So werden Überfangscheiben auf traditionelle Art gefertigt Claudia Hyna Petershagen-Ovenstädt. Ein Hingucker der neuen Dauerausstellung in Gernheim ist ein restauriertes Fenster mit um 1850 angefertigten Überfangscheiben aus dem Familienbesitz der Schraders. Selten sei ein Stück so eindeutig der historischen Glashütte zuzuordnen gewesen, sagt Museumsleiterin Katrin Holthaus. Vor zwei Jahren hat die Familie das Exponat dem Museum überlassen, nun wird es erstmals ausgestellt. Zeit seines Lebens sei es eingebaut gewesen, so Holthaus, zuletzt in einem Privathaus in Bielefeld. Aufgrund von Ofentausch und Reparaturen ruht die Produktion am Schmelzofen. In der Schleiferei stellt Graveur Heikko Schulze Höing momentan vor allem die typischen farbigen Überfangscheiben her. Als Vorlage dienen ihm Originale aus dem Besitz der Fabrikantenfamilie. Häufig würden die Überfangscheiben als Gernheimer Scheiben bezeichnet, weil sie so typisch für die Region sind. Geschliffen werden sie aber auch an anderen Orten. Bis heute wird das mundgeblasene Glas dafür in einer deutschen Hütte produziert, und zwar in der Glashütte Lamberts in Waldsassen. Schulze Höing verarbeitet das mundgeblasene Flachglas zu bunten Scheiben mit Dekor, das Ergebnis wird später im Museumsshop verkauft. Das Flachglas wird bei Lamberts traditionell im Mundblasverfahren hergestellt. Zunächst wird ein Glaszylinder geblasen, der wird im Streckofen erneut erwärmt und zu Tafeln von 60 mal 90 Zentimetern geöffnet. In dieser Form kommen die bunten Gläser in Gernheim an. Schulze Höing schneidet sie für die Dekorscheibe auf zehn mal zehn Zentimeter zu. Diese besteht aus der klaren Glasschicht und der Farbglasschicht. Beim Schliff von der farbigen Seite entsteht ein schöner Kontrast von Dekor und Überfang, so der Experte. Zunächst zeichnet er das Dekor mit wasserfester Tusche ab und paust dann das Muster durch, bevor er es überträgt. Dann folgen drei Schritte: das Vorreißen der groben Scheiben, das Feinmachen sowie die Politur. Im zweiten Schritt läuft ständig Wasser über den Rohstoff, damit das Glas nicht zu heiß wird und bricht. Zum Polieren verwendet er eine Paste aus Pappelholz und Bimsmehl. Der Reiz entstehe durch das Zusammenspiel des matten Schliffs mit den wenigen polierten Stellen. „Das ergibt den funkelnden, edelsteinartigen Effekt.“ Schulze Höing benötigt eine halbe Stunde, um das Dekor aufzubringen. In den Anfangsjahren der Glashütte hätte das wesentlich länger gedauert, da statt Diamanträdern solche aus Kupfer verwendet wurden. Die Maschinen müssen einmal im Jahr gewartet werden. „Sie sind rund 250 Jahre alt – und halten, halten und halten“, beschreibt er die unverwüstlichen Apparate. Etwa 30 unterschiedliche Dekore sind im Programm. Wenn es nach dem Wunsch der Museumschefin geht, sollen künftig eigene Muster am Standort Ovenstädt entwickelt werden. Heikko Schulze Höing sei ein kreativer Kopf, anhand alter Musterbücher könne er neue Dekore gestalten. Die am häufigsten eingesetzte Farbe sei mit Abstand kobaltblau, danach kommt kupferrubin. Die besondere Wirkung der Scheibe entstehe durch den Einfall des Lichts – daher wird sie von den Kunden meist ins Fenster gehängt. Ansonsten sei ein starker Kontrast zwischen Farbglas und klarem Glas entscheidend für den Effekt. Wenn der Überfang weniger stark sei, gebe es einen Verlauf der Farbe. Seit 22 Jahren werden in Gernheim wieder Überfangscheiben angefertigt. Noch vor 20 bis 40 Jahren hätten viele Leute alte Exemplare weggeschmissen, weiß Schulze Höing. „Heute ist der Zeitgeist ein anderer.“ Heißt, Relikte aus der guten alten Zeit sind gefragt. Etwa alle 14 Tage erhält er eine Anfrage. Früher fanden sich die Überfangscheiben vor allem in Bahnhöfen, Wintergärten und auf den Dielen der Bauernhäuser – und dort, wo Sprossenfenster verbaut waren.

So werden Überfangscheiben auf traditionelle Art gefertigt

schulze höing Foto: lehn © lehn

Petershagen-Ovenstädt. Ein Hingucker der neuen Dauerausstellung in Gernheim ist ein restauriertes Fenster mit um 1850 angefertigten Überfangscheiben aus dem Familienbesitz der Schraders. Selten sei ein Stück so eindeutig der historischen Glashütte zuzuordnen gewesen, sagt Museumsleiterin Katrin Holthaus. Vor zwei Jahren hat die Familie das Exponat dem Museum überlassen, nun wird es erstmals ausgestellt. Zeit seines Lebens sei es eingebaut gewesen, so Holthaus, zuletzt in einem Privathaus in Bielefeld.

Aufgrund von Ofentausch und Reparaturen ruht die Produktion am Schmelzofen. In der Schleiferei stellt Graveur Heikko Schulze Höing momentan vor allem die typischen farbigen Überfangscheiben her. Als Vorlage dienen ihm Originale aus dem Besitz der Fabrikantenfamilie. Häufig würden die Überfangscheiben als Gernheimer Scheiben bezeichnet, weil sie so typisch für die Region sind. Geschliffen werden sie aber auch an anderen Orten. Bis heute wird das mundgeblasene Glas dafür in einer deutschen Hütte produziert, und zwar in der Glashütte Lamberts in Waldsassen. Schulze Höing verarbeitet das mundgeblasene Flachglas zu bunten Scheiben mit Dekor, das Ergebnis wird später im Museumsshop verkauft.

Die Überfangscheiben sind vor allem in der Farbe Kobaltblau beliebt. - © y
Die Überfangscheiben sind vor allem in der Farbe Kobaltblau beliebt. - © y

Das Flachglas wird bei Lamberts traditionell im Mundblasverfahren hergestellt. Zunächst wird ein Glaszylinder geblasen, der wird im Streckofen erneut erwärmt und zu Tafeln von 60 mal 90 Zentimetern geöffnet. In dieser Form kommen die bunten Gläser in Gernheim an. Schulze Höing schneidet sie für die Dekorscheibe auf zehn mal zehn Zentimeter zu. Diese besteht aus der klaren Glasschicht und der Farbglasschicht. Beim Schliff von der farbigen Seite entsteht ein schöner Kontrast von Dekor und Überfang, so der Experte.

Zunächst zeichnet er das Dekor mit wasserfester Tusche ab und paust dann das Muster durch, bevor er es überträgt. Dann folgen drei Schritte: das Vorreißen der groben Scheiben, das Feinmachen sowie die Politur. Im zweiten Schritt läuft ständig Wasser über den Rohstoff, damit das Glas nicht zu heiß wird und bricht. Zum Polieren verwendet er eine Paste aus Pappelholz und Bimsmehl. Der Reiz entstehe durch das Zusammenspiel des matten Schliffs mit den wenigen polierten Stellen. „Das ergibt den funkelnden, edelsteinartigen Effekt.“

Schulze Höing benötigt eine halbe Stunde, um das Dekor aufzubringen. In den Anfangsjahren der Glashütte hätte das wesentlich länger gedauert, da statt Diamanträdern solche aus Kupfer verwendet wurden. Die Maschinen müssen einmal im Jahr gewartet werden. „Sie sind rund 250 Jahre alt – und halten, halten und halten“, beschreibt er die unverwüstlichen Apparate.

Etwa 30 unterschiedliche Dekore sind im Programm. Wenn es nach dem Wunsch der Museumschefin geht, sollen künftig eigene Muster am Standort Ovenstädt entwickelt werden. Heikko Schulze Höing sei ein kreativer Kopf, anhand alter Musterbücher könne er neue Dekore gestalten. Die am häufigsten eingesetzte Farbe sei mit Abstand kobaltblau, danach kommt kupferrubin.

Die besondere Wirkung der Scheibe entstehe durch den Einfall des Lichts – daher wird sie von den Kunden meist ins Fenster gehängt. Ansonsten sei ein starker Kontrast zwischen Farbglas und klarem Glas entscheidend für den Effekt. Wenn der Überfang weniger stark sei, gebe es einen Verlauf der Farbe.

Seit 22 Jahren werden in Gernheim wieder Überfangscheiben angefertigt. Noch vor 20 bis 40 Jahren hätten viele Leute alte Exemplare weggeschmissen, weiß Schulze Höing. „Heute ist der Zeitgeist ein anderer.“ Heißt, Relikte aus der guten alten Zeit sind gefragt. Etwa alle 14 Tage erhält er eine Anfrage. Früher fanden sich die Überfangscheiben vor allem in Bahnhöfen, Wintergärten und auf den Dielen der Bauernhäuser – und dort, wo Sprossenfenster verbaut waren.

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