr-als-man-kennt-naeher-als-man-denkt

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