Schaumburger Bühne lässt Agatha Christies „Radiomorde“ auferstehen Kerstin Rickert Petershagen-Ovenstädt. Was für ein Drama: Donnergrollen kündigt den Gewitterschauer an, der am Sonntagnachmittag über Ovenstädt hereinbricht. Im Garten des Herrenhauses der Glashütte Gernheim steht die Schaumburger Bühne kurz vor der Premiere ihres Sommerstücks und nun das. Eiligst versuchen Techniker und Ensemblemitglieder zu retten, was zu retten ist. Mit Folien und Planen soll zumindest die Technik geschützt werden. Nach etwa einer Viertelstunde ist der Regen vorbei, aber die nach oben offene kleine Bühne nass. Was also tun? Nachdem sich das Team beraten hat, tritt dessen Leiter Jürgen Morche vor die Bühne und sagt: „Wir spielen.“ „Radiomorde“ von Agatha Christie steht für die Laienspielgruppe in diesem Sommer auf dem Programm. Pandemie bedingt sei die Entscheidung für Theater unter freiem Himmel gefallen, sagt Jürgen Morche, der Regie führt und auch selbst mitspielt. „Picknick-Sommertheater“ nennt die Schaumburger Bühne das Format. Der lauschige Garten hinter dem Herrenhaus auf dem Gelände der Glashütte Gernheim bietet für die Premiere eigentlich den perfekten Ort. Doch nach dem großen Regen bevorzugen die Besucher doch lieber Stühle, als sich auf dem nassen Grün zu tummeln. Der Regen hat auch die Technik in Mitleidenschaft gezogen. Immerhin: Der Ton funktioniert. Die Bühnenbeleuchtung bleibt allerdings aus, weil Verbindungen nass geworden sind. Doch das erweist sich als das kleinste Übel. Kaum haben die Schauspieler sich mit ein paar Minuten Verzögerung auf der Bühne eingerichtet, scheint die Sonne. Das fehlende Licht fällt überhaupt nicht ins Gewicht. Da scheint auf der Bühne hinter dem noch geschlossenen Vorhang etwas ganz Anderes zu stören. Aufgeregtes Stimmengewirr ist zu hören, dann das Miauen einer Katze. „Wer hat denn die Katze hier hereingelassen? Also bitte, Katzen haben im Studio überhaupt nichts zu suchen“, ist eine männliche Stimme zu hören. Und schon ist das Publikum mittendrin im Geschehen. „Live aus London aus den Shepperton-Studios“ erlebt es die Sendung des Hörspiels „Privatgespräch“, das die berühmte Kriminalautorin Agatha Christie für das Radio geschrieben hatte und das 1954 von der BBC produziert wurde. Das Stimmengewirr wird lauter, die Akteure auf der Bühne befinden sich mitten in einer Party, als plötzlich ein Telefon klingelt. James Brent (Jürgen Höcker), einer der Partygäste, erhält einen mysteriösen Anruf aus dem Jenseits. Am anderen Ende der Leitung spricht dessen ehemalige Frau Fay (Annette Hilsch) und verlangt, dass er sie abholen möge. Sie befinde sich dort, wo er sie verlassen habe: auf dem Bahnhof von Newton Abbot. Brent ist verwirrt und hält den Anruf für einen schlechten Scherz. Noch dazu stellt sich auf Nachfrage bei der Telefon-Vermittlung (Yvonne Schneider) heraus, dass kein Privatgespräch zu ihm durchgestellt wurde. Brents neue Frau Pam (Katrin Rohde) allerdings ist skeptisch. Als das Ehepaar am nächsten Tag Besuch von seinen Freunden Mary (Birgit Rugbarth) und Evan Curtis (Peter Reinhold) zum Bridge hat, klingelt erneut das Telefon. Pam hört heimlich mit und konfrontiert ihren Ehemann. Der erzählt ihr daraufhin von einem angeblichen Unfall, bei dem Fay zu Tode gekommen sei. Doch dann erfährt Pam in einem weiteren Telefongespräch, dass sie selbst in Gefahr ist. Wie die Geschichte ausgeht, soll der Spannung halber an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Packend bleibt sie bis zum Schluss, was insbesondere der großartigen Leistung des neunköpfigen Ensembles zuzurechnen ist. Sämtliche Geräusche, die es zu einem authentischen Erleben des Hörspiels braucht, lässt es vor den Augen der Zuschauer entstehen: Das Quietschen von Zügen, das Pfeifen eines Schaffners und eine in eine Blechdose gesprochene Zugansage etwa vermitteln echte Bahnhofsatmosphäre. Die Schauspieler sprechen ihre Rollen akzentuiert und mit genau der richtigen Portion spannender Dramatik. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Nach einer Pause – das Wetter hält – läuft das Ensemble zur Hochform auf. Mit „Gelbe Iris“ bringt es ein frühes Werk von Agatha Christie aus dem Jahre 1937 auf die Bühne. In diesem Hörspiel ermittelte erstmals ihre berühmte Schöpfung Hercule Poirot im Radio. Der belgische Detektiv (herrlich gespielt von Peter Reinhold) wird von einer Frau telefonisch in das Hotel „Jardin des Cygnes“ gerufen. Sie ist der Einladung des Amerikaners Barton Russell gefolgt und glaubt sich in großer Gefahr. Poirot solle am Tisch mit der gelben Iris nach ihr suchen. Das Publikum wird Teil einer illustren Gesellschaft und Zeuge eines mörderischen Plans, den der Detektiv durch blitzschnelles Kombinieren zu verhindern versucht. Zu den Höhepunkten gehören neben der durchweg überzeugenden Darstellung der Charaktere die Auftritte von Gastsängerin Jutta Janson. Das Premieren-Publikum zeigt sich begeistert. Und schafft es gerade noch, im Trockenen den Heimweg anzutreten. Kaum zehn Minuten später bricht der nächste Schauer über Ovenstädt herein.

Schaumburger Bühne lässt Agatha Christies „Radiomorde“ auferstehen

Live wie aus London: Jürgen Morche (3. von links) setzte mit der Schaumburger Bühne Agatha Christies „Radiomorde“ vor dem Herrenhaus der Glashütte Gernheim in Szene. Fast wäre die Aufführung am Sonntag buchstäblich ins Wasser gefallen. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Petershagen-Ovenstädt. Was für ein Drama: Donnergrollen kündigt den Gewitterschauer an, der am Sonntagnachmittag über Ovenstädt hereinbricht. Im Garten des Herrenhauses der Glashütte Gernheim steht die Schaumburger Bühne kurz vor der Premiere ihres Sommerstücks und nun das. Eiligst versuchen Techniker und Ensemblemitglieder zu retten, was zu retten ist. Mit Folien und Planen soll zumindest die Technik geschützt werden. Nach etwa einer Viertelstunde ist der Regen vorbei, aber die nach oben offene kleine Bühne nass. Was also tun? Nachdem sich das Team beraten hat, tritt dessen Leiter Jürgen Morche vor die Bühne und sagt: „Wir spielen.“

„Radiomorde“ von Agatha Christie steht für die Laienspielgruppe in diesem Sommer auf dem Programm. Pandemie bedingt sei die Entscheidung für Theater unter freiem Himmel gefallen, sagt Jürgen Morche, der Regie führt und auch selbst mitspielt.

„Picknick-Sommertheater“ nennt die Schaumburger Bühne das Format. Der lauschige Garten hinter dem Herrenhaus auf dem Gelände der Glashütte Gernheim bietet für die Premiere eigentlich den perfekten Ort. Doch nach dem großen Regen bevorzugen die Besucher doch lieber Stühle, als sich auf dem nassen Grün zu tummeln.

Der Regen hat auch die Technik in Mitleidenschaft gezogen. Immerhin: Der Ton funktioniert. Die Bühnenbeleuchtung bleibt allerdings aus, weil Verbindungen nass geworden sind. Doch das erweist sich als das kleinste Übel. Kaum haben die Schauspieler sich mit ein paar Minuten Verzögerung auf der Bühne eingerichtet, scheint die Sonne. Das fehlende Licht fällt überhaupt nicht ins Gewicht.

Da scheint auf der Bühne hinter dem noch geschlossenen Vorhang etwas ganz Anderes zu stören. Aufgeregtes Stimmengewirr ist zu hören, dann das Miauen einer Katze. „Wer hat denn die Katze hier hereingelassen? Also bitte, Katzen haben im Studio überhaupt nichts zu suchen“, ist eine männliche Stimme zu hören. Und schon ist das Publikum mittendrin im Geschehen.

„Live aus London aus den Shepperton-Studios“ erlebt es die Sendung des Hörspiels „Privatgespräch“, das die berühmte Kriminalautorin Agatha Christie für das Radio geschrieben hatte und das 1954 von der BBC produziert wurde. Das Stimmengewirr wird lauter, die Akteure auf der Bühne befinden sich mitten in einer Party, als plötzlich ein Telefon klingelt.

James Brent (Jürgen Höcker), einer der Partygäste, erhält einen mysteriösen Anruf aus dem Jenseits. Am anderen Ende der Leitung spricht dessen ehemalige Frau Fay (Annette Hilsch) und verlangt, dass er sie abholen möge. Sie befinde sich dort, wo er sie verlassen habe: auf dem Bahnhof von Newton Abbot. Brent ist verwirrt und hält den Anruf für einen schlechten Scherz. Noch dazu stellt sich auf Nachfrage bei der Telefon-Vermittlung (Yvonne Schneider) heraus, dass kein Privatgespräch zu ihm durchgestellt wurde. Brents neue Frau Pam (Katrin Rohde) allerdings ist skeptisch.

Als das Ehepaar am nächsten Tag Besuch von seinen Freunden Mary (Birgit Rugbarth) und Evan Curtis (Peter Reinhold) zum Bridge hat, klingelt erneut das Telefon. Pam hört heimlich mit und konfrontiert ihren Ehemann. Der erzählt ihr daraufhin von einem angeblichen Unfall, bei dem Fay zu Tode gekommen sei. Doch dann erfährt Pam in einem weiteren Telefongespräch, dass sie selbst in Gefahr ist.

Wie die Geschichte ausgeht, soll der Spannung halber an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Packend bleibt sie bis zum Schluss, was insbesondere der großartigen Leistung des neunköpfigen Ensembles zuzurechnen ist. Sämtliche Geräusche, die es zu einem authentischen Erleben des Hörspiels braucht, lässt es vor den Augen der Zuschauer entstehen: Das Quietschen von Zügen, das Pfeifen eines Schaffners und eine in eine Blechdose gesprochene Zugansage etwa vermitteln echte Bahnhofsatmosphäre. Die Schauspieler sprechen ihre Rollen akzentuiert und mit genau der richtigen Portion spannender Dramatik. Auch der Humor kommt nicht zu kurz.

Nach einer Pause – das Wetter hält – läuft das Ensemble zur Hochform auf. Mit „Gelbe Iris“ bringt es ein frühes Werk von Agatha Christie aus dem Jahre 1937 auf die Bühne. In diesem Hörspiel ermittelte erstmals ihre berühmte Schöpfung Hercule Poirot im Radio.

Der belgische Detektiv (herrlich gespielt von Peter Reinhold) wird von einer Frau telefonisch in das Hotel „Jardin des Cygnes“ gerufen. Sie ist der Einladung des Amerikaners Barton Russell gefolgt und glaubt sich in großer Gefahr. Poirot solle am Tisch mit der gelben Iris nach ihr suchen. Das Publikum wird Teil einer illustren Gesellschaft und Zeuge eines mörderischen Plans, den der Detektiv durch blitzschnelles Kombinieren zu verhindern versucht.

Zu den Höhepunkten gehören neben der durchweg überzeugenden Darstellung der Charaktere die Auftritte von Gastsängerin Jutta Janson. Das Premieren-Publikum zeigt sich begeistert. Und schafft es gerade noch, im Trockenen den Heimweg anzutreten. Kaum zehn Minuten später bricht der nächste Schauer über Ovenstädt herein.

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