Schon zweimal erfolgreich: Petershäger Schülerin gewinnt Preise für Gedichte Claudia Hyna Petershagen. Schon im Kindergarten fiel Ronja Lobners großer Wortschatz auf. Bis heute sprudeln Wörter und Sätze nur so aus ihr heraus – und einige von ihnen finden den Weg aufs Papier. Für ihre Gedichte hat die 17-Jährige kürzlich zwei Auszeichnungen bekommen. Die Schülerin des Gymnasiums Petershagen ist eine der Jahrespreisträgerinnen des bundesweiten Wettbewerbs für junge Lyrik, außerdem wurde sie mit dem Literaturpreis „Theo – Berlin-Brandenburger Preis für junge Literatur" ausgezeichnet. Natürlich freut sich die Petershägerin über die Anerkennung. Ruhm und Ehre interessieren Ronja Lobner nach eigener Aussage jedoch nicht. „Was hab ich denn von Urkunden?" Die Nachwuchsautorin ist vielmehr gespannt auf die mit dem Gewinn verbundenen Workshops und Reisen – und vor allem die interessanten Menschen, die sie dabei kennenzulernen hofft. Vor dem Erfolg steht das Schreiben, das die Petershägerin mit 14 Jahren für sich entdeckt hat. Zunächst Prosa, und seit einem Jahr auch Gedichte. Die besten Ideen kommen ihr im Unterricht. „Vor allem in Bio." Was der Lehrer dazu sagt? Nichts, denn sie sei trotzdem aufmerksam, kontert sie. Und warum gerade die Biologie? Auch dafür hat sie eine Erklärung. „Da gibt es so unheimlich schöne Worte" – etwa Imago, die Bezeichnung für das Insekt nach der Verpuppung. Überhaupt sind Insekten neben Familienkonstrukten und Zerfall ihr literarisches Lieblingsthema. In ihren Gedichten ist nur wenig Autobiografisches zu finden. „Ich mag es nicht, viel von mir preiszugeben." Gerne verwendet sie Metaphern. Als Écriture automatique (automatisches Schreiben) bezeichnet Ronja ihren Schreibstil. Damit ist das unzensierte Schreiben mit der Hand gemeint, ursprünglich das Schreiben, um das Unbewusste ins Bewusste zu holen. Vier Kladden hat sie im Laufe der Jahre gefüllt. Sie sind ein Abbild ihrer Gedankenwelt, zeigen Kollagen voll mit Fotos, Zeichnungen (sie malt leidenschaftlich gerne) und Zeitungsschnipseln. Um etwas zu Papier zu bringen, braucht die 17-Jährige den Anreiz von außen. Daher war sie in den ersten Wochen des Corona-Shutdowns wenig produktiv. „Ich habe nur zwei Texte geschrieben." Stattdessen wanderten To-Do-Listen in ihre Kladden. Darüber hinaus probierte die Schülerin sich in Online-Seminaren aus. Ihre Deutsch-Leistungskurs-Lehrerin Maren Rosenbohm unterstützt und macht sie auf Wettbewerbe aufmerksam. „5 Kalorientütensuppe" ist der ungewöhnliche Titel des prämierten Gedichts. Ronjas Ansatz war nichts weniger als die Absurdität des weiblichen Schönheitswahns aufzugreifen. Dabei sollten Elemente aus dem Bereich Werbung eingebaut werden. Dieses an sich ernste Thema wollte sie aber keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger herüberbringen. Das habe sie früher gerne gemacht, manchmal auch heute noch. Schließlich könne sie sich selbst in den Texten nicht einfach abstellen, gesteht sie. Und so findet sich immer ein Stück Ronja darin wieder. Direkt und ungeschönt stürzt das Gedicht dem Leser entgegen. Kaum ein Ende findet die Schülerin oft in ihren Deutschklausuren. „Ich habe mal in drei Stunden 21 Seiten geschrieben", verdeutlicht sie ihr Pensum. Die menschlichen Beziehungen interessieren sie. Daher liest sie wissenschaftliche Texte und schaut sich Dokus im Fernsehen an. Bei so vielen Interessen fällt es schwer, nur einen Berufswunsch zu haben. „Ich will ganz viel machen", beschreibt Ronja das Dilemma. Was sie reizt, ist das wissenschaftliche Arbeiten, auch die Soziologie. Am liebsten würde sie sich in der Organisation des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) engagieren. Noch hat die Schülerin Zeit, ihre Überlegungen zu konkretisieren, denn das Abitur steht erst im kommenden Jahr an. Bis dahin fließt noch viel Wasser durch die Weser, an der sie liebend gern spazieren geht, gerne am Handy mit einer Freundin telefonierend. „Wer Papierschiffchen ins Wasser setzt, muss sich nicht wundern, wenn sie sinken", so der Titel des zweiten Gewinnertextes zum Thema Klimawandel. Klingt negativ, dabei sieht Ronja Lobner sich selbst als Utopistin, die an das Gute glaubt. Die Hoffnung ist das Einzige, was dazu führt, das etwas besser wird, sagt sie einen für eine 17-Jährige ungewöhnlichen Satz. Und ihre Gedankenwelt entwickelt sich weiter. Zu ihren prämierten Gedichten hat sie heute eine distanzierte Haltung. Wenn ein Text fertig ist, ist das Thema für sie abgeschlossen. Kapitel zu, nächstes Gedicht. Das prämierte Gedicht: 5 kalorientütensuppe (healthy, abnehmen 50 kg in vier Tagen, slim, bodyfit, low carb) Aufguss // die 5 kalorientütensuppe // um konform zu gehen // dann isst du nur die hälfte // damit du nicht aneckst // an der Tischkante // morgens ziehst du dir dann 5 kalorien an // jetzt bist du wieder Weiblich und die Creme // eitertriefende Hautfetzen // und die fettigen Pickel auf der Stirn // ha(s)t du // die Creme(?) // ätz dein gesicht clean // jetzt bist du wieder weiblich und das Shampoo // fettige Haarsträhnen // sind nicht lang genug // Volumenshampoo // und Haarmaske // und Conditioner // und Spülung // und Hitzeschutz // und Haaröl //und Honig // musst du einmassieren // jetzt bist du wieder weiblich Und das Make-up //deine androgynität // sieht besser aus wenn // Man(n) sie nicht sieht // und an der Stelle wo sich dein Shirt wölben sollte //sind keine Brüste // nur ein Rippengestell // fülle die hohlräume mit konformität // und dann bist du wieder weiblich Und der Eyeliner //damit du nicht siehst // dass du siehst // noch sehen kannst //wie lange noch? Du bist ein slim-fit-babe // ästhetik einer generation // die hasst die welt // seit Instagram sogar sich selbst // Der Griff nach Träumen wird //zum Würgegriff // Griff in den Hals //Fingerkuppen in der Speiseröhre // Kotze //damit du morgen hohlraum freihast // für mehr tütensuppe

Schon zweimal erfolgreich: Petershäger Schülerin gewinnt Preise für Gedichte

Vier vollgeschriebene Kladden sind Ronja Lobners gesammelte Werke. © MT-Foto: Claudia Hyna

Petershagen. Schon im Kindergarten fiel Ronja Lobners großer Wortschatz auf. Bis heute sprudeln Wörter und Sätze nur so aus ihr heraus – und einige von ihnen finden den Weg aufs Papier. Für ihre Gedichte hat die 17-Jährige kürzlich zwei Auszeichnungen bekommen.

Die Schülerin des Gymnasiums Petershagen ist eine der Jahrespreisträgerinnen des bundesweiten Wettbewerbs für junge Lyrik, außerdem wurde sie mit dem Literaturpreis „Theo – Berlin-Brandenburger Preis für junge Literatur" ausgezeichnet. Natürlich freut sich die Petershägerin über die Anerkennung. Ruhm und Ehre interessieren Ronja Lobner nach eigener Aussage jedoch nicht. „Was hab ich denn von Urkunden?" Die Nachwuchsautorin ist vielmehr gespannt auf die mit dem Gewinn verbundenen Workshops und Reisen – und vor allem die interessanten Menschen, die sie dabei kennenzulernen hofft.

Vor dem Erfolg steht das Schreiben, das die Petershägerin mit 14 Jahren für sich entdeckt hat. Zunächst Prosa, und seit einem Jahr auch Gedichte. Die besten Ideen kommen ihr im Unterricht. „Vor allem in Bio." Was der Lehrer dazu sagt? Nichts, denn sie sei trotzdem aufmerksam, kontert sie. Und warum gerade die Biologie? Auch dafür hat sie eine Erklärung. „Da gibt es so unheimlich schöne Worte" – etwa Imago, die Bezeichnung für das Insekt nach der Verpuppung. Überhaupt sind Insekten neben Familienkonstrukten und Zerfall ihr literarisches Lieblingsthema.

In ihren Gedichten ist nur wenig Autobiografisches zu finden. „Ich mag es nicht, viel von mir preiszugeben." Gerne verwendet sie Metaphern. Als Écriture automatique (automatisches Schreiben) bezeichnet Ronja ihren Schreibstil. Damit ist das unzensierte Schreiben mit der Hand gemeint, ursprünglich das Schreiben, um das Unbewusste ins Bewusste zu holen. Vier Kladden hat sie im Laufe der Jahre gefüllt. Sie sind ein Abbild ihrer Gedankenwelt, zeigen Kollagen voll mit Fotos, Zeichnungen (sie malt leidenschaftlich gerne) und Zeitungsschnipseln.

Um etwas zu Papier zu bringen, braucht die 17-Jährige den Anreiz von außen. Daher war sie in den ersten Wochen des Corona-Shutdowns wenig produktiv. „Ich habe nur zwei Texte geschrieben." Stattdessen wanderten To-Do-Listen in ihre Kladden. Darüber hinaus probierte die Schülerin sich in Online-Seminaren aus. Ihre Deutsch-Leistungskurs-Lehrerin Maren Rosenbohm unterstützt und macht sie auf Wettbewerbe aufmerksam.

„5 Kalorientütensuppe" ist der ungewöhnliche Titel des prämierten Gedichts. Ronjas Ansatz war nichts weniger als die Absurdität des weiblichen Schönheitswahns aufzugreifen. Dabei sollten Elemente aus dem Bereich Werbung eingebaut werden. Dieses an sich ernste Thema wollte sie aber keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger herüberbringen. Das habe sie früher gerne gemacht, manchmal auch heute noch. Schließlich könne sie sich selbst in den Texten nicht einfach abstellen, gesteht sie. Und so findet sich immer ein Stück Ronja darin wieder. Direkt und ungeschönt stürzt das Gedicht dem Leser entgegen.

Kaum ein Ende findet die Schülerin oft in ihren Deutschklausuren. „Ich habe mal in drei Stunden 21 Seiten geschrieben", verdeutlicht sie ihr Pensum. Die menschlichen Beziehungen interessieren sie. Daher liest sie wissenschaftliche Texte und schaut sich Dokus im Fernsehen an. Bei so vielen Interessen fällt es schwer, nur einen Berufswunsch zu haben. „Ich will ganz viel machen", beschreibt Ronja das Dilemma. Was sie reizt, ist das wissenschaftliche Arbeiten, auch die Soziologie. Am liebsten würde sie sich in der Organisation des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) engagieren. Noch hat die Schülerin Zeit, ihre Überlegungen zu konkretisieren, denn das Abitur steht erst im kommenden Jahr an. Bis dahin fließt noch viel Wasser durch die Weser, an der sie liebend gern spazieren geht, gerne am Handy mit einer Freundin telefonierend.

„Wer Papierschiffchen ins Wasser setzt, muss sich nicht wundern, wenn sie sinken", so der Titel des zweiten Gewinnertextes zum Thema Klimawandel. Klingt negativ, dabei sieht Ronja Lobner sich selbst als Utopistin, die an das Gute glaubt. Die Hoffnung ist das Einzige, was dazu führt, das etwas besser wird, sagt sie einen für eine 17-Jährige ungewöhnlichen Satz.

Und ihre Gedankenwelt entwickelt sich weiter. Zu ihren prämierten Gedichten hat sie heute eine distanzierte Haltung. Wenn ein Text fertig ist, ist das Thema für sie abgeschlossen. Kapitel zu, nächstes Gedicht.

Das prämierte Gedicht:

5 kalorientütensuppe (healthy, abnehmen 50 kg in vier Tagen, slim, bodyfit, low carb)

Aufguss // die 5 kalorientütensuppe // um konform zu gehen // dann isst du nur die hälfte // damit du nicht aneckst // an der Tischkante // morgens ziehst du dir dann 5 kalorien an // jetzt bist du wieder Weiblich

und die Creme // eitertriefende Hautfetzen // und die fettigen Pickel auf der Stirn // ha(s)t du // die Creme(?) // ätz dein gesicht clean // jetzt bist du wieder weiblich

und das Shampoo // fettige Haarsträhnen // sind nicht lang genug //

Volumenshampoo // und Haarmaske // und Conditioner // und Spülung // und Hitzeschutz // und Haaröl //und Honig // musst du einmassieren // jetzt bist du wieder weiblich

Und das Make-up //deine androgynität // sieht besser aus wenn //

Man(n) sie nicht sieht // und an der Stelle wo sich dein Shirt wölben sollte //sind keine Brüste // nur ein Rippengestell // fülle die hohlräume mit konformität // und dann bist du wieder weiblich

Und der Eyeliner //damit du nicht siehst // dass du siehst // noch sehen kannst //wie lange noch?

Du bist ein slim-fit-babe // ästhetik einer generation // die hasst die welt // seit Instagram sogar sich selbst //

Der Griff nach Träumen wird //zum Würgegriff // Griff in den Hals //Fingerkuppen in der Speiseröhre // Kotze //damit du morgen hohlraum freihast // für mehr tütensuppe

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