Sigrid Krueger Young nicht mehr im Schlaganfallbüro: Doch das Herzensthema bleibt Oliver Plöger Petershagen. Homeoffice gehört für Sigrid Krueger-Young aus Gorspen-Vahlsen nicht erst seit Corona zum Alltag. Die Geschicke des Schlaganfallbüros des Johannes-Wesling-Klinikums (JWK) hat sie immer von zuhause aus gelenkt. „Das war ja nicht an feste Bürozeiten gebunden“, sagt die 65-Jährige. „Außerdem wollen die Menschen, die gerade raus sind aus dem Klinikum, nicht unbedingt sofort wieder zurück.“ Für ihr Herzensthema war sie nahezu rund um die Uhr erreichbar und hält demonstrativ das Handy hoch – doch irgendwann muss Schluss sein. Sigrid Krueger-Young ist jetzt offiziell in den Ruhestand gegangen, wohl wissend, dass der Ruhestand nicht allzu ruhig und dass sie das Thema Schlaganfall noch weiter beschäftigen wird. Das Büro, offiziell beheimatet an der Klinik für Neurologie am JWK, hatte die im Mindener Krankenhaus gelernte Krankenschwester seit Oktober 2012 geleitet. „Jedes mal, wenn ich eine Beratung am Telefon hatte oder Menschen gegenüber stand, denen ich dann wirklich helfen konnte und die dankbar waren, war das eine tolle Erfahrung.“Nach ihrer Ausbildung habe sie auf Intensivstationen gearbeitet, ging 1991 nach England und erlebte die Entwicklung der Schlaganfall-Therapien mit, auch in Deutschland die ersten Schlaganfallstationen. „Davor wurden Leute als geheilt entlassen, wenn sie ihren Finger bewegen konnten.“ Jetzt sollte es auch um die Teilnahme am Leben gehen, um Reha-Möglichkeiten, Hilfsmittel, Selbsthilfegruppen und – ganz wichtig – um Selbstvertrauen.Natürlich habe es auch schlimme Erfahrungen gegeben, gerade zuletzt, als ein langjähriger Patient und Freund verstorben ist, einer, der motivieren konnte, sich gegen den Schlaganfall gestemmt hatte, selbst Mut gefasst und anderen Mut machen wollte. Und nein, er sei nicht an den Folgen des Schlaganfalls gestorben, auch wenn die heftig waren – es war Krebs.„Ich weiß, dass einige, die als Patienten zu uns gekommen sind, ihre Potenziale dann auch entfaltet haben und anderen ihre Erfahrungen weitergegeben haben.“ Denn keinesfalls sei das Leben nach einem Schlaganfall vorbei, ist sich Sigrid Krueger-Young sicher. Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass es manchmal bis zu zwei Jahre dauern kann, bis Betroffene selber um Hilfe bitten. Grund oft: "Wegen ihrer Sprachstörung, die nach einem Schlaganfall möglich ist, trauen sie sich nicht unter Leute. Dabei ist das Miteinander und das Reden in Ruhe ist so wichtig“, sagt Sigrid Krueger-Young. Als sie das Schlaganfallbüro übernahm, galt die Einrichtung bereits als Institution: Die erste Schlaganfalleinheit („Stroke-Unit“) hatte Professor Dr. Otto Busse 1996 am Klinikum ins Leben gerufen, 1997 gab es dann einen Förderverein, 1998 das erste Schlaganfallbüro Deutschlands, damals noch über die Parität gesteuert. Parallel gründeten sich Schlaganfall-Selbsthilfegruppen, angeleitet durch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Auch Co-Betroffene – Angehörige, Freunde oder Nachbarn – wurden betreut.Ansprechpartnerin nach dem Schlaganfall sein, Besuche auf den Stationen, Alltagstipps geben, Vorträge halten, Hilfen und Selbsthilfen vermitteln – genau das waren dann auch die Aufgaben von Sigrid Krueger-Young: „Im Durchschnitt hatte ich jede Woche zwei, drei Beratungen, mal mehr, mal weniger. Diese Gespräche liefen dann nicht nur zehn Minuten, manchmal auch eine Stunde oder sie riefen noch einmal an.“ Immer wieder hatte Sigrid Krueger-Young auch Angehörige begleitet, während die Partner in der Reha oder im Krankenhaus waren. Natürlich könne sie nicht alles machen. Sinnvoll wäre der Einsatz spezieller Lotsen, die es auch schon am Klinikum gab und die sich auf die Alltagsbegleitung spezialisiert hatten. „Ein wirklich gutes Modell“, sagt Sigrid Krueger-Young, die bedauert, dass dieses Projekt aus Kostengründen eingestellt worden war.Das Wissen über den Schlaganfall ist Sigrid Krueger-Young wichtig, etwa, dass jeder Schlaganfall ein Notfall ist und jede Minute zählt. Und dass jeder die Schlaganfallsymptome erkennt: die plötzliche Sehstörung, Probleme mit der Sprache, Taubheitsgefühle, Schwindel, sehr starker Kopfschmerz. Wichtig sind ihr auch die Schlaganfallkinder, organisiert im Verein „Schaki“, zu dem Sigrid Krueger-Young Kontakt hält. „Dass der Schlaganfall nur ältere Leute trifft, war mal so ein Slogan. Es können aber auch Kinder von Minus Null bis 18 Jahre betroffen sein: 500 sind es jährlich in Deutschland, die Dunkelziffer ist viel höher.“Der Einsatz für ein besseres Leben nach dem Schlaganfall ging für Sigrid Krueger-Young über die berufliche Tätigkeit hinaus. 2016 gründete sie gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) das Schlaganfall-Café in der Alten Schmiede in Gorspen-Vahlsen. Aktuell gibt es den Treffpunkt für Betroffene und Co-Betroffene wieder jeden zweiten Mittwoch im Monat von 16 bis 18 Uhr. „Das Café ist ein Raum zum Sprechen, Lachen, Weinen, Helfen und Energie finden“, sagt Krueger-Young. Die Handynummer auf dem Werbeflyer hat sie gestrichen und gibt ihre Privatnummer an. Der Schreibtisch im Homeoffice bleibt, jetzt nicht mehr fürs Schlaganfallbüro, aber fürs Schlaganfall-Café. Auch da gebe es immer einiges zu organisieren, sagt Krueger-Young, für die es im Klinikum übrigens noch keine Nachfolgerin gibt.Also: Ganz so ruhig dürfe der Ruhestand nicht werden. „Dafür liegen mir die Menschen zu sehr am Herzen“, sagt sie, und: „Ich habe immer gerne mit Leuten gesprochen, die nicht so richtig in dieser Welt waren.“ Und für die sie gern dazu beiträgt, sie in diese Welt zurückzuholen.

Sigrid Krueger Young nicht mehr im Schlaganfallbüro: Doch das Herzensthema bleibt

Schon wieder klingelt das Handy: Sigrid Krueger-Young – hier an der Eingangstür zur Alten Schmiede in Gorspen-Vahlsen – engagiert sich weiter für Schlaganfallpatienten. MT-Foto: Oliver Plöger

Petershagen. Homeoffice gehört für Sigrid Krueger-Young aus Gorspen-Vahlsen nicht erst seit Corona zum Alltag. Die Geschicke des Schlaganfallbüros des Johannes-Wesling-Klinikums (JWK) hat sie immer von zuhause aus gelenkt. „Das war ja nicht an feste Bürozeiten gebunden“, sagt die 65-Jährige. „Außerdem wollen die Menschen, die gerade raus sind aus dem Klinikum, nicht unbedingt sofort wieder zurück.“ Für ihr Herzensthema war sie nahezu rund um die Uhr erreichbar und hält demonstrativ das Handy hoch – doch irgendwann muss Schluss sein. Sigrid Krueger-Young ist jetzt offiziell in den Ruhestand gegangen, wohl wissend, dass der Ruhestand nicht allzu ruhig und dass sie das Thema Schlaganfall noch weiter beschäftigen wird.

Das Büro, offiziell beheimatet an der Klinik für Neurologie am JWK, hatte die im Mindener Krankenhaus gelernte Krankenschwester seit Oktober 2012 geleitet. „Jedes mal, wenn ich eine Beratung am Telefon hatte oder Menschen gegenüber stand, denen ich dann wirklich helfen konnte und die dankbar waren, war das eine tolle Erfahrung.“

Nach ihrer Ausbildung habe sie auf Intensivstationen gearbeitet, ging 1991 nach England und erlebte die Entwicklung der Schlaganfall-Therapien mit, auch in Deutschland die ersten Schlaganfallstationen. „Davor wurden Leute als geheilt entlassen, wenn sie ihren Finger bewegen konnten.“ Jetzt sollte es auch um die Teilnahme am Leben gehen, um Reha-Möglichkeiten, Hilfsmittel, Selbsthilfegruppen und – ganz wichtig – um Selbstvertrauen.

Natürlich habe es auch schlimme Erfahrungen gegeben, gerade zuletzt, als ein langjähriger Patient und Freund verstorben ist, einer, der motivieren konnte, sich gegen den Schlaganfall gestemmt hatte, selbst Mut gefasst und anderen Mut machen wollte. Und nein, er sei nicht an den Folgen des Schlaganfalls gestorben, auch wenn die heftig waren – es war Krebs.

„Ich weiß, dass einige, die als Patienten zu uns gekommen sind, ihre Potenziale dann auch entfaltet haben und anderen ihre Erfahrungen weitergegeben haben.“ Denn keinesfalls sei das Leben nach einem Schlaganfall vorbei, ist sich Sigrid Krueger-Young sicher. Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass es manchmal bis zu zwei Jahre dauern kann, bis Betroffene selber um Hilfe bitten. Grund oft: "Wegen ihrer Sprachstörung, die nach einem Schlaganfall möglich ist, trauen sie sich nicht unter Leute. Dabei ist das Miteinander und das Reden in Ruhe ist so wichtig“, sagt Sigrid Krueger-Young.

Als sie das Schlaganfallbüro übernahm, galt die Einrichtung bereits als Institution: Die erste Schlaganfalleinheit („Stroke-Unit“) hatte Professor Dr. Otto Busse 1996 am Klinikum ins Leben gerufen, 1997 gab es dann einen Förderverein, 1998 das erste Schlaganfallbüro Deutschlands, damals noch über die Parität gesteuert. Parallel gründeten sich Schlaganfall-Selbsthilfegruppen, angeleitet durch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Auch Co-Betroffene – Angehörige, Freunde oder Nachbarn – wurden betreut.

Ansprechpartnerin nach dem Schlaganfall sein, Besuche auf den Stationen, Alltagstipps geben, Vorträge halten, Hilfen und Selbsthilfen vermitteln – genau das waren dann auch die Aufgaben von Sigrid Krueger-Young: „Im Durchschnitt hatte ich jede Woche zwei, drei Beratungen, mal mehr, mal weniger. Diese Gespräche liefen dann nicht nur zehn Minuten, manchmal auch eine Stunde oder sie riefen noch einmal an.“ Immer wieder hatte Sigrid Krueger-Young auch Angehörige begleitet, während die Partner in der Reha oder im Krankenhaus waren. Natürlich könne sie nicht alles machen. Sinnvoll wäre der Einsatz spezieller Lotsen, die es auch schon am Klinikum gab und die sich auf die Alltagsbegleitung spezialisiert hatten. „Ein wirklich gutes Modell“, sagt Sigrid Krueger-Young, die bedauert, dass dieses Projekt aus Kostengründen eingestellt worden war.

Das Wissen über den Schlaganfall ist Sigrid Krueger-Young wichtig, etwa, dass jeder Schlaganfall ein Notfall ist und jede Minute zählt. Und dass jeder die Schlaganfallsymptome erkennt: die plötzliche Sehstörung, Probleme mit der Sprache, Taubheitsgefühle, Schwindel, sehr starker Kopfschmerz. Wichtig sind ihr auch die Schlaganfallkinder, organisiert im Verein „Schaki“, zu dem Sigrid Krueger-Young Kontakt hält. „Dass der Schlaganfall nur ältere Leute trifft, war mal so ein Slogan. Es können aber auch Kinder von Minus Null bis 18 Jahre betroffen sein: 500 sind es jährlich in Deutschland, die Dunkelziffer ist viel höher.“

Der Einsatz für ein besseres Leben nach dem Schlaganfall ging für Sigrid Krueger-Young über die berufliche Tätigkeit hinaus. 2016 gründete sie gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) das Schlaganfall-Café in der Alten Schmiede in Gorspen-Vahlsen. Aktuell gibt es den Treffpunkt für Betroffene und Co-Betroffene wieder jeden zweiten Mittwoch im Monat von 16 bis 18 Uhr. „Das Café ist ein Raum zum Sprechen, Lachen, Weinen, Helfen und Energie finden“, sagt Krueger-Young. Die Handynummer auf dem Werbeflyer hat sie gestrichen und gibt ihre Privatnummer an. Der Schreibtisch im Homeoffice bleibt, jetzt nicht mehr fürs Schlaganfallbüro, aber fürs Schlaganfall-Café. Auch da gebe es immer einiges zu organisieren, sagt Krueger-Young, für die es im Klinikum übrigens noch keine Nachfolgerin gibt.

Also: Ganz so ruhig dürfe der Ruhestand nicht werden. „Dafür liegen mir die Menschen zu sehr am Herzen“, sagt sie, und: „Ich habe immer gerne mit Leuten gesprochen, die nicht so richtig in dieser Welt waren.“ Und für die sie gern dazu beiträgt, sie in diese Welt zurückzuholen.

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